Wie alt ist der Herzog von Brabant? Der Gesang des Schwanes Gottfried in Richard Wagners Lohengrin


Essay, 2015
8 Seiten

Leseprobe

Wie alt ist der Herzog von Brabant?

Der Gesang des Schwanes Gottfried in Richard Wagners Lohengrin WWV 75

Zum auratisch Wunderbaren des Lohengrin gehört insbesondere der zweimalige Auftritt eines Schwans. In der Kunst ist der weiße Schwan ein romantisches Bild von Reinheit, und wenn er singt, steht dies für dessen Todesstunde. Aber der Schwan ist auch ganz allgemein ein Topos des Zaubers.

„Wem solche Zaubertiere frommen, dess’ Reinheit achte ich für Wahn“[1], merkt Friedrich von Telramund in Wagners Romantischer Oper grundsätzlich durchaus korrekt über den Fremden an. Dieses Zaubertier „frommt“ jenem namenlosen Helden, der „von einem wilden Schwan“ nach Brabant gezogen wurde.

Und nachdem der fremde Mann im Schlussakt endlich seine Identität enthüllt hat, wird der Gesellschaft von einer Mitwisserin verraten, wer jener Schwan ist, der ihn ans Land gezogen hatte, nämlich niemand Anderes als der tot geglaubte Herzog von Brabant.

Gottfried von Brabant wird in der Vorgeschichte der Opernhandlung in einen Schwan verwandelt. Im Märchen ist notwendige Voraussetzung für die Verzauberung das – wenn auch kleine – Vergehen eines vordem Unschuldigen, so etwa Rotkäppchens Abweichen vom rechten Pfade. Ohne das eigene Fehlverhalten kann kein Anderer Gewalt über das Individuum erlangen, und ohne eigenes Zutun kann es weder gefressen noch verwandelt werden.

Dabei ist die Zeit der Metamorphose als ein Reifungsprozess zu verstehen, – sei es für Rotkäppchen im Bauch des Wolfes, oder für Gottfried seine Zeit im Federkleid des Schwans.

„Totem und Tabu“

Ein gesellschaftliches Tabu und zugleich Wagnersches, auch autobiographisch zu begründendes Dauerthema, vom frühen Schaffen bis zum Spätwerk, ist der Inzest bzw. der Inzest-Wunsch, sei es der Mutter mit dem Sohn, so in WWV 111 Herzeleide und Parsifal und besonders häufig der des Bruders mit seiner Schwester, so in WWV 49 Rienzi und Irene, in WWV 66 Manfred und „Die Sarazenin“ Fatima, in WWV 86B Siegmund und Sieglinde oder eben in WWV 75 Gottfried und Elsa.

Nach dem Tod ihrer Eltern haben die Geschwister Gottfried und Elsa eine jugendliche Zweckgemeinschaft außerhalb der Gesellschaft gebildet. Von Ortrud, der Ersatzmutter, müssen sie bei einer tabuisierten Tat ertappt worden sein, aber über diese Zusammenhänge schweigt sich Elsa vor Gericht bewusst aus.

Die berühmte Märchenzeichnung aus der Feder des Märchenillustrators Ludwig Richter (1803 – 1884) entwirft ein idyllisches Bild vom Schwesterlein und seinem Brüderlein, dem Schwan. Für den Mythenkenner seines zehn Jahre jüngeren Zeitgenossen Richard Wagner hatte diese Darstellung ein deutliches Vorbild in der Antike, in Leda mit dem Schwan. Letztere Konstellation übernahm Wagner dann bekanntlich auch in die erweiterte Fassung seiner Venusberg-Pantomime in WWV 70:

„Man erblickt in sanfter Mondesdämmerung ‚Leda’ am Waldteiche ausgestreckt; der Schwan schwimmt auf sie zu, und birgt schmeichelnd seinen Hals an ihrem Busen.“ [2]

Wieland Wagner (1917 – 1966), der aufmüpfig innovative Enkel des Komponisten und szenische Erneuerer mit tiefenpsychogischem Ansatz, hat in dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Richard Wagner und das Neue Bayreuth“ eine „Studie über das Frageverbot und die Rolle des Schwans“ veröffentlicht, die er bei Hans Grunsky im Hinblick auf seine Lohengrin -Inszenierung in Auftrag gegeben hatte.[3] Wieland Wagners dramaturgischer Mitarbeiter zitiert bereits in der Überschrift seiner Ausführungen zu Lohengrin Sigmund Freuds „Totem und Tabu“ [4]. Er hebt hervor, dass der Schwan u. a. „in der indischen Metaphysik Symbol für das tiefste Selbst“ [5] ist: Ursprünglich bedeutete es dem Menschen „nichts Negatives [...], in ein Tier verwandelt zu sein: tauchte er damit doch, sich von der Schuld und Last befreiend, in das mütterlich bergende Reich zurück, dem er entstammte“ [6]. Angewandt auf die Lohengrin -Handlung kommt die Analyse zu dem Schluss: „unter dem Druck größter Verlassenheit in widrigen Verhältnissen entsteht eine unbewusste Bruder-Schwester-Bindung , die zwar […] den Inzest vermeidet, aber doch so stark ist, dass sie mit der [...] Verzauberung die freie Entwicklung des Bruders hemmt.“ [7] Das von Ortrud betonte „Kettlein, das ich um ihn wand“ [8], Gottfrieds Kette, mit der er einen Kahn zunächst nach Monsalvat und dann nach Brabant zieht, ist jene, „mit der er an seine Schwester gekettet ist, und eben mit dieser und nur mit ihr konnte Ortrud die Verzauberung durchführen. Elsa ist also unbewusst am Verschwinden ihres Bruders nicht ganz so unbeteiligt, wie es scheinen möchte, und erst dieser Umstand gib der Handlung Tiefgang.“ [9]

Wie Richard Wagners eigene, der Psychologie „um 100 Jahre vorausseilende Erklärung […], Elsa sei Lohengrins Unbewusstes“ [10], bestätigt, gelingt es Lohengrin, durch die Abwesenheit Gottfrieds, bei Elsa in das „Bergend-Weibliche unterzutauchen“, und so, da er „an die Stelle von Elsas Bruder“ tritt, „wird das Tabu des Frageverbots fällig“ [11].

Der stumme und der singende Gottfried

Gottfried, der heranwachsende, die Lohengrin -Handlung auslösende Jüngling, steht in WWV 75 im Verzeichnis der handelnden Personen, und in Wagners Urfassung singt er sogar.

In der Urschrift der Dichtung vom Sommer 1845 heißt es:

„Während alle im äußersten, gespanntesten Schweigen verharren, vernimmt man einen zarten Gesang, wie von der Stimme des Schwanes gesungen.

Leb wohl, du wilde Wasserfluth,

Die mich so weit getragen hat!

Leb wohl, du Welle blank und rein,

Durch die mein weiss Gefieder glitt!

Am Ufer harrt mein Schwesterlein,

Das soll von mir getröstet sein.

[...]


[1] Richard Wagner: Lohengrin. Romantische Oper in drei Aufzügen. Sämtliche Werke, Bd. 7, II, Mainz 1998, S. 242.

[2] Richard Wagner: Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg. Dokumente und Texte, hg. von Peter Jost. Sämtliche Werke, Bd. 25, Mainz 2007, S. 481.

[3] Hans Grunsky: Totem und Tabu im Lohengrin-Mythos. Erstveröffentlichung in Wieland Wagner (Hg.): Programmheft Lohengrin, Bayreuth 1958, S. 45 ff.

[4] Sigmund Freud: Totem und Tabu. Wien 1913.

[5] Hans Grunsky: Totem und Tabu im Lohengrin-Mythos. In Wieland Wagner (Hg.): Richard Wagner und das neue Bayreuth. München 1962, S. 102

[6] Hans Grunsky, a. a. O., S. 100.

[7] Hans Grunsky, a. a. O., S. 105.

[8] Richard Wagner: Lohengrin. Romantische Oper in drei Aufzügen. Sämtliche Werke, Bd. 7, III, Mainz 2000, S. 189.

[9] Hans Grunsky, a. a. O., S. 105.

[10] Ebenda.

[11] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Wie alt ist der Herzog von Brabant? Der Gesang des Schwanes Gottfried in Richard Wagners Lohengrin
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V287748
ISBN (eBook)
9783656880035
ISBN (Buch)
9783656880042
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
herzog, brabant, gesang, schwanes, gottfried, richard, wagners, lohengrin
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Peter P. Pachl (Autor), 2015, Wie alt ist der Herzog von Brabant? Der Gesang des Schwanes Gottfried in Richard Wagners Lohengrin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287748

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