Die Nacktszenen in „Fräulein Else“ und „Traumnovelle“. Desmaskierung des Selbst oder der Gesellschaft?


Hausarbeit, 2013

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Der Einfluss der Psychoanalyse aus Schnitzlers Werk und Frauenfiguren 3

B) Die Frauenfiguren Schnitzlers im Spiegel seiner Zeit 4

I. Sexualmoral und stereotype Frauenrollen um 19.Jahrhundert 4

II. Die Weiterentwicklung der Frauen in Schnitzlers Werk 5

C) Nacktheit als Ausbruch aus der Gesellschaft 7

I. Die Nacktszenen und ihre Konsequenzen 7

II. Der Eintritt in anti-bürgerliche Welten 8

III. Das Opfer für die Selbstständigkeit 10

IV. Der Aspekt der Anonymität 11

D) Nacktheit als Demaskierung der patriarchischen Gesellschaft 12

E) Die selbstbestimmten Frauen als Gefahr für die Gesellschaft 14

F) Lösungsansatz in Traumnovelle 17

E) Literaturverzeichnis 18

A) Der Einfluss der Psychoanalyse aus Schnitzlers Werk und Frauenfiguren

Die Novellen „Fräulein Else“ und „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler waren bereits zu Zeiten ihrer Publikation große Erfolge und zählen auch heute noch zu den bekanntesten Werken der sogenannten „Wiener Moderne“. Beide Werke, so unterschiedlich die Handlungen auch sind, rekurrieren auf besondere Weise auf die Diskurse ihrer Zeit und haben es gleichzeitig geschafft auch heute noch aktuell zu sein. Diese Mischung aus Zeitlosigkeit und Moderne entstand vor allem durch den Bezug zur Psychoanalyse, die viele Werke Schnitzlers geprägt hat. Obwohl Freud und Schnitzler nie in engem persönlichem Kontakt miteinander standen, ist ihr Interesse aneinander und ihrer Arbeit durch viele Dokumente belegt.[1] Anfang des 19. Jahrhunderts gab es wohl insgesamt wenig Literatur, die nicht durch Freuds Theorien beeinflusst wurde, aber Arthur Schnitzler kann wohl zurecht als Freuds literarischer Doppelgänger bezeichnet werden.[2] In seinen Werken lässt sich das vor allem an den Frauenfiguren erkennen. Es wird Wert auf die Psychologisierung der Frauen und ihren Stand in der Gesellschaft gelegt und dass nicht nur bei „Fräulein Else“, dem Buch, das als Geschichte einer Hysterie-Patientin gilt.[3] Schnitzler greift aber in dieser Novelle vor allem Freuds Theorien des Unbewussten auf, indem er die Form des inneren Monologs wählt. Ebenso beeinflussend waren für ihn wohl auch Freuds Traumdeutungstheorien, die sich natürlich besonders in der „Traumnovelle“, aber auch in „Fräulein Else“ widerspiegeln.

Es soll nun gezeigt werden, dass beide Bücher nicht nur durch ihre Nähe zur Psychoanalyse verbunden sind, sondern auch gerade durch ihre Abgrenzung zu Freud, die sich besonders auf die Entwicklung der Frauenfiguren auswirkt. Schnitzler, so beeinflusst sein Werk von der Psychoanalyse auch ist, hat dennoch einige Kritik an Freuds Theorien geäußert, die nicht nur durch Tagebucheinträge und Briefwechsel, sondern auch in seiner Literatur bemerkbar ist. Abgesehen von der Ablehnung von Freuds späteren Sexualtheorien auf die teilweise in „Fräulein Else“ Bezug genommen wird [4], spricht Schnitzler vor allem dem Individuum eine größere Autonomie zu, indem er viele psychische Prozesse nicht im unzugänglichen Unterbewusstsein verortet, sondern den Begriff des „Mittelbewusstseins“[5] kreiert, in dem das dort Gespeicherte durchaus noch bewusstseinsfähig ist.

B) Die Frauenfiguren Schnitzlers im Spiegel seiner Zeit

Somit sind auch Albertine und Else, um die es im Folgenden hauptsächlich gehen wird, sich der Situationen und Entwicklungen im den Novelle bewusst und nicht nur Werkzeuge ihrer Triebe, wie die Frau, die in der Psychoanalyse sooft auf diese Art dargestellt wird [6]. Schnitzler hingegen lässt sie ihre die Grenzen ihrer Rolle in der Gesellschaft ausloten und sogar durchbrechen, es wird gezeigt werden, dass sich das vor allem in den Nacktszenen der beiden Frauen vollzieht. Um diese Entwicklung von Else und Albertine und Schnitzlers Umgang mit diesen Figuren nachzuvollziehen, werden das Frauenbild des 19.Jahrhunderts, und die Bezugnahme der Psychoanalyse darauf, näher betrachtet.

I. Sexualmoral und stereotype Frauenrollen um 19.Jahrhundert

Im sogenannten „nervösen Zeitalter“ erlebt die Gesellschaft einen Wandel: Industrialisierung und drohende Weltkriege beeinflussen die Kultur, Dekadénce und Fin de Siècle Stimmung die Literatur. In dieser unsicheren Zeit versucht vor allem das Bürgertum durch einen strengen Moralkodex Traditionen zu bewahren. Doch in der Praxis führte diese Einengung des Individuums zu einer Doppelmoral der Bürger und/oder zu psychischer Labilität. In dieser Zeit wirkt es deshalb direkt folgerichtig, dass der neue Ansatz der Psychoanalyse entwickelt wurde und auch die Literatur in besonderem Maße auf psychische Konflikte des Menschen Bezug nahm. In der Wissenschaft wurden außerdem Untersuchungen der Geschlechterrollen populär, in denen vor allem auf die Unterschiede wertgelegt wurde. Der Mann als „Urmensch“[7] ist der Frau psychisch und physisch überlegen und muss sie, die ansonsten nur ihren Trieben ausgeliefert ist, kontrollieren. Doch gerade dieses Bild des Mannes leidet sehr unter den Veränderungen im 19.Jahrhundert: Körperkraft wird durch die Industrialisierung zweitrangig, die Familie verliert an Bedeutung und die Frauen verschaffen sich immer mehr Zutritt zum öffentlichen Leben. [8] Der Mann verlagert seine Dominanz also mehr und mehr auf die sexuelle Ebene, es entsteht ein Gefälle zwischen gesellschaftlicher und sexueller Reife.[9]

Gerade im Bürgertum wurde die Frau jedoch zum asexuellen Wesen erzogen, das also gar kein eigenes sexuelles Begehren kennen sollte, die Sexualität in der Ehe wurde auf die Fortpflanzung reduziert[10]. Der Mann richtete sein sexuelles Begehren also vor allem auf Frauen, die außerhalb seiner Gesellschaft standen, dadurch entstand die sexuelle Doppelmoral dieser Zeit, die es dem Mann erlaubte seiner Familie als wertebefolgender Ehemann vorzustehen und gleichzeitig sein sexuelles Begehren mit anderen Frauen auszuleben. Die Rolle der Frauen spaltete sich also vor allem für die Psychoanalyse in zwei Stereotypen auf: Die asexuelle Mutter bzw. die „heilige“ Frau und die sexuell begehrenswerte und selbst begehrende Frau außerhalb der Familie, die „Hure“, auf die der Mann sein Interesse richtet. In der Literatur wird dieser zweite Typus meist dargestellt durch die Femme Fragile oder die Femme Fatale[11]. Diese beiden Frauentypen befriedigen die Wünsche des Mannes, auch wenn vor allem die Femme Fatale meist negativ konnotiert ist. Das Augenmerk der Psychoanalyse richtet sich aber speziell auf die gutbürgerlichen Frauen, die mit ihrer unterdrückten Sexualität nicht zurechtkommen und deshalb verschiedene psychische Erkrankungen ausbilden, als bekannteste ist hier die Hysterie zu nennen.

Auch Schnitzler nimmt sich diesem Frauenbild in seinen Werken an, Albertine und Else stammen beide aus dem bürgerlichen Milieu, ihnen beiden ist ein ganz bestimmter Platz in der Gesellschaft vorbestimmt. Jedoch werden sie nicht auf Stereotypen reduziert, sondern als komplexe Figuren vorgestellt, die im Laufe der Handlung sowohl „Hure“, als auch „Heilige“ sind und am Ende nach einer neuen emanzipierten Rolle streben: Der sexuell bewussten und aktiven Frau die trotzdem Teil der Gesellschaft ist.[1]


[1] Malsch 2007: S.133
[1] Pfohlmann 2006: S.133
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Vgl.: Lange-Kirchheim 1998: S.126ff.
[5] Pfohlman 2006: S.133
[6] Vgl.: Freud, Sigmund: Bruchstück einer Hysterie-Analyse, Frankfurt a.M. 1993
[7] Oosterhoff 2000: S.17
[8] Ebd., S.15
[9] Ebd., S.18
[10] Schwarz 2012: S.58f.
[11] Ebd., S.47ff, S.93ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Nacktszenen in „Fräulein Else“ und „Traumnovelle“. Desmaskierung des Selbst oder der Gesellschaft?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V287841
ISBN (eBook)
9783656878681
ISBN (Buch)
9783656878698
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fräulein Else, Traumnovelle, Arthur Schnitzler, Gesellschaft, Identität, Gleichberechtigung
Arbeit zitieren
Sophie Strohmeier (Autor), 2013, Die Nacktszenen in „Fräulein Else“ und „Traumnovelle“. Desmaskierung des Selbst oder der Gesellschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287841

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