Die Kinoindustrie Hongkongs gehört zu den faszinierendsten und produktivsten der
Welt. Im Westen sind die Filme aus der ehemaligen britischen Kronkolonie, die gerne
als das Hollywood des fernen Ostens bezeichnet wird1, besonders durch die zahlreichen
Martial-Arts-Werke bekannt, die in den 70er Jahren mit dem Erfolg von Bruce Lee und
Konsorten die Bahnhofkinos weltweit eroberten. Doch der Hongkong-Film ist mehr als
nur beeindruckend choreographierte Kampfkunst.
In der Filmgeschichte Hongkongs lassen sich zahlreiche Regisseure finden, deren
Werke sich von der gängigen Massenware abheben, und die eine entsprechende
Würdigung verdient hätten. Dazu gehören ebenso renommierte Martial-Arts-Auteurs
wie King Hu, und Chang Cheh, als auch die Autorenfilmer der Neuen Welle (New
Wave), die 1979 kollektiv mit gewalttätigen, aber auch sehr sozialkritischen Filmen
debütierten. Diesen jungen Regisseure, die größtenteils im Ausland an Filmhochschulen
studiert hatten, sowie in Hongkong geboren und aufgewachsen waren, etablierten mit
ihrem Wissen neue Genres und Produktionstechniken. Sie gaben der angestaubten
Filmindustrie einen neuen Glanz und legten den Grundstein für ein „Neues-Hongkong-
Kino“.
Die New-Wave war eine wichtige Zäsur in der Filmgeschichte Hongkongs. Die meisten
Filme waren jedoch engagierte Ausnahmeproduktionen und beeindruckende
Einzelwerke. Abgesehen von Tsui Hark – einem der prominentesten Vertreter der
Neuen-Welle – verschwanden die meisten Regisseure in den 80er Jahren wieder von der
Bildfläche.2 Hark, der das Hongkong-Kino in den 80er Jahren entscheidend mitprägte
und zu einem wichtigen Produzenten und Förderer neuer Talente wurde, konnte seinen
Erfolg beibehalten, indem er sich dem kommerziellen Mainstream-Kino verschrieb.
In den späten 80er Jahren debütierte eine neue Generation talentierter Filmemacher, die
als die zweite Welle (Second Wave) bezeichnet wird. Im Gegensatz zu ihren
Vorgängern, die in ihren Filmen Gewalt, Korruption und Kriminalität aufgriffen,
thematisierten sie vordergründig das Problem von Identität in Hongkong. [...]
1 Vgl. Stoke/Hoover 1999, S. 17; Vgl. Bordwell 2000, S. 83.
2 Dies gilt für Alex Cheung, Yim Ho und Patrick Tam. Einen guten Ruf besitzt weiterhin Ann Hui, die für
ihre anspruchsvollen Literaturverfilmungen bereits mehrmals mit dem Hongkong Film-Award
ausgezeichnet wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Struktur und formale Aspekte der Arbeit
2. John Woo – Autorenfilmer im Hongkong Mainstream-Kino
2.1. Biografie und Werkbeschreibung
2.2. Einflüsse anderer Filmemacher auf John Woo
2.2.1. Michael Cimino
2.2.2. Sam Peckinpah
2.2.3. Akira Kurosawa
2.2.4. Jean-Pierre Melville
2.2.5. Sergio Leone
2.2.6. Martin Scorsese
2.2.7. Chang Cheh
2.3. Genrezugehörigkeit der Filme
2.3.1. Heroic-Bloodshed
2.3.2. Die Parallelen zum Buddy-Film
2.4. Der Ehrenkodex der Helden
2.5. Heldentypus
2.6. Die Freundschaft zwischen Männern als zentrales Thema
2.7. Charaktere und Figurenkonstellationen
2.7.1. A Better Tomorrow
2.7.2. The Killer
2.7.3. Bullet in the Head
2.7.4. Hardboiled
2.7.5. Antagonisten
2.7.6. Die alten Triadenbosse
2.7.7. Weibliche Charaktere
2.8. Subtexte
2.8.1. Das 1997er-Syndrom
2.8.2. Religiöse Themen, Symbole und Motive
2.9. Charakteristische Stilelemente
2.9.1. Der Einfluss der Peking-Oper auf die Inszenierung von Action-Sequenzen
2.9.2. Der Einfluss von Sam Peckinpah auf die Inszenierung von Action-Sequenzen
2.9.3. Retardierende Momente
2.9.4. Montage
2.9.5. Kamera
2.9.6. Standardsituationen
2.9.7. Farbdramaturgie
2.9.8. Auditive Ebene
2.10. Fazit
3. Wong Kar-Wai – Kunstfilmer des Neuen Hongkong Kinos
3.1. Biografie und Werkbeschreibung
3.2. Einflüsse anderer Filmemacher auf Wong Kar-Wai
3.2.1. Nouvelle Vague
3.2.2. Michelangelo Antonioni
3.2.3. Martin Scorsese
3.3. Genrezugehörigkeit und Dramaturgie der Filme
3.4. Charaktere und Figurenkonstellationen
3.4.1. As Tears Go By
3.4.2. Days of Being Wild
3.4.3. Chungking Express
3.4.4. Fallen Angels
3.5. Die Darstellung und Bedeutung von Großstadt
3.6. Bedeutung von Zeit und Datum
3.7. Wiederkehrende Motive
3.8. Charakteristische Stilelemente
3.8.1. Stop-Action-Technik
3.8.2. Inszenierung von Action-Sequenzen
3.8.3. Kamera
3.8.4. Montage
3.8.5. Farbdramaturgie
3.8.6. Auditive Ebene
3.8.6.1. Voice Over
3.8.6.2. Musik und Geräusche
3.9. Fazit
4. Die Autorenfilmer John Woo und Wong Kar-Wai im Vergleich
5. Filmographien
5.1. John Woo
5.2. Wong Kar-Wai
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert den Autorenstatus der Hongkonger Regisseure John Woo und Wong Kar-Wai. Im Fokus steht dabei die Untersuchung, inwieweit beide Filmemacher trotz einer industriellen Produktionsweise eine eigene, charakteristische Handschrift durch filmische Stilelemente und wiederkehrende inhaltliche Motive etablieren konnten.
- Vergleichende Analyse der Regiestile und Autorenansätze
- Einfluss der Hongkonger Geschichte und Identitätsproblematik auf das Werk
- Untersuchung der filmästhetischen Mittel (Montage, Kameraführung, Farbe, Musik)
- Bedeutung der Männerfreundschaft als zentrales narratives Motiv
- Rezeption internationaler Einflüsse (Nouvelle Vague, US-Genre-Kino, Peking-Oper)
Auszug aus dem Buch
2.1. Biografie und Werkbeschreibung
Geboren wurde John Woo am 1. Mai 1946 als Wu Yusen in der südchinesischen Stadt Kanton. Mit seiner Familie floh er im Alter von vier Jahren vor den Kommunisten in die nur 69 Meilen entfernte Kronkolonie Hongkong. Nach einem Feuer verlor die Familie 1953 ihr Heim und musste in den Slums der Stadt leben. Durch dieses neue soziale Umfeld wurde der junge Woo mit täglicher Gewalt, Gangaktivitäten, Drogen und Prostitution konfrontiert. Die Lage verschlimmerte sich, als der Vater an Tuberkulose erkrankte und nicht mehr länger arbeiten konnte. Die Mutter musste allein für die Familie aufkommen, die in tiefer Armut lebte und nicht mehr länger in der Lage war, ihrem Sohn eine Schulausbildung zu ermöglichen. Eine amerikanische Familie übernahm jedoch die Patenschaft von John und finanzierte ihm den Besuch des streng lutheranischen „Matteo Ricci College“. Die Schulausbildung machte aus ihm einen gläubigen jungen Mann, der aus Dankbarkeit für die finanzielle Unterstützung seiner Familie zunächst beschloss Pfarrer zu werden.
Während seiner Schulzeit entdeckte Woo seine Leidenschaft fürs Kino und verbrachte viel Zeit in Kunstmuseen und Bibliotheken. Dies brachte ihm ein enormes Wissen im Bereich der Kunst ein. Zusammen mit anderen Schülern teilte er die Leidenschaft für das europäische und japanische Kino der 60er Jahre. Wegen der schlechten finanziellen Situation seiner Familie blieb ihm der Besuch einer Filmhochschule allerdings verwehrt. Auf dem College schloss er sich 1967 einer Theatergruppe an und drehte diverse experimentelle Kurzfilme. Eines dieser frühen Werke trägt den Titel Accidentally (HK 1968). Der Kurzfilm handelt von einem jungen Mann, der sich auf der Straße in ein Mädchen verliebt. Er stellt sich vor, wie schön es wäre, mit ihr zusammen zu sein. Als er das Mädchen entführt und fesselt stirbt sie „versehentlich“. Bei Accidentaly handelt sich um einen auf 8mm gedrehten Stummfilm. Viele Szenen sind unter- oder überbelichtet. Es ist allerdings erkennbar, dass der junge Mann vom Regisseur selbst gespielt wird. Der Film ist mit Handkamera gedreht, es überwiegen große und nahe Einstellungsgrößen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Hongkonger Filmgeschichte, die Bedeutung der New Wave und Second Wave sowie die Relevanz der Autorenfilmer John Woo und Wong Kar-Wai.
2. John Woo – Autorenfilmer im Hongkong Mainstream-Kino: Detaillierte Biografie und Analyse der stilistischen und inhaltlichen Merkmale von John Woos Filmen sowie deren Einflüsse.
3. Wong Kar-Wai – Kunstfilmer des Neuen Hongkong Kinos: Untersuchung der Lebensgeschichte und der spezifischen ästhetischen Merkmale der Independent-Werke von Wong Kar-Wai.
4. Die Autorenfilmer John Woo und Wong Kar-Wai im Vergleich: Synthese und Gegenüberstellung der Arbeitsweisen, Themen und künstlerischen Handschriften beider Regisseure.
Schlüsselwörter
Autorenfilm, John Woo, Wong Kar-Wai, Hongkong-Kino, Neue Welle, Second Wave, Heroic-Bloodshed, Männerfreundschaft, Montage, Inszenierung, Film Noir, Identität, 1997-Syndrom, Regiestil, Cinéma de papa
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht, wie sich die Regisseure John Woo und Wong Kar-Wai trotz des wirtschaftlichen Drucks der Hongkonger Filmindustrie als Autorenfilmer behaupten und ihren persönlichen Stil entwickeln konnten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themen umfassen die Autorentheorie im Kontext des Hongkong-Kinos, die politische Situation vor der Rückgabe an China (1997-Syndrom), die Bedeutung der Männerfreundschaft sowie stilistische Merkmale wie Montage, Farbdramaturgie und Kameraarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist der Nachweis des Autorenstatus beider Regisseure anhand einer vergleichenden Analyse ihrer Werke und der Identifizierung ihrer spezifischen künstlerischen Handschriften.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der vergleichenden Filmanalyse, gestützt auf biografische Daten und die Einordnung der Filme in ihre historischen und filmgeschichtlichen Kontexte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in ausführliche Porträts der Regisseure inklusive Biografien, Einflüssen anderer Filmemacher, Genrezugehörigkeiten, der Analyse von Figurenkonstellationen und spezifischen Stilelementen wie Montage und Kameraführung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern zählen Autorenfilm, Heroic-Bloodshed, 1997-Syndrom, Männerfreundschaft, Montage und Nouvelle Vague.
Welche Rolle spielt die Politik in den Filmen von John Woo?
Die Politik fungiert bei Woo vor allem als Subtext. Ereignisse wie das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens spiegeln sich in der pessimistischen Weltsicht und der zunehmenden Zerstörungsästhetik seiner Hongkonger Filme wider.
Was ist das Besondere an der Erzählstruktur von Wong Kar-Wai?
Wong Kar-Wai nutzt eine fragmentarische, elliptische Erzählweise, die logische Linearität aufbricht und den Fokus stark auf die Stimmung, Isolation und die emotionalen Befindlichkeiten seiner Protagonisten legt, anstatt auf eine traditionelle Handlung.
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- Andrej Balzer (Author), 2004, Autorenfilmer des Neuen Hongkong-Kinos: Die Regisseure John Woo und Wong Kar-Wai, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28784