Mörderische Marktspiele. Musik-TV vs. Radio

Wer tötet wen?


Hausarbeit, 2013

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. BEGRIFFSBESTIMMUNGEN
2.1 Das Gesetz der Komplementaritat
2.2 Radiodispositiv vs. Fernsehdispositiv

3. ANALYSE: R.I.P. RADIO STAR? !
3.1 Veranderungen des Konsums
3.2 INHALTLICHE VERANDERUNGEN
3.3 Der Wandel des Dispositivs

1. 2000ER JAHRE: DER MOON MAN IM CYBERSPACE

5. FAZIT

5. QUELLENVERZEICHNIS

6. ANHANG
6.1 Der „MTV moon man"

1. Einleitung

1969 startet Appollo 11. Der erste Mensch betritt den Mond und setzt ein pragnantes Zeichen: eine Flagge mit dem MTV-Logo.[1] Dies waren die ersten Bilder, welche die Zuschauer von dem „neuen" Medium Music Television, kurz MTV erhielten. Dieser Kurzfilm stand symbolisch fur eine neue Ara, ein neues Gebiet in der Medienlandschaft.

Die Assoziation zu Armstrongs Aussage: „“That ' s one small step for (a) man, one giant leap for mankind!”[2] wird sofort geboten. Kurz darauf wurde der erste Videoclip ausgestrahlt. Mit dem Song der britischen Band The Buggles „Video killed the radiostar" ging MTV im Jahr 1981 zum ersten Mal auf Sendung.[3] Dies war eine Anspielung auf die Ablosung des Radios durch das Musikfernsehen. Seit 2011 ist der Musiksender nur noch verschlusselt zu empfangen und das Radio ist immer noch eines der wichtigsten Massenmedien.

Kann das Gesetz der Komplementaritat in Bezug auf das Radio und MTV bestatigt werden? Hatte das Musikfernsehen Einfluss auf die Hordauer des Radios in Deutschland? Oder gab es inhaltliche Veranderungen in den Programmen?

Im ersten Teil wird auf das Gesetz der Komplementaritat sowie auf das Fernseh- und Radiodispositiv naher eingegangen. Darauf folgend werden Statistiken uber den Konsum des Radios analysiert.

Des Weiteren werden Veranderungen in Hinblick auf den Inhalt der beiden Medien und auf die Rezeption untersucht.

AnschlieRend wird der gegenwartige Stand von Musikfernsehen, Radio und der YouTube Kultur erlautert und der Frage nachgegangen „Has anyone killed the radiostar?".

2. Begriffsbestimmungen

2.1 Das Gesetz der Komplementaritat

Die Aussage „Video killed the radiostar" inkludiert die euphorische Prophezeiung und zugleich Kampfansage MTVs, dass das Musikfernsehen dazu bestimmt ist, das Radio zu verdrangen.

Eine Substitution bzw. Supplementierung der Medien wurde stattfinden, wodurch das Fernsehen die Aufgabe der Musikubertragung ubernehmen wurde.

Das Gesetz der Komplementaritat, als eines der Gesetze der Medieninnovation in der Kommunikationswissenschaft, geht auf Wolfgang Riepl zuruck. 1913 bezeichnete Riepl dieses Postulat als das ,Grundgesetz der Entwicklung des Nachrichtenwesens'.[4] „Die zentrale Aussage des Gesetzes lautet: Bestehende Medien bleiben auch beim Auftritt neuer Medien weiter bestehen; Medien sterben nicht."[5]

Laut Riepl konne ein Medium ein alteres nicht ersetzen, sondern ihm lediglich andere Aufgaben zuteilen. Das Radio musste in diesem Sinne eigenstandige, neue Funktionen leisten.

Preiser kritisiert das haufig als „Beruhigungspille der Kommunikationswissenschaft"[6] verwendete Gesetz, da es zu unspezifisch gebraucht wird und sich meist nur auf ein Medium als technisches Mittel der Kommunikation bezieht.[7] Weder wurde das „Medium" in Riepls Aufsatz definiert, noch geklart, ab wann ein „neues Medium" sich als solches bezeichnen darf.[8]

Laut Preiser gibt es durch die okonomische Konkurrenz Verdrangungswirkungen auf einer anderen Ebene: inhaltliche Angebote, Prasentationsweisen, etc.[9]

So ist das Radio nicht mehr das, was es am Anfang seiner Erscheinung war. Dies lasst sich jedoch auch bei MTV feststellen, worauf im Kapitel 3.2 und 3.3 naher eingegangen wird.

2.2 Radiodispositiv vs. Fernsehdispositiv

Das Dispositiv ist ein Konzept zur theoretischen Erfassung von Medien, Wahrnehmungen und Vorstellungen, welches die spezifische Anordnung von Mensch und der technischen Apparatur bezeichnet. Der Begriff erfasst den sozialen Zusammenhang von Technik-, Produktions- und Rezeptionsbedingungen eines Mediums. Des Weiteren hilft der Entwurf bei der Beschreibung, wie die Wahrnehmung durch die Medien strukturiert und gelenkt werden kann.[10]

Das Radiodispositiv hat sich im Lauf der Geschichte des Horfunks stark verandert.

Die Mensch-Technik-Beziehung war zu Beginn korperlich sehr eng. Mit einem Detektorgerat, einem langen Draht und Kopfhorern ausgerustet, wurde der Konsum des Mediums an einen Ort fixiert. Durch die technischen Verbesserungen, wie Rohrenverstarker und Lautsprechertechnik, wurde die „Enge" aufgehoben.[11]

Das Radiodispositiv ist gepragt durch den audiovisuellen, individuellen und kollektiven Empfang. Der Eindruck der Anwesenheit von Stimmen trotz ihrer Abwesenheit lasst den Effekt einer imaginaren Gemeinschaft entstehen.[12] Zudem wird ein musikalisches Gemeinschaftserlebnis durch eine direkte Ansprache an die Zuhorer geschaffen.

Das Fernsehdispositiv hingegen, welches gekennzeichnet ist durch die Mensch-Apparat- Anordnung des Fernsehers, weist partielle Uberschneidungen zum Kinodispositiv auf. Jedoch gibt es wesentliche Differenzen.[13] Hickethier beschreibt wie das Erlebnis der Filmrezeption von einem offentlichen Raum in den Privaten verlegt wird. Durch das Leuchten des Bildschirms und der gegenlaufigen Projektionsrichtung zum Zuschauerblick, wird die Fixierung des Zuschauers an einem bestimmten Platz aufgehoben und die Verdunkelung des Raums wird uberflussig. Durch die Beweglichkeit des Zuschauers wird an das Verantwortungsbewusstsein im psychischen Bereich appelliert. Fur den Fall, dass der Rezipient ein effektvolles Fernsehvergnugen erleben mochte, erfordert dies seine Aufnahmebereitschaft.[14]

3. Analyse: R.I.P. Radio Star?!

3.1 Veranderungen des Konsums

Eine Langzeitstudie von ARD und ZDF uber die Entwicklung der Tagesreichweite des Radios in Deutschland von 1964 bis 2010 der 14-29 Jahrigen, der Zielgruppe MTVs, zeigt einen Ruckgang im Jahr 1990 bis 1992. Wie auf der folgenden Abbildung zusehen ist, ist die Reichweite innerhalb der zwei Jahre um 5 Prozent gesunken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Tagesreichweite 14-29 Jährige[15]

Bis ins Jahr 2000 ist die Reichweite jedoch wieder gestiegen und erlangt erst ab 2002 einen enormen Verlust mit der gleichzeitigen Erscheinung von Internetplattformen, wie MySpace im Jahr 2003 und YouTube im Jahr 2005.

Bei der Hordauer des Radios in Minuten pro Tag ist ein ahnliches Ergebnis festzustellen, wie die folgende Abbildung der Radionutzung in Deutschland zeigt. Wahrend im Jahr 1990 diese noch bei 170 Minuten pro Tag lag, verringerte sie sich im Jahr 1995 auf 155 Minuten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Hördauer des Radios in Minuten(1964-2000)[16]

Parallel zu dieser Zeit konnten die Rezipienten das Musikfernsehen am 7. Marz 1997 zum ersten Mal mit MTV Central einen deutschsprachigen Ableger des Musikkanals empfangen.[17] Ebenso nahm in dieser Zeitspanne am 1.12.1993 Viva als deutsches Pendant zu MTV, den Sendebetrieb auf.[18] Wie Kuni feststellt, wurden die Clips der Musiksender zu einer

Marketingstrategie, welche Live Auftritte, Konzerttourneen und das Radio verdrangte.[19]

So schreibt Kuni: „Die paradoxe Prophezeiung ,Video killed the radiostar' war wirklich geworden."[20]

Im Jahr 2010 stieg die Hordauer allerdings extrem an und erreichte 206 Minuten, wie in der zweiten Grafik zu erkennen ist. Erstaunlich sind diese Ergebnisse auch in Hinblick auf die Erscheinung der genannten Internetplattformen.

Auffallend sind die Veranderungen des Radiokonsums im Jahr 2011, dem Ende der Ara MTV als Free TV, welche aus der Medienanalyse zu entnehmen sind. So veroffentlicht die Radiozentrale als Ergebnis der Medienanalyse 2011:

„Die aktuell veroffentlichten Reichweitenergebnisse der Media-Analyse (ma) 2011 Radio I (Marz 2011) zeigen nicht nur die Zunahme von einer halben Million Horer pro Tag innerhalb eines Jahres. Mehr noch: Das Medium verzeichnet vor allem auch ein deutliches Wachstum bei der begehrten jungen Zielgruppe. Die kontinuierlich steigende Nutzerzahl und die mit Radio verbrachte Zeit der Unter-30jahrigen gegenuber den fruheren Ausweisungen in 2009 und 2010 bestatigt, dass sich das Medium Radio gerade im digitalen Zeitalter sogar weiter steigender Beliebtheit erfreut."[21]

3.2 Inhaltliche Veranderungen

„(...)Nachrichten jede Stunde, Verkehrsmeldungen und Service, Industrietontrager und Werbung."[22] Diese Aussage trifft Krug in Bezug auf das Radio der 1970er Jahre.

Die Funktionen und Aufgaben des Radios scheinen sich mit dem Aufkommen des Musikfernsehens nicht wesentlich geandert zu haben, weiterhin stehen: Information, Musik, und Unterhaltung im Vordergrund. Eine Veranderung gab es dennoch. Im April 1987 wurde in Deutschland die rechtliche Grundlage fur den dualen Rundfunk durch einen Staatsvertrag geschaffen.[23] Das duale System lasst sich in offentlich-rechtliche und private Unternehmen unterteilen. Hierbei ist das Ziel der offentlich-rechtlichen Sender „(...) die Erfullung einer offentlichen Aufgabe zum Zwecke der Gemeinwohlleistung." [24] Fur privatwirtschaftliche Unternehmen steht die Gewinnmaximierung des in der Regel privaten Kapitals im Vordergrund.[25]

Das Interesse entstand das wirtschaftliche Potential des Horfunks auszuschopfen.

Das Modell des dualen Rundfunks lasst sich erweitern auf ein Modell des trialen Rundfunks, welches durch die Freigabe der privaten Anbieter entstanden ist. Hierbei werden die privaten Rundfunkanbieter in kommerzielle und nicht-kommerzielle unterteilt. Dieses dritte Organisationsmodell richtet sich gegen die mainstream orientierten Anbieter. Ihr Ziel ist es eine Gegenoffentlichkeit herzustellen. Dabei werden sie durch Subventionen oder Spenden unterstutzt.[26]

Das duale System aus offentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk fuhrte zu einer Formatierung der Radiosender und somit zur Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe, zum Beispiel: AC, CHR, AOR, UC, Country und Oldies.[27] Die Formatradios wurden und sind uberwiegend nach einer Stundenuhr ausgerichtet, welche sich zum Beispiel nach der Chronologie: Nachrichten, BegruRung, Musik, Interview, Musik etc. orientiert.[28] Die inhaltliche Entwicklung des Radios baut auf ,Durchhorbarkeit' und eine stark formalisierte Programmuhr auf. So konnen die Rezipienten leicht die Musikformate und Wortprogramme zeitlich zuordnen.[29] Auf diese Weise entstanden auch immer ahnlichere Formate, da die meisten Sender ihr Programm auf die Zielgruppe der 14-49 Jahrigen konzentrierten.[30]

Krug beschreibt den Wandel des Radios Anfang der 1990er Jahre folgendermaRen:

„Mit den privaten Horfunkquellen wird nach 1986 ein ganz neuer, in Amerika schon vielfach und lange gelungener Programmtyp in Deutschland eingefuhrt: das Formatradio oder besser: die Formatradios. Die neuen Wellen sind vor allem durch die Musikfarbe gepragt; sie sind auf Durchhorbarkeit programmiert. Ein spezifisches Marketing legt das Profil fest, das -vom Anspruch her- akustisch unverwechselbar ist."[31]

Zeitgleich der Etablierung neuer Broadcast Formate steuerten die Radiosender mit einer genauen und transparenten Strukturierung sowie Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe zu:

„Dabei habe sich die Rolle des Radios gewandelt: Radio musse die Horer heute mehr emotional anruhren als fruher. Die Radiomitarbeiter wurden immer mehr zu Medienmanagern, die konsequent an ihrer Marke arbeiten mussten. Mit authentischen Moderatoren, einer starken Morningshow, Comedy und Musik wurden es die Radiosender schaffen, ,Gluck in Reinform' fur die Horer zu produzieren."[32]

Bei MTV hingegen lassen sich vor allem mit der Erscheinung von YouTube und MySpace drastische Veranderungen in Hinblick auf den Inhalt bzw. das Programm verzeichnen. Wahrend zu Beginn des Senders 24 Stunden Videoclips gesendet wurden, stand im Jahr 2010 kaum noch die Musik im Mittelpunkt sondern war durchzogen von special-interest Formaten. Das M fur Music verschwand zwar nicht im Namen allerdings im Programm:

„In der Anfangsphase trat MTV eindeutig als reiner Musikvideosender an; der Clip- Flow rep., die an das Programm eines DJs erinnernde Prasentation(visueller)Musik durch VJs(Video Jockeys) war bewusst in Abgrenzung zum traditionellen Fernsehen mit starrem Programmkorsett gewahlt."[33]

Der Programmchef Robert Pittman sah in seiner Aufgabe damals auch mehr als „nur" ein visuelles Radio zu schaffen: „In short, it would have to be more than just rock n roll on television; it would really have to be rock and roll television."[34]

Anfanglich noch eher auf Mainstream-Musiktitel fokussiert, entpuppte sich MTV zu einem Forum der Jugendkultur. Infolge eines Generationenwechsels und der Ausdifferenzierung der Musikstile integrierte der Musiksender Formate wie MTV Urban oder MTV Rockzone, welche selbst zu Teilen der Stilrichtungen wurden.

[...]


[1] Vgl. MTV moon landing, 2008; ein Bild des MTV Moon man im Anhang.

[2] Die ersten Worte von Neil Armstrongs am 20.07.1969 beim Betreten des Mondes.

[3] Vgl. Kuni, 2010: S. 8.

[4] Vgl. Faulstich, 2002, S. 159.

[5] Haas, 2008: S. 63.

[6] Neuberger, 2001: S. 237. Zitiert nach: Preiser, 2008: S. 160.

[7] Vgl. Preiser, 2008: S. 174.

[8] Vgl. Preiser, 2008: S. 162.

[9] Vgl. Preiser, 2008: S. 174.

[10] Vgl. Hickethier, 2010: S. 186.

[11] Vgl. Hickethier, 2010: S. 195.

[12] Vgl. Hickethier, 2010: S. 196.

[13] Vgl. Hickethier, 2010: S. 193.

[14] Vgl. Hickethier, 2010: S. 196.

[15] ARD/ZDF Pressekonferenz 2010.

[16] Wolling, Publikumsforschung.

[17] Vgl. Schmidt/Neumann-Braun/Autnrieth, 2009: S. 34.

[18] Vgl. Schmidt/Neumann-Braun/Autnrieth, 2009: S. 36.

[19] Vgl. Kuni, 2012: S. 10.

[20] Kuni, 2012: S. 10.

[21] Radio Zentrale. MA 2011 Radio 1.

[22] Krug, 2010: S. 25.

[23] Vgl. Lindner, 2007: S. 163.

[24] Lindner, 2007: S. 149.

[25] Vgl. Lindner, 2007: S. 149.

[26] Vgl. Lindner, 2007: S. 152f.

[27] Vgl. Haas, 2008: S. 132.

[28] Vgl. Stiegler, 2013: Folie 51.

[29] Vgl. Lindner, 2007: S. 151.

[30] Vgl. Lindner, 2007: S. 151.

[31] Krug, 2010: S. 47.

[32] Pressemitteilung Medientage Munchen, 2012.

[33] Schmidt/Neumann-Braun/Autnrieth, 2009: S. 59.

[34] McGrath, 1996: S.47. Zitiert nach: Schmidt/Neumann-Braun/Autnrieth, 2009, S. 27.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Mörderische Marktspiele. Musik-TV vs. Radio
Untertitel
Wer tötet wen?
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V287920
ISBN (eBook)
9783656880837
ISBN (Buch)
9783656880844
Dateigröße
1178 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesetz der Komplementarität, Radiodispositiv, MTV, YOuTube
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Anica Seidel (Autor), 2013, Mörderische Marktspiele. Musik-TV vs. Radio, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287920

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