Hollywoods Starkult und homosexuelle Identität am Beispiel Peter Jacksons "Heavenly Creatures"


Seminararbeit, 2011
16 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. IDENTITAT Vs. NORMALITAT

2. HOMOSEXUALITAT UND STARKULT
2.1. (Film)Stars und Geschlechtsreprasentation
2.2. Filmszenanalyse aus „Heavenly Creatures”

3. ABSCHLUSSBEMERKUNG

1. IDENTITAT Vs. NORMALITAT

„Aber „norma1“ ist das Gleichgeschlechtliche, machen wir uns da nichts vor, auch heute kei neswegs.[1]

Peter Jacksons fiktiver narrativer Spielfilm „Heavenly Creatures", basierend auf einer wahren Begebenheit, erzahlt die Geschichte der zwei heranwachsenden Frauen Pauline Parker und Juliet Hulme, und ihrer sehr intensiven Freundschaft, die sich im Laufe der Handlung zu einer Liebesbeziehung vertieft. Die beiden von ihrer Umwelt unverstandenen AuBenseiter fluchten sich zusehends in ihre gemeinsame imaginare Welt, ein Reich des Mittelalters, und erklaren populare Stars zu ihren Gottern. Eine Welt in der die Normen des Alltags ihre Gultigkeit verlieren, das Ungewohnliche die Normalitat beherrscht und die Ubergange zwischen Imagination und Realitat langsam verwischen - alles erscheint moglich!

Ihre Eltern, aufgrund der aufkeimenden, „pathologischen" Homosexualitat der Kinder besorgt, versuchen die Beiden zu trennen, was mit der Ermordung von Paulines Mutter als einziger Moglichkeit, die Trennung zu verhindern, endet. Beide Figuren befinden sich wahrend des gezeigten filmischen Zeitraums (1950er Jahre) in der Adoleszenz, einer Zeit der Identitatskrise. Sie durchlaufen „ein Entwicklungsstadium, worin sie ihre endgultige Identitat suchen: [sie] probieren Freundschaftsgruppen aus, verschiedene Lebensstile und

Karriereplane."[2] Sichtlich erschwert wird dieser Entwicklungsprozess der Madchen durch ihre gleichgeschlechtliche Orientierung, sie stoBen auf Ablehnung und vielfach diskriminierendes Verhalten der Umwelt. In diesem Fall erleben sie Anfeindungen nicht nur wegen ihrer sich herauspragenden Homosexualitat bzw. ersten homosexuellen Erfahrungen, sondern auch wegen der geringeren Einstufung der Wichtigkeit von Frauen. Diese haben in erster Linie heterosexuell zu fungieren um verfugbar fur die mannliche dominierte (heterosexuelle) Gesellschaft und deren Interessen zu sein.[3] Vorbilder, Stars und Idole dienen als Sinnbild des Normativen (=Heteronormativitat), oder auch zur gesellschaftlichen Legitimation einer Lebensweise. Im Allgemeinen spiegeln Vorbilder nicht „das Individuelle sondern das
vereinfachend Verallgemeinerte wieder."[4] Durch subjektive Selektion konnen die Rezipienten jedoch eine Auswahl zur individuellen Orientierung - aufgrund personlicher Sichtweisen bzw. Interessensgebieten - treffen. Ebenso bedienen sich auch Lesben und Schwule dieser differenzierenden Lesarten von Figuren und Filmhandlungen - meist weitaus phantasievoller und aufmerksamer als heterosexuelles Publikum.[5] Denn heterosexuelles Verhalten verlangt nicht nach einer Erklarung oder selbstandigen Identitat, wird nicht hinterfragt und gilt praktisch als die Normalitatserwartung der menschlichen Gesellschaft[6] - und Abweichungen von der Norm gelten oft bestenfalls als „unbequem".

Durch die Veranderungen der 1920er Jahre, die amerikanische Kinofilme mit sich brachten (realistische Filmerzahlungen), ruckten die Darsteller selbst als Individuen, als eigene Identitaten mit Gefuhlen in den Fokus des Interesses und wurden in den Mittelpunkt des Films gestellt. „Image und Aura wurden zu unverwechselbaren Kennzeichen."[7] Alles Charakteristika die auf pluralen Ebenen gelesen und von Rezipienten, auf der Suche nach „Wiederfindung" oder einem „Lebensweg", interpretiert werden konnen. Was aber bedeutet dies im Hinblick auf homosexuelle (Sub-)Kultur? Sind Stars fur die Entwicklung/Findung homosexueller Identitat wichtig? Mit welchen filmischen Instrumenten wird dies in „Heavenly Creatures" vermittelt? Und inwiefern ist dieser Aspekt fur die Entwicklung der „Story" wichtig?

2. HOMOSEXUALITAT UND STARKULT

2.1. (Film)Stars und Geschlechtsreprasentation

Stars funktionieren nicht ohne einen Mythos und besitzen eine besondere Kraft und Einfluss auf den Rezipienten. Mit ihren so bezeichneten „Heavenly Bodies" reprasentieren und gestalten Filmstars (unter anderem) die gesellschaftliche Geschlechterordnung. Auf eben genanntes Konzept scheint Jackson bei seiner Titelwahl anzuspielen, wobei er allerdings die „Reinheit" (Bodies) degradiert und „abwertet" (Creatures). Die Korpersymbolik verweist somit auf eine groBe Relevanz fur die Offentlichkeit in einem massenmedial ausgerichteten Zeichensystem:

„Vor allem in ihren Filmen, aber auch in ihren auBerfilmischen Darstellungen, die zusammen ihr (nicht zufallig so benanntes) Image pragen, werden sie primar als physische Anschauungsobjekte (re- )produziert - und dies in spezifischen Reprasentationsformen die eine besondere, emotional und auch erotisch aufgeladenen Beziehung zwischen dem Star-Korper und den Zuschauer schaffen."[8]

Stars aus Film, Musik und Medien sind diejenigen, die spezifische (ergo: historisch- konventionelle) Geschlechterkonzepte aufzeigen, also verkorpern die Eigenschaften davon, was es heiBt, Mann oder Frau einer bestimmten Gesellschaft zu sein. Das von ihnen (re-)produzierte Mannlichkeits- und Weiblichkeitskonzept ist folglich von groBer Bedeutung fur den gesellschaftlichen Diskurs einer Periode. Sie ubernehmen die Funktion, das Spektrum hegemonialer, mehrheitlich sanktionierter Geschlechtsverortungen einer geschichtlichen Zeitspanne zu definieren - mit groBtmoglicher Bandbreite.

Indes sind diese Konzepte einer standigen Neuverhandlung und Veranderung, aufgrund der fortwahrenden Entwicklungen der gesamten Gesellschaft unterworfen (z.B.: Aufstieg und Fall/Verschwinden bestimmter Stars, Aufkommen neuer Startypen/Genres). Daher reproduzieren Star-Images zwar zum einen Mannlichkeits- und Weiblichkeitsmodelle der (geschlechtlich gepragten) Gesellschaft, welche sie hervorgebracht hat (Verstandnis fur Werte, Funktionen, Polarisierung, Hierarchisierung, etc.), zum anderen bringen sie auch neue Modelle hervor. Sie sind von bedeutungsstiftender Kraft, sie produzieren und beeinflussen die gesellschaftliche Umwelt gleichermaBen: „Stars sind insofem nicht nur Reprasentanten, sondern auch Generatoren der Geschlechterordnung."[9]

Dennoch hat gerade das Hollywood-Kino zahlreiche Konventionen in der Darstellung von Zweigeschlechtlichkeit als Normativitat und Ordnungsprinzip (z.B.: Schaffung eines zweigeschlechtlichen Paares in der Narration, Festschreiben von spezifischer Symbolik von Mannlichkeit und Weiblichkeit, „Hays-Code" Zensur) entwickelt.[10] Hollywood demonstriert(e) dabei eine geradezu obsessive Fixierung auf Geschlechterdifferenzierung, als „eine elementare Funktion des Hollywood-Kinos."[11] Homosexualitat und gleichgeschlechtliche Liebe wurde demzufolge nur selten, und in der Regel anhand von lacherlichen oder furchterregenden Figuren, gezeigt. Die Mythenfabrik Hollywood konstatierte dem heterosexuelle Teil der Gesellschaft, was sie von Homosexuellen zu halten haben und Homosexuellen, was diese von sich selbst halten sollen. Dennoch baute gerade die homosexuelle Subkultur einen tief verwurzelten Starkult um Personen medialen Interesses bzw. der Popularkultur (Schauspieler und Musiker) auf.[12]

2.2. Filmszenanalyse aus „Heavenly Creatures”

Charakteristisch fur die filmische Umsetzung von „Heavenly Creatures" ist die subjektive Erzahlperspektive aus der mentalen Sichtweise der beiden Protagonistinnen: Darstellung von Traumen, Fantasien, Gedanken („Voice-Over" aus Paulines Tagebucheintragen), unterschwellige Emotionalisierung der Handlung durch diegetische und nicht-diegetische Tone, On-Screen- und Off-Screen- Sound, Tonuberlappungen und die optische Vermischung ihrer Imagination und (scheinbaren) Realitat. Der Rezipient identifiziert sich im Laufe der Handlung immer starker mit den Figuren und ihren Motiven trotz der meist objektiven Position der Kamera als unsichtbarer Teilhabender, mit vergleichsweise wenigen „Point-of- View-Shots" und zahlreichen „Eye-level Shots".

Tempo und Dynamik des Films bzw. der verschiedenen Szenen werden primar durch Kamerafahrten (Ruckwarts- und Ranfahrten, seitliche Fahrt) und Kameraschwenks (vertikal und horizontal, Drehen der Kamera um die Bildachse) gesteuert. Die einzelnen Figuren oder Szenen werden bevorzugt mittels Nah- und GroBaufnahmen mit geringer Tiefenscharfe oder Auf- und Untersicht (oft auch Vogel- und Froschperspektiven) charakterisiert. Was durch die Nahe zum filmischen Objekt eine starkere emotionale Reaktion beim Rezipienten auf das Gezeigte hervorruft, infolgedessen ist es schwieriger, sich zu distanzieren.

Ebenso ist das Lichtdesign des Filmes, mit bemerkenswerten Licht- und Farbeffekten sowie starken Korper- und Schlagschatten in wesentlichen Szenen, sehr pragnant fur die Emotionalisierung der Figuren und des Handlungsverlaufs. Es fallt zunehmend schwer, zwischen gezeigter Fantasie und Realitat zu differenzieren.

Teil der Charakterisierung von Pauline und Juliet ist der kreative Aufbau einer eigenen Welt (konstruktiver Akt), in der von ihnen verehrte Hollywood stars die Rollen von (biblischen) Heiligen ubernehmen. Eines Nachts (ab Filmminute 21:27) bekennen sie sich, spielerisch und doch rituell, zu ihren „neuen Heiligen", indem vorweg alte (christliche) Ideen erkannt und formuliert, jedoch schlussendlich verworfen und reformiert werden. Sie erschaffen sich in einer Art „umgekehrten Schopfungsgeschichte" selbst ihre „Heiligen" (erst Fans machen Stars zu Stars). Diese Kritik an ihre Umwelt, einer scheinbar perfekten Neuordnung als passende Alternative zum Normativen, hat lediglich ein Manko: Das Fehlen eines Substituts fur „Gott". Folglich eine unvollstandige Reform, die letztendlich zum Scheitern verurteilt ist - eine Allegorie ihrer Beziehung und ihres Handelns. Die gesamte Szene hierzu ist dunkel, duster, mit wenigen Lichtquellen (Kerzenlicht als „available light") und starken Korperschatten illustriert.

Parallel zu Paulines und Juliets verherrlichendem Starkult kreieren die Madchen Fantasiefiguren aus Ton, um die herum sie ihre Welt "Borovnian" kreieren. Diese sind gesichtslos, aber gleichermaBen wie Stars dienlich als Projektionsflache von Wunschen und Fantasien, zugleich Maske und Klischee, und in multiplen Lesarten interpretierbar.

Aber warum ist „Borovnian" eine Welt des Mittelalters und nicht, beispielsweise, eine der Zukunft?

Das Mittelalter wird von den Beiden mit edlem Rittertum, vornehmer hofischer Etikette und dem Charme einer prunkvolleren Zeit assoziiert. Dies ist naturlich die auBerst kurzsichtige Auffassung eines Zeitalters des Krieges und der Seuchen, der Barbarei des Kreuzes und des Daseins von (adligen) Frauen als „Vogel im (goldenen) Kafig". Warum also hat gerade diese finster(st)e Episode der Menschheitsgeschichte einen solchen Reiz fur die jungen Frauen? Vermutlich, weil sie die Schattenseiten nicht sehen oder sehen wollen - ein Aspekt, der das Jugendalter ausmacht. Sie sehen nur das hofische Zeremoniell (Kostiime, Habitus, Mimik und Gestik), die Darstellung von heterosexuellen Paaren am Beispiel von Konig und Konigin, klischeehaft tragische Liebesgeschichten, Fleiligenverehrung (spater von ihnen dargestellt durch den Bau eines Altars und der„Feuerbestattung") und konventionelle Konzepte von Machtordnung beziehungsweise deren Umsturz (der Mord am Kronprinzen durch einen vermeintlichen Thronrauber, der spater zum Mord an der Mutter wird) - wiederum ein Parallele zum klassischen Flollywoodkino und dessen Darstellung von der Normativitat.

[...]


[1] Hey, B. (Hrsg.) (1997). Que(e)rdenken: weibliche, mannliche Homosexualitat und Wissenschaft. Studien- Verlag: Innsbruck, Wien. S. 133.

[2] Ebda. S. 131.

[3] Bade, X. (2008). Homosexuelle Jugendliche in der Institution Schule. Handlungsbedarf und Handlungsmoglichkeiten. Grin: Norderstedt. S. 42-45.

[4] Wegener, C. (2008). Medien, Aneignung und Identitat. "Stars" im Alltag jugendlicher Fans. Wiesbaden: VS Verlag fur Sozialwissenschaften. S. 19.

[5] Vgl. Benshoff H. M. & Griffin S. (2006). Queer images: a history of gay an lesbian film in America. New York, Oxford (u.a.): Rowman & Littlefield. S. 63-84.

[6] Vgl. Hey, B. (Hrsg.) (1997). Que(e)rdenken: weibliche, mannliche Homosexualitat und Wissenschaft. S. 135- 140.

[7] Wegener, C. (2008). Medien, Aneignung und Identitat. S.21.

[8] Weingarten S. (2004). Bodies of Evidence. Geschlechtsreprasentation von Hollywood Stars. Schuren: Marburg.

[9] Ebda. S. 294.

[10] Vgl. EbdaS. 7-20, S. 294-295.

[11] Ebda. S. 11.

[12] Vgl. Epstein, R. & Friedman, J. (Regie). (1995). The Celluloid Closet. [Film]. USA.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Hollywoods Starkult und homosexuelle Identität am Beispiel Peter Jacksons "Heavenly Creatures"
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film- u. Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Queer Cinema
Note
1,00
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V287936
ISBN (eBook)
9783656964919
ISBN (Buch)
9783656964926
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hollywoods, starkult, identität, beispiel, peter, jacksons, heavenly, creatures
Arbeit zitieren
Elisabeth Gruber (Autor), 2011, Hollywoods Starkult und homosexuelle Identität am Beispiel Peter Jacksons "Heavenly Creatures", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287936

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hollywoods Starkult und homosexuelle Identität am Beispiel Peter Jacksons "Heavenly Creatures"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden