Das Jungneolithikum in Europa. Siedlungswesen, Keramik und Artefakte der Altheimer Gruppe


Hausarbeit, 2013
45 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Forschungsgeschichte

3 Datierung

4 Verbreitung

5 Siedlungswesen
5.1 Siedlungsausprägungen
5.2 Siedlungsausbau

6 Die Keramik der Altheimer Gruppe
6.1Tonbeschaffenheit, Magerung und Wandstärke
6.2 Herstellung und Oberflächenbehandlung
6.3 Formenspektrum
6.4 Verzierung

7 Knochenartefakte der Altheimer Gruppe
7.1 Untersuchung der Tierknochen
7.2 Die Altheimer Knochenartefakte
7.3 Bearbeitungstechnologie

8 Feuerstein­ und Felsgesteinartefakte der Altheimer Gruppe
8.1 Feuersteinartefakte der Altheimer Kultur
8.2 Felsgesteinartefakte der Altheimer Kultur

9 Wirtschaftsstruktur der Altheimer Gruppe

10 Bestattungswesen der Altheimer Gruppe

11 Fazit

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Untersuchung einer Kulturerscheinung aus dem späten Jungneolithikum verzeichnete 1924 durch Paul Reinecke einen großen Fortschritt in der ur- und frühgeschichtlichen Forschung. Denn das 1911 entdeckte Erdwerk bei Altdorf, Essenbach-Altheim wurde namensgebend für eine bis dahin schon von verschiedenen südbayerischen Plätzen zutage gekommenen Kulturfacies: Die Altheimer Gruppe. Ausgehend von den neuen Erkenntnissen wurden weitere Fundstellen in Niederbayern und der südlichen Oberpfalz untersucht und konnten mit den Funden aus Essenbach-Altheim verglichen und verknüpft werden. In der vorliegenden Arbeit liegt der Fokus auf der Vermittlung eines umfassenden und detaillierten Überblicks über diese Kultur. Zu Beginn wird ein Einblick in die Forschungsgeschichte gegeben. Im Anschluss beschäftigt sich diese Arbeit mit einer kurzen chronologischen Einordnung und der Verbreitung. An dieser Stelle werden die verschiedenen Fundstellen, die in dieser Arbeit behandelt werden, kurz vorgestellt. Im weiteren Verlauf wird das Siedlungswesen der Altheimer Kultur mit all ihren spezifischen Ausprägungen und Ausgestaltungen näher erläutert. Weitere große Gliederungspunkte sind die charakteristische Altheimer Keramik und die Knochen-, Feuerstein- und Felsgesteinartefakte, die als Werkzeug, Schmuck oder Jagdausrüstung gedient haben. Des Weiteren wird die Wirtschaftsstruktur dieser Kulturerscheinung ausgearbeitet und um das Bild abzurunden kurz auf das Bestattungswesen, welches leider kaum erforscht ist, eingegangen. Anschließend werden in einem Fazit die Kernaussagen dieser Arbeit zusammengefasst.

2 Forschungsgeschichte

Mit der Entdeckung des Altheimer Erdwerkes wurde in der ur- und frühgeschichtlichen Forschung einer längst bekannten Kulturerscheinung 1924 von Paul Reinecke ein Name gegeben und mit allen sich daraus ergebenden Folgerungen herausgestellt. Zu Beginn galt die Altheimer Gruppe für Paul Reinecke und z.B. auch für J. E. Forssanders als Ausgangspunkt seines eigens angefertigten Systems der Gruppierung des Jungneolithikums. Im Laufe der Zeit verlor die Altheimer Gruppe, mangels Materialvorlagen, allerdings an Bedeutung und spielte für die Erforschung des Jung- und Endneolithikums nur noch eine untergeordnete Rolle. Einen erneuten Wandel erfuhr die Erforschung der Altheimer Gruppe nachdem 1938 weitere Teile des Grabenwerkes von Essenbach-Altheim unter der Leitung von K. H. Wagner untersucht wurden und der Kulturgruppe ein ganzer Band in der Handbuchreihe gewidmet werden sollte. Des Weiteren spiegelte sich der Wandel nicht nur im Stellenwert in der Forschung wieder, sondern auch in einem Bedeutungswandel. Während in den älteren Berichten von W. Bremer im Reallexikon der Vorgeschichte oder in K. Schumachers Forschungsbericht von 1914 von einer eng umgrenzten Einheit die Rede war, wurde damit in jüngeren Publikationen eine über einen größeren Raum wirkende und nach verschiedenen Richtungen ausgreifenden Kultur beschrieben1. Vorerst war es also Ziel der Forschung die Verwirrung um den Begriff der Altheimer Gruppe aufzuheben. Als Paul Reinecke die Arbeit über den „spätneolithischen Altheimer Kulturkreis“ vorlegte hatte sich seine Meinung diesbezüglich auch schon geändert, da er von einem „südostbayerisch-salzburgisch- oberösterreichischen Altheimer Kreis“ schrieb. Er schloss zum Beispiel verschiedene Kulturen um den Mond- und Attersee und um das Salzbachtal eng an den Altheimer Kreis an und andere Gebiete, wie der norditalienische Remedellokreis, wurden als gleichaltrig angesehen. Von diesen Erkenntnissen ausgehend verfasste Paul Reinecke 1929 einen Aufsatz, indem der Horizont „Remedello-Altheim-Noßwitz“, mittels Bygholmer Funde, bis nach Skandinavien verlängert wurde und das Gerüst der ganzen Untersuchung bildete2. Im Laufe der Zeit wurden zahlreiche unterschiedliche Meinungen zur Chronologie der mitteleuropäischen Jungsteinzeit vertreten, die hier nicht weiter von Belang sind. Zu erwähnen ist nur, dass die Ansichten immer überprüft und, neuer Funde und Erkenntnisse entsprechend, angepasst wurden. Man muss sich allerdings immer vor Augen führen, dass wie jede chronologische Gliederung, auch diese nicht als eine durch scharfe Trennungsstriche aufgeteilte Stufenabfolge verstanden werden kann, sondern dass sich häufig nur Horizonte feststellen lassen, die zwischen den einzelnen Übergängen fließend verlaufen können3. Von 1982 bis heute erschienen zahlreiche Publikationen über neuere Funde und Befunde in bereits bekannten Altheimer Siedlungsstellen. Besonders hervorzuheben ist die Autorin B. S. Ottaway, die durch ihre vielseitigen Berichte, wie über die Altheimer Feuchtbodensiedlungen Ergolding-Fischergasse oder die neuen Radiokarbondaten Altheimer und Chamer Siedlungsplätze in Niederbayern, das Bild maßgeblich erweitert und zu einem passablen Forschungsstand geführt hat. Nicht zu vergessen sind des Weiteren die intensiven Begehungen von E. Preß in der Erdinger Umgebung, von H. Neubauer in der Nähe von Deggendorf, von J. Keims auf dem Straubinger Gäuboden und von E. Frickhingers im Nördlinger Ries, wo sich insgesamt 47 Fundstellen der Altheimer Gruppe lokalisieren ließen4.

3 Datierung

Die Altheimer Gruppe war eine Kulturerscheinung des späten Jungneolithikums. Nach der Periodisierung des Neolithikums nach Jens Lüning 1996 umfasste die Phase der Altheimer Kultur einen Zeitraum von etwa 3800 v. Chr. bis 3400/3300 v. Chr. (Abb. 1). So datiert zum Beispiel die Gründung der Feuchtbodensiedlung Pestenacker in das Jahr 3495 v. Chr. und die ca. 2 km nördlich von Pestenacker gelegene altheimzeitliche Siedlungsstelle Pestenacker- Nord wurde mithilfe von14 C-Daten auf die Zeit um 3750 v. Chr. datiert5. In Unfriedshausen weisen die Waldkanten an den Pfosten durch dendrochronologische Untersuchungen auf verschiedene Schlagphasen in den Jahren 3539, 3533/32 und um 3517 v. Chr6. Auch für Ergolding-Fischergasse liegen mittlerweile eine ganze Reihe von14 C- Messungen vor, die einen Zeitraum von 3700 bis 3300 v. Chr. angeben7. Zeitgleich mit dem Siedlungszentrum entstand die altheimzeitliche Siedlung am Koislhof. Das Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg ermittelte mittels verschiedener Hölzer ein Datum zwischen 3640 und 3510 v. Chr8.

4 Verbreitung

Die Altheimer Gruppe siedelte in einem landschaftlich uneinheitlichen Gebiet, das im Großen und Ganzen dem heutigen Südbayern entspricht. Abgrenzen lässt sich dieser Bereich durch geologische Gegebenheiten, wie Flussläufe oder Höhenrücken. So bildete im Osten die Saalach die Grenze und im Norden fassen wir über die Höhen des Bayerischen Waldes und des südlichen Teiles der Frankenalb keine weiteren Anhaltspunkte für eine Besiedlung. Das Verbreitungsgebiet reichte im Westen bis zum Lech und verlief im Süden entlang der Linie Landsberg-München-Chiemsee quer durch das Alpenvorland9. Auffallend ist, dass die Bereiche Ingolstadt, Neuburg, Dillingen und Lauingen nur wenige oder zum Teil überhaupt keine Altheimer Fundstellen aufwiesen. Diese Tatsache entzieht sich vorläufig jeder Erklärung, da das Donautal eine Verbindung zwischen den niederbayerischen Fundstellen und denen des Nördlinger Rieses darstellt. Das gleiche Phänomen spiegelt sich auch längs des Lechs und der Paar wieder. Die Feuchtbodensiedlung Pestenacker, die sich in diesem Bereich befand, bildet eine Ausnahme, wird aber vermutlich zu damaliger Zeit keinen isolierten Standort inne gehabt haben10. Vorstellen möchte ich an dieser Stelle auch einige Altheimer Fundstellen, auf die im Laufe der Arbeit immer wieder eingegangen wird. Zum einen das bereits mehrfach erwähnte Grabenwerk von Essenbach-Altheim auf einer Lössterrasse des mittleren Isartals im Landkreis Landshut. Die dunklen Grabeneinfüllungen wurden im Jahre 1911 entdeckt und 1914 bzw. 1938 zum Teil erforscht. Seit 1979 ist erstmals die gesamte Anlage bekannt. Dies ändert aber nichts daran, dass die Bedeutung des Grabenwerks noch immer umstritten ist. Allerdings steht, auf Grund zahlreicher Parallelen, außer Frage, dass es sich um eine profane Befestigung handelte, die im Kampf ihr Ende fand11. Des Weiteren die, auch bereits angesprochene, Feuchtbodensiedlung Ergolding- Fischergasse im Isartal, am Übergang der Niederterrasse zur lössbedeckten Hochterrasse am nordwestlichen Rand des Marktes Ergolding12. Obwohl sich die Siedlung auf feuchtem Boden befand, erwarten einen hier schlechte Erhaltungsbedingungen aufgrund fortwährender Senkung des Grundwasserspiegels und mittelalterlicher Wiederbesiedlung13. Die Grabungskampagne fand 1981-1987 auf einem privaten Grundstück statt und Ziel war es die ungefähre Ausdehnung der Besiedlungsfläche der Altheimer Gruppe zu ermitteln14. Die Funde, wie zum Beispiel charakteristische Scherben, sowie Knochen-, Geweih-, Silex- und Steinwerkzeuge, befanden sich direkt über einer Torfschicht, die sich zum Zeitpunkt der Ausgrabung noch unter Wasser befand15. In unmittelbarer Nähe von Ergolding-Fischergasse lag eine weitere Feuchtbodensiedlung der Altheimer Gruppe auf der Niederterrasse der Isar, genau zwischen Altheim und Essenbach16. Die Fundsituation bei der Ausgrabung 1985 erinnerte stark an die in Ergolding-Fischergasse, da die Funde dort auch direkt auf dem Torfhorizont aufgefunden wurden. Allerdings stand die Torfschicht am Koislhof in einer geringeren Tiefe an, sodass sie zum Teil schon ausgetrocknet war. In den Jahren 1985 - 1991 wurden verschiedene Handbohrungen, sowie Sondagegrabungen durchgeführt17. Eine weitere gut erforschte Feuchtbodensiedlung befand sich in Pestenacker bei Landsberg, im vermoorten Talboden des Verlorenen Bachs. Die Erforschung der Siedlung erfolgte 1988 mit Hilfe des DFG-Projekts „Siedlungsarchäologische Untersuchungen im Alpenvorland“, welche nach fünfjähriger Förderdauer durch das eigens gegründete Referat Feuchtbodenarchäologie weitergeführt wurde. Man traf auch hier auf schlechte Erhaltungsbedingungen für organische Materialien und oberflächennahe Denkmäler, allerdings wurde dieser Umstand durch eine ausgezeichnete Holzerhaltung in den unteren Schichten wett gemacht18. Rund 500 m südlich von Pestenacker lag in ähnlich topographischer Situation die Talauensiedlung Unfriedshausen. Erforscht wurde diese Siedlung erstmals 1986 und nach schichtweisem Abbau des moorigen, von Kalksedimenten durchzogenen Bodens kam ein Holzrost zutage, der kreuzweise auf stärkeren Unterzügen auflag. Man stößt also auch hier auf einer hervorragende Holzerhaltung, die der Archäologie für dendrochronologische Untersuchungen sehr von Nützen ist19. Erwähnenswert ist auch die Altheimer Besiedlung auf dem Sallmannsberg bei Landshut und auf dem Galgenberg bei Kopfham, sowie weitere Grabenwerke in Niederbayern, wie zum Bespiel Bad Abbach- Alkofen, Osterhofen-Neu-Wisselsing und Künzing-Bruck.

5 Siedlungswesen

Im Gegensatz zum Mittelneolithikum, welches sich durch weilerartige Dorfanlagen mit locker gestreuten Einzelgehöftgruppen auszeichnete, waren in der Initialphase des Jungneolithikums durchstrukturierte Häuser, die dicht beieinander standen und ihre Giebel regelhaft den, zwischen den Hauszeilen verlaufenden Wegen zuwendeten, vorherrschend. Allgemein betrachtet war eine Expansion der Siedlungsräume in bisher nur sporadisch oder nicht genutzte Landschaften festzustellen. Die Ausweitung umfasste Besiedlungen bis an die Grenzen des altneolithischen Lösssiedellandes, die Moorgebiete um den Federsee und die Schwäbische Alb. Des Weiteren wurden im frühen Jungneolithikum die ersten Höhensiedlungen, wie etwa auf dem Goldberg im Nördlinger Ries, angelegt20. Für das Siedlungswesen der Altheimer Gruppe im späten Jungneolithikum liegen recht unterschiedliche und größtenteils recht dürftige Quellen vor. Sicher ist aber, dass man keine nach einheitlichen Gesichtspunkten vollzogene Wahl des Siedlungsplatzes nachweisen kann. Die nutzbar gemachten Siedlungsräume der Altheimer Gruppe waren sowohl Höhen, Feucht- , als auch Mineralbodensiedlungen und wurden nun in deutlich geringeren Abständen zueinander angelegt. Die Ursachen dieser differenzierten Platzwahl lassen sich allerdings nicht recht erkennen21.

5.1 Siedlungsausprägungen

Die Feuchtbodensiedlungen wurden nahe an Lössflächen angelegt und waren unmittelbar am Fließwasser orientiert. Die Ähnlichkeit der niederbayerischen mit den lechrainischen Feuchtbodensiedlungen verdeutlicht eine gleiche Ausprägung der Siedlungsform auf überregionalem Niveau. Des Weiteren wurde der topographischen Lage kein fortifikatorischer Zweck zugesprochen. Für die Mineralbodensiedlungen konnten die gleichen Standortfaktoren, wie Wasser und Nähe zu fruchtbaren Böden, ermittelt werden. Ein wichtiger Unterschied zwischen den Feucht- und den Mineralbodensiedlungen konnte anhand der Siedlungsgröße festgestellt werden. Die Feuchtbodensiedlungen waren um ein wesentliches kleiner als die Mineralbodensiedlungen (Abb. 2). Alle diese Beobachtungen ergeben das Bild einer unterschiedlichen Ausdrucksform einer einheitlichen Tradition, die ihre spezifischen Ausprägungen lediglich durch örtliche Gegebenheiten erfuhr. Eine weitere Ausprägung des Altheimer Siedlungswesens waren die Grabenwerke, zu denen die namesgebende Siedlung Essenbach-Holzen bei Altheim zählt. Schwere Erosionsschäden erschwerten die Forschungsarbeiten, aber bis 2001 konnten schon rund 20 Grabenwerke der Altheimer Kultur untersucht und ausgewertet werden. I. Matuschik stellte in seinem Bericht heraus, dass sich die Grabenwerke der Altheimer Gruppe größen- und formenmäßig von den Grabenwerken anderer neolithischer Kulturen im süddeutschen Raum, durch eine wesentlich reduziertere Größe, absetzten lassen. B. Engelhardt betonte in seinen Aufzeichnungen ein Zusammenrücken der Siedlungen zu kleinen Siedlungsgruppen und beobachtete, dass zu jeder dieser Gruppen ein Grabenwerk gehört und folgerte daraus, dass die Erdwerke Mittelpunkte der Siedlungsgemeinschaft waren. Sie lagen häufig innerhalb größerer Ansiedlungen an betonter Stelle, aufgrund dessen der Autor von einer sozialen Separierung eines Familienverbandes spricht. Des Weiteren notierte Engelhardt, dass zwei Lagetypen bestimmend waren: Die Lage an der Terrassenkante oder am Unterhang bzw. Hangfuß. Eine einheitliche Meinung zur Funktion der Grabenwerke gibt es bis heute nicht, aber man geht mittlerweile davon aus, dass die Anlagen zeitgleich unterschiedlichen Zwecken gedient haben. Die Gräben der Altheimer Grabenwerke nahmen einen geraden Verlauf, bogen meist rechtwinklig um und sind als, zwischen 1 und 5 m breit und noch bis zu 2 m tiefe, Sohl- oder Spitzgräben geschaffen worden (Abb. 3). Das Erdwerk von Altheim bestand aus drei Grabenringen, die sich konzentrisch umeinander legten und auf der Südostseite eine doppelte Toranlage bildeten (Abb. 4). Alle Funde aus dem Erdwerk trugen eindeutigen Siedlungscharakter, allerdings fehlten Befunde von Wohnbauten ganz und gar. Auch zwischen Feuchtbodensiedlungen und Grabenwerken ließen sich erhebliche Gemeinsamkeiten in der Ausprägung feststellen. Das hohe Maß an Übereinstimmungen bezeugt eine äußerst homogene kulturelle Prägung des Altheimer Kulturraumes22.

5.2 Siedlungsausbau

Die Siedlungen in feuchteren Gebieten wurden überwiegend über einer Isolationsschicht aus Birkenästen und -reisig errichtet23. Die Häuser zweier Zeilen standen sich giebelständig gegenüber und waren aufeinander oder denselben Weg orientiert. Belege dafür gibt es aus Pestenacker und Unfriedshausen (Abb. 5). In Pestenacker konnten in der ersten Phase drei Hauszeilen mit bis zu 19 Hausplätzen und in Unfriedshausen 12 Häuser an einem Hauptweg ermittelt werden24. Erstmals gelang es bei der Grabung am Sallmannsberg ein komplettes jungneolithisches Siedlungsareal und somit einen Hinweis auf die Ausdehnung Altheimer Siedlungen zu erfassen. Etwa 30 Objekte konnten zu dieser Siedlung gezählt werden, darunter fünf Grubenhäuser von 4x3 m25.

Im Hinblick auf die rechteckigen Bauten der Rössner Kultur handelte es sich bei den Gebäuden der Altheimer Kultur um quadratische Anlagen mit Wänden, die aus auffallend dünnen Pfosten von 10 bis 25 cm Durchmesser, bestanden und nur wenige cm in den Boden eingetieft waren. Nach Befunden und Funden aus dem Inneren der Gebäude wies sich die Mehrzahl als Wohnhaus mit Feuerstellen und Kuppelöfen aus. Zur Abdichtung wurden vermutlich Tierfelle und Filzstreifen benutzt. Ficker nimmt an, dass die Gebäude einen ringförmigen Abschluss mit einer Öffnung zum Lichteinfall und als Rauchabzug besaßen26. Aus Pestenacker sind Hausgrundrisse belegt, die eine detaillierte Untersuchung und Beschreibung des Hausbaues der Altheimer Keramik ermöglichten. Haus 1 wurde in der Anfangszeit der Besiedlung als Pfostenbau mit Pfostenbohlenwänden und einem zweiteiligen Bodenaufbau errichtet (Abb. 6). Dazu wurde ein loser Rahmen aus Erlen- und Birkenschwellen auf der Innenseite der Dachpfosten verlegt. Auf den einzelnen Schwellen wurden die horizontalen Wandbohlen hochkant und mit der Spaltfläche nach innen aufgesetzt. Das Gebäude hatte eine Grundfläche von rund 32m2 und stellt somit bislang das größte Haus in Pestenacker dar. Die Dachlast wurde auf die tief eingerammten, aus stammrundem Holz geschlagenen Eichenpfosten, verteilt. Im Inneren des Hauses wurden keine ähnlich tief fundamentierten Pfosten entdeckt. Allerdings wiesen Pföstchen und Spaltlinge im nördlichen Drittel des Hauses auf leichte, vielleicht nur halbhohe, öfters wechselnde Innenwände oder Unterteilungen hin. Auch schienen sich die Aktivitätszonen in den Häusern des Öfteren verändert zu haben. Nach einem Brand wurde das Haus 3491 v. Chr. mit einer neuen Wandkonstruktion an beiden Firstseiten instandgesetzt. Der hölzerne Bodenaufbau bestand aus zwei bis drei Schichten: die übliche Isolationsschicht aus Birkenästen und -reisig, halbierte Pappelschäfte und Bestandteile von Eichen und Linden. Eine Reihe von bautechnischen Besonderheiten erfassten die Forscher in Haus 4 (Abb. 7). Das Gebäude hatte eine Grundfläche von 26,5 m2 und war der einzige zweischiffige Bau. Das Dachgerüst war mit dem Unterbau, welcher aus sechs Lagen bestand, verbunden und der Fußboden war rund 80 vom Untergrund abgehoben. Der Unterbau bestand aus Schwellen, Querhölzern, Unterzügen und einer abschließenden Bretterlage. Lange Wandbohlen am Rand der Bodenbretter belegen, dass die Wand auf dem Unterboden auf und nicht, wie bisher zu beobachten gewesen war, daneben aufsaß. Die Dachlast verteilte sich auf je vier eingerammte Eichenrundlingen und -Halblingen in drei Reihen. Unterschiede in der Nutzung der einzelnen Häuser lassen sich derzeit noch nicht nachweisen, da alle Gebäude als Wohnhäuser mit Feuerstelle, zusätzlich auch als Stall, genutzt wurden. Anlagen mit Sonderfunktionen, Gemeinschaftshäuser oder ähnliches sind noch nicht bekannt27. In Unfriedshausen entdeckten die Archäologen einen weiteren Sonderfall hinsichtlich des Ausbaus der Gebäude, denn hier kam der Befund eines ebenerdig errichteten Hauses zu Tage. Allerdings gab es keine weiteren Informationen über Maße, Grundriss oder Außen- und Zwischenwände. Im Inneren des Gebäudes fand man zwei Steinsetzungen, die als Feuerstelle interpretiert werden könnten, Ansammlungen von Feuersteinabschlägen und kleine Häufchen von Samenkörnern28. Die lange Zeit als Grubenhäuser angesprochenen Befunde im altheimerzeitlichen Siedlungsgefüge kommen nach neueren Untersuchungen als Wohnbauten nicht mehr in Frage. Das ergab sich aus Vergleichen mit anderen Hausgrundrissen der Altheimer Kultur. Die analysierten Gruben wiesen sehr kleine Abmessungen und eine bescheidene, praktisch nicht vorhandene Einrichtung auf. Diese Befundsituation passte nicht zu den Befunden aus anderen Altheimer Siedlungskontexten. Dort traf man auf eine Wohnfläche von etwa 30m2, einer Unterteilung in mehrere spezifische Räume, eine große, schwer fundamentierte Feuerstelle, ein mehrlagiges Hausfundament und isolierte Fußböden. Die sogenannten Grubenhäuser der Altheimer Kultur wurden von G. Schönfeld als Erdkeller unterhalb der Wohnhäuser gesehen29. Aus den Siedlungen sind zwar kaum Verkehrswege überliefert, doch gaben zahlreiche Tordurchlässe, Baulücken und Pfostensetzungen einige Hinweise. So war zum Beispiel Pestenacker durch ein Wegesystem von Haupt-, Neben- und Zugangsweg erschlossen (Abb. 9). Den Weiler erreichte man über einen Weg, der vom Hangfuß der Altmoräne kommend in ost-westlicher Richtung geradewegs auf die Siedlung zulief und sich in der Siedlung als zentraler Hauptweg fortsetzte. Der 2,20 m bis 2,60 breite Hauptweg, an dem sich die Häuser giebelständig orientiert haben, führte durch die ganze Siedlung bis zum gegenüberliegenden Zaun. Die Konstruktion bestand aus zwei Teilen, einer Isolationsschicht aus Birkengeäst und Eichenspänen, und darüber, quer zur Wegrichtung, lagen halbierte Eichenstangen mit der flachen Seite nach unten. Der zentrale Weg wurde zur Gründungszeit der Siedlung um 3495 v. Chr. angelegt und im Laufe der Zeit öfters ausgebessert. Der Befund des zweiten, schmaleren Nebenweges wurde leider durch einen nachsiedlungszeitlichen Bach stark gestört30. In Unfriedshausen ist eine ähnliche Form der Siedlungsgestaltung fassbar. Ein zentraler Hauptweg, an dem sich die Häuser in zwei Reihen gegenüberstanden, führte durch die ganze Siedlung und die Siedlung selbst war durch einen Zugangsweg erschlossen31. Die Siedlungen der Altheimer Kultur waren wahrscheinlich alle von einem Flechtwerkzaun umgeben, der mit einer Reihe von Rundlingen schwach fundamentiert war32 (Abb. 8). In den meisten Fällen wurde er aus Eichenholz gefertigt und bestand aus zwei Teilen. Die Pfosten wurden regelmäßig im Abstand von 1 bis 1,5 m eingeschlagen und kleine, enger zusammen gestellte Pföstchen aus Spaltlingen und kleinen Rundlingen wurden davor gesetzt33. Ein Weiteres Beispiel ist in Ergolding-Fischergasse fassbar. Dieser markierte von Südwest nach Nordost, an der nördlichen Grenze, den Siedlungsverlauf und bestand aus einer Reihe durch Flechtwerk verbundener Pfosten34. Der Rekonstruktionsversuch des Zauns in Pestenacker ergab, dass die zu flechtenden Hölzer in grünem Zustand verarbeitet worden sein mussten und demnach der Zaun eine heckenartige, stachelige Konstruktion war. Welchen Zweck die Zäune im Einzelnen innehatten ist nicht mehr nachvollziehbar, aber die Forschung geht davon aus, dass ihnen kein fortifikatorischer Primärzweck zugrunde lag. Vermutlich handelte es sich mehr um eine Kombination aus Wach- und Schutzzaun. Erneuert wurden die Zäune in der Regel dadurch, dass ein parallel geführter neuer Zaun außen vor den Älteren gesetzt wurde35.

Für die Altheimer Kultur liegen uns keine Befunde von Torkonstruktionen vor. Bisher ließ sich nur die Lage der Torkonstruktion im Siedlungsgefüge ermitteln. In den meisten Fällen lagen die Tordurchlässe in der Mitte der Zaunseite, die zum Talrand geführt hatte. Da die Hauptwege sich von einem zum anderen Zaun, durch die komplette Siedlung, bewegten schloss man darauf, dass sich auf der gegenüberliegenden Seite eine weitere Torkonstruktion, oder mindestens eine Pforte befand36.

6 Die Altheimer Keramik

Die Darstellung der Altheimer Keramik gründet in dieser Arbeit auf den Funden aus Ergolding-Fischergasse aus dem Jahr 1995, da die qualitative und quantitative Auswertung der Keramik mit der bereits 1960 von J. Driehaus untersuchten Keramik verglichen und somit neuere Ergebnisse herausgestellt wurden. Im weiteren Verlauf wird ein Überblick über die Herstellung und Oberflächenbehandlung, die Form der Gefäße, die Zusammensetzung der verwendeten Tone sowie der Magerung und der charakteristische Verzierung gegeben.

6.1 Tonbeschaffenheit, Magerung und Wandstärke

Für die Altheimer Keramik wurden größtenteils nur lokal anstehende Tone verwendet37. Durch NAA-Untersuchungen konnte belegt werden, dass der gleiche Ton sowohl für Fein-, wie auch für Grobware verwendet wurde. Der Unterschied lag nur an der differenzierten Magerung38. Der Hauptteil der Magerung, in Form von Körnern, Kieselsteinen oder zerstörtem Quarz, stammte vermutlich auch aus der näheren Umgebung, allerdings stellte man durch Dünnschliffanalysen auch Einschlüsse aus dem Bayerischen Wald fest39. Die Tonbeschaffenheit der Altheimer Keramik war viel gröber als die anderer neolithischer Kulturen. Das lag zum Teil an der Magerung, aber auch am allgemeinen Erscheinungsbild, dass der raue Schlickauftrag verlieh.

[...]


1 Driehaus 1960, 1.

2 Ebd. 2.

3 Ebd. 9.

4 Driehaus 1960, 82.

5 Bauer 2009, 194.

6 Ebd. 198.

7 Aitchison 1988, 43-44.

8 Ottaway 1991, 42.

9 Driehaus 1960, 82.

10 Driehaus 1960, 83.

11 Christlein 1982, 134.

12 Ottaway 1995, 13.

13 Ebd. 11.

14 Ebd. 14-17.

15 Ebd. 11-13.

16 Bolten 1989, 37.

17 Ottaway 1995, 220-223.

18 Bauer 2009, 177-179.

19 Huber 1988, 48.

20 Zeeb 1996, 101.

21 Driehaus 1960, 92.

22 Schönfeld 2001, 17-59.

23 Bauer 2009, 184.

24 Ebd. 195.

25 Böhm 1982, 28-30.

26 Ficker 2005, 174-175.

27 Bauer 2009, 183-190.

28 Huber 1988, 48.

29 Schönfeld 2001, 19-36.

30 Bauer 2009, 182-183

31 Ebd. 195.

32 Schönfeld 2001, 48.

33 Bauer 2009, 190-191.

34 Aitchison 1988, 43.

35 Schönfeld 2001, 48-52.

36 Ebd. 54.

37 Ottaway 1995, 54.

38 Ebd. 57.

39 Ebd. 54-55.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Das Jungneolithikum in Europa. Siedlungswesen, Keramik und Artefakte der Altheimer Gruppe
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Professur für ur- und frühgeschichtliche Archäologie)
Veranstaltung
Das Jungneolithikum in Europa
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
45
Katalognummer
V288081
ISBN (eBook)
9783656883524
ISBN (Buch)
9783656883531
Dateigröße
3939 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Altheimer Gruppe, Jungneolithikum in Europa, Feuchtbodensiedlung Pestenacker, Grabenwerk von Essenbach-Altheim, Ergolding-Fischergasse, Altheimer Keramik, Altheimer Knochenartefakte, Altheimer Feuersteinartefakte, Altheimer Felsgesteinartefakte, Wirtschaftsstruktur der Altheimer Gruppe, Bestattungswesen der Altheimer Gruppe
Arbeit zitieren
Nathalie Peter (Autor), 2013, Das Jungneolithikum in Europa. Siedlungswesen, Keramik und Artefakte der Altheimer Gruppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288081

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