Der Begriff "Lebenswelt" wird sehr häufig in verschiedenen Wissenschaften benutzt. Ebenso häufig wird dabei sein Ursprung in der Phänomenologie Edmund Husserls vollständig vergessen.
Die Arbeit zeigt nach einer Einführung in die Phänomenologie die Herkunft des Begriffs und die Verschiebung seiner Bedeutung in verschiedenen thematischen Kontexten, von der Soziologie bis zur Sonderpädagogik. Dabei stößt man auf teilweise sinnentleerende Missverständnisse, vor allem in solchen Zusammenhängen, in denen "Lebenswelt" als "Umwelt" im Sinne einer ökologischen Psychologie geradezu ins Gegenteil verkehrt wird.
Inhalt
1. Einleitung: "Lebenswelt" - bloß ein Allerweltsbegriff?
2. HUSSERLs Phänomenologie: Ursprung des Begriffs "Lebenswelt"
2.1. Fundierung der Dingwelt
2.2. Intersubjektivität
2.3. Lebenswelt
3. "Lebenswelt" in der Sonderpädagogik: Konturierung und Kritik exemplarischer Konzepte
3.1. "Lebenswelt" als ökologisches Konzept (SPECK)
3.1.1. Lebenswelt als subjektrelative Welt
3.1.2. Lebenswelt als objektive Umwelt
3.1.3. Lebenswelt als normatives Konzept
3.1.4. Lebenswelt versus System
3.2. "Lebenswelt" als evolutionär-konstruktivistisches Konzept (WAGNER)
4. Gegenüberstellung und Kritik der Konzepte
5. Schluss: Pädagogik und Lebenswelt
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, den in der Sonderpädagogik und Soziologie teils beliebig verwendeten Begriff der "Lebenswelt" durch eine Rückbesinnung auf seine phänomenologischen Wurzeln bei Edmund Husserl theoretisch zu schärfen. Es wird untersucht, wie moderne Ansätze den Begriff transformieren, und kritisch geprüft, inwiefern eine naturwissenschaftliche Vereinnahmung des Lebensweltbegriffs dessen ursprüngliche wissenschaftstheoretische Intention gefährdet.
- Phänomenologische Grundlagen des Lebensweltbegriffs bei Edmund Husserl
- Kritische Analyse von Lebenswelt-Konzepten in der Sonderpädagogik
- Gegenüberstellung von systemisch-ökologischen und evolutionär-konstruktivistischen Modellen
- Diskussion der methodischen Abgrenzung zwischen Lebensweltwissenschaft und Naturwissenschaft
- Reflexion über die Bedeutung der Lebenswelt für die pädagogische Praxis
Auszug aus dem Buch
2.1. Fundierung der Dingwelt
Die bedeutendste Operation, die HUSSERL für die Erforschung des Seins im Bewusstsein vollzieht, ist die Einklammerung der sogenannten Generalthesis der natürlichen Anschauung, nämlich die Einklammerung des Seinsglaubens der Welt - übrig bleibt die Welt als Phänomen im eigenen Bewusstseinsraum. Man tritt quasi hinter sich selbst und den eigenen Weltvollzug zurück. HUSSERL nennt diesen gewichtigen Schritt phänomenologische Epoché:
Ihr vollbewußter Vollzug wird sich als die notwendige Operation herausstellen, welche uns das 'reine' Bewußtsein und in weiterer Folge die ganze phänomenologische Region zugänglich macht. [...] . Somit bleibt es als 'phänomenologisches Residuum' zurück, als eine prinzipiell eigenartige Seinsregion, die in der Tat das Feld einer neuen Wissenschaft werden kann - der Phänomenologie (HUSSERL 1985, 145).
In diesem so gewonnenen Residuum aus reinen Erlebnissen wird dennoch eine qualitativ zu differenzierende Phänomenwelt erfahren.
Hier wird auch deutlich, worauf das obige Zitat von PLESSNER, der in seiner philosophischen Anthropologie die belebte Natur phänomenologisch untersucht hat, hinaus läuft: nicht das Bewusstsein ist im Körper, vielmehr ist der Körper im Bewusstsein. HUSSERL stülpt also gewissermaßen den Handschuh des naiven Realitätsglaubens von außen nach innen um und zeigt, dass die ganze Welt in uns stattfindet. HUSSERL nennt dieses absolute Bewusstsein, welches eine Welt erzeugt, ein Transzendentales Bewusstsein, die Ebene des nicht mehr weiter reflexiv hinter sich selbst zurücktreten könnenden Ur-Ich oder auch: das Transzendentale Subjekt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: "Lebenswelt" - bloß ein Allerweltsbegriff?: Die Einleitung beleuchtet die diffuse Verwendung des Begriffs Lebenswelt in der Pädagogik und motiviert die Rückkehr zu Husserls phänomenologischen Ursprüngen.
2. HUSSERLs Phänomenologie: Ursprung des Begriffs "Lebenswelt": Dieses Kapitel legt die philosophischen Grundlagen durch eine Analyse von Husserls Epoché, Intersubjektivität und dem intentionalen Charakter des Bewusstseins dar.
3. "Lebenswelt" in der Sonderpädagogik: Konturierung und Kritik exemplarischer Konzepte: Hier werden pädagogische Ansätze, insbesondere von Speck und Wagner, analysiert und hinsichtlich ihrer Abweichungen vom phänomenologischen Ursprungskonzept diskutiert.
4. Gegenüberstellung und Kritik der Konzepte: Das Kapitel systematisierte verschiedene Lebenswelt-Varianten und zeigt die problematischen Metamorphosen auf, die den Begriff von einer transzendentalen Basis hin zu biologisch-reduktionistischen Konstrukten führten.
5. Schluss: Pädagogik und Lebenswelt: Der Schluss rehabilitiert die Pädagogik als "Lebensweltfach" und warnt vor einer Verwissenschaftlichung, die den menschlichen Kern der pädagogischen Praxis verfehlt.
Schlüsselwörter
Lebenswelt, Phänomenologie, Edmund Husserl, Sonderpädagogik, Intersubjektivität, Systemtheorie, Evolutionärer Konstruktivismus, Bewusstsein, Intentionalität, Subjektivität, pädagogische Praxis, Wissenschaftstheorie, Epoche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretische Fundierung des Lebensweltbegriffs und dessen Verwendung in pädagogischen Kontexten, insbesondere im Hinblick auf eine wissenschaftstheoretische Neubesinnung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Phänomenologie nach Husserl, die sonderpädagogische Rezeption des Begriffs, systemtheoretische Strömungen sowie die Methodologie der Wissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Verwässerung des Lebensweltbegriffs aufzuzeigen und eine Rückbesinnung auf seine ursprüngliche phänomenologische Bedeutung als notwendige Bedingung für eine reflektierte pädagogische Praxis einzufordern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine phänomenologisch orientierte theoretische Analyse und wissenschaftstheoretische Reflexion, um verschiedene Konzepte kritisch miteinander zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Husserlsche Theorie, die Konzepte von Speck und Wagner im sonderpädagogischen Kontext und stellt deren Differenzen zur Phänomenologie heraus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Lebenswelt, Phänomenologie, Intersubjektivität, Systemkritik und pädagogische Anthropologie beschreiben.
In welchem Verhältnis steht Systemrationalität zur Lebenswelt bei Habermas?
Habermas sieht eine Entkoppelung, bei der die Systemrationalität die lebensweltlichen Verständigungsprozesse überlagert und im Extremfall kolonisiert.
Warum wird der evolutionär-konstruktivistische Ansatz kritisiert?
Kritisiert wird die reduktionistische Tendenz, den Geist aus biologischen Daten (Gehirnstrukturen) ableiten zu wollen, was eine methodische Grenzüberschreitung darstellt.
- Quote paper
- Matthias Wenke (Author), 2004, Husserl und die "Lebenswelt" in der Sonderpädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28811