Mit dem Ziel einer wissenschaftstheoretischen Vertiefung versuchte das Seminar des Internationalen Graduiertenkollegs anhand des konkreten Themas "Gastmähler" die Möglichkeiten performanztheoretischer Ansätze für die Geschichtswissenschaft aufzuzeigen. Der vorliegende Beitrag fasst nun die gefundenen Ergebnisse für die mittelalterlichen Zusammenkünfte zusammen.
Der erste Abschnitt geht dabei auf die performative Wende in den Kulturwissenschaften an sich ein. Wie hat sich diese recht junge Herangehensweise an bestimmte Sachverhalte entwickelt? Für welche Disziplinen erscheint sie besonders hilfreich und sinnvoll? Beginnend mit dem für die Sprachphilosophie wegweisenden Werk John L. Austins "How to do things with Words" wird auf die Anfänge dieser Methode in den Geistes- und Sozialwissenschaften übergegangen. Als besonders hilfreich für eine einführende Betrachtung erwies sich dabei Uwe Wirths Sammelband "Performanz: Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften". Mit der Thematik sehr ausführlich beschäftigt hat sich auch die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte, deren Werke in diesem Beitrag besonders für die Geschichte der Performance nützlich waren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ursprünge performativer Ansätze
2.1 Sprechakttheorie
2.2. Theatralität
2.3. Cultural Performance
2.4. Die performative Wende in den Kulturwissenschaften
3. Das mittelalterliche Gastmahl
3.1. Das Essen
3.2. Die Tischmanieren
3.3. Die Gastmahlordnung in der Goldenen Bulle
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis
5.1. Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial performanztheoretischer Ansätze für die Geschichtswissenschaft, indem sie das mittelalterliche Gastmahl als ein Medium politischer Kommunikation und als Form der Performance analysiert.
- Wissenschaftstheoretische Einordnung performativer Ansätze
- Interdisziplinäre Grundlagen aus Sprachphilosophie, Theaterwissenschaft und Ethnologie
- Analyse des mittelalterlichen Gastmahls als gesellschaftlicher und politischer Akt
- Untersuchung von Tischmanieren und rituellen Verhaltensmustern
- Fallbeispiel der Gastmahlordnung in der Goldenen Bulle
Auszug aus dem Buch
3.3. Die Gastmahlordnung in der Goldenen Bulle
Nach einem kurzen, allgemeinen Einblick in das mittelalterliche Gastmahl, bietet die Goldene Bulle exemplarisch einen Einblick in eines der exklusivsten gesellschaftlichen Treffen des Mittelalters, das der Kurfürsten und des römisch-deutschen Königs. Um Streitigkeiten untereinander von vorne herein auszuschließen oder zumindest zu minimieren, existierten eine fixierte Sitzordnung und Aufgabenverteilung. Gegenüber dem König oder Kaiser saß der Erzbischof von Trier und zu des Herrschers linker oder rechter Seite nahmen abhängig vom Abhaltungsort die Erzbischöfe von Köln und Mainz Platz. Weiter auf der rechten Seite des deutschen Königs oder Kaisers saßen der König von Böhmen und der Pfalzgraf bei Rhein, links der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg. Durch die zusätzliche Ausübung der so genannten Hofämter zeigten die weltlichen Kurfürsten auch ihre Bereitwilligkeit, dem König oder Kaiser treu zu dienen. Der Herzog von Sachsen übernahm die Rolle des Erzmarschalls, der Markgraf von Brandenburg diente als Erzkämmerer, der Pfalzgraf bei Rhein tat Dienst als Erztruchsess und der König von Böhmen war als Erzmundschenk eingeteilt.
Die strenge Normierung der Goldenen Bulle lässt erahnen, dass es zuvor doch auch zu Streitigkeiten in diesen erwähnten Angelegenheiten gekommen sein dürfte. Leicht vorstellbar, dass Karl IV. solche zu unterbinden versuchte: „Anlässe zu jeglichem Hader und Argwohn […] für alle Zeiten beseitigt werden“. Für einen Herrschenden bedeutete Eintracht auf solchen Treffen ein Zeichen des Einverständnisses der höchsten weltlichen und geistlichen Fürsten mit seiner Regentschaft, sichtbar für einen nicht unerheblichen Teil seiner Untertanen. Eine konfliktlose Performance der anwesenden Fürsten konnte dementsprechend eine nützliche Unterstützung des König- oder Kaisertums bedeuten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Zielsetzung ein, die Möglichkeiten performanztheoretischer Ansätze für die Geschichtswissenschaft anhand von Gastmählern zu prüfen.
2. Die Ursprünge performativer Ansätze: Das Kapitel erläutert die Entwicklung performativer Theorien in der Sprachphilosophie, Theaterwissenschaft und Ethnologie sowie deren Rezeption in den Kulturwissenschaften.
3. Das mittelalterliche Gastmahl: Hier wird das Gastmahl als soziale Praxis, als Ort der Tischkultur und politischer Repräsentation analysiert, wobei besonders die Goldene Bulle als Fallbeispiel dient.
4. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass das mittelalterliche Gastmahl ein dankbares Untersuchungsfeld für performative Ansätze in der Geschichtswissenschaft darstellt.
5. Literaturverzeichnis: Dies ist ein Verzeichnis der herangezogenen wissenschaftlichen Werke.
Schlüsselwörter
Performance, Mittelalter, Gastmahl, Geschichtswissenschaft, performativer Turn, Sprechakttheorie, Theatralität, Ritual, Goldene Bulle, politische Kommunikation, Repräsentation, Cultural Performance, Tischkultur, höfisches Fest, Macht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Potenzial performanztheoretischer Ansätze für die historische Forschung anhand des konkreten Beispiels mittelalterlicher Gastmähler.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft wissenschaftstheoretische Konzepte wie Sprechakttheorie und Cultural Performance mit den spezifischen Gegebenheiten mittelalterlicher Festkultur und politischer Repräsentation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Historiker performative Handlungen bei historischen Zusammenkünften als aussagekräftige Quelle für politische Kommunikation und Machtverhältnisse nutzen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein performanztheoretischer Ansatz angewandt, der Handlungen und Inszenierungen als primäre Informationsquellen für die Geschichtswissenschaft bewertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung der performativen Wende und eine praktische Anwendung auf das mittelalterliche Gastmahl, inklusive Tischmanieren und der Goldenen Bulle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Performance, performativer Turn, Mittelalter, Gastmahl, Ritual und politische Repräsentation charakterisiert.
Inwiefern spielt die Goldene Bulle eine Rolle?
Die Goldene Bulle dient als zentrales Fallbeispiel, um die exakte Normierung von Sitzordnungen und Aufgabenverteilungen als politisches Instrument der Eintracht und Herrschaftsstabilisierung aufzuzeigen.
Warum sind Tischmanieren für die Forschung relevant?
Tischmanieren sind relevant, da sie als "Skriptvorlagen" dienen, die sozialen Abstand schaffen und als Indikatoren für Rang und gesellschaftliche Differenzierung fungieren.
- Citation du texte
- Dr.med.univ. Christian Lechner (Auteur), 2013, Das mittelalterliche Gastmahl. Performanz in der Geschichtswissenschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288122