Die Darstellung der septem artes liberales und ihre Umsetzung am Campanile in Florenz


Hausarbeit, 2014

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Personifikation als Wiedergabe des Unsichtbaren

2. Die Darstellung der septem artes liberales und ihre Umsetzung am Campanile in Florenz
2.1 Der Begriff der artes liberales
2.2 Einführung in die grundlegenden Texte von Martianus Capella und Alanus ab Insulis
2.3 Die Umsetzung der artes liberales am Campanile in Florenz
2.3.1 Astronomie
2.3.2 Musik
2.3.3 Geometrie
2.3.4 Grammatik
2.3.5 Rhetorik
2.3.6 Dialektik
2.3.7 Arithmetik
2.4 Die Eingliederung der artes in das Figurenprogramm des Campanile

3. Fazit

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Die Personifikation als Wiedergabe des Unsichtbaren

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“1

Ganz in diesem Sinn funktioniert auch das Darstellungsprinzip der Personifikation. Der Begriff bezeichnet in der Bildenden Kunst die Verkörperung abstrakter Sachverhalte in menschlicher Gestalt2. Die Wiedererkennung durch den Betrachter basiert auf der Charakterisierung durch Attribute, Geschlecht und Alter3, welche neben ihren identifizierenden auch inhaltliche Aspekte verfolgen: so bezeichnet die Weiblichkeit der Figur das grammatikalische Geschlecht des Wortes4, während Attribute auf grundlegende Wesenheiten hindeuten. Damit vereint die ideale Personifikation eine Summe von Qualitäten5 in sich.

Seit dem Mittelalter wurden Personifikationen in profanen und religiösen Bildprogrammen genutzt, um allgemeine Wertvorstellungen und Normen zu vermitteln6, wobei dies oft nicht nur durch einzelne Figuren sondern ganze Themengruppen geschah. Diese entwickelten ab dem 13. Jahrhundert den regelrechten Anspruch, systematisch alle Bereiche des verfügbaren Wissens auf auffallend konstante Weise zu repräsentieren.

Eine dieser Themengruppen stellen die septem artes liberales dar, welche im Folgenden anhand des Reliefzyklus am Florentiner Campanile näher erläutert werden sollen. Dabei soll besonders hervorgehoben werden, worauf sich ihr Wiederkennungswert gründet, welche Grundlagentexte dabei eine Rolle spielen und wie die Freien Künste innerhalb des programmatischen Rahmens wirken.

2. Die Darstellung der septem artes liberales und ihre Umsetzung am Campanile in Florenz

2.1 Der Begriff der artes liberales

Bereits unter Plato und Aristoteles zählten die heute bekannten artes liberales zu den propädeutischen Fächern der Philosophie7. Mit der Adaption des griechischen Lehrplans fanden sie ihren Platz in der römischen Antike und wurden durch Cicero erstmals als artes liberales definiert8. Ihre Festlegung auf die Zahl Sieben erfolgte allerdings erst in der Spätantike9 und mit ihr die Einteilung in Trivium - den Dreiweg - und Quadrivium - den Vierweg. Dabei beinhaltet das Trivium die Disziplinen der Grammatik, Dialektik und Rhetorik, sowie das Quadrivium die Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie. Diese bildeten in ihrer Abfolge eine Ordnung des Wissens, die stufenweise zur Erkenntnis führen sollte10.

2.2 Einführung in die grundlegenden Texte von Martianus Capella und Alanus ab Insulis

Ein für diese Kanonisierung wichtiges Werk aus dem 5. Jahrhundert ist De nuptiis Philologiae et Mercurii von Martianus Capella. Es definiert den für das Mittelalter verbindlichen Kanon von sieben Fächern11 und bildet durch die allegorische Einkleidung des Artes-Wissens eine wichtige Grundlage für spätere Darstellungen. Im Rahmen der Erzählung von der Hochzeit Merkurs mit Philologia werden die Künste als Hochzeitsgeschenk Merkurs vorgeführt und dabei nicht nur ihre Äußerlichkeiten, sondern auch die Inhalte ihrer Fächer ausführlich beschrieben.

Mindestens ebenso wichtig wie Capellas Bücher12 ist der Anticlaudianus von Alanus ab Insulis aus dem 12. Jahrhundert, wenngleich die Künste in eine gänzlich andere Rahmenhandlung gesetzt werden. So beschreibt Alanus in seinem Werk, wie Prudentia zu Gott auffährt, um von ihm die Seele zu erbitten, mit der Natura den vollkommenen Menschen zu schaffen gedenkt. Der für die Himmelfahrt notwendige Wagen wird dabei von den Sieben Freien Künsten gebaut, wobei das Trivium das Gerüst, das Quadrivium die Räder stellt. Während das Aussehen der Jungfrauen in Anlehnung an Martianus Capella wieder ausführlich beschrieben wird, werden die Inhalte der Fächer lediglich angedeutet und ordnen sich diesmal der Königin Theologie unter13.

Wiewohl Martianus' De nuptiis Philologiae et Mercurii zum führenden Lehrbuch des Artes-Kanons vom 6. bis 14. Jahrhundert14 wurde, vermischten sich die Quellenbezüge der Darstellungen mit dem Auftreten des Anticlaudianus häufig. Besonders bei den Attributen der artes zeigt sich oft der Einfluss von Alanus' Werk15. Deshalb soll nun exemplarisch die Darstellung der Freien Künste am Campanile in Florenz sowie die jeweils aus den aufgeführten Werken übernommene Ikonographie untersucht werden.

2.3 Die Umsetzung der artes liberales am Campanile in Florenz

Die Relieftafeln ziehen sich im Sockelgeschoss in zwei mehrfach untergliederten Registern um den Campanile. Die artes nehmen ihren Platz dabei im zweiten Register an der Ostfassade ein. Jede Kunst ist in eine eigene, rautenförmige Tafel gefasst und frontal und sitzend dargestellt, wobei die Reihenfolge ihrer Darstellung sich weder an Alanus' noch an Martianus' Text orientiert. Vielmehr erscheinen selbst die sonst klar getrennten Gruppen von Trivium und Quadrivium miteinander vermischt, so dass sich für den Campanile eine höchst ungewöhnliche Reihenfolge der Künste16 ergibt.

Sie lautet von links nach rechts: Astronomie, Musik, Geometrie, Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik.

2.3.1 Astronomie

Gleichwohl die erste Figur der artes (Abb.1) sich nur schwerlich an ihrer Kleidung17 identifizieren lässt, führt sie doch ein sehr offenkundiges und auf die Beschreibung des Anticlaudianus zurückgehendes Attribut mit sich: die Sphaera18 in ihrer linken Hand. Zudem hat sie den Kopf zur Seite geneigt und den Blick leicht gen Himmel gerichtet, was ebenfalls an eine Passage des Anticlaudianus erinnert: „Non mente magistra degenerat caput in terram, sed uultus in astris heret“19.

2.3.2 Musik

Auch bei der Musik (Abb.2) lassen sich durch das dargestellte Gewand kaum Parallelen zu den beiden Grundlagentexten ziehen. Doch das trapezförmige Saiteninstrument in ihrer Hand, vermutlich eine Art Lyra, weist sie eindeutig als Personifikation der Musik aus. So heißt es im Anticlaudianus: „Dum citharam manus una gerit, manus altera cordas sollicitat.“20

2.3.3 Geometrie

Die Geometrie (Abb.3) erscheint als junge Frau, die sich durch ihre beiden Attribute auszeichnet. So hält sie in ihrer Rechten einen Zirkel, der sich an die Textstelle des Anticlaudianus „Virgam uirgo gerit, qua totum circinat orbem“21 anlehnt. In ihrer Linken führt sie ein Winkelmaß mit sich. Diese Darstellung ist durchaus üblich (Vgl. Abb.4), wenngleich sie weder wörtlich auf Alanus' noch Martianus' Text zurückgeht.

Dafür entspricht das Winkelmaß aber einem mathematischen Symbol und kann deshalb mit der Beschreibung „Was man sonst von ihr sah, das strahlte wider von (…) Sonnenuhren-Zeigerspitzen, den Bildgestaltungen vor Raumabständen, (…) Maßen“22 in Verbindung gebracht werden. Ebenso wird ihr im Anticlaudianus die Lehre des Messens zugeschrieben: „Que mensurandi doctrinam fundit et usum edocet.“23

Interessant an dieser Stelle ist auch, dass die Geometrie die einzige Kunst am Campanile ist, deren Füße deutlich zu sehen sind. Daher lässt sich eine Anspielung auf ihre Tätigkeit vermuten, wie sie von Martianus beschrieben wird: demnach ist sie eine die Erde durchlaufende Wanderin24.

2.3.4 Grammatik

Die Grammatik (Abb.5) wird als ältere Frau dargestellt, die ein langes Gewand sowie einen Umhang trägt. Damit orientiert sie sich an der geläufigen Beschreibung Martianus'25. Die ihr beigefügten Attribute sind die Rute, die sie in ihrer Rechten hält, sowie die drei Kinder, die zu ihrer Linken sitzen und in deren Richtung sie mit der freien Hand eine erzieherische Geste vollführt. Auch Letzteres erinnert an eine Passage aus De nuptiis Philologiae et Mercurii, nach der sie Zöglinge bei sich aufnimmt26, um ihre sprachlichen Fähigkeiten zu behandeln. Dieser Kindesbezug wird auch im Anticlaudianus hergestellt. Dort stillt sie die Kinder nicht nur als Mutter an ihrer Brust, sondern straft dem väterlichen Prinzip gleich mit der Rute27, die sie wie in der Darstellung am Campanile in der Hand hält.

[...]


1 Paul Klee, in: Geelhaar, C.: Paul Klee und das Bauhaus, Köln 1972, S.26.

2 Vgl. Wagner, M.: Allegorie / Personifikation, in: Stefan Jordan, Jürgen Müller (Hrsg.): Lexikon Kunstwissenschaft, Stuttgart 2012, S.41.

3 Ebd.

4 Vgl. Warncke, C.P.: Symbol, Emblem, Allegorie. Die zweite Sprache der Bilder, Köln 2005, S.81.

5 Vgl. Warncke, 2005, S.84.

6 Vgl. Wagner, 2012, S.42.

7 Vgl. Tezmen-Siegel, J.: Die Darstellungen der septem artes liberales in der Bildenden Kunst als Rezeption der Lehrplangeschichte, München 1985, S.14.

8 Vgl. Tezmen-Siegel, 1985, S.9 Im Gegensatz zu den artes illiberales, den Handwerkskünsten, bezeichnen die artes liberales die Bildungsgebiete des freien Mannes.

9 Vgl. hierzu: Olbrich, H., Strauß, G. (Hrsg.): Künste, sieben freie, in: Lexikon der Kunst, München 1996 (Bd.4), S.123.

10 Vgl. Stolz, M.: Artes-liberales-Zyklen. Formationen eines Wissens im Mittelalter (Bd.1), Tübingen 2004, S.10.

11 Während dieses Wissen in der Antike noch als Propädeutik zur Philosophie galt, wurde es ab dem Mittelalter eher zur Propädeutik der Theologie. Vgl. hierzu: Tezmen-Siegel, 1985, S.9.

12 Vgl. Stolz, 2004 (Bd.1), S.24.

13 Die Erzählung umfasst insgesamt neun Bücher, wobei die ersten beiden die Rahmenhandlung einleiten und die restlichen sieben jeweils eine Kunst vorstellen.

14 Prudentia, die Klugheit, ist gleichzeitig die Mutter der freien Künste. Damit entspricht sie nach Ochsenbein der Verkörperung der Philosophie, welche aber nur die erste Stufe der Erkenntnis, nämlich das Wissen um die irdischen Güter, darstellt. Die Herrschaftsinsignien trägt nämlich Theologia, welche von Prudentia auch als Göttin bzw. Königin angesprochen wird und damit eine höhere Stellung erfährt. Vgl. hierzu: Ochsenbein, P.: Studien zum Anticlaudianus des Alanus ab Insulis, Frankfurt 1975, S.84.

15 Vgl. Tezmen-Siegel, 1985, S.22.

16 Vgl. Tezmen-Siegel, 1985, S.4.

17 Die geläufige Reihenfolge orientiert sich an den beiden Grundlagentexten, wobei anzumerken ist, dass die Abfolge der Künste innerhalb des Quadriviums bei Martianus wohl aufgrund der poetischen Handlung abweicht. So lautet die „korrekte“ Anordnung der sieben Künste entsprechend dem Anticlaudianus: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie. Vgl. hierzu: Stolz, 2004 (Bd.1), S.24.

18 Sowohl Alanus als auch Martianus beschreiben sie u.a. als glänzend, golden. Ähnlich ausführlich werden die Kleider der anderen sechs Künste beschrieben. Da diese am Campanile aufgrund des Materials als komplett weiß erscheinen, können hier allerdings nur schwer Parallelen gezogen werden.

19 Vgl. Ab Insulis, A.: Anticlaudianus, herausgegeben von Sanelli, M., Lavis (Trento), 2004, S.74.

20 Ab Insulis, 2004, S.74.

21 Ab Insulis, 2004, S.70.

22 Ab Insulis, 2004, S.72.

23 Capella, M.: Die Hochzeit der Philologia mit Merkur, Übersetzung und Kommentar von Zekl, H.G., Würzburg 2005, S.206.

24 Ab Insulis, 2004, S.70.

25 Vgl. Capella, 2005, S.206. „[S]o trat sie [...] in der römischen Reisekleidung auf.“ Capella, 2005, S.90 Das Gewand, das die Grammatik am Campanile trägt, erinnert in der Ausführung an die römische Palla oder Paenula. Daher lässt sie sich gut mit Reisekleidung in Verbindung bringen.

26 Vgl. Capella, 2005, S.91.

27 Vgl. Ab Insulis, 2004, S.55.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der septem artes liberales und ihre Umsetzung am Campanile in Florenz
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Departement für Kunstwissenschaften)
Veranstaltung
Enzyklopädische Bildprogramme in Italien, 13.-16. Jh.
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V288221
ISBN (eBook)
9783656883623
ISBN (Buch)
9783656883630
Dateigröße
7687 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, umsetzung, campanile, florenz
Arbeit zitieren
Gina Kacher (Autor), 2014, Die Darstellung der septem artes liberales und ihre Umsetzung am Campanile in Florenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288221

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