Alte Ethik oder neue Ökonomik? Skizzierung des Verantwortungsbereichs von Unternehmen durch Corporate Social Responsibility


Hausarbeit, 2012
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Verantwortungsbereiche von Unternehmen

2. Erweiterte Verantwortungsübernahme

3. Corporate Social Responsibility

4. Exkurs: Stakeholder-Theorie Corporate Citizenship

5. Fazit

Quellen:

Einführung

„Eine Moral, die die Sachkenntnis der Wirtschaftsgesetze überspringen zu können meint, ist nicht Moral, sondern Moralismus, also das Gegenteil von Moral. Eine Sachlichkeit, die ohne das Ethos auszukommen meint, ist Verkennung der Wirklichkeit des Menschen und damit Unsachlichkeit.“ (Joseph Kardinal Ratzinger)

Bereits im Jahre 1985 formulierte der aktuelle Papst Benedikt XVI den untrennbaren Zusammenhang zwischen Moral und Wirtschaft1 - zwei Elemente, die noch heute für viele Menschen unvereinbar scheinen. Disziplinen wie die der Wirtschaftsethik beschäftigen sich seit etwa einem Jahrhundert mit dem Verhältnis der beiden Komponenten, die für einige in enger Verbindung miteinander, für andere in deutlichem Gegensatz zueinander stehen.

In Zeiten des wachsenden ökologischen und sozialen Bewusstseins wurde die Frage nach der Verantwortung, die Unternehmen für Umwelt und Gesellschaft übernehmen zu haben, immer dringlicher. Die Theorie reagierte darauf mit Ansätzen wie dem Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR) und anderen Modellen aus der Wirtschaftsethik. Sind sie aus der aktuellen Diskussion kaum noch wegzudenken, bleibt vor allem für die handelnden Akteure jedoch die Frage nach der tatsächlichen Implementierung und Umsetzung solcher Ansätze in der Unternehmenspraxis.

Aktuell weist nicht nur die Bundesregierung2, sondern auch das öffentliche Auftreten zahlreicher Unternehmen auf den hohen Wert von wirtschaftsethischen Konzepten hin3. Außendarstellungen wie diese erhöhen schließlich das Bewusstsein über CSR, rufen es in Diskursen verschiedener Disziplinen und Anwendungsbereiche immer wieder auf den Plan und sorgen letztlich auch für eine gezielte, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der unternehmerischen Verantwortung, die in der Erstellung zahlreicher Theorieansätze und Modelle mündet. Von der Philosophie bis hin zu den Wirtschaftswissenschaften entwerfen die einzelnen Fachbereiche ganz eigenen Perspektiven auf dieses Forschungsfeld und produzieren im Laufe des 20. Jahrhunderts zahlreiche eigene Lösungen. Dabei variieren die einzelnen Konzepte vor allem in der Rolle, die sie den Unternehmen zusprechen und die mit bestimmten Rechten und Pflichten ihrer Umwelt und sich selbst gegenüber verbunden sind.

Diese Arbeit versucht, den tatsächlichen Wert und die Notwendigkeit von überbetrieblicher Verantwortung der Unternehmen zu beleuchten. Die Ausgangsbasis für diese Überlegungen bietet dabei zunächst eine Einführung über die zentralen Motive einer unternehmerischen Verantwortungsübernahme. Vor diesem Hintergrund wird im Anschluss das Konzept der Corporate Social Responsibility vorgestellt, das um die Darstellung zweier ähnlicher Modelle ergänzt wird. Auf Basis der Charakterisierung dieser Konzepte soll letztlich deren Schnittmenge umrissen und herausgestellt werden, welche Verantwortungsrolle den Unternehmen heute zukommen sollte und wie ein sinnvoller Umgang mit eben diesen Modellen in der Praxis gestaltet werden kann. Die Ausführungen basieren dabei auf der der Textgrundlage von Andrew Crane und Dirk Matten (2010)4.

1. Verantwortungsbereiche von Unternehmen

Einer Zuschreibung der sozialen und ökologischen Verantwortungsbereiche eines Unternehmens muss zunächst die Beantwortung der Frage vorausgehen, ob ein Unternehmen überhaupt eine moralische Verantwortung hat, die über rein ökonomisch-betriebswirtschaftliche Prozesse hinausgeht. Ein Ansatz zur Klärung liefert ein Blick in die Verbindlichkeiten der einzelnen Rechtsformen, die für Unternehmen heute üblich sind. Als eine der international bedeutendsten Rechtsformen wählten die Autoren Crane und Matten die Gestalt der „Corporation“, die der deutschen Aktiengesellschaft sehr nahe ist, um die Zuständigkeiten von Unternehmen näher zu beleuchten.

Im Beispiel der nordamerikanischen Corporation, ebenso wie es für deutsche Aktiengesellschaft zutrifft, definiert sich das jeweilige Unternehmen vor allem über seinen rechtlichen Status, durch den es unabhängig von Mitarbeitern, Investoren, Kunden und anderen Beteiligten handeln darf. Vor dem Gesetz wird das Unternehmen so zur „künstlichen Person“ mit eigenen Rechten und Pflichten. Zwar sollen also die Manager eines Unternehmens im Interesse ihrer Anteilseigener agieren, letztere haben in der Regel allerdings keinerlei direkt Einfluss auf Entscheidungen des Unternehmens5. Entsprechend dieser Aufgabenzuweisung stehen Unternehmen dieser häufig auftretenden Rechtsformen also lediglich in der Verantwortung, entsprechend der Interessen der Anteilseigner zu handeln. Hierin liegt, wie etwa der Nobelpreisträger Milton Friedmann im Jahre 1970 herausstellte6, letztlich auch die einzige soziale Verantwortung von Unternehmen. Nach Friedmann lägen die Interessen der Gesellschaft sowie deren Vertretung hingegen ausschließlich im Verantwortungsbereich von Politik und Staat7.

Nichtsdestotrotz betreffenden die Handlungen des Unternehmens allerdings Außenstehende, so etwa die Konsumenten seiner Produkte oder Menschen, die etwa durch verschiedenartige Emissionen (Lärm, Schadstoffe etc.) seiner Produktionsstandorte beeinträchtigt werden oder aufmerksame Beobachter, die sich durch Werbekampagnen des Unternehmens diskriminiert fühlen. Hier bleibt die Frage, wer für eben solche Ergebnisse des Unternehmenshandelns verantwortbar gemacht werden kann.

Einer grundsätzlichen Klärung des Verantwortungsbereichs von Unternehmen muss für diese Fälle eine praxisnahe Analyse der konkreten Zuschreibung von Verantwortung bei unternehmensinternen Entscheidungen folgen: Hier gilt es zu untersuchen, wer im Falle von Entscheidungen und Handlungen des Unternehmens zu Verantwortung gezogen werden kann. Auf diese Weise erschließt sich zugleich die Frage, ob Unternehmen an sich überhaupt eine moralische Verantwortung zu übernehmen hat.

Dafür spricht zunächst ihre rechtliche Gestalt, die sie vor dem Gesetz zur „künstlichen Person“ werden lassen. Zum anderen sind vor allem in großen und mittleren Unternehmen Entscheidungsprozesse derart durchstrukturiert, formalisiert und normiert, dass sich Entscheidungen nur in Ausnahmefällen auf eine einzelne Person oder einen begrenzten Personenkreis zurückführen lassen8. Letztlich übernimmt für diese auch das Unternehmen nach außen hin Verantwortung: Zwar hat die Fehlentscheidung unternehmensintern wohl Konsequenzen für den jeweiligen Verursacher, der etwa durch Abmahnung, Kündigung oder Versetzung sanktioniert werden. Nach außen hin allerdings steht das Unternehmen meist für seine Beschäftigung und das Verleihen seiner Entscheidungsmacht in der Verantwortung. Zusätzlich nimmt das Unternehmen durch seine Unternehmenskultur und entsprechende Richtlinien Einfluss: Unternehmensinterne Prinzipien, Werte und Normen lenken die Entscheidung einzelner in eine bestimmte, von der Unternehmensleitung festgelegten Richtung, an der sich die Mitarbeiter im Unternehmen kollektiv orientieren9.

Diese Bedingungen und Einflussgrößen sorgen dafür, dass ein Unternehmen sich in der Öffentlichkeit ebenso wie vor dem Recht letztlich nicht vollständig von einzelnen Entscheidungsträgern distanzieren kann: Die Verantwortung für eine Handlung des Unternehmens wird der gesamten Organisation und nicht einzelnen Mitarbeitern zugeordnet. Mit der Etablierung von Entscheidungsprozessen und dem expliziten Ausformulierung von Entscheidungsrichtlinien in Form einer Unternehmenskultur oder eines offiziellen Credos begrenzt das Unternehmen den Entscheidungsspielraum der einzelnen Akteure und wird schließlich durch das Installieren von Vorgaben dieser Art selbst als Ganzes zum Verantwortlichen in Bezug auf seine Handlungen.

2. Erweiterte Verantwortungsübernahme

Die Annahme, dass Unternehmen eine außerbetriebliche Verantwortung zukommt, gehört heute weitestgehend zum internationalen Kanon der Wirtschaftswissenschaften. Der Grund liegt in verschiedenen Ursachen, etwa im Trend des wachsenden ökologischen Bewusstseins, das sich unter anderem auch in dem Wunsch nach erneuerbaren Energien, alternativen Lebensstilen und ressourcenschonendem Produzieren äußert10. Zugleich rufen soziale Aufklärungskampagnen und Hilfsprojekte das Bewusstsein über die so genannten „Verlierer der Globalisierung“ hervor, die vorwiegend besonders arme Weltregionen wie Zentralafrika beschreiben, die unter der Wirtschaftskraft der Industrienationen leiden11. Aber auch soziale und ökologische Schäden, die etwa die zunehmende Industrialisierung von Schwellenländern wie China oder Indien hervorruft, sind in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses geraten und lassen Forderungen nach gesamtgesellschaftlich verträglichem Handeln von Unternehmen immer lauter werden.

Aus dieser Perspektive ergeben sich zahlreiche moralische Gründe für die Implementierung von ethisch motivierten Verantwortungskonzepten in die Unternehmensstrategie. Zunächst wird dem Unternehmen vor allem deswegen eine moralische Pflicht zur Verantwortungsübernahme zugesprochen, weil sie als Verursacher vieler sozialer Probleme betrachtet werden12. Neben den genannten Beispielen der Beeinträchtigung durch schädliche Emissionen und andere negative Umwelteinflüsse13 gilt vor allem auch das Erhöhen des Wettbewerbsdrucks auf regionale, kleine Unternehmen durch große Konzerne, die etwa in der Lage sind, Produkte günstiger als Familienbetriebe vor Ort anzubieten und diese somit aus dem Markt zu drängen. Auch das Kaufen, Bebauen oder Zerstören von Land, etwa für das Erreichten eines neuen Produktionsstandorts, gehört zu den extremen negativen Einflüssen, die Unternehmen auf ihre soziale und ökologische Umgebung nehmen. Es ist vor allem diese intensive Vernetzung des Unternehmens mit seinen zahlreichen Betroffenen und Interessengruppen, die sein moralisch verantwortliches Handeln schlicht notwendig machen. Speziell mittelgroße und große Unternehmen haben dabei die Möglichkeit zu einer besonders großen Einflussnahme: Dadurch, dass diese Unternehmen Menschen beschäftigen, Produkte für sie herstellen und in ihrer Umgebung agieren, wird ihr sozialer Einfluss unausweichlich und notwendig14. Diese Unvermeidlichkeit der Einflussnahme stellt schließlich einen der schwerwiegendsten moralischen Gründe für die Übernahme von sozialer Verantwortung durch Unternehmen dar.

Kenntnis über diese Einflusskraft sowie das Bewusstsein über die negativen Effekte des eigenen Handelns war unter Unternehmen, so muss mit großer Sicherheit angenommen werden, jedoch schon vor dem Aufkommen wirtschaftsethischer Konzepte wie der Corporate Social Responsibility verbreitet. Was diese Konzepte so erfolgreich und zum wichtigen Bestandteil vieler Unternehmensstrategien gemacht hat, ist hingegen die Tatsache, dass die jeweiligen Unternehmen auch ökonomische Vorzüge aus der Einführung von Sozialverantwortungs-Konzepten ziehen.

Diese bestehen vor allem in der Stärkung des eigenen Markenbildes: In Zeiten eines allgemein wachsenden ökologischen und sozialen Bewusstseins können solche Maßnahmen etwa zufriedenere oder zusätzliche Kunden bedeuten, ebenso kann auf diese Weise die Attraktivität auf potenzielle Arbeitnehmer steigen15. Den Unternehmen gelingt es zusätzlich durch Maßnahmen, die Gesellschaft und Umwelt zugutekommen, staatlichen Regeln zuvorzukommen16. So verhindert etwa das frühzeitige Spenden eines vergleichsweise hohen Gewinnanteils an soziale Einrichtungen eine erhöhte Besteuerung, das frühzeitige Reduzieren von CO²-Emissionen beim Produktionsprozess verhindert Sanktionen vom Staat, die Unternehmen meist zahlen müssen, weil sie auf das relativ plötzliche Senken der Emissionsgrenzen nicht adäquat schnell reagieren können. Nicht zuletzt bringt die Pflege und Unterstützung des sozialen Umfelds von Unternehmen einen weiteren Eigenvorteil: Mit dieser Unterstützung leisten Unternehmen einen aktiven Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilisierung ihres Umfelds, was sich wiederum positiv etwa auf den Absatz der Produkte auswirkt oder das Finden von hochqualifizierten Arbeitskräften erleichtert17. Es sind letztlich vor allem diese ökonomischen Gründe, die das Implementieren von CSR- und ähnlichen Maßnahmen für Unternehmen sinnvoll und lohnenswert machen und schließlich auch für deren effektive Umsetzung sorgen.

3. Corporate Social Responsibility

Nachdem die rechtliche Zuständigkeit, moralische Notwendigkeit und ökonomische Sinnhaftigkeit in Bezug auf die Verantwortungsübernahme von Unternehmen geklärt wurde, können entsprechende Theoriekonzepte vor diesem Hintergrund beleuchtet werden.

Der englische Begriff „Corporate Social Responsibility“ beschreibt unmittelbar die unternehmerische soziale Verantwortung, wird jedoch an nur wenigen Stellen in der gängigen Fachliteratur eindeutig definiert. Seine Ursprünge lassen sich Mitte des 20. Jahrhunderts vereinzelt in der praxisnahen Wirtschaftsliteratur finden18. In Anbetracht wachsender Herausforderungen der Globalisierung und der zunehmenden Industrialisierung zahlreicher Schwellenländer befasste sich zum Ende des Jahrhunderts schließlich auch die Politik mit dem Konzept der sozialen Verantwortung für Unternehmen. So beschreibt die Europäische Kommission im Jahre 1999 in einem Grünbuch zum Thema den „Corporate Social Responsibility“ als ein

„Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwillige Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren“19.

[...]


1 Ratzinger 1985

2 Bundesministerium für Arbeit und Soziales: CSR in Deutschland

3 z.B. Projektkampagne der Volkswagen AG: „1:0 für Volkswagen: Corporate Social Responsibility in Afrika“

4 Crane, A.; Matten, D.: „Framing Business Ethics: Corporate Social Responsibility, Stakeholders and Citizenship“. In: Crane, A.; Matten, D. (Ed.): Business Ethics. Managing Corporate Citizenship and Sustainability in the Age of Globalization. 3rd revised edition. Oxford University Press, 2010. 37-73.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Crane und Matten 2010: 40

9 Ebd.

10 etwa Pfaff 2004: 94ff.

11 etwa Wahl 2002

12 Crane und Matten 2010: 42

13 Ein populäres Beispiel ist die Ölförderung durch ausländische Konzerne in Ländern wie Nigeria: Durch Unfälle und Schäden an den installierten Anlagen werden Landschaften teilweise stark verschmutzt. Dies gilt auch für das Ackerland, die Landwirtschaft und damit letztlich für die Existenz vieler Bewohner der betroffenen Regionen. Berichterstattung z.B. Die Zeit Online: „Die ganz alltägliche Ölpest“: http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-07/oelpest-nigeria, letzte Überprüfung am 04.06.2012.

14 Crane und Matten 2010: 42

15 Crane und Matten 2010: 41

16 Ebd.

17 Crane und Matten 2010: 42

18 etwa Bowen 1953

19 Grünbuch der Kommission der Europäischen Gemeinschaften 2011: 7

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Alte Ethik oder neue Ökonomik? Skizzierung des Verantwortungsbereichs von Unternehmen durch Corporate Social Responsibility
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V288257
ISBN (eBook)
9783656884835
ISBN (Buch)
9783656884842
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökonomik, Ethik, Corporate Social Responsibility
Arbeit zitieren
Katharina Grimm (Autor), 2012, Alte Ethik oder neue Ökonomik? Skizzierung des Verantwortungsbereichs von Unternehmen durch Corporate Social Responsibility, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288257

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