„Du wirst mir unbegreiflich.“ So wie Ernst geht es wohl auch dem Leser Lessings Spätwerk „Ernst und Falk“, auch bekannt unter dem Titel „Gespräche für Freimaurer“, der schon deutlich darauf verweist, dass der folgende Dialog an eine bestimmte Adressatengruppe gerichtet ist.Nicht ungewöhnlich für die Zeit der Aufklärung, in der esoterische Zirkel wie der Geheimbund der Freimaurer Hochkonjunktur hatten, von denen man sich das Eintauchen in tiefere Erkenntnis versprach. Warum Lessing, selbst Mitglied der Loge „Zu den drei Rosen“ mit seinem Werk jedoch eher Nichtverstehen und Missverständnisse aufzuzeigen scheint, bzw. selbige beim Leser erzeugt ist Gegenstand dieser Arbeit. Dabei wird zunächst die erste Vorrede eines Dritten, die wohl aus Lessings Hand stammt, untersucht werden, da sie für die Erwartungen des Lesers an den ihr nachfolgenden Text entscheidend ist, besonders hinblicklich auf seinen erfolgreichen oder -losen Erkenntnisprozess. Anschließend wird die Unterhaltung der beiden Freunde von Falks Standpunkt aus unter dem Aspekt der Begreifbarmachung analysiert. Da er schon über das Wissen verfügt, das Ernst so sehr begehrt, fällt es ihm zu, den Suchenden auf seinem Weg zur Erkenntnis zu unterstützen und über Verstehensbarrieren hinwegzuhelfen. Hierbei wird sowohl seine Auffassung vom Wesen der Freimaurerei erörtert werden, was es heißt, Freimaurer zu sein bzw. was nicht sowie seine Einstellung zur (Un)möglichkeit der Sprache, Tatsachen in Worte zu fassen was sich unmittelbar auf das Verständnis auswirkt. Im Zusammenhang hiermit werden sodann Ernsts Haltung zur Unsagbarkeit wie auch deren Folgen dargelegt werden. Im Weiteren werden zusätzliche Verstehensproblematiken im Textverlauf aufgezeigt werden, die sowohl die Figuren des Dialogs als auch den Leser betreffen, bevor Ernsts Entwicklung im Dialog vom Wahrheitssuchenden zum aufgenommenen und schließlich erkennenden Freimaurer geschildert wird, die maßgeblich von Momenten des Falschverstehens geprägt ist. In einem letzten Schritt wird abschließend nach Erklärungen gesucht werden, warum Lessing dem Leser das Erfassen der Ontologie der Freimäurerei wie es in der Vorrede verheißen wird, so schwer macht, bzw. warum Falk den Freund so lange durch Mystifikationen im Dunkeln lässt und ihn nur stückchenweise zur Erkenntnis führt.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorrede eines Dritten
2. Falk
2.1 Was es bedeutet, Freimaurer zu heißen
2.2 Verständnisprobleme durch „Unsagbarkeit“
2.2.1 Das Geheimnis und die wahren Taten
2.2.2 Aus der Unsagbarkeit bedingte Notwendigkeit des Erahnens
2.2.3 Weitere unaussprechliche Wahrheiten
2.3 Weitere Verstehensschwierigkeiten
3. Verstehensprobleme durch Streichungen
4. Humoristisches Missverstehen
5. Ernsts Verstehensprozess
6. Mißverstehen der Gesprächsintention
7. Mögliche Gründe für Lessings Esoterik
7.1 Schweigeverpflichtung
7.2 Ausschluss Uneingeweihter
7.3 Sokratische Maieutik
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die pädagogische Funktion der Esoterik in Lessings Spätwerk „Ernst und Falk“. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, warum Lessing durch eine bewusst mystifizierte Sprache und rätselhafte Dialogführung Missverständnisse erzeugt, um den Lernprozess der Figuren sowie des Lesers zu steuern und zur eigenständigen Erkenntnis über das Wesen der Freimaurerei anzuregen.
- Die Analyse der esoterischen Sprachverwendung als didaktisches Mittel.
- Die Untersuchung der Dynamik zwischen dem wissenden Lehrer Falk und dem suchenden Ernst.
- Die Dekonstruktion der „Unsagbarkeit“ als Schutzraum für wahre freimaurerische Taten.
- Die kritische Auseinandersetzung mit den Verstehensproblemen innerhalb des Dialogs.
- Die Rolle der Sokratischen Maieutik bei der Initiierung von Erkenntnisprozessen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Was es bedeutet, Freimaurer zu heißen
Falk, der schon zu Beginn des ersten Gespräches einer Freimaurerloge angehört, nimmt im gesamten Dialog die Rolle des Lehrers ein, nachdem sein Freund Ernst die Unterhaltung abzielend darauf, etwas über das Freimaurertum zu erfahren, initiiert hat. Obwohl ihm die eindeutige Frage gestellt wird, ob er Freimaurer sei, antwortet Falk nicht mit einem klaren Ja oder Nein, wie es sich sein Gesprächspartner wohl wünschen würde, sondern antwortet vage „Ich glaube es zu sein“.
Mit dieser Ernst vorerst in Ungewissheit lassenden Antwort bewirkt Falk die Fokussierung der Unterhaltung auf das Wesen der Freimaurerei an sich, da er nur so seine unverständliche Antwort bzw. den Grund seiner scheinbar unbrauchbaren Äußerung erklären kann.
Nach Michelsen bewegen sich die Freunde hier auf zwei unterschiedlichen Gesprächsebenen: Ernst auf der der „historischen, der Tatsachenwahrheiten“, Falk hingegen in der Sphäre der „vérités éternelles“, wodurch Ernst die Antwort des Freundes nicht verstehen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorrede eines Dritten: Diese Vorrede führt in die Problematik des Verschweigens ein und kündigt die wahre Ontologie der Freimaurerei an, während sie den Leser bewusst im Unklaren lässt.
2. Falk: Dieses Hauptkapitel beleuchtet Falks Rolle als Lehrer, seine bewusste Nutzung von Vageheit und die Schwierigkeiten Ernsts, seine Lehren auf der richtigen Ebene zu erfassen.
3. Verstehensprobleme durch Streichungen: Hier wird untersucht, wie die Entfernung von Namen in den Dialogen den esoterischen Charakter des Werks unterstreicht und den Leser zu eigener Deutung zwingt.
4. Humoristisches Missverstehen: Ein seltener Moment im Zwiegespräch, in dem der sonst belehrende Falk durch eine falsche Zuordnung von Namen Ernsts Wissen unterlegen ist.
5. Ernsts Verstehensprozess: Dieses Kapitel zeichnet Ernsts Entwicklung vom skeptischen und teils zornigen Suchenden hin zum einsichtigen Gesprächspartner nach, der Falks Methode schrittweise begreift.
6. Mißverstehen der Gesprächsintention: Es wird die Frage diskutiert, ob Ernsts Logenbeitritt ein Missverständnis der ursprünglichen Absicht Falks darstellt, der eine geistige statt institutionelle Aufnahme anstrebte.
7. Mögliche Gründe für Lessings Esoterik: Abschließend werden die Hintergründe für Lessings kryptische Ausdrucksweise analysiert, insbesondere die Schweigepflicht, der Ausschluss Uneingeweihter und die didaktische Absicht der Sokratischen Maieutik.
Schlüsselwörter
Lessing, Ernst und Falk, Freimaurerei, Esoterik, Sokratische Maieutik, Erkenntnisprozess, Didaktik, Verstehensprobleme, Ontologie, Geheimnis, Dialogform, Philosophie, Aufklärung, Fermenta cognitionis, Wahrheitssuche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Dialoge in Lessings Spätwerk „Ernst und Falk“ unter besonderer Berücksichtigung der darin eingesetzten esoterischen und didaktischen Vermittlungsstrategien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Dynamik zwischen Lehrer und Schüler, die Unmöglichkeit, komplexe Wahrheiten rein sprachlich zu vermitteln, sowie der pädagogische Wert von Missverständnissen und Rätseln.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, warum Lessing den Leser und die Dialogfigur Ernst gezielt durch eine mystifizierte Sprache und Auslassungen herausfordert, um wahre Erkenntnis über das Freimaurerwesen zu provozieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur zu Lessings Ästhetik und seinen freimaurerischen Schriften.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Falks Rolle als Lehrer, die verschiedenen Ebenen des Missverstehens zwischen den Gesprächspartnern, die Funktion der Streichungen im Text sowie die pädagogischen Absichten hinter Lessings bewusster Esoterik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Esoterik, Sokratische Maieutik, Erkenntnisprozess, Freimaurerei, didaktische Strategie und die Ontologie des Freimaurertums.
Warum ist Falks Antwort auf die Frage, ob er Freimaurer sei, so vage?
Falk antwortet vage („Ich glaube es zu sein“), um Ernst dazu zu zwingen, das Wesen der Freimaurerei über die bloße institutionelle Zugehörigkeit hinaus zu hinterfragen und sich auf eine tiefere, philosophische Ebene des Nachdenkens zu begeben.
Inwieweit ist das Ende des Dialogs als Erfolg zu werten?
Das Ende ist insofern ein Erfolg, als Ernst am Schluss des fünften Gesprächs eine eigene, innere Erkenntnis erfährt („Eine andre Sonne ging mir auf“), was beweist, dass er die Methode des selbstständigen Nachdenkens erfolgreich verinnerlicht hat.
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- Jennifer Stockum (Author), 2011, "Ernst und Falk". Lessings Freimaurergespräche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288283