Die rasante Ausbreitung privater Sicherheitsdienstleister ist seit den 1990er Jahren ein konstitutives Merkmal in den post-kolonialen Gesellschaften Afrikas. Diese Entwicklung wird als „Entstaatlichung“ öffentlicher Ordnung beschrieben. Kenia als formal gefestigte Demokratie verfügt ebenso über einen starken Private Security Company (PSC)-Sektor. Dieser scheint die Absenz staatlichen Schutzes vor steigender Kriminalität zu kompensieren. Die dadurch entstehenden Kosten schließen ärmere Schichten von dieser Dienstleistung aus. Ineffiziente Gerichte und die weit verbreitete Korruption in der Polizei senken weiter das Vertrauen, wodurch eine weitere Form privater Sicherheit in Erscheinung tritt. Bürgerwehren und „gangs“ unterminieren das staatliche Gewaltmonopol und seine Rechtsdurchsetzungsmacht.
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Wirkung von PSCs auf die Sicherheitssituation und identifiziert notwendige Governanceinstrumente zur Regulierung und effektiven Einbindung in die Sicherheitspolitik Kenias. Die Formen privater Sicherheit wie auch die Struktur der PSC-Branche bestimmten dabei die Anforderungen an eine staatliche Regulierung von PSCs.
Dabei wird zum einem der Frage nachgegangen, welche Zielkonflikte bei der Adressierung von PSCs bestehen. Zum anderen sollen die Bedingungen identifiziert werden, die für eine effektive Regulierung der PSCs in Kenia erfüllt sein müssen.
Zunächst soll dargestellt werden, welche Formen privater Sicherheitsarrangements existieren. Folgend werden die Strukturen des PSC-Sektors untersucht. [...]
Der darauffolgende Teil der Arbeit behandelt die Defizite der bestehenden Regulierung und identifiziert Governance-Instrumente, die eine effektive Regulierung ermöglichen. Weiterhin sollen Zielkonflikte benannt werden, die eine Regulierung erschweren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Strukturen privater Sicherheit im „Schwachen Staat“
2.1 Die soziale Dimension: Formen und Notwendigkeit privater Sicherheit
2.2 Der PSC-Sektor in Kenia
2.3 Ziele und Adressaten staatlicher Regulierung
3. Perspektiven der Governance-Architektur
3.2 Die Defizite staatlicher Regulierung
3.2 Konflikte und Perspektiven effektiver Regulierung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Auswirkungen privater Sicherheitsunternehmen (PSCs) auf die Sicherheitssituation in Kenia und identifiziert notwendige Governance-Instrumente für eine effektive staatliche Regulierung, um das Dilemma zwischen Sicherheitsgewährleistung und der Vermeidung einer unkontrollierten Privatisierung von Gewalt zu lösen.
- Strukturelle Analyse des kenianischen Marktes für private Sicherheit
- Wechselbeziehung zwischen staatlicher Schwäche und privatem Sicherheitsbedarf
- Governance-Herausforderungen durch Informationsasymmetrien und Prinzipal-Agenten-Probleme
- Zielkonflikte bei der Bewaffnung privater Sicherheitsdienste
- Die Rolle der Selbstregulierung durch Wirtschaftsverbände
Auszug aus dem Buch
2.2 Der PSC-Sektor in Kenia
Der Markt für private Sicherheitsdienstleistungen verfügt über besondere strukturelle Merkmale, welche die Regulierung von PSCs im Allgemeinen und der Herstellung öffentlicher Sicherheit im Besonderen bedingen. Die Struktur dieses Marktes soll nun als Variable für die Anforderungen an ein effektives Governance-Regime zur Herstellung öffentlicher Sicherheit analysiert werden.
Das proklamierte Interesse der Sicherheitsbranche ist die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Dienstleistungen für den Kunden. Der Sektor in Kenia ist auf schätzungsweise 2000 Sicherheitsunternehmen aufgeteilt, wobei ca. 900 gesetzlich registriert sind. Demnach besteht ein hoher Wettbewerb, was die Preise eher senkt und theoretisch einen Wettbewerb um die beste Dienstleistung je nach Aufgabenbereich entstehen lassen sollte. Es sind ca. 195.000 Beschäftigte im PSC-Sektor tätig, die Polizei verfügt hingegen lediglich über 40.000 Einsatzkräfte. Dieser Aspekt zeigt deutlich an, dass die Herstellung öffentlicher Sicherheit maßgeblich vom Privatsektor abhängig ist.
Der Großteil des Marktes besteht aus der Bewachung von Regierungsgebäuden, internationalen Organisationen, NGOs und Industrie- und Unternehmensanlagen sowie reichen Privatpersonen. Die Großzahl der Unternehmen bietet einfachen Wachschutz durch ungeschultes Personal an, die Dunkelziffer dieser Unternehmen dürfte relativ hoch sein. Von den 900 Unternehmen sind nur 55 verbandlich organisiert, diese beherrschen jedoch einen Großteil des Marktes. Die Kenya Security Industry Association (KSIA) besteht derzeit aus 25 Mitgliedern, wobei die Group4Securior Kenya Unlimited als Ableger einer der größten Sicherheitsfirmen weltweit mit ca. 10.000 Beschäftigten in Kenia der größte Arbeitgeber der Branche darstellt. Die KSIA-Mitglieder bieten von einfachem Wachschutz bis hin zu integrierten Sicherheitsdiensten durch Risikoanalysen und Sicherheitstechnik an.
Die Mitglieder der Protective Services Industry Association (PSIA) sind hingegen auf den Wachschutz beschränkt und konkurriert mit der KSIA um den Markt der einfachen Bewachung. Dies bedeutet, dass der PSC-Sektor einen genuin defensiven Charakter besitzt. Private Militärdienstleister sind nach bisherigen (!) Informationen nicht in Kenia aktiv.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Entstaatlichung öffentlicher Sicherheit in Kenia und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Regulierungsnotwendigkeit privater Sicherheitsunternehmen.
2. Strukturen privater Sicherheit im „Schwachen Staat“: Dieses Kapitel analysiert die sozialen Bedingungen, den kenianischen Markt für PSCs sowie die staatlichen Zielsetzungen bei der Regulierung dieser Akteure.
3. Perspektiven der Governance-Architektur: Hier werden die regulatorischen Defizite sowie die aktuellen Zielkonflikte und die Rolle der Interessenverbände bei der Gestaltung einer effektiven Sicherheitsarchitektur untersucht.
4. Fazit: Die Schlussbetrachtung unterstreicht die Abhängigkeit von privaten Akteuren und die Notwendigkeit einer verbesserten staatlichen Monitoring-Struktur zur Überwindung von Informationsasymmetrien.
Schlüsselwörter
Kenia, Private Sicherheit, PSC, Governance-Architektur, Schwacher Staat, Regulierungsdefizite, Sicherheitsbranche, Gewaltmonopol, Entstaatlichung, Prinzipal-Agenten-Problem, KSIA, PSIA, Sicherheitsdilemma, öffentliche Sicherheit, Parastaatlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle privater Sicherheitsunternehmen in Kenia und untersucht, wie der Staat diesen wachsenden Sektor effektiv regulieren kann, ohne die öffentliche Sicherheit durch die Privatisierung von Gewalt zu gefährden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Aufstieg privater Sicherheitsdienste in einem staatlich schwachen Umfeld, die Struktur des Marktes (KSIA vs. PSIA), die Probleme der staatlichen Überwachung sowie der Konflikt um die Bewaffnung von Sicherheitskräften.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Identifizierung von Governance-Instrumenten, die eine bessere Einbindung von PSCs in die nationale Sicherheitspolitik ermöglichen, um Informationsasymmetrien abzubauen und Transaktionskosten zu senken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse der bestehenden Sicherheitsarchitektur, die Auswertung von Kriminalitätsdaten sowie die Untersuchung von Regulierungsentwürfen und Verbandsstrukturen innerhalb des kenianischen Sicherheitssektors.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Wechselwirkung zwischen privater Sicherheit und staatlicher Schwäche, der Marktanalyse der PSC-Branche in Kenia sowie der kritischen Diskussion eines aktuellen Gesetzesentwurfs zur Regulierung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie PSC, Governance, Entstaatlichung, Parastaatlichkeit, Sicherheitsdilemma und Kenia treffend beschreiben.
Wie unterscheidet sich die KSIA von der PSIA in ihrem Agieren?
Die KSIA (Kenya Security Industry Association) zeichnet sich durch einen höheren Grad an Professionalisierung und ein System der Selbstverpflichtung (Code of Conduct) aus, während die PSIA (Protective Services Industry Association) eher auf einfachen Wachschutz fokussiert ist und staatliche Regulierungsversuche teils ablehnt.
Warum stellt die Bewaffnung von PSC-Personal ein so großes Dilemma für den Staat dar?
Die Bewaffnung könnte einerseits die Terrorabwehr und den Grenzschutz stärken, andererseits gefährdet sie jedoch die in städtischen Räumen relativ konsolidierte Sicherheitssituation, da sie das Risiko unkontrollierter Gewalt erhöht.
Welche Rolle spielt das "Prinzipal-Agenten-Problem" in diesem Kontext?
Es beschreibt die Informationsasymmetrie: Der Staat (Prinzipal) weiß zu wenig über die Tätigkeiten und Standards der Sicherheitsunternehmen (Agenten), wodurch eine effektive staatliche Kontrolle und Qualitätssicherung derzeit kaum möglich ist.
- Arbeit zitieren
- Julian Ostendorf (Autor:in), 2013, Governance durch private Sicherheitsakteure in Kenia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288485