Ausgelöst durch die PISA-Studien der OECD erfährt die künstlerische Bildung in der Volksschule eine drastische Marginalisierung vor allem dadurch, dass deren Wert und Bedeutung in der Wissensvermittlung nur am Rande der institutionalisierten Bildung vorkommt. In der Theorie interessiert daher die Frage, wie sich aufgrund des aktuellen Diskurses der Forderung nach künstlerischer Bildung in Schulen nachkommen lässt.
Ich stelle die These auf, dass durch den Einsatz künstlerischer Strategien und Handlungsweisen die Förderung ästhetischer Kompetenz parallel zur Stoffvermittlung möglich ist und sich positiv auf Selbstwahrnehmung und Lernerfolg der Lernenden auswirkt.
Durch die Kompetenz-Diskussion fällt ein neues Licht auf die Schlüsselkompetenzen und deren Erwerb: die Ästhetik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin - in Deutschland begründet durch Alexander Gottlieb Baumgarten - bezeichnet die sinnliche Wahrnehmung im Sinne der Aneignung von Welt durch Erfahrung. Die von unterschiedlichen Autoren wie John Dewey, Michael Brater oder Matthias Duderstadt beschriebenen Erkenntnisse über die ästhetische Erfahrung durch Kunst in der Wissensproduktion werden an an zwei Positionen untersucht: am Spiel und an künstlerischen Handlungsweisen, wobei die für die Förderung ästhetischer Kompetenz relevanten Methoden herausgearbeitet werden. Die Bedeutung des Spiels wird anhand philosophischer und künstlerischer Positionen aufgezeigt, u.a. der Frankfurter Schule, DADA und der Situationistischen Internationale. Die künstlerische Praxis wird ergänzend am Beispiel des Sammelns als künstlerische Strategie formuliert. Dabei werden Zusammenhang und Bedeutung von Spiel und Ästhetik anhand künstlerischen Herangehensweisen aufgezeigt und in das Modell Ambulatorium der Sinne zur Förderung ästhetischer Kompetenz transformiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Begriff der Ästhetik als eigenständige Philosophie
1.1 Der Begriff der Ästhetik im historischen Kontext
2. Überblick über den Begriff der Ästhetik in der Lern- und Wissensvermittlung
2.1 Ästhetische Bildung als Entwicklung, Differenzierung und Kultivierung des Wahrnehmungsvermögens
2.1.1 Schwerpunkte des ästhetisch bildenden Unterrichts am Beispiel der Waldorfpädagogik
2.1.2 Schwerpunkte des ästhetisch bildenden Unterrichts am Beispiel der Reggio-Pädagogik
3. Die Bedeutung des Spiels als Grundlage ästhetischer Kompetenz
3.1 Das Spiel bei Theodor Adorno
3.2 Das Spiel bei Walter Benjamin
3.3 Das Spiel bei der Situationistischen Internationale (SI)
3.4 Bei Guy Debord
3.5 Bei Asger Jorn
3.6 Bei Hannah Höch
3.7 Bei Kurt Schwitters
4. Die Bedeutung des Begriffs der ästhetischen Kompetenz in der Wissensvermittlung
4.1 Künstlerische Handlungsweisen zur Förderung ästhetischer Kompetenz am Beispiel des Sammelns
4.2 Die Bedeutung des Sammelns als künstlerische Strategie
5. Modell zur Förderung ästhetischer Kompetenz in der öffentlichen Schule
5.1 Bedeutung der Förderung ästhetischer Kompetenz in der öffentlichen Schule
5.2 Leitlinien zur Förderung ästhetischer Kompetenzen in der öffentlichen Schule
5.3 Zwischenfazit
6. Modell Ambulatorium der Sinne
6.1 Grundlagen und Ziele
6.2 Theoretische Zugänge zum den Inhalten
6.3 Einleitung
6.4 Standortwahl
6.5 Laufzeit
6.6 Zielgruppe
6.7 Öffentliche Veranstaltungen
6.8 Struktur und Reflexion
6.9 Szenografie
6.10 Materialsammlung
6.11 Anleitung
7. Praktische Umsetzung
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz von Spiel und künstlerischen Strategien zur Förderung ästhetischer Kompetenz im Schulalltag der öffentlichen Grundschule. Das primäre Ziel ist es, ein Modell – das "Ambulatorium der Sinne" – zu entwickeln, welches spielerisches, ergebnisoffenes Handeln als sinnvolle Ergänzung zum zweckrationalen Lernen etabliert, um die Selbstwahrnehmung und Lernmotivation der Kinder nachhaltig zu stärken.
- Bedeutung der Ästhetik und ästhetischer Bildung in der Schule
- Die Rolle des Spiels und künstlerischer Handlungsweisen (z.B. Sammeln)
- Kritische Analyse aktueller pädagogischer Wissensvermittlung
- Das Modell "Ambulatorium der Sinne" als schulpraktischer Ansatz
- Transfereffekte von künstlerischer Bildung auf allgemeine Lernprozesse
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung des Sammelns als künstlerische Strategie
Beispiele künstlerischer Praxis veranschaulichen den theoretischen Ansatz Förderung ästhetischer Kompetenz durch künstlerisches Handeln: empirisch aus persönlicher Kunstpraxis und exemplarisch an der Tätigkeit des Sammelns am Beispiel der bildenden Künstlerin Lili Fischer und ihrer „Feldforschung“ (die Namensgleichheit meines eigenen Projekts ist reiner Zufall und ich habe sie erst dadurch kennengelernt) und der Pädagogin Constanze Kirchner anhand eines Auszugs aus ihrem Buch „Kunstpädagogik für die Grundschule“ zum Sammeln als künstlerische Praxis. Als weitere zugehörige künstlerische Strategien sind das Ordnen, das Bewahren und das Gesammelte aus dem originären Kontext herauszulösen und einem neuen zuzuführen zu nennen.
Sammlungen dienen als Fundus und Archiv für die eigene künstlerische Arbeit und gewähren damit Einblicke in die künstlerische Praxis. Unterschiedliche Objekte wie Stofftiere, Lampen oder „Porzellanfiguren, eine Baumrinde oder einen getrockneten Frosch, Geräusche, Fotografien von Narben, abgeschnittene Haare“ sind in meinem Fundus Teile der Sammlungen.52 Zu finden sind neben Zeitungsausschnitten, alten Zeitschriften und Karten Kinderzeichnungen und einer alte Holzkiste voller alter Glasplatten-Negative, eine Sammlung, die stetig wächst, um vorerst noch völlig ergebnisoffen Eingang in die künstlerische Arbeit zu finden.
Die Tätigkeit des Sammelns nimmt in meinem Kunstschaffen als künstlerische Strategie eine zentrale Rolle ein. Über die Weiterentwicklung der Malerei bin ich zur Collage gelangt. Unzählige Kartonschachteln, die als ehemalige Verpackungen auf dem Müll landeten, habe ich gesammelt, um sie in Collage-Arbeiten wieder aufleben zu lassen. Ausrangierte Weinkisten mutieren zu Geheimnisträgern, und Telefonrundspruchempfänger werden über Synthesizer Hüter verborgener Stimmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Begriff der Ästhetik als eigenständige Philosophie: Einführung in die historische Entwicklung der Ästhetik als philosophische Disziplin, ausgehend von Alexander Gottlieb Baumgarten.
2. Überblick über den Begriff der Ästhetik in der Lern- und Wissensvermittlung: Analyse der ästhetischen Bildung als Mittel zur Differenzierung des Wahrnehmungsvermögens unter Einbeziehung von Waldorf- und Reggio-Pädagogik.
3. Die Bedeutung des Spiels als Grundlage ästhetischer Kompetenz: Theoretische Untersuchung des Spiels als ergebnisoffenen Prozess bei verschiedenen Philosophen und Künstlern wie Schiller, Adorno und den Situationisten.
4. Die Bedeutung des Begriffs der ästhetischen Kompetenz in der Wissensvermittlung: Reflexion über die Integration künstlerischer Handlungsweisen, speziell des Sammelns, in den Lernprozess.
5. Modell zur Förderung ästhetischer Kompetenz in der öffentlichen Schule: Argumentation für eine stärkere Verankerung ästhetischer Bildung im regulären Unterricht zur Unterstützung expansiven Lernens.
6. Modell Ambulatorium der Sinne: Detaillierte Vorstellung des konkreten Praxismodells, inklusive Zielsetzung, Zielgruppe, methodischer Struktur und benötigter Materialien.
7. Praktische Umsetzung: Bericht über die Anwendung des Modells im Schulalltag und die Erfahrungen bezüglich Selbstständigkeit und Motivation der Schülerinnen und Schüler.
8. Fazit: Kritische Diskussion der Überführbarkeit des Modells in die Schulpraxis und der Notwendigkeit des Umdenkens bei Lehrenden.
Schlüsselwörter
Ästhetische Kompetenz, künstlerische Bildung, selbstgesteuertes Lernen, Ambulatorium der Sinne, Spieltheorie, Wissensvermittlung, ästhetische Erfahrung, Volksschule, künstlerisches Handeln, Sammlung, Transfereffekte, Selbstwahrnehmung, Schulpraxis, Konstruktivismus, Bildungsauftrag.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie ästhetische Bildung und künstlerisches Handeln in den öffentlichen Schulalltag integriert werden können, um das Lernen ganzheitlicher und selbstgesteuerter zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die ästhetische Philosophie, die Bedeutung des Spiels für den Erkenntnisprozess, konstruktivistische Didaktik und die praktische Umsetzung eines neuen Vermittlungsmodells.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist die Entwicklung des Modells "Ambulatorium der Sinne", das Lernenden einen regelmäßigen Zugang zu künstlerischen Strategien ermöglicht, um die ästhetische Kompetenz zu fördern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse zu pädagogischen und künstlerischen Positionen sowie einer empirischen Fallstudie zur Erprobung des Modells im Schulunterricht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Fundamente des Spiels und der Ästhetik, leitet daraus die Bedeutung künstlerischer Handlungsweisen wie das Sammeln ab und präsentiert das Praxismodell "Ambulatorium der Sinne".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Ästhetische Kompetenz, selbstgesteuertes Lernen, künstlerische Strategien und das Ambulatorium der Sinne.
Was zeichnet das "Ambulatorium der Sinne" konkret aus?
Es handelt sich um eine Materialsammlung, die wie eine "Wunderkammer" angelegt ist und den Schülern ermöglicht, eigene künstlerische Projekte selbstständig zu entwickeln und zu dokumentieren.
Warum spielt das "Sammeln" eine so große Rolle für die Autorin?
Sammeln wird als künstlerische Strategie zur Weltaneignung gesehen, die es Kindern erlaubt, Fundstücke aus ihrer Lebenswelt in neue Sinnzusammenhänge zu setzen und somit eine eigene Ausdrucksform zu finden.
Wie reagieren Lehrende auf dieses neue Modell?
Die Autorin stellt fest, dass die Akzeptanz bei Lehrenden oft von der Bereitschaft abhängt, sich von traditionellen Frontalunterrichtsstrukturen zu lösen und den Prozesscharakter des Lernens zuzulassen.
- Arbeit zitieren
- Béatrice Bader Sollberger (Autor:in), 2013, Ambulatorium der Sinne. Ein Modell zur Förderung ästhetischer Kompetenz an Volksschulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288800