Friedrich Schlegels Beitrag zur Frauenemanzipation im 18. Jahrhundert. Eine Unterrichtsplanung erläutert am Frauenideal im Roman "Lucinde"


Hausarbeit, 2015
44 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sachanalyse
2.1 Das Frauenbild im 18. Jahrhundert
2.1.1 Die soziale Stellung der Frau
2.1.2 Das Frauenideal
2.1.3 Das Eheideal
2.2 Das Frauenbild in der Frühromantik
2.2.1 Der literarische Salon
2.2.2 Friedrich Schlegels Ideal der vollständigen Weiblichkeit
2.3 Das Frauenbild im Roman ‚Lucinde‘

3 Lernvoraussetzungen

4 Einbettung der Stunde in die Unterrichtseinheit

5 Didaktische Analyse
5.1 Didaktische Reduktion
5.2 Methodische Überlegungen
5.3 Mögliche Schwierigkeiten
5.4 Lernziele
5.5 Verlaufsplan

6. Abschließende Bemerkung

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Im Laufe des 18. Jahrhunderts zeichnet sich ein Wandel des zeitgenössischen Frauenbilds ab, das zum einen den Wirkungsbereich und zum anderen den Bildungscharakter der Frauen erweitert und zudem aufwertet. Insbesondere im Romantikerkreis werden politische, literarische aber auch soziale Diskussionen geführt, in denen erstmals auch adelige Frauen ein Mitspracherecht haben und sich nicht in ihrem Wirkungsbereich verstecken müssen.

Dahingehend setzt sich die folgende Arbeit vorrangig mit Friedrich Schlegels Ideal der vollständigen Weiblichkeit auseinander und damit, welche Rolle dieses im Roman Lucinde spielt, um schließlich eine didaktisch sinnvolle Vermittlung im Unterricht zu finden.

Welchen Beitrag leistet Friedrich Schlegel in seinem Roman Lucinde zur Emanzipation der Frau im 18. Jahrhundert? Welche Rolle übernehmen dabei die anderen im Roman vorkommenden Frauen? Welche Rolle spielt explizit die Titelfigur Lucinde? Inwiefern findet Schlegels Ideal der vollständigen Weiblichkeit Anwendung im Roman? Diese und einige weitere Fragen werden im Verlauf der Arbeit beantwortet und erläutert, indem textuelle Bezüge hergestellt werden. Anschließend soll diese Thematik in Form einer Unterrichtsstunde eine didaktisch sinnvolle Gestalt annehmen.

Zur Herausstellung und Beantwortung dieser und weiterer Fragen erfolgt zunächst eine Einordnung in den literaturhistorischen Kontext. Daher ist es zunächst von zentraler Bedeutung, das vorherrschende Frauenbild und Menschenbild zur Entstehungszeit des Romans zu kennen und einen Wandel in den bestehenden Mustern herauszustellen. Darüber hinaus muss explizit auf die Wertvorstellungen des Verfassers eingegangen werden, um diese anhand des Romans rezipieren zu können. Erst nach ganzheitlicher Betrachtung dieser literaturhistorischen Fakten und der Übertragung auf den Roman kann die Planung einer Unterrichtsstunde erfolgen.

2. Sachanalyse

2.1 Das Frauenbild im 18. Jahrhundert

2.1.1 Die soziale Stellung der Frau

Ute Frevert nennt folgendes Zitat des aufgeklärten Juristen Adolf Freiherr von Knigge aus dem Jahr 1788: Frauen machen „eigentlich gar keine Personen in der bürgerlichen Gesellschaft aus.“1 Damit drückt der Jurist die soziale Stellung der Frau im 18. Jahrhundert aus, deren Dasein sich nicht auf das öffentliche Leben, sondern ausschließlich auf den Wirkungsbereich innerhalb der Familie bezieht. Die Aufgabe der Frau ist es, „nach dem übereinstimmenden Willen der Natur und der menschlichen Gesellschaft“ für ihr „Oberhaupt“, den Mann, die „dankbare und folgsame Gefärtin und Gehülfin seines Lebens [zu] sein.“2 Die Frau identifiziert sich über ihre Rolle als Hausfrau, Gehilfin des Mannes und Mutter. Sie ist „Energiespender und Garantin des Familienzusammenhanges.“3

Eine Ehefrau ist dem Gehorsam des Mannes untergeordnet, der in der Hierarchie innerhalb der Familie die oberste Position einnimmt.4 Männern gilt ausschließlich das Ideal der autonomen, selbstbestimmten Persönlichkeit, das dazu in der Lage ist, seine Talente und Interessen frei zu entfalten.5 Dabei ist das männliche Geschlecht der alleinige Träger von Vernunft und Eigensinn und spielt die dominierende Rolle in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.6

Die körperlichen Aufgaben im Haushalt werden, verstärkt ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, von Köchinnen und Hausmädchen erledigt. Im Vergleich zur ersten Jahrhunderthälfte gibt es im intimen Kreis der Familie keine Kindermädchen mehr, die die Erziehung des Nachwuchses übernehmen. Diese dienende Position als Köchin oder Haushälterin wird in der Regel von unverheirateten Frauen ausgeübt. Ihnen bietet sich ein trostloses Leben, außerhalb von sozialer Anerkennung.7 Man sagt, dass eine Frau, der „ein beschränktes Los und ein ihr nicht zupassender Mann zuteil geworden sei, immer noch ein beneidenswertes Schicksal neben der unverheirateten“8 habe.

Der Alltag der verheirateten Frauen ist durch Monotonie bestimmt und umfasst 16 bis 18 Arbeitsstunden täglich, welche keine Möglichkeiten oder Anreize für literarische Betätigungen bieten.9 Wie untergeordnet die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist, zeigt sich ebenfalls in den Worten von Fichte:

„Sie hat aufgehört, das Leben eines Individuums zu führen; ihr Leben ist ein Theil seines Lebens geworden (dies wird trefflich dadurch bezeichnet, daß sie den Namen des Mannes annimmt).“10

So wird auch in öffentlichen Diskursen bei dem Begriff `Mensch´ ausschließlich vom Mann gesprochen. Die Frau unterliegt einer Gesichtslosigkeit innerhalb der Gesellschaft und nimmt somit auch keinerlei Anteil am öffentlichen, politischen oder ökonomischen Leben, da sich ihr Arbeits- und Wirkungsraum fast ausschließlich auf die Organisation im Haus bezieht.11

Auch die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein reichende Geschlechtsvormundschaft der Frauen ist ein wesentliches Indiz für die Unmündigkeit und Unterwerfung der Frauen im 18. Jahrhundert.12 Damit ist die Übertragung der Mündigkeit einer Frau gemeint, die in den Jahren der Jugendzeit bis vor die Ehe vom Vater übernommen wird und sich unmittelbar nach ihrer Hochzeit auf den Ehemann überträgt. Die Entscheidungen beziehen sich nicht nur auf den wirtschaftlichen Bereich, sondern auch auf rechtliche Fragen sowie auf Entscheidungen bezüglich der Kindererziehung, eine Unmündigkeit, die das gesamte Leben bestimmt.13

2.1.2 Das Frauenideal

Im 18. Jahrhundert werden die Ansprüche an die damals ideale Vorstellung einer Frau unter anderem in den vielfach gelesenen Moralischen Wochenschriften umschrieben. Darin liegen die Schwerpunkte in angemessener Allgemeinbildung, Grundkenntnissen in Literatur, Sprache, Geschichte und Naturheilkunde. Oberste Priorität stellt das Rollenbild einer verständnisvollen Gattin und klugen Mutter dar.14.

In Hinblick auf dieses Ziel bekommen bereits die Mädchen ab dem späten 18.

Jahrhundert neben Katechismusunterricht, dem Unterricht in religiöser Unterweisung, auch elementaren Unterricht in den weiblichen Fertigkeiten. Dazu zählen in den unteren sozialen Schichten das Spinnen und grobe Handarbeiten; für die oberen Schichten sind feine Handarbeiten, Wirtschaftsführung, elementares Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Singen, Zeichnen, Tanzen und Französisch vorgesehen.15

Mit der Ausbildung der Mädchen in diesen Bereichen werden die allgemein verbreiteten Bildungsziele des 18. Jahrhunderts angestrebt, die die Erziehung zur Sittsamkeit und Seligkeit, die Erziehung nach der Ordnung der Natur, die Erziehung zur bürgerlichen Brauchbarkeit, Nützlichkeit und Vernünftigkeit sowie die Bildung zur Humanität und Individualität umfassen. Wie die Bildungsziele zeigen, bestreben sie zusammenfassend eine Ausbildung der Frau auf ihre zukünftige Rolle als Ehefrau und Mutter, jedoch vermitteln sie keinerlei Fähigkeiten oder Fertigkeiten hinsichtlich einer beruflichen oder außerhäuslichen Beschäftigung.16

Neben den bereits angeführten Eigenschaften zeichnet sich die ideale Frau im 18. Jahrhundert zudem noch durch Liebe, Güte, Gefühl, Rezeptivität, Religiosität, Passivität, Selbstverleugnung, Hilfsbereitschaft, Tugend, Anmut und Schönheit aus.17

Das Ideal beschränkt sich jedoch lediglich auf die beschriebenen elementaren Kenntnisse. Von zu viel Lektüre müssen Frauen absehen, da gebildete Frauen in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts nicht angesehen sind und öffentlich angefeindet werden. Man unterstellt ihnen, dass sie durch Aneignung von Bildung über die elementaren Kenntnisse hinaus ihre weiblichen Pflichten vernachlässigen.18 So postuliert auch schon Rousseau in seinem Erziehungsroman Emile, dadurch dass er sagt, dass jedes gelehrte Mädchen „[das] Leben lang alte Jungfer“ bleiben soll, denn „Ein Schöngeist ist eine Geißel für ihren Mann, ihre Kinder, ihre Freunde, ihre Diener, für alle Welt.“19

Auch öffentlich, wie beispielsweise in dem Werk von Christoph Meiners Geschichte des weiblichen Geschlechts, wird die intellektuelle und aktive literarische Bildung der Frau als lächerlich und sogar als abstoßend bezeichnet:

„Gelehrte Weiber waren nie schlimmer berüchtigt, als in unseren Zeiten; einer unserer berühmtesten Schriftsteller […] bat neulich den lieben Herr Gott, daß Europa außer anderen Landplagen auch vor gelehrten Weibern bewahren, oder davon befreyen wolle.“20

Die Grundlage für die geschlechterspezifische Untergliederung und die damit verbundene Erziehung zur innerhäuslichen Tätigkeit der Frau basiert im 18. Jahrhundert auf der Annahme, dass die Menschen durch naturgegebene Wesenszüge vorbestimmt sind.21 So schreibt Schiller, dass die Frau „von Natur aus“22 passiv und emotional ist. Durch ihren spezifischen „Geschlechtscharakter“23 sei die Frau für personenbezogene Dienstleistungen in der Familie prädestiniert. Männer hingegen eignen sich für sachbezogene, produktive Tätigkeiten in Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft. Damit differenziert Schiller die Frau als ein Naturwesen und den Mann als ein Gesellschaftswesen und bietet eine Legitimation für die Geschlechterunterscheidung im 18.Jahrhundert.24

2.1.3 Das Eheideal

„Der Mann ist das Haupt der ehelichen Gemeinschaft; und sein Entschluß gibt in gemeinschaftlichen Angelegenheiten den Ausschlag.“25 Durch die klare Definition der Verhältnisse in der Ehe durch das Landrecht werden nicht nur die rechtlichen Bestimmungen dem Mann zugestanden, sondern auch deutlich dekretiert, dass die Ehe kein Tauschverhältnis unter Gleichen ist.26 Auch der Geschlechtstrieb wird nur dem Mann zugesprochen und stellt nach der Auffassung im 18. Jahrhundert für die Frau nur eine Befriedigung des Mannes dar:

„Im unverdorbenen Weibe äussert sich kein Geschlechtstrieb,…sondern nur Liebe; und diese Liebe ist der Naturtrieb des Weibes, einen Mann zu befriedigen. Es ist allerdings ein Trieb, der dringend seine Befriedigung heischt: aber diese seine Befriedigung ist nicht die sinnliche Befriedigung des Weibes, sondern die des Mannes; für das Weib ist es nur Befriedigung des Herzens.“27

In diesem Zitat spiegelt sich nicht nur wider, dass die Frau ausschließlich um des Mannes Willen existiert, vielmehr wird der Frau auch der Geschlechtstrieb abgesprochen. Ihre Unterordnung wird dadurch unterstrichen, dass für sie der Geschlechtstrieb ausschließlich dem Willen und der Befriedigung des Mannes dient. Folglich ist die Ehe im 18. Jahrhundert keine Lustpartie, sondern stellt vielmehr die Gründung eines zweckmäßig geplanten Unternehmens dar, in dem die Aufgaben deutlich definiert sind.28

Doch der Mann übernimmt nicht nur die dominierende Rolle wenn es um die Bestimmung des Geschlechtstriebes geht. Vielmehr nimmt er auch erheblichen Einfluss auf die Frau, wenn es um ihre soziale Position in der Gesellschaft geht.29 Die Frau positioniert sich durch die Heirat in der gleichen sozialen Stellung wie ihr Ehemann und genießt die gleichen Privilegien wie er. Durch die Heirat fördert der Mann seine Karriere und wertet seine Person auf, indem er Gesellschaften einlädt und Besuch empfängt, was jedoch von der Frau organisiert wird. Nach der Jugendzeit, die vornehmlich ein Warten auf die Heirat ist, suchen die Eltern vor dem Hintergrund der Interessen des Familienverbandes der Tochter einen für sie passend erscheinenden Ehemann aus.30 Ehe und Liebe sind demnach im 18. Jahrhundert weder vereinbar noch eine Voraussetzung für die Hochzeit.

2.2 Das Frauenbild in der Frühromantik

2.2.1 Der literarische Salon

„Denn Geselligkeit ist das wahre Element für alle Bildung, die den ganzen Menschen zum Ziele hat, und also auch für das Studium der Philosophie, von dem wir reden. Wie klar wissen wir nicht, daß nur eine oder die andere Begebenheit den Sinn für eine neue Welt in uns weckte; daß das alles gar nicht sein würde, ohne diese oder jene Bekanntschaft.“31

Frühromantische Denker wie Friedrich Schlegel positionieren sich, wie sein Zitat beispielhaft zeigt, deutlich Menschenverständnis.

Hingegen sprechen sie sich für ein gesellschaftliches Ideal aus, das durch kommunikative und soziale Voraussetzungen eine Entwicklung ermöglicht, ohne dabei an äußere Zwänge, wie beispielsweise die Klassengesellschaft oder Geschlechterdifferenzierung, gebunden zu sein. Demnach bestreben die philosophischen Ansätze aus dem 18. Jahrhundert den kommunikativen Austausch beider Geschlechter in Form einer kommunikativen Geselligkeit, einer freundschaftlichen „Symphilosophie“.32

Im Zuge dieses gesamtgesellschaftlichen Strebens, bei dem Friedrich Schlegel nur ein Beispiel der Befürworter ist, entstehen neue Formen geistig-kultureller Geselligkeit, in die auch benachteiligte Gruppen wie Frauen und Juden integriert sind. Die seit dem 17. Jahrhundert kontinuierliche entwickelte Tradition der Salons, die eine Umsetzung der ungezwungenen Geselligkeit ermöglichen, zeichnet sich durch verschiedene Merkmale aus.33

Zum einen kristallisiert sich ein Salon um eine Frau, wodurch die Anerkennung weiblicher intellektueller Selbstständigkeit postuliert wird. Im Rahmen dieser Salontreffen ist es den Frauen möglich, eine Synthese zwischen ihrer privaten und ihrer persönlichen Existenz zu bilden.34 Die hierdurch entstehende Aufwertung der Frau gegenüber dem Mann erweist sich jedoch nicht als Resultat eines bewussten Emanzipationsprozesses, sondern stellt eher ein Zufallsprodukt der sich wandelnden geistigen Haltung jener Zeit dar. Dabei wird sich weg vom gesellschaftlichen Ideal der Aufklärung orientiert, hin zu einem zur Einheit strebenden Denken.35

Insbesondere in der im aufgeklärten Preußen entstehenden Metropole Berlin erlangten die Salons zügig an Bekanntheit und Teilnehmern.36 Die ansteigende Anzahl der Gäste der Salonnièrin kommen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, die im sozialen Umgang normalerweise nicht in Kontakt kommen, sodass unter den Teilnehmern Studenten Künstler, Adelige, Bürgern oder Berühmtheiten vertreten sind. Diese laden die Salonnière in ihre eigenen Gefilde ein, meist informell über Bekannte oder Freunde. Bei diesen gelechterübergreifenden Treffen erfolgen dann Austausch und Diskussion über literarische, politische und künstlerische Themen. Während es zunächst noch ein Streben nach sozialer Anerkennung ist, wird es für die Salonnièrinnen immer mehr zu einem leidenschaftlichen Ausbrechen aus den Konventionen.37

Diese neue Art des gegenseitigen Wissens- und Meinungsaustauschs in der Frühromantik bietet neue soziale Strukturformen, die über damals manifestierte Tabubrüche hinausgehen. Dabei wird allen Teilnehmern ermöglicht an innovativen Ansätzen, aus differenzierten Perspektiven, in einer unkonventionell gebildeten Geselligkeit mitzuwirken und diese zur individuellen Weiterbildung zu nutzen.38

Der innerhalb der Salonkultur stattfindende Lehr-Lernprozess der, wie bereits zu Beginn des Kapitels erläutert wurde, von Friedrich Schlegel mitgeprägt und propagiert wird, soll im Folgenden erläutert werden. Dazu wird erneut eine Abgrenzung an die im 18. Jahrhundert bestehenden Ideale vorgenommen und mit Friedrich Schlegels Vorstellung des Ideals der vollständigen Weiblichkeit in Bezug gesetzt.

2.2.2 Friedrich Schlegels Ideal der vollständigen Weiblichkeit

„Ehret die Frauen! Die flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben, Flechten der Liebe beglückendes Band, Und in der Grazie züchtigem Schleier, Nähren sie wachsam das ewige Feuer Schöner Gefühle mit heiliger Hand.

Ewig aus der Wahrheit Schranken Schweift des Mannes wilde Kraft, Unstet treiben die Gedanken Auf dem Meer der Leidenschaft. Gierig greift er in die Ferne, Nimmer wird sein Herz gestillt, Ratlos durch entlegne Sterne Jagd er seines Traumes Bild.“39

In diesem Gedicht Würde der Frauen propagiert Friedrich Schiller das damals bestehende Frauenbild, in welchem das weibliche Geschlecht als ungebildet galt und sich ihre Tätigkeiten ausschließlich auf den häuslichen Wirkungsbereich beschränken.40 Schlegels Meinung kontrastiert die damals bestehenden Ideale, weshalb er innerhalb kürzester Zeit Schillers Gedicht rezensiert, indem er schreibt:

„[…] hier ist die Darstellung idealisiert; nur in verkehrter Richtung, nicht aufwärts, sondern abwärts, ziemlich tief unter die Wahrheit hinab. Männer, wie diese, müßten an den Händen und Beinen gebunden werden; solche Frauen ziemte Gängelband und Fallhut.“41

Friedrich Schlegel agitiert also für die in den Salons neue moderne Auffassung von dem Ideal der Frau und der Ehe. Dabei geht es ihm zum einen um die weibliche Verschmelzung von Geist und Körper und um die Wertschätzung der intellektuellen Fähigkeiten der Frau.42

„Auch hoffe ich mit Zuversicht, daß Du nicht von dem Gedanken angesteckt seist, welcher so manchen zierlichen Frau eine geheime Scheu vor Wissenschaften und selbst vor Künsten und vor allem einflößt, was nur jemals die Gelehrsamkeit berührt hat. Ich meine die Besorgnis, durch diesen Gewinn von geistiger Ausbildung an der sittlichen Unschuld und besonders an der Weiblichkeit Schaden zu leiden; als wenn eben das, was ganze Nationen wie man sagt weibisch macht, die Weiber zu männlichen machen könnte. Eine Besorgnis, die mir eben so ungegründet als unmännlich zu sein scheint!“43

Um die Aufspaltung der Frau in Freundin, Mutter oder Geliebte, die im 18. Jahrhundert das festgefahrene, gesellschaftliche Ideal darstellt, setzt sich Friedrich Schlegel hinweg und definiert sein Ideal der vollständigen Weiblichkeit aus einer Komposition von Selbstständigkeit, Bildung und Sinnlichkeit der Frau.44

Dahingehend liefert Friedrich Schlegel seinen transzendental-philosophischen Ansatz der Theorie der Weiblichkeit, den er in mehreren Schriften und Fragmenten niederlegt, sich aber hauptsächlich in dem Aufsatz über die Philosophie darauf bezieht. In seiner Theorie fasst er das bestehende Frauenbild auf und bewertet es, indem er zumindest ansatzweise eine symmetrische, wechselseitige Komplementarisierung der Geschlechter und Geschlechterrollen entwirft.45

Diese Ergänzung setzt sich in der Religion zusammen, die er mit Liebe gleichsetzt: „Liebe ist durchaus Religion.“ Dabei soll Religion nicht als jenseitsbezogen verstanden werden, sondern „als der Glaube an das Absolute, als den einheitlichen und einheitsgründenden Grund aller Dinge“.46

Schlegels Religionskonzept sieht eine Art religiöse Grundformel vor, die individuell mit Leben gefüllt werden kann.47 Diese individuellen Füllungen sind für das Konzept essentiell, da „sie allein die abstrakte Vorstellung des Absoluten konkret erfahren lassen. Irgendein frei wählbares empirisches Objekt oder ein Wirklichkeitsbereich wird zur Inkarnation des Absoluten, zum „Mittler“ gemacht[…]. Ein besonders geeigneter Mittler um letztlich das Ziel, eine Einheit zu werden, zu erreichen, ist […] der jeweilige Liebespartner.“48

Darauf aufbauend entwickelt Friedrich Schlegel die Theorie der Weiblichkeit, in der er den Frauen Poesie zuspricht, die nicht die Fähigkeit zum Dichten (Kunstpoesie), sondern eine instinktive naturpoetische Disposition zur Sympathie mit allem Sinnlichen meint.49 Diese Poesie ist naturgegeben und ist durch die der Frau angeborene Mütterlichkeit vorhanden. Im Gegensatz zur Frau hat der Mann zwar auch diese Poesie, jedoch dient sie ihm im Sinne des analytischen Denkvermögens. Mann und Frau können somit durch einen Dialog das Ziel erreichen, ihre Erkenntnis durch Verstehen und Nicht-Verstehen voranzutreiben. Dabei ergänzen sich die beiden Partner, indem sie sich in andere Perspektiven versetzen und sich gegenseitig widersprechen oder einigen. Komplementär erlangen Mann und Frau so durch die Verschmelzung der philosophischen und poetischen Gegebenheiten etwas Annäherndes wie Wahrheit.50 So schreibt Schlegel:

„In meinem Leben und philosophischen Lehrjahren ist ein beständiges Suchen nach der ewigen Einheit (in der Wissenschaft und in der Liebe […] Wie mir die rechte Philosophie nur gefunden ward durch das Zusammentreffen der Einheit der Liebe und der Einheit des Wissens, so ist die Auflösung des ganzen Problems meines Lebenslaufes wohl nur in dem Punkte zu finden, wo keine andere äußere oder innere Freiheit gesucht wird, als die ganz zusammenfällt mit der Liebe für die entdeckte und wiedergefundene innere Einheit, die zugleich eine Einigkeit des Wissens und der Liebe ist.“51

Jedoch geht Schlegel nicht davon aus, dass eine komplette Erfüllung erreicht werden kann, vielmehr handelt es sich um eine Annäherung an die Komplementierung. Diese Unvollkommenheit begründet Schlegel mit einem Mangel der Frau, der sich darauf bezieht, dass sie nicht die gebildete Philosophie besitze, welche ihre poetische Naturphilosophie vervollständige.

[...]


1 Frevert (1986): S.15

2 Ebd. S.20

3 Ebd. S.20

4 Vgl. Becker-Cantarino (1980): S.253

5 Vgl. Frevert (1986): S.16

6 Vgl. Ebd.

7 Vgl. Frevert (1986): S.44f

8 Ebd.

9 Vgl. Becker-Canatrino (1980): S.253

10 Fichte (1911): S.311

11 Vgl. Becker- Cantarino (1980): S.246

12 Vgl. Becker-Cantarino (1997): S.20

13 Vgl. Frevert (1986): S.43

14 Vgl. Ebd. S.21

15 Vgl. Becker-Cantarino (1997): S.27

16 Vgl. Becker-Cantarino (1980): S.262

17 Vgl. Ebd. S.247

18 Vgl. Frevert (1986): S.43

19 Ebd.

20 Rheme-Iffert (2002): S.116

21 Vgl. Lange (1987): S.618

22 Frevert (1986): S.21f

23 Ebd.

24 Vgl. ebd.

25 Ebd.

26 Vgl. Frevert (1986): S.45

27 Fichte (1911): S.311

28 Vgl. Frevert (1986): S.42

29 Vgl. Eichner (1997): S.2

30 Frevert (1986): S.39ff

31 Schlegel/Schlegel (1798): S.26

32 Vgl. Rheme-Iffert (2002): S.116

33 Vgl. Hundt (1997): S.58

34 Vgl. Lange (1987): S.626

35 Vgl. Feilchenfeld (1987): S.153

36 Vgl. Lange (1987): S.626

37 Vgl. Wilhelmy-Dollinger (1989): S.26ff

38 Vgl. Lange (1987): S.626

39 Rheme-Iffert (2002): S.112f

40 Vgl. Kapitel 2.1

41 Rheme-Iffert (2002): S.111

42 Vgl. Rheme Iffert (2002): S.112

43 Ebd.

44 Vgl. Rheme-Iffert (2002): S.116

45 Vgl. Engel (1993): S.405

46 Engel (1993): S.407

47 Vgl. ebd. S.408

48 Ebd. S.407f

49 Vgl. Ebd. S. 409

50 Vgl. Rheme-Iffert (2002): S.118

51 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Friedrich Schlegels Beitrag zur Frauenemanzipation im 18. Jahrhundert. Eine Unterrichtsplanung erläutert am Frauenideal im Roman "Lucinde"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Jenarer Romantikerkreis
Autor
Jahr
2015
Seiten
44
Katalognummer
V288838
ISBN (eBook)
9783656890799
ISBN (Buch)
9783656890805
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
friedrich, schlegels, beitrag, frauenemanzipation, jahrhundert, eine, unterrichtsplanung, frauenideal, roman, lucinde
Arbeit zitieren
Jasmin Röhrig (Autor), 2015, Friedrich Schlegels Beitrag zur Frauenemanzipation im 18. Jahrhundert. Eine Unterrichtsplanung erläutert am Frauenideal im Roman "Lucinde", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288838

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