Inflection Phrase (IP) im Deutschen. Eine minimalistische Analyse


Bachelorarbeit, 2011
43 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorien der IP gesteuerten Kongruenz in der Generativen Syntax
2. 1 Strukturelle Positionen von I
2. 2 Affix-Hopping
2. 3 Die Deutsche Verbbewegung als V nach I Bewegung

3 Theorie der Merkmale
3. 1 Operationen des Minimalismus
3. 2 Nähere Betrachtung der I-Position im typologischen Vergleich
3.2.1 Verbpositionen im Deutschen und im Englischen
3.2.2 Infinitivpartikel und ihrer syntaktische Position
3. 3 I-Analyse im Deutschen
3. 4 Das externe Subjekt

4 Anwendung

5 Schlussbetrachtung

Bibliographie

1 Einleitung

Die Frage nach der Ableitung der Kongruenz ist im Minimalismus von zentraler Bedeutung. Hierbei spielt unter anderem die Flexionsmorphologie und ihre Auswirkung auf die Syntax eine große Rolle. Syntaktische Relationen lassen sich an der Morphologie von Flexionsaffixen ablesen, da die Kategorien Kasus, Person, Numerus und Genus sowohl morphologisch anhand spezieller Merkmale realisiert werden als auch die Kongruenz und Rektion abbilden können (vgl. Sternefeld 2007: 1). So verwundert es nicht, dass Sternefeld ähnliche Mechanismen bei der Erzeugung morphologischer Strukturen bei Wörtern auch für die Syntax annimmt. Mit Bezug auf Wurzel (1984) betont Sternefeld (2007) zudem die Gemeinsamkeiten zwischen Syntax und Morphologie in Bezug auf die Interfaces. Die Interfaces stellen jene Stufe der Satzgenerierung dar, wo die derivational erzeugte Struktur zum einen hinsichtlich ihrer logischen Form, d.h. semantisch und zum anderen hinsichtlich ihrer phonologischen Form, d.h. wie sie lautlich - in Form eines akustischen Outputs - realisiert werden muss. Hierauf wird an späterer Stelle genauer eingegangen. Im Prinzip soll die Eigenschaft, dass hier zwischen lautlicher Form und Inhalt vermittelt wird unterstrichen werden (vgl. Sternefeld 2007: 1).

Die Tatsache, dass es vor allem im Deutschen spezielle und teilweise distinktive Morpheme gibt, die syntaktische Verhältnisse wie Kongruenz ausdrücken, wirft die Frage auf, inwieweit man dieses Phänomen syntaktisch analysiert. In dieser Arbeit wird in erster Linie versucht, die Kongruenz zwischen Subjekt und Verb im Deutschen näher zu beleuchten. Hierbei handelt es sich um eine explizite Relation, die sich in Form von Merkmalen aus der Morphologie konkret manifestiert. Dennoch ist nicht unmittelbar klar, wie eine derartige Relation strukturell auszusehen hat. Man muss quasi zwei Elemente hinsichtlich ihrer Eigenschaften miteinander abgleichen, um das passende Affix zu generieren. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass keines der beiden Elemente das andere dominiert, da eine Dominanzrelation bedeuten müsste, dass der dominierende Teil seine Eigenschaften projiziert.

In der Theorie muss geklärt werden, wie dieses besondere Verhältnis beschrieben werden kann. Eine Möglichkeit dieser Beschreibung lieferte die Einführung einer sogenannten funktionalen Kategorie IP. IP steht für Inflection Phrase. Ziel ist eine genaue Untersuchung dieser Phrase hinsichtlich ihrer Relevanz für eine minimalistische Analyse des Deutschen.

Für den hier vorgestellten Zweck unterscheidet man zwei unterschiedliche Typen phrasaler Projektionen. Zum einen lexikalische Phrasen, die Träger von Elementen sind, welche lexikalischen Ursprungs sind. Sie haben einen festen Eintrag im mentalen Lexikon und erfüllen den dazugehörigen Subkategorisierungsrahmen. Sie besitzen eine semantische Definition und syntaktische, morphosyntaktische und phonetische Eigenschaften. Die jeweilige syntaktische Kategorie wird durch ein entsprechendes Label der Phrase markiert. Eine VP (Verbalphrase) ist bspw. die Projektion eines Verbs. Jede Phrase muss einen Kopf haben, der die Phrase hinsichtlich ihrer Eigenschaften regiert, d.h. auf sie projiziert. Bei einer Verbalphrase ist davon auszugehen, dass sie von einem Verbkopf regiert wird, der die Eigenschaft V auf die Phrase überträgt und eine VP erzeugt. So verhält es sich mit jeder lexikalischen Kategorie. Zu nennen seien die möglichen Köpfe N (Nomen), A (Adjektiv) und P (Präposition), die auf Phrasen projizieren und NPs, APs oder PPs erzeugen können. Die Phrasen werden als maximale Projektion ihres Kopfes bezeichnet.

Es gibt in der Theorie auch nicht-lexikalische Köpfe, die projizieren. Diese werden als funktionale Köpfe bezeichnet, die auf funktionale Phrasen projizieren. Anhand von diesen werden Prozesse wie Agreement, Finitheit, Thetarollenzuweisung usw. realisiert. In dieser Arbeit soll vor allem auf die IP eingegangen werden, die seit der Government and Binding Theorie von 1981 dafür zuständig ist, dass das Verb, welches in seiner Stammform innerhalb der VP basisgeneriert wird, seine morphosyntaktischen Merkmale für Finitheit affigiert bekommen kann1. Für diesen Prozess wurde ein Infl-Kopf2 konstruiert, der Träger der morphosyntaktischen Merkmale für Finitheit ist und zu einer maximalen Projektion IP projiziert. Hierbei ist es vor allem wichtig zu zeigen, wie die Anforderung an einen funktionalen Kopf ist, der zwischen dem Subjekt und dem Verb vermittelt, um eine Kongruenz zwischen diesen beiden Elementen zu gewährleisten und der gleichzeitig über einen weiteren Mechanismus eine Markierung für Tempus erzeugt. Nachdem Pollock (1989) die IP als Phrase zergliedert hat, gab es mit einem Mal mehrere Phrasen, welche zuvor von der IP zusammengefasst wurden. Für die Finitheit wurde eine TP verantwortlich gemacht, an deren T-Kopf das Merkmal für temporale Finitheit stand und AgrPs, deren Agr-Köpfe die verschiedenen Kongruenzen regulierten. Darunter fallen auch Phrasen wie AgrOP oder AgrSP für Objekt- und Subjektkongruenz. Aus dieser sogenannten Split IP haben dann Theoretiker des Minimalismus wie Adger (2003) abgeleitet, dass ein Satz im Englischen nunmehr nur noch eine TP sei. Da vor allem der Aspekt der Ökonomie im Minimalismus eine entscheidende Bedeutung hat, soll die Position Sternefelds (2007) erläutert werden, die die IP für das Deutsche als redunant empfindet. Ökonomie bedeutet in diesem Sinne Reduzierung von Annahmen. Ob eine minimalistische Analyse eines deutschen Satzes realisierbar ist und wenn ja unter welchen Bedingungen soll das letzte Kapitel zeigen. Im Resümee wird anschließend die Frage aufgeworfen, ob die Reduzierung syntaktischer Komplexität nicht auf Kosten einer Steigerung morphologischer Komplexität ermöglicht wird.

2 Theorien der IP gesteuerten Kongruenz in der Generativen Syntax

Wenn man das Paradigma der Verbalflexion betrachtet, auch Konjugation genannt, kann man leicht erkennen, nach welchen Kriterien sich die Flexionsendungen unterscheiden. Die Endung des Verbs kann je nach Sprachtyp morphologisch Rücksicht auf Tempus, Numerus, Modus, Person und Genus Verbi nehmen und hierbei entsprechend in seiner morphologischen Form variieren. Zwar unterscheiden sich die einzelnen morphologischen Affixe häufig nicht in ihrer Form (Synkretismus), dennoch kann jede der genannten Eigenschaften anhand der morphologischen Markierung am Verbinterpretiert werden.

Vergleicht man das Verbalparadigma des Deutschen mit dem des Englischen, stellt man fest, dass das Deutsche reicher an morphologischen Verbalflexionsformen ist als das Englische. Dennoch gilt das gleiche Prinzip der Konjugation, d.h. ein morphologisches Merkmal für Konjugationseigenschaften affigiert an den Verbstamm und macht diesen finit. Die Kongruenz der Eigenschaften für Numerus und Person wird im Deutschen zwischen dem Verb und dem Subjekt festgestellt. „These types of features, person, number, and gender, go under the general name of Phi-features (often written -features)“ (Adger 2003: 45). Steht das Subjekt im Plural, hat das Auswirkungen auf das Verb. So wird z.B. ein Pluralmorphem wie - en an das Verb affigiert, in Fällen, wo im Singular ein - t affigiert wird.

(1) a. Die Frau geh- t.

b. Die Frauen geh- en.

Da es innerhalb eines Kongruenzverhältnisses keine Dominanzrelationen gibt, da zwei Elemente eher in Bezug auf eine morphologische Einheit interagieren, als dass das eine das andere regiert, musste man eine andere Relation etablieren als die der Projektion. Aus diesem Grund entstand die IP mit dem I-Kopf und die Operation Kongruenz. Funktion des I-Kopfes ist, um es kurz zu fassen, das morphologische Merkmal für Finitheit zu generieren. Der Vorteil dieser Herangehensweise ist nun, dass eine Projektion entworfen wird, welche zwischen Verbstamm in der VP und dem Subjekt in seiner Spezifikatorposition der IP liegt. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten einer Schwesternrelation. So können ein Verb und eines seiner Argumente bspw. in Form einer DP sich so zusammenschließen, dass das Verb als Kopf dieser Verbindung seine Kategorieeigenschaft projiziert und eine VP erzeugt. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit einer Zwischenprojektion. Das wäre in diesem Fall V’. V und DP sind damit Töchter von V’. Verbindet sich V’ wiederum mit einer DP und erzeugt eine VP (die Eigenschaft des Kopfes setzt sich weiterhin über die einzelnen Stufen durch), spricht man davon, dass die DP, die Schwester von V’ ist und sich im Spezifikator der VP befindet. Ein weiterer wichtiger Mechanismus ist nun das sogenannte C-Kommando.

(2) C-Kommando

Ein Knoten A c-kommandiert einen Knoten B dann und nur dann, wenn (a) der erste verzweigende Knoten über A auch B dominiert und (b) weder A von B noch B von A dominiert wird.

(Fries 2008: C-Kommando)

Über diese Operation werden Informationen über die Phi-Merkmale an I weitergegeben, damit ein entsprechendes morphologisches Affix erzeugt werden kann, welches an späterer Stelle an den Verbstamm affigiert eine grammatisch korrekte Kongruenz mit dem Subjekt erzeugt.

In I werden die Flexionsendungen des Verbs generiert. Hierbei greift eine kontextsensitive Regel, die das Element entsprechend desjenigen Elementes auswählt, das den „links benachbarten Kontext“ (vgl. Sternefeld 2006: 161) darstellt. Steht also links neben der I ein Knoten mit you, dann wird das Flexionsaffix gemäß der 2.Ps.Sg. generiert. Nun sind jedoch Affix und Verbstamm noch voneinander getrennt, was nicht wünschenswert ist, da Verbstamm und Verbendung notwendigerweise verbunden sein müssen, um ein korrektes Wort zu erzeugen, das in der PF (Phonetische Form) ablesbar ist. Hierzu wurde eine Regel etabliert, die vorschreibt, dass freie Affixe immer gebunden sein müssen, damit die Generierung eines Satzes korrekt stattfinden kann. Diese Regel wurde Stray Affix Filter genannt.

Stray Affix Filter (Baker 1988) Der morphologische Subkategorisierungsrahmen eines lexikalischen Elements muss auf der Ebene der S-Struktur erfüllt sein.“ (Grewendorf 2002: 39)

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie Affix und Verbstamm zueinander kommen können. In jedem der beiden Fälle muss irgendein Element in der Struktur bewegt werden. Die Operation der Bewegung nennt man Transformation. Entweder wandert das Affix in der Struktur nach unten zum Verb, oder das Verb wandert nach I.

In der strukturellen syntaktischen Baumanalyse, die hier aus Gründen der Veranschaulichung verwendet wird, geht man davon aus, dass von unten mit der Generierung der Struktur angefangen und diese nach oben hin erweitert wird. Wie bereits erwähnt liegt I zwischen Verb- und Subjekt-Position.

2. 1 Strukturelle Positionen von I

I wird im Englischen als links von VP liegend angenommen. Im Deutschen liegt I rechts von VP. Das liegt daran, dass man sprachspezifisch unterschiedliche Grundstrukturen postuliert, aus welchen sich über Transformation beliebige Satztypen generieren lassen. Das Englische ist eine SVO-Sprache. D.h. im Englischen ist die Position des finiten Verbs sowohl in Haupt- als auch in Nebensätzen meist gleich, zwischen Subjekt und Objekt gelegen. Daher geht man für das Englische davon aus, dass diese Satzstruktur zugrundeliegend ist. Bildet man Fragesätze, wie z.B. solche mit do -Support, sind diese erst über eine Transformation zu erzeugen und in gewisser Weise umständlicher als solche in denen einfach Subjekt, Verb, Objekt hintereinander stehen. Daher wird die SVO-Stellung im Englischen als die zugrundeliegende angenommen. Das Deutsche ist im Gegensatz dazu eine SOV-Sprache. In Nebensätzen steht das finite Verb am Satzende. Man nimmt diese Struktur als die zugrundeliegende an. Die Unterscheidung zwischen Deepstructure und Surfacestructure wird im Laufe dieser Arbeit an Relevanz verlieren, da sie im Rahmen des Minimalismus, welcher an späterer Stelle eingeführt wird, keine Rolle mehr spielt. Trotzdem ist es gut, dieses Konzept im Hinterkopf zu behalten, da einige Aspekte dieser Annahme bei der Diskussion der IP wieder aufgegriffen werden.

Da man nach Vollzug aller Ableitungsoperationen die Strukturblätter des syntaktischen Baums von links nach rechts linearisiert, ist die unterschiedliche Verzweigung relevant, bedenkt man den Unterschied zwischen SVO- und SOV-Sprachen. Auch die Wahl und Form der Transformation, die Affix und Verbstamm zueinanderführen berücksichtigt typologische Differenzen zwischen dem Deutschen und dem Englischen, die auch Parameter3 genannt werden. Während sich im Deutschen das zu flektierende Verb nach I bewegt um mit dem Affix zu verschmelzen, bewegt sich das Affix im Englischen aus I nach V. Diese Transformationen nennt man V-I-Bewegung (für das Deutsche) und Affix-Hopping (für das Englische).

Es soll festgehalten werden, dass die Generierung einer syntaktischen Struktur von unten nach oben als ein progressiver Kompetenz-Prozess mit linearer Richtung betrachtet, eine Transformation wie das Affix-Hopping als nicht sehr elegant erscheinen lässt. Da ein Element aus einer höheren Struktur-Position nach unten bewegt wird, scheint es, als schwömme das Affix hier gegen den Strom. Dies widerspricht z.B. auch der Phasentheorie. In der Phasentheorie wird davon ausgegangen, dass die Derivation von unten nach oben stattfindet und dabei erweitert wird. An bestimmten Punkten endet eine Phase, wobei eine Phase einen Derivationabschnitt bezeichnet. An diesem Punkt werden Informationen an die Schnittstellen weitergeleitet („zyklischer Spell-Out“). Ohne die Diskussion der Phasentheorie zu sehr explizieren zu wollen, soll nur gezeigt werden, dass eine Rückwärtsbewegung in neueren Theorien ebenfalls nicht akzeptabel erscheint (vgl. Chomsky: 2001).

2. 2 Affix-Hopping

Das Affix-Hopping beschreibt die fürs Englische angenommene Bewegung der Flexionsendung in die tiefer gelegene, rechts benachbarte VP bzw. nach V, wo Verbstamm und Flexionsendung sich verbinden, um das Verb finit zu machen. In Sätzen mit Auxiliar, Modal, do oder to, geht man davon aus, dass diese die I-Position besetzen. Im Englischen ist es nicht möglich einen Interrogativsatz durch Inversion des Verbs oder Negativsatz mit not zu bilden, ohne ein Hilfsverb im Satz zu haben.

(3) *Loves Kuno Mary?

Does Kuno love Mary?

*Mary loves not Kuno.

Mary does not love Kuno.

An dieser Stelle unterscheidet sich das Englische vom Deutschen und man spricht von einem typologischen Parameter. Bei der Transformation eines Deklarativsatzes zu einem Interrogativsatz, oder beim Auftreten eines Negationsadverbs, wird zusätzlich zum Matrixverb ein do eingefügt, welches Träger des Merkmals für Finitheit wird. Dieser Umstand spricht für eine klare Trennung zwischen Auxiliar bzw. do und Vollverb, was eine gesonderte Position für die Flexionsaffixe empirisch rechtfertigt. Es ließe sich z.B. annehmen, dass das Flexionsaffix beim Hopping nicht über eine zwischengeschobene Phrase wie eine Negationsphrase (NegP) hoppen kann und somit eine Sonderregel greifen muss, die garantiert, dass das Affix dennoch gebunden wird, damit der Stray Affix Filter befriedigt wird.

(4)

In (4) blockiert die Zwischenprojektion Neg Bewegungsoperationen zwischen I und V.

2. 3 Die deutsche Verbbewegung als V nach I Bewegung

Die Verbbewegung V nach I, die für das Deutsche angenommen wird hat auch ihre Tücken. Wie bereits erwähnt befindet sich die I-Position rechts von der VP. Gibt es einen Verbalkomplex aus mehr als einem verbalen Element wie bei Partizipalkonstruktionen mit Auxiliar, kann zwischen VP und I kein weiteres Element interagieren, d.h. in der Struktur eines deutschen Nebensatzes kann in der Regel nichts zwischen den beiden Verben vorkommen.

(5) a. * dass Cindy das Buch gelesen nicht hat.

b. *dass Cindy das Buch gelesen wahrscheinlich hat.

c. *dass er schon lange nicht tPP mehr gesprochen [PP mit ihr] hat. (Sabel 2000: 80, Bsp. (6)-(7))

Zwischen den Elementen im Verbalkomplex gelesen und hat kann weder wie in (4) a. eine Negationspartikel nicht noch wie in (4) b. ein Adverb wie wahrscheinlich und auch keine Präpositionalphrase wie in (4) c. zwischengeschoben werden.

Des Weiteren ist der Unterschied zwischen Tiefen- und Oberflächenstruktur im Deutschen hinsichtlich dieses Umstandes nicht phonologisch erkennbar. Man spricht von einer koverten Bewegung. Ob sich eine Bewegungsoperation abgespielt hat oder nicht, hat also keine Relevanz für die phonologische Realisierung und genausowenig Relevanz für die semantische Interpretation, da sie scheinbar unsichtbar ist.

Im Minimalismus wird Bewegung als eine Art Fehler des Systems gewertet. Der dafür angenommene Aufwand ist groß und unbedingt zu vermeiden, will man von einem ökonomischen System sprechen. Bewegung wird also nur im Notfall praktiziert, wenn ohne sie das System zusammenbrechen müsste. Eine gänzlich wirkungslose und scheinbar unsichtbare Bewegung anzunehmen, widerspricht dem Ökonomieprinzip. Es gibt zwei verschiedene Theorien bezüglich der I-Position, die hier erwähnt werden sollen. Vorausgesetzt es gibt eine I-Position, wurde entweder nur das Flexionsaffix in I generiert und die Regel des Stray Affix Filters, die besagt, dass ein freies Affix immer gebunden werden muss, löst die Bewegung des zu flektierenden Verbstammes der VP nach I aus, wo sich Stamm und Affix verbinden, oder die Generierung des Verbstamm+Affix findet unmittelbar in I statt. In beiden Fällen wird eine Position angenommen, deren Relevanz nicht unumstritten und die, was den generativen Aufwand anbelangt, kostspielig ist.

Sternefeld führt im Rahmen seiner morphologisch motivierten Beschreibung des Deutschen die Lexikalistische Hypothese ein. Ihr zufolge ist die Annahme einer I-Position für das Englische durchaus noch zu rechtfertigen, fürs Deutsche aber keineswegs. Bevor näher auf Sternefelds Ansatz eingegangen werden kann, müssen vorab die Innovationen und Operationstermini des Minimalismus geklärt werden. An späterer Stelle wird erklärt, inwieweit der Minimalismus eine einheitliche Ableitung dieser typologisch verschiedenen Theorien schafft.

3 Theorie der Merkmale

Merkmale sind morphologische Eigenschaften von sprachlichen Entitäten. Bezogen auf ihre syntaktische Relevanz wird zwischen verschiedenen Klassen von Merkmalen, die ein Element in die Syntax mitbringt unterschieden, d.h. zwischen

(6) a. -Merkmalen

b. Kasusmerkmalen

c. EPP-Merkmalen ([D]-Merkmal, [w]-Merkmal) (Grewendorf 2002: 155, Bsp. (1))

-Merkmale sind Person-, Numerus- und Genusmerkmale. Auf diese konzentriert sich die Analyse der Kongruenz innerhalb dieser Arbeit. Auf die Kasuszuweisung wird später näher eingegangen. Die EPP-Merkmale werden nicht näher untersucht, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Eine weitere Differenzierung von Merkmalen unterscheidet, ob ein Merkmal interpretierbar ist oder uninterpretierbar bzw. nicht-interpretierbar.

(7) Interpretierbare Merkmale

a. -Merkmale von Nomina

b. [D]-Merkmal und [w]-Merkmal nominaler Kategorien

(8) Nicht-interpretierbare Merkmale

a. -Merkmale funktionaler Köpfe (Kongruenzmerkmale des Verbs)

b. Kasusmerkmale

c. EPP-Merkmale funktionaler Köpfe (Grewendorf 2002: 155, Bsp. (1) u. (2))

Wie bereits erwähnt, wird in dieser Arbeit nicht mehr auf die EPP-Merkmale eingegangen werden. Die Darstellung soll nur zeigen, dass ein Merkmal, welches am Nomen interpretierbar ist, zugleich am Verb uninterpretierbar sein kann. Betrachtet man das Numerusmerkmal am Nomen, so stellt man fest, dass die Unterscheidung von Singular und Plural mittels eines morphosyntaktischen Merkmals einen direkten Einfluss daruf nimmt, worauf mit dem Nomen referiert wird, d.h. ob auf eine einzelne Einheit oder eine Menge von Einheiten referiert wird (vgl. Heck 2009: Folie 14). Das interpretierbare morphosyntaktische Merkmal des Nomens wird dann an den Schnittstellen (Interfaces) interpretiert. Geht man vom Plural - s aus, so muss eine Schnittstellenregel für die PF (phonologische Form) lauten, dass dieses - s phonologisch realisiert werden muss.

(8) a. Realisiere ein Nomen, das das Merkmal [plural] trägt, phonologisch so, dass

zuerst der Stamm und dann ein s ausgesprochen wird. (Heck 2009: Folie 33, Bsp. (21) a.)

Gleichermaßen muss es eine Regel für die zweite Schnittstelle LF (logische Form) geben. Hier wird die Referenzbeziehung über eine Regel interpretiert.

b. Interpretiere ein Nomen, das das Merkmal [plural] trägt, als auf eine Gruppe

von Entitäten referierend.

(Heck 2009: Folie 33, Bsp. (22) b.)

Merkmale der funktionalen Knoten T, AgrO und AgrS mussten vor dem Minimalismus mit dem unflektierten Verbstamm verbunden werden, was über die Operation der Bewegung geschah. Wenn das Verb die unterschiedlichen Knoten passiert und die Merkmalkollektion absorbiert hat, griff eine PF Regel, welche die entsprechende Verkettung der Merkmale am Verb phonologisch realisiert hat.

In der minimalistischen Theorie wird teilweise davon ausgegangen, dass die Flexion bereits innerhalb der Morphologie, d.h. im Lexikon, vollständig stattgefunden hat, bzw. dass die unterschiedlichen Flexionsformen als Entitäten bereits im Lexikon gespeichert sind. Von dort aus werden sie in die Syntax übertragen. Hier wird dann Bewegung nur noch benötigt, um nicht-interpretierbare Flexionsmerkmale an den genannten funktionalen Köpfen auf ihre Kongruenzrichtigkeit zu ü berpr ü fen (checking) (Grewendorf 2002:156). Kommt es zu einer Übereinstimmung, so werden die zu prüfenden Merkmale an den funktionalen Köpfen getilgt und können an die PF weitergegeben werden, wo sie dann entsprechend phonologisch realisiert werden. In diesem Fall spricht man von einer geglückten Derivation, in der Terminologie des Minimalismus von converge. Bei einer nicht Übereinstimmung kommt es zu einem Zusammenbruch (crash) des Sytems an der LF. Es ist nicht möglich uninterpretierbare Merkmale auf der LF zu lesen (Principle of full Interpretation).

Full interpretation: The structure to which the semantic interface rules apply contains no uninterpretable features.

(Adger 2003: 85, Bsp. (104))

Was an den Schnittstellen nicht interpretiert werden kann, muss vorher erfolgreich gepr ü ft werden, und kann in der Folge getilgt (delete) werden.

[...]


1 „Durch N. Chomsky (1986) in die >GG eingeführte syntaktische Kategorie (Funktionale Kategorie) zur Repräsentation der morphologischen Markierung des Verhältnisses von Subjekt und Prädikat und, je nach theoretischen Voraussetzungen, weiterer morphologischer Merkmale des Verbs wie Tempus, Aspekt, >Modus usw.“ (FRIES 2010: Inflection Phrase)

2 Im Verlauf dieser Arbeit nur noch als I bezeichnet.

3 „Principles-and-Parameters Theory: this theory, developed in Chomsky (1981) and much subsequent work, claims that natural language grammars incorporate not only a set of innate universal principles which account for those aspects of grammar which are common to all languages, but also a set of parameters which account for those aspects of grammar which vary from one language to another.“ (Radford 2004: 471)

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Inflection Phrase (IP) im Deutschen. Eine minimalistische Analyse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Sprache und Linguistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
43
Katalognummer
V288915
ISBN (eBook)
9783656893738
ISBN (Buch)
9783656893745
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inflection, phrase, deutschen, eine, analyse
Arbeit zitieren
Sören Meyer (Autor), 2011, Inflection Phrase (IP) im Deutschen. Eine minimalistische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288915

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