Die Grenze zwischen Natürlichkeit und Kultur scheint vor allem im Zuge des massiven technischen Fortschritts mehr und mehr zu verschwimmen. Genauso, wie Krankheiten immer besser geheilt werden können, scheinen auch immer wieder neue (v.a. psychische) aufzutreten.
Ein Beispiel dafür ist "ADHS". Die ICD-klassifizierte Störung, welche es als so bezeichnete noch nicht lange gibt, wirft Fragen über mögliche Konstruktion von Krankheiten, aber somit auch von Normen und schließlich Natürlichkeit auf. Ob diese Systematik zu Grunde liegt, soll in der Arbeit erörtert werden, in welcher auch ökonomische und politische Funktionen in Augenschein genommen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entgrenzungen zwischen Natur/Kultur und Gesundheit/Krankheit
3. Politische Medizin – Fremd- und Selbststeuerung
4. Ökonomische Medizin – Gesundheit als Kapital
5. ADHS-Inflation - Aspekte der Definition pathologischen Verhaltens
6. Die Norm als Richtwert für Gesundheit - Störfaktor ADHS
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die gesellschaftliche Tendenz zur Medikalisierung am Beispiel des Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsdefizitsyndroms (ADHS). Ziel ist es, durch die Analyse der Entgrenzung von Natur und Kultur sowie unter Rückgriff auf Foucaults Biopolitik-Konzept aufzuzeigen, wie soziale Verhaltensweisen zunehmend in medizinische Diagnosen transformiert werden, um den Anforderungen einer leistungsorientierten Gesellschaft zu entsprechen.
- Medikalisierung als Instrument der gesellschaftlichen Steuerung
- Einfluss der Biotechnologie auf das Verständnis von Gesundheit und Krankheit
- Ökonomische Verwertbarkeit von Gesundheit und Pharmaindustrie
- Die Rolle von ADHS-Diagnosen im Kontext der Leistungsgesellschaft
Auszug aus dem Buch
3. Politische Medizin – Fremd- und Selbststeuerung
Der Philosoph Michel Foucault legt in verschiedenen Werken dar, wie der Körper des Menschen seit dem 17. Jahrhundert immer mehr zum Interessensobjekt des Staates wird. Zentral steht dort die These, dass dieser nicht mehr Ziel von Marter, sondern potentiell wissenserzeugend und damit aufrecht zu erhalten sei (vgl. Foucault 1976c). Dementsprechend verändere sich „das Recht, sterben zu machen und leben zu lassen" (Foucault 1976a: 162) der Souveränitätsmacht dahingehend:
„Zum ersten Mal in der Geschichte reflektiert sich das Biologische im Politischen. Die Tatsache des Lebens ist nicht mehr der unzulängliche Unterbau, der nur von Zeit zu Zeit, im Zufall und in der Schicksalhaftigkeit des Todes ans Licht kommt. [...] Anstelle mit der Drohung mit dem Mord ist es nun die Verantwortung für das Leben, die der Macht Zugang zum Körper verschafft." (ebd.: 170)
So sei im 18. Jahrhundert duch die „Kontrollen der Masturbation [...] eine entsetzliche Krankheit" (Foucault 1976b: 106) entstanden, die es zu bekämpfen galt. Freilich nimmt dies in Anbetracht der sexualisierenden Gesellschaft eher eine gegenteilige Entwicklung an, das Moment der Körperbeeinflussung bleibt jedoch bestehen, betrachtet man etwa die Sexualerziehung. Foucault bezieht die „Macht zum Leben" einerseits auf das Individuum, als auch auf den Gesellschaftskörper. In diesem Sinne diene Medikalisierung nach Susanne Schultz quasi als Instrument der Gesundheitspolitik zur „public health" ebenso wie zur selbstverantwortlichen Gesunderhaltung (vgl. Schultz 2006: 219). Sie kann insofern als Aspekt des (Neo)liberalismus unserer Zeit verstanden werden, als sie Selbstbestimmung suggeriert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der zunehmenden Medikalisierung ein und stellt die Frage, inwieweit sozial bedingtes Verhalten verstärkt als medizinisch pathologisch interpretiert wird.
2. Entgrenzungen zwischen Natur/Kultur und Gesundheit/Krankheit: Dieses Kapitel erläutert, wie biotechnologische Fortschritte die Grenzen zwischen Natürlichkeit und artifizieller Konstruktion sowie zwischen Gesundheit und Krankheit zunehmend verwischen.
3. Politische Medizin – Fremd- und Selbststeuerung: Es wird analysiert, wie der menschliche Körper zum Objekt staatlicher Biopolitik wird und welche Rolle Medikalisierung dabei spielt, Individuen zu regulieren.
4. Ökonomische Medizin – Gesundheit als Kapital: Der Fokus liegt auf der Vermarktung von Gesundheit, bei der Pharmaindustrie und wirtschaftliche Interessen massiv Einfluss auf Krankheitsdefinitionen nehmen.
5. ADHS-Inflation - Aspekte der Definition pathologischen Verhaltens: Das Kapitel untersucht die Diagnose ADHS und zeigt anhand von Klassifikationssystemen und Verordnungsstatistiken die inflationäre Entwicklung auf.
6. Die Norm als Richtwert für Gesundheit - Störfaktor ADHS: Hier wird diskutiert, wie Abweichungen vom Leistungsnorm-Ideal als Störfaktoren gelten und mittels Medikalisierung in ein "normales" Raster gepresst werden sollen.
7. Fazit: Das Fazit bestätigt die These, dass ADHS paradigmatisch für eine gesellschaftliche Tendenz steht, ineffizientes Verhalten durch Medikalisierung zu pathologisieren.
Schlüsselwörter
Medikalisierung, ADHS, Biopolitik, Michel Foucault, Leistungsgesellschaft, Pharmaindustrie, Biotechnologie, Gouvernementalität, Pathologisierung, Normalverteilung, Gesundheit, Krankheit, genetische Gouvernementalität, Methylphenidat, Sozialökonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem soziologischen Phänomen der Medikalisierung, also der Tendenz, menschliches Verhalten zunehmend als medizinisches Problem zu definieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die soziologische Perspektive auf Gesundheit, die Verflechtung von Politik und Wirtschaft im Gesundheitswesen sowie die biopolitische Steuerung des Körpers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, ob die Zunahme von ADHS-Diagnosen modellhaft für eine gesellschaftliche Tendenz steht, sozial bedingtes Verhalten medizinischen Ursachen zuzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Deduktion sowie die soziologische Theoriebildung, insbesondere unter Rückgriff auf die Werke von Michel Foucault, um den Sachverhalt gegenwartsbezogen zu analysieren.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Entgrenzungen zwischen Natur und Kultur, die politische Steuerung über Krankheit sowie die ökonomischen Interessen hinter dem boomenden Markt für Medikamente wie Ritalin.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Medikalisierung, Biopolitik, Gouvernementalität und die Konstruktion von Normalität sind zentral für die Argumentation.
Warum wird ADHS als Fallbeispiel gewählt?
ADHS dient als paradigmatisches Beispiel, da die rasante Zunahme der Diagnosen und die damit verbundene Medikalisierung besonders deutlich auf die Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft hinweist.
Welche Rolle spielt die Pharmaindustrie laut dieser Arbeit?
Laut Arbeit agiert die Pharmaindustrie als treibende Kraft, indem sie durch neue Definitionen von Krankheiten Märkte erschließt und direkt Konsumenten anspricht, um Profit aus der "Gesundheit" zu generieren.
- Citar trabajo
- Alexander Mayer-Olkin (Autor), 2014, Entgrenzungen zwischen Natur und Kultur. Gibt es eine gesellschaftliche Tendenz zur Medikalisierung?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288935