Antonín Dvořák und das Cello. Zur Problematik der solistischen Besetzung im ersten Satz des Violoncello-Konzerts h-Moll op. 104


Essay, 2009

3 Seiten, Note: unbenotet


Leseprobe

Antonín Dvořák und das Cello

Zur Problematik der solistischen Besetzung im ersten Satz des Violoncello-Konzerts h-Moll op. 104

'The cello [...] is a beautiful instrument, but its place is in the orchestra and in chamber music. As a solo instrument it isn't much good. Its middle register is fine – that's true – but the upper voice squeaks and the lower growls.' (Smaczny, S. 1)

Mit Erstaunen liest man diese Äußerung Antonín Dvořáks über die Qualitäten des Cellos als Soloinstrument. Betrachtet man sein Konzert für Violoncello h-Moll op. 104, erscheint dieses Zitat beinahe grotesk, gilt doch dieses Konzert gilt als eines der bekanntesten, beliebtesten seiner Werke. Im Folgenden soll deshalb vermittels eines exemplarischen, analytischen Überblicks über den ersten Satz des Konzertes untersucht werden, ob diese Meinung über klangliche Mängel sich durch die Komposition bestätigen lässt.

Das Konzert entstand 1894 als einziges Werk im letzten Jahr, das Dvořák in Amerika verbrachte, und wurde zwei Jahre später in London uraufgeführt (Šourek, VII-IX). Der erste Satz ist klar gegliedert in eine Orchesterexposition der beiden Themen in h-Moll und D-Dur (T. 1-86), gefolgt von der Soloexposition (T. 87-204), die neben den beiden Themen auch noch eine thematisch neue Idee in der Dominanttonart vorstellt (T. 166-169). Die Durchführung lässt sich in drei Abschnitte (T. 204-223; 224-239; 240-266) der Modulation gliedern, die harmonisch auf die jeweils folgende Modulation vorbereiten und aufeinander aufbauen (Smaczny, S. 47) und schließlich in die Reprise überleiten, in der die Themen in umgekehrter Reihenfolge wieder aufgegriffen werden (T. 267-318; 319-354).

Der erste Einsatz des Soloinstruments wird sehr gewichtig (forte, risoluto, T. 87) vorgeschrieben und hebt sich deutlich vom vorhergehenden Orchesterpiano und den Streichertremoli, die ihm unterliegen, ab. Der Kontrast zwischen solo und tutti wird hier sehr stark durch dynamische Unterschiede gekennzeichnet, wobei für das Orchester überwiegend piano oder pianissimo, für das Cello jedoch gerade zu Anfang des Einsatzes fast ausschließlich forte, fortissimo oder sforzato vorgeschrieben ist (T. 87-103). Weitere Kontrastzeichnung geschieht durch die Arpeggien, die den in der Orchesterexposition schlichten Vierteln des ersten Themas unterlegt sind und zusätzlich akzentuieren (T. 90). Im Folgenden tritt das Cello kurz in Dialog mit den Holzbläsern (T. 99-103) oder übernimmt, mit geringer Streicherunterstützung, die Begleitstimme einer lyrischen Flötenmelodie (T. 158-165). Selbst, wenn es sich dynamisch ins tutti einzufügen scheint, bleibt es doch immer als Soloinstrument erkennbar und weist eine solche Präsenz auf, dass das Konzert als Ganzes bisweilen scherzhaft als 'drei Orchestersätze mit obligatem Violoncello' paraphrasiert wird (vgl. Smaczny, S. 44). In dieser Präsenz allerdings legt Dvořák das kompositorische Hauptaugenmerk auf das Zusammenwirken des Cellos mit dem Orchester, aus dem immer wieder Instrumentengruppen in solistischen Abschnitten hervortreten (z.B. Flöten T. 158-165; Hörner T. 176-179). Dvořák experimentiert mit den hierdurch entstehenden Kombinationen und Kontrasten verschiedener Klangfarben, die zusammen mit einer klar etablierten, aber nicht forcierten Virtuosität des Cellos immer neue Klangaspekte hervorbringen (Smaczny, S.68).

Man könnte nun also aufgrund der zu Anfang zitierten Äußerung annehmen, dass Dvořák das Cello absichtlich nicht so sehr in den Vordergrund stellt, weil ihm dessen klangliche Qualitäten in den extremeren Bereichen missfallen. Betrachtet man nun den Ambitus, so bewegt sich die Melodie tatsächlich oft im mittleren Bereich des Tonumfangs, wechselt jedoch gleichermaßen beständig von tiefer zu hoher Lage. Für Dvořák ist das eine neuerliche Möglichkeit des Spiels mit verschiedenen Klangfarben und deutet darauf hin, dass das verwunderliche Zitat möglicherweise nicht ganz wörtlich zu nehmen ist, zumal er für einen sarkastischen Unterton und die Vorliebe, seine Studenten gelegentlich auf den Arm zu nehmen, bekannt war (Smaczny, S. 1). So darf man also davon ausgehen, dass genau dieser Charakterzug der Hintergrund dieser Aussage über die Untauglichkeit des Violoncellos für solistischen Einsatz war. Weitere Hinweise hierfür liefert über das Konzert hinaus ein Brief, den er während des Komponierens an seinen Freund Alois Göbl schickte, und indem er sich selbst überrascht zeigt von seinem Vergnügen an der Arbeit für und mit einem Instrument, dem er diese tragende Rolle zuvor vielleicht gar nicht zugetraut hätte (Smaczny, S. 2). Ebenso aufschlussreich ist die Tatsache, dass er bereits 1865 ein viersätziges Konzert für Cello (B10) schrieb, in welchem er den Solisten fast ausnahmslos in den Vordergrund stellt (Smazny, S. 2-4). Eine gewisse Hinwendung zum Cello ist auch in anderen seiner Werke erkennbar (Melville-Mason, S. 85), in denen das Instrument kleine Einwürfe oder solistisch anmutende Gegenmelodien zur Oberstimme ins Orchestergeschehen einbringt, beispielsweise in der Orchesterfassung der Slawischen Tänze (z.B. 2. Satz e-Moll Allegretto scherzando, T.102-113; T. 163-170), wodurch größere Tiefe und Klangfarbenreichtum enstehen.

Dvořák komponiert also bewusst für dieses Instrument, dessen Dasein als Soloinstrument schon ob seiner Bauweise erschwert wird: es ist vergleichsweise sehr groß und schon aus diesem Grunde bedeutend schwerfälliger in virtuosen Abschnitten, die häufige Lagenwechsel erfordern und die auch das Spielen von Doppelgriffen erschweren. Diese grundlegenden Probleme lässt Dvořák in diesem Konzert durch Arpeggien (T. 90; 94), schnelles Durchschreiten des Ambitus (z.B. T. 124-126), virtuosen Passagen (z.B. T. 158-165; 240-266) und vermehrten Gebrauch von Doppelgriffen (T. 261-266; 323-329; 334-340) geradezu nichtig erscheinen. Ebenso nichtig werden letzte Zweifel an der Eignung des Cellos als Protagonist eines Solokonzerts.

Bibliographie:

Dvořák, Antonín: Violoncello-Konzert h-Moll op. 104. Dvořák Gesamtausgabe (III, 12). Artia: Prag, 1955.

Dvořák, Antonín: Slawische Tänze op. 46. Dvořák Gesamtausgabe (III, 19). Artia: Prag, 1955.

Melville-Mason, Graham: „Aspects of Dvořák's Instrumental Colour” in: Antonín Dvořák 1841-1999. Report of the International Musicological Congress, Dobříš 17th - 20th September 1991, hrsg. von Milan Pospíšil und Marta Ottlová. Ústav pro hudební vědu Akademie věd České republiky: Prag, 1994, S. 85-90.

Smaczny, Jan: Dvořák. Cello Concerto. Cambridge Music Handbooks. Cambridge University Press: Cambridge, New York, Melbourne, 1999.

Šourek, Otakar: Violoncello-Konzert h-Moll op. 104. Dvořák Gesamtausgabe (III, 12). Artia: Prag,1955, Vorwort VII-IX.

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Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Antonín Dvořák und das Cello. Zur Problematik der solistischen Besetzung im ersten Satz des Violoncello-Konzerts h-Moll op. 104
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Antonín Dvořák
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2009
Seiten
3
Katalognummer
V288988
ISBN (eBook)
9783668458932
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Na, schreiben können Sie."
Schlagworte
antonín, dvořák, cello, problematik, besetzung, satz, violoncello-konzerts
Arbeit zitieren
Magistra Artium Hedy Mühleck (Autor), 2009, Antonín Dvořák und das Cello. Zur Problematik der solistischen Besetzung im ersten Satz des Violoncello-Konzerts h-Moll op. 104, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288988

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