Das Wörterbuch der Botokudensprache ist die umfassendste und in seiner Form außergewöhnlichste Quelle der Sprache einer indigenen Ethnie Südostbrasiliens. Es wurde von dem deutschen Apotheker und Brasilienauswanderer Bruno Rudolph an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verfasst, als die Botokuden bereits auszusterben drohten. Die einzigen Indigenen dieser Ethnie, die die europäische Kolonisation überlebt haben, gehören zur Botokuden-Subgruppe der Krenák, die heute nur noch über wenige hundert Angehörige und nicht mehr als eine Handvoll Sprecher verfügt. Ihnen konnten in einer feierlichen Zeremonie im Mai 2011 auch die sterblichen Überreste des Botokuden Quäck übergeben werden, den Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied vor fast 200 Jahren von seiner Brasilienreise mit nach Deutschland gebracht hatte (Melo/Pelli 2011; Pelli 2011).
Die Sprache der Botokuden wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts von einer Reihe von Forschern, meist europäischen Reisenden und Naturalisten, in Form von einfachen und knappen Wortlisten dokumentiert. Diese Wortlisten, von denen heute etwa 60 bekannt sind, teilen mit dem Wörterbuch das Schicksal, dass sie die Sprache der schriftlosen Kultur nur ungenau abbilden und deswegen nicht unmittelbar für weitere sprachwissenschaftliche Forschungen oder gar zur Revitalisierung der Botokudensprache eingesetzt werden können. Dies liegt daran, dass die ersten Erforscher der Botokudensprache weder ausgebildete Linguisten waren, noch auf eine hinreichend entwickelte Sprachwissenschaft zurückgreifen konnten. Erst die moderne Sprachwissenschaft stellt passende Instrumente und Methoden bereit, um etwa die Sprache exakt zu transkribieren und in ihrer Struktur adäquat zu analysieren.
In dieser Arbeit werden zunächst das Leben des Autors und der Entstehungskontext seines Werkes dargestellt. Dies geschieht unter der besonderen Berücksichtigung neu erschlossener Quellen. Dann wird untersucht, wie das Wörterbuch in der deutschen und brasilianischen Litera-tur rezipiert wurde. Es folgt eine metalexikographische Analyse mit speziellem Augenmerk auf den Umfang und die Struktur des Wörterverzeichnisses. Schließlich wird auf die Defizite des Wörterbuchs eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Neue Forschungsergebnisse zum Autor und Entstehungskontext
2.1 Der Autor Bruno Rudolph
2.2 Der Entstehungskontext
3 Die Rezeption des Wörterbuchs
4 Die metalexikographische Analyse des Wörterbuchs
5 Defizite des Wörterbuchs der Botokudensprache
5.1 Graphie und Transkription
5.2 Morphologie und Segmentierung
5.3 Semantik und Übersetzung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das 1909 veröffentlichte „Wörterbuch der Botokudensprache“ von Bruno Rudolph kritisch und ordnet es in den historischen Kontext der deutschen Brasilienforschung ein. Ziel ist es, durch die Erschließung neuer Quellen den Autor und Entstehungshintergrund zu beleuchten sowie eine fundierte metalexikographische Analyse vorzunehmen, um die sprachwissenschaftliche Validität des Werkes zu bewerten.
- Historische Aufarbeitung des Lebens und Wirkens von Bruno Rudolph.
- Analyse der Entstehungsgeschichte des Wörterbuchs im Kolonisationsgebiet am Mucuri.
- Metalexikographische Untersuchung des Wörterbuchtyps sowie der Makro- und Mikrostruktur.
- Systematische Evaluierung der Defizite in den Bereichen Phonetik, Morphologie und Semantik.
- Vergleichende Betrachtung mit modernen Sprachdaten der Krenák-Subgruppe.
Auszug aus dem Buch
Die Vorgehensweise bei der Dokumentation
Die Vorgehensweise von Bruno Rudolph bei der Dokumentation der Botokudensprache lässt auf gewisse Kenntnisse über die wissenschaftlichen Methoden der Ethnolinguistik dieser Zeit schließen. Nachdem er sein Forschungsgebiet geographisch eingegrenzt hat, schreibt er:
Ich konnte mich überzeugen, daß bei allen [Gliedern der verschiedenen Stämme] wesentliche sprachliche Unterschiede nicht vorhanden sind, ebenso, daß in den erwähnten Gebieten keine Indianer existieren, die einer anderen Sprachfamilie angehören. […] Aufgenommen habe ich nur Worte, die ich selbst ermittelt und die ich hier in deutscher Sprache wiedergebe. […] Die angefügten Sprachproben habe ich möglichst wörtlich wiedergegeben und wählte solche aus, die einigen Einblick in die Denkungsweise und in den Charakter dieses aussterbenden Volkes gewähren. (Rudolph 1909:VI-VIII)
Zu eventuellen dialektalen Unterschieden kann keine Aussage getroffen werden. Darauf hindeuten könnten jedoch acht Lemmata, die Rudolph als vom Rio Preto stammend ausdrücklich kennzeichnet. Ob Bruno Rudolph wie er behauptet nur Worte verzeichnet, die er selbst ermittelt hat, kann nicht überprüft werden. Es ist davon auszugehen, dass er über einen langen Zeitraum eng mit den Botokuden zusammengelebt haben muss. Dies wird an der Vielzahl von Worten, Sätzen und Episoden deutlich, die das Wörterbuch enthält. Sie vermitteln im Vergleich zur großen Mehrheit anderer Quellen einen tiefen Einblick in alle Lebensbereiche der Botokuden und sind nicht selten durch Erklärungen direkt nach dem Übersetzungsäquivalent oder durch Fußnoten noch näher erläutert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Bedeutung und die sprachliche Herausforderung des Wörterbuchs ein, das die Sprache der heute nahezu ausgestorbenen Botokuden dokumentiert.
2 Neue Forschungsergebnisse zum Autor und Entstehungskontext: Anhand neu erschlossener Quellen wie Kirchenbüchern und Passagierlisten wird das Leben von Bruno Rudolph und die Entstehungsgeschichte seines Werkes im Mucuri-Gebiet detailliert rekonstruiert.
3 Die Rezeption des Wörterbuchs: Hier wird analysiert, wie das Werk in der zeitgenössischen und späteren Fachliteratur aufgenommen wurde und welchen Stellenwert es trotz seiner Schwächen einnimmt.
4 Die metalexikographische Analyse des Wörterbuchs: Dieses Kapitel untersucht Aufbau, Typologie sowie die Makro- und Mikrostruktur des Wörterbuchs nach modernen wissenschaftlichen Kriterien.
5 Defizite des Wörterbuchs der Botokudensprache: Eine systematische Untersuchung der Schwächen in den Bereichen Transkription, Morphologie und Semantik deckt Fehler in Rudolphs Datenerhebung auf und vergleicht diese mit modernen linguistischen Erkenntnissen.
Schlüsselwörter
Botokuden, Bruno Rudolph, Krenák, Lexikographie, Sprachdokumentation, Südostbrasilien, Indigene Sprachen, Mucuri, Metalexikographie, Historische Sprachwissenschaft, Morphologie, Transkriptionsfehler, Ethnolinguistik, Wortliste, Sprachvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem „Wörterbuch der Botokudensprache“ des Apothekers Bruno Rudolph und analysiert dessen Entstehung, Rezeption und wissenschaftliche Qualität.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der biographischen Forschung zum Autor, der metalexikographischen Struktur des Werkes und der kritischen linguistischen Bewertung der Datengrundlage.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das historisch bedeutende Wörterbuch durch moderne linguistische Analysen einzuordnen und die Defizite in der Dokumentation aufzudecken, um es für die Forschung nutzbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine metalexikographische Analyse in Kombination mit einem vergleichenden Ansatz angewandt, wobei die Rudolph'schen Daten mit modernen Ergebnissen zur Sprache der Krenák korreliert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Entstehungskontexts, die Auswertung der Rezeption durch Fachkreise und eine detaillierte Analyse der lexikographischen und sprachlichen Mängel des Wörterbuchs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Botokuden, Bruno Rudolph, Krenák, Lexikographie, Sprachdokumentation, Südostbrasilien, Indigene Sprachen und Ethnolinguistik.
Inwiefern hat Bruno Rudolph bei der Dokumentation Unterstützung erhalten?
Es ist zu vermuten, dass Rudolph als Sprachmittler „Mischlinge“ einsetzte, die sowohl die indigene Sprache als auch Portugiesisch beherrschten, was teilweise zu fehlerhaften Übersetzungen führte.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Über- und Unterdifferenzierung in der Transkription wichtig?
Diese Konzepte verdeutlichen, dass Rudolph Laute oft entweder durch zu viele verschiedene Zeichen (Überdifferenzierung) oder durch ein einzelnes, unpräzises Zeichen für mehrere Laute (Unterdifferenzierung) wiedergab, was zu morphologischen Fehlinterpretationen führte.
- Citar trabajo
- Matthias Nitsch (Autor), 2013, Das Wörterbuch der Botokuden-Sprache. Entstehung, Rezeption und metalexikographische Analyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289064