Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit in der Unterstützung depressiver Erwachsener

Konzept zum Einsatz innerhalb der klinischen Sozialarbeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

36 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Depression

3 Das Modell der erlernten Hilflosigkeit
3.1 Tierversuche
3.2 Humanversuche
3.3 Die Theorie der Hilflosigkeit
3.4 Erlernte Hilflosigkeit als theoretischer Ansatz für Depressionen
3.5 Erlernte Hilflosigkeit in Bezug auf das Fallbeispiel

4 Alternative Erklärung zur Entstehung von Depressionen
4.1 Verstärker- Verlust- Modell
4.2 Die Kognitive Theorie
4.3 Auslösende Faktoren
4.4 Vergleich der Modelle

5 Behandlungsansätze

6 Konzept für sozialarbeiterischen Interventionsmaßnahmen bei depressiven Menschen
6.1 Konzeptionelle Grundlagen
6.1.1 Der systemische Ansatz
6.1.2 Empowerment
6.2 Grundhaltung und Interventionsschritte
6.2.1 Beziehungsaufbau
6.2.2 Erstgespräch
6.2.3 Existenzsicherung und Teilhabe
6.2.4 Ermunterung zu Aktivitäten und Alltagstrukturierung
6.2.5 Einbezug von Angehörigen und dem sozialen Umfeld

7 Realisation des Konzeptes am Modell

8 Fazit

Literatur

1 Einleitung

„ Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können. “

(Abrahm Lincoln)

„ Nichts kann den Menschen mehr stärken, als das Verstehen, das man ihm entgegen bringt. “ (Paul Candel)

Depressionen gehören zu den häufigsten Formen psychischer Erkrankungen. Sie sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Anfang der 1990er- Jahre noch vor weiteren Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen als die gesellschaftlich belastetste Krankheitsgruppe anzusehen.Studien der WHO zufolge, werden Depressionen bereits im Jahr 2020 nach Herz- Kreislauferkrankungen die zweithäufigste Erkrankung weltweit darstellen. Insbesondere in den Industriestaaten werden depressive Störungen aufgrund ihrer Konsequenzen auf die individuelle, familiäre und soziale Funktion des Betroffenen1 als eines der bedeutsamsten Probleme dargestellt (vgl. Robert Koch- Institut, 2010, S.7). Das heutige Wissen über die Versorgung, Unterstützung und Behandlung auf psychischer, sozialer und medizinischer Ebene, aber auch die Prävention und Förderung seelischer Gesundheit ist sehr umfangreich. Oftmals wird aber vor allem der sozialer Unterstützung von Betroffenen ein zu geringer Stellenwert beigemessen, sodass vorhandene Kompetenzen und Ressourcen des Depressiven nicht erkannt und genutzt werden (vgl. Bosshard u.a., 2013, 48ff.). Ziel dieser Arbeit ist es deswegen, die sozialarbeiterischen Inventionsmaßnahmen bei der Bewältigung von depressiven Erkrankungen stärker in den Blickpunkt zu stellen.

Diese Arbeit setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Depressionen stellen ein komplexes Krankheitsbild dar. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die möglichen Ursachen, Symptome und Folgen darzustellen. Nach der Vorstellungder Definition und Klassifikation von Depressionen folgt die Darlegung dreier Erklärungsmodelle für die Entstehung depressiver Erkrankungen, wobei der Fokus dieser Arbeit auf der Theorie der erlernten Hilflosigkeit liegt. Weiterhin werden auslösende Faktoren und Behandlungsansätze depressiver Erkrankungen dargestellt. Im zweiten Teil wird ein Konzept für die sozialarbeiterische Unterstützung von depressiven Menschen dargelegt, welches sich an der systemischen Beratung und den Ausführungen der Empowerment- Strategie orientiert. Nachdem ich diesen Orientierungsrahmen vorgestellt habe, werde ich in den darauffolgenden Punkten die Interventionsschritte, die bei der Unterstützung Depressiver helfen sollen, erläutern. Um meine Ausführungen zu verdeutlichen wird das Konzept in Kapitel sieben auf ein Fallbeispiel angewendet. Da sich auch meine Erklärungen der Theorie der erlernten Hilflosigkeit zum Teil auf dieses Exempel beziehen, werde ich das Beispiel bereits zu Beginn dieser Arbeit ausführen.

Für dieses Beispiel habe ich eine Tagesklinik für psychisch erkrankte Menschen als institutionellen Rahmen gewählt, da ich durch Praxisphasen innerhalb meines Studiums bereits Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln konnte. Im Bereich der Sozialen Arbeit stellt die Unterstützung und Betreuung von psychischen kranken Menschen das Arbeitsfeld der klinischen Sozialarbeit dar. Diese umfasst die direkte Arbeit mit Menschen in schwierigen Lebenslagen und die Bearbeitung von psycho- sozialen Problemen. Sozialarbeiter in diesem Handlungsfeld leisten parallel zu Ärzten und Psychologen Gesundheitsarbeit. Im Unterschied zu anderen Professionen bezieht die Soziale Arbeit jedoch primär den sozialen Kontext der psychischen Krankheit ein. Dies ist nötig, da die betroffenen Menschen nicht nur mit den unmittelbar krankheitsbedingten Folgen konfrontiert sind, sondern in Folge ihrer Erkrankung eine Vielzahl weiterer Probleme erleben. Während Ärzte und Psychologen krankheitsbedingte Probleme zum Gegenstand ihrer Behandlung bzw. Therapie machen, befassen sich Sozialarbeiter im klinischen Kontextmit den Schwierigkeiten der alltäglichen Lebensführung. Die Art und Weise wie Menschen ihr Leben gestalten und ihre Krankheit bewältigen hängt dabei westlich von ihren individuellen Ressourcen ab. Primäre Aufgabe der klinischen Sozialarbeit ist es deswegen, die Ressourcen der Betroffenen zu erkennen und zu fördern. Klinische Sozialarbeit findet überall dort statt, wo psychisch kranke Menschen behandelt und unterstützt werden. Dies können u.a. psychiatrische Krankenhäuser, Tageskliniken oder ambulante und stationäre Suchtberatungen sein (vgl. Bosshard u.a., 2013, S.53ff.)

Fallbeispiel:

Frau A. ist 40 Jahre alt und seit dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren alleinstehend. Sie ist Mutter einer Tochter, mit der sie gemeinsam in einer kleinen Stadt lebt. Seitdem sie vor einem Jahr ihre Arbeit als Sekretärin aufgrund der Insolvenz des Betriebes verloren hat, ist Frau A. arbeitslos und hat seit diesem Zeitpunkt nur noch wenig Kontakt zu Freunden. Vor drei Monaten musste der Hund von Frau A., mit dem sie täglich mehrmals spazieren ging und zweimal wöchentlich eine Hundeschule besuchte, eingeschläfert werden. Ihre Tochter J. ist aktuell ihre einzige Bezugsperson. J. ist jedoch vor kurzem aufgrund eines Studiums in eine andere Stadt gezogen. Zuerst besuchte sie ihre Mutter regelmäßig am Wochenende, doch seit einiger Zeit sind ihre Besuche weniger geworden. Vor einer Woche hat sich Frau A., nachdem bei ihr eine leichte Depression diagnostiziert wurde, in tagesklinische Behandlung begeben. In dieser Klinik erhält sie neben psychologischen Gesprächen auch die psycho- soziale Beratung und Betreuung einer Sozialarbeiterin. In dem Erstgespräch mit der Sozialarbeiterin schildert Frau A. ihre derzeitige Lebenssituation und gibt an, sich alleingelassen zu fühlen. Sie sei oft traurig und habe Angst, dass ihre Tochter nach einer gewissen Zeit gar nicht mehr nach Hause käme. Weiterhin könne sie seit mehreren Wochen nicht mehr schlafen und leide unter Appetitlosigkeit. Auf die Frage der Sozialarbeiterin, ob sie aufgrund ihrer Einsamkeit schon einmal versucht habe wieder Kontakt zu alten Freunden und Bekannten herzustellen, erwidert Frau A., dass sie auf den Kontaktversuch einer guten Freundin aus der Nachbarschaft nicht reagiert habe, da sie im Moment kein Interesse an einem Treffen habe. Weiterhin würde dies ihrer Meinung nach nichts an ihrer derzeitigen Gefühlslage ändern. Auf eine weitere Frage der Sozialarbeiterin, welche die berufliche Situation von Frau A. thematisierte, gab diese an, aktuell nicht in der Lage zu sein, ihrer Tätigkeit wieder aufzunehmen, da andere, den von ihr erlernten Beruf viel besser ausüben würden, als sie selber und sie zudem Angst vor einem Bewerbungsgespräch habe.

2 Depression

Depression ist „ein emotionaler Zustand, der durch starke Traurigkeit und Niedergeschlagenheit, Gefühle der Wertlosigkeit und Schuld, sozialem Rückzug, Schlaflosigkeit, Verlust von Appetit und sexuellem Verlangen oder dem Verlust von Interessen und Freude an alltäglichen Handlungen gekennzeichnet ist“ (Davison u.a., 2007, S. 252). Es existiert eine Reihe von Störungen, welche häufig mit Depressionen einhergehen. Dies sind beispielsweise Manien oder verschiedene Angst- und Furchtstörungen, welche allerdings in eigenständigen Störungsgruppen zusammengefasst werden. Summiert man alle Formen depressiver Störungen sowie die nihilistischen Inhalte anderer seelischen und körperlichen Erkrankungen, so stellen Depressionen die am häufigste und in jedem Lebensalter vorkommendepsychische Beeinträchtigung dar. Depressionen werden den affektiven Störungen zugeordnet. Affektive Erkrankungenbeeinträchtigen die Stimmung des Betroffenen und somit auch die Kognitionen.Sie treten in unterschiedlichen Formen und Schweregraden auf. Sowohl die Ursachen als auch die Symptome und Krankheitsverläufe können unterschiedlich sein (vgl. Hautzinger, 1998, S.3ff.). Die Mannigfaltigkeit dieser Erkrankung wird auch bei der Betrachtung der multiplen Klassifikationen von depressiven Krankheiten im ICD- 10 deutlich (vgl. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 1: Klassifikation affektiver Störungen nach ICD- 10, F30- F39 (vgl. Deutsches Institut für

Medizinische Dokumentation und Information, 2009, Kapitel V. Psychische und Verhaltensstörungen.)

Um Ursachen, Folgen und Prävention bei Depressionen erklären und wirksam umsetzten bzw. behandeln zu können, gibt es verschiedene psychologischen Ansätze, darunter auch die Attributionstheorie der erlernten Hilfelosigkeit des amerikanischen Psychologen Martin Seligman. Seligman nimmt innerhalb seiner Theorie die Unterscheidung zwischen reaktiven und endogenen Depressionen vor. Letztere definiert er als Folge eines internen und unbewussten Prozesses, welcher nicht gesteuert werden kann und somit auch nicht vorhersehbar ist. Diese Art der Depression folgt einem zyklischen Verlauf und ist entweder bipolarer oder unipolarer Natur. Primärer Gegenstand der Theorie stellen jedoch die reaktiven Depressionen dar, welche weitaus häufiger auftreten und die Folge eines externen Ergebnisses sind. Im Gegensatz zu endogenen verlaufen reaktive Depressionen nicht zyklisch und lassen sich weiterhin auch nur selten medikamentös behandeln (vgl. Seligman, 1999, S.74f.).

3 Das Modell der erlernten Hilflosigkeit

In diesem Kapitel möchte die Theorie der erlernten Hilflosigkeit erläutern. Dabei werde ich mich zunächst auf experimentellen Untersuchungen von Tieren, durch welche Seligman seine Theorie entwickelte, beziehen. Daraufhin folgen Ausführungen zur Anwendung dieser Tierversuche auf Humanversuche. Unter Punkt 3.4 werde ich die den Einfluss der erlernten Hilflosigkeit auf depressive Erkrankungen schildern und anschließend auf das, in der Einleitung dargestellte, Fallbeispiel beziehen2.

3.1 Tierversuche

Die Grundlagen zur erlernten Hilflosigkeit entdeckten Overmier und Seligman 1967 zufällig bei einer Untersuchung zur klassischen Angstkodierung mit Hunden. Die Tierversuche wurden nach einem triadischen Versuchsplan durchgeführt. Dabei wurden die Tiere zunächst in einem Geschirr fixiert und erhielten, nach einer Ankündigung in Form eines Signaltones, elektrische Schläge, auf deren Dauer, Einsatz und Ende sie keinen Einfluss nehmen konnten. Nachdem sie diese Erfahrung gemacht hatten,wurden die Hunde in Käfige mit zwei Kammern, die durch eine Wand von einander getrennt waren, gesetzt. Auch hier erhielten die Tiere nach dem Signalton elektrische Schläge. Allerdings war es den Hunden in diesem Fall möglich den Elektroschocks zu entgehen, wenn sie beim Einsetzten des Lichtzeichens auf die andere Seite des Käfigs über die Wand sprangen und so in die Kammer gelangten, in der sie keinen elektrischen Schlägen ausgesetzt wurden. Die Verhaltensmuster der Hunde, die zuvor die Erfahrung gemacht hatten, dass ihr Handeln keine Auswirkungen auf die Konsequenzen hat, waren identisch. Nachdem sie anfangs mit großer Abwehr auf die elektronischen Stromschläge reagierten, ließen sienach einer kurzen Zeit die Schmerzreize widerstandlos über sich ergehen und waren angesichts der aversiven Reize hilflos, obwohl sie in diesem Versuch den Elektroschocks hätten entkommen können. Anschließend wurde der gleiche Versuch mit Hunden durchgeführt, welche zuvor nicht den elektrischen Schlägen im Geschirr ausgesetzt waren. Sie zeigten in den Käfigen ein Verhalten, das sich, abgesehen von der anfänglichen Abwehr, im vollen Umfang zu der ersten Gruppe der Hunde unterschied. Alle diese Hunde schafften es über die Wand zu springen und befreiten sich von den Schmerzen. Bei jedem Durchgang wurde das Verhalten dieser Hunde effizienter und so lernten sie schon nach kurzer Zeit den Elektroschock vollständig zu entgehen, indem sie bereits beim Einsetzten des Signaltones auf die sichere Seite des Käfigs sprangen. Seligman schloss somit darauf dass, die erste Gruppe der Hunde durch die Unkontrollierbarkeitserfahrungen im Vorversuch gelernt hatten, dass es sinnlos ist, sich gegen die Schmerzreize aufzulehnen. Sie zeigten somit erlernte Hilflosigkeit. Ähnliche Experimente wurden daraufhin auch von anderen Theoretikern unter verschiedenen Bedingungen mit unterschiedlichen Tieren wie Affen oder Ratten durchgeführt. Diese Versuche konnten die Erkenntnisse von Seligman bestätigen (vgl. ebd. S.19ff.).

3.2 Humanversuche

Als einer der Ersten gelang es Donald Hiroto, einem Mitarbeiter von Seligman, erlernte Hilflosigkeit auch bei Menschen nachzuweisen. Dazu wählte er einen Versuchsplan, der dem des Tierversuchs sehr ähnlich war. Für den Versuch teile er Studenten in drei Gruppen ein, von denen zwei an einem Vorversuch teilnahmen, bei dem sie unangenehmen Geräuschen ausgesetzt waren. Die Versuchspersonen der ersten Gruppe hatten die Möglichkeit, die Geräusche per Knopfdruck abzustellen, während die andere Gruppe diese Option nicht hatte und den Ton so als unkontrollierbar und unvermeidbar erlebte. In einem zweiten Test, welcher die These der erlernten Hilflosigkeit stützten sollte, konnten alle Versuchspersonen den unangenehmen Ton, welcher durch ein Lichtsignal angekündigt wurde, ausschalten, in dem sie den Knopf noch während des Lichtsignale abwechselnd nach links und rechts drehten. Das Ergebnis war eindeutig und identisch mit dem der Tierversuche: die Studenten, die zuvor den unkontrollierbaren Geräuschen ausgesetzt waren, brauchten wesentlich länger als die anderen beiden Gruppen, um den Ton auszuschalten. Weiterhin kamen sie nicht auf die Lösung, das Geräusch bereits bei Erleuchten des Signallichtes zu vermeiden. Die Hilflosigkeit, welche sie durch den Vorversuch erlernthatten, wurde also auf die aversive, aber kontrollierbare Situation im zweiten Versuch übertragen. Hiroto konnte durch den Einbezug zweier Faktoren in den Versuchsablauf ebenfalls nachweisen, dass nicht nur das Erleben von Unkontrollierbarkeit, sondern auch die kognitive Einstellung, dass Verstärker im Leben auf Glück oder Zufall beruhen und außerhalb der eigenen Kontrolle liegen sowie eine von außen bestimmte Persönlichkeit, Hilflosigkeit hervorrufen (vgl. ebd. S.27ff.).

3.3 Die Theorie der Hilflosigkeit

Die Theorie der erlernter Hilflosigkeit verbindet die soeben vorgestellten Ergebnisse der Tier- und Humanversuche und beschreibt, dass „[w]enn ein Tier oder ein Mensch mit einer Konsequenz konfrontiert wird, die unabhängig von seiner Reaktion ist, lernt es bzw. er, dass die Konsequenz von seiner Reaktion unabhängig ist“ (ebd. S.42). Somit besteht dann für den Betroffenen kein Zusammenhang zwischen seinem eigenen Verhalten bzw. Handeln und dem Resultat. Nach wiederholten Unkontrollierbarkeitserfahrungen bildet sich die Erwartung zukünftiger Unkontrollierbarkeit auch für Situationen aus, die kontrollierbar sind. Seligman definierte weiterhin vier Defizite im Verhalten des Betroffenen, die charakteristisch für die erlernte Hilflosigkeit sind.

Das motivationale Defizit äußert sich durch Antriebslosigkeit und verminderte Leistungsbereitschaft. Es entsteht aufgrund der Tatsache, dass der Betroffene davon ausgeht, dass sein aktives Handeln keinen Einfluss auf das Handlungsergebnis hat. Das kognitive Defizit zeigt den Einfluss, welche die erlernte Hilflosigkeit auf spätere Lernprozesse ausübt, an. Hat ein Individuum, in einer für ihn subjektiv relevanten Situation erfahren, dass seine Handlungen unabhängig vom Ausgang einer jeweiligen Situation sind und so traumatische Erlebnisse erfahren, ist es für den Betroffenen sehr schwer diese Überzeugung später aufzugeben. Das emotionale Defizit beschreibt die dominierenden Gefühle wie Mutlosigkeit, Angst oder Hoffnungslosigkeit, die aufgrund der erlernten Hilflosigkeit überhandnehmen und so zusätzlich zur Überzeugung, dass aktive Handeln wirke sich nicht auf die Konsequenz aus, die Hilflosigkeit verstärken. Der Selbstwertverlust, als viertes Defizit, ergibt sich aus dem Zusammenwirken der bereits beschriebenen Denk- und Handlungsdefizite und trägt dazu bei, dass sich derBetroffene selbst negativer sieht, als er von seiner Umwelt wahrgenommen wird und sich auch weniger zutraut, als er tatsächlichen leisten kann (vgl. ebd. S.42ff.).

3.4 Erlernte Hilflosigkeit als theoretischer Ansatz für Depressionen

Im Rahmen der Untersuchungen zur erlernten Hilflosigkeit und der anschließenden Verbindungen mit klinischen Depressionen fanden Seligman und seine Mitarbeiter heraus, dass viele Symptome dieser psychischen Erkrankungen ,wie etwa Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit oder der Verlust des Selbstwertgefühls, anlog zu dem Verhalten, welches nach einer Unkontrollierbarkeitserfahrung beobachtet wird, sind. Um die Annahme, erlernte Hilflosigkeit könne zu der Entstehung von Depressionen beitragen, zu fundieren, arbeiteten sie zudemdie Gemeinsamkeiten zwischen hilflos gewordenen Tieren und Menschen und den Symptomen einer Depressionen heraus.Im Folgenden werde ich drei dieser Attribute benennen und jeweils kurz auf die Depression sowie die erlernte Hilflosigkeit beziehen, um so die Verwendung der erlernten Hilflosigkeit als Modell für Depressionen nachvollziehbar zu machen. Aus Gründen der Vollständigkeit und Transparenz sind in Abb. 2 alle Indikatoren, welche Parallelen zwischen beiden Phänomen aufweisen, dargestellt.

Die erste Gemeinsam ergibt sich aus der mangelnden Reaktion eine eigene Handlung vorzunehmen. Dies wurde sowohl bei den Testtieren- und personen, die im jeweiligen Vorversuch unkontrollierbare Situationen erfahren hatten als auch bei Menschen mit Depressionsdiagnose festgestellt. Dies ist vor allem dadurch zu begründen, dass sich die, unter Depressionen leidendenMenschen, zu wenig zutrauen und der Meinung sind, dass sie, selbst mit alltäglichen Aufgaben, überfordert und diesen nicht gewachsenen sind. So kommt es zu einer Kettenreaktion, an deren Anfang Passivität und am Ende nicht selten die völlige soziale Isolation steht. Eine weitere Gemeinsamkeit stellt die negative Denkstruktur dar, welche durch die kognitive Überzeugung, das eigene Handeln habe keine Auswirkungen auf die Konsequenz, zu erklären ist. Auch Appetitverlust sowie der verminderte Sexualtrieb lassen sich bei hilflosen Menschen und Tieren ebenso beobachten wie bei Depressiven. Einem depressiven Menschen schmeckt alles gleich, er isst weniger und leidet unter Gewichtsverlust. Ebenso gehen auch die sexuellen Interessen zurück und alle Aspekte im Leben, die der Betroffenen stets als angenehm und unterhaltsam empfunden hat, werden uninteressant. Dasselbe Verhalten konnte auch bei untersuchten Ratten, Katzen, Hunden und Affen festgestellt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abb. 2: Gemeinsame Symptome der Depression und der erlernten Hilflosigkeit (nach Seligman, 1999, S. 78)

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Menschen, die für sie bedeutende Ereignisse als zufällig und nicht kontrollierbar und somit als unabhängig von ihrem individuellen Verhalten erleben, Hilflosigkeit und depressives Verhalten erlernen. Erlernte Hilflosigkeit führt zu einer Passivität, welche sich infolge von verringerter Motivation, negativen Denkstrukturen, hormonellen Veränderungen sowie abnehmender Lebensfreude erhöht.

3.5 Erlernte Hilflosigkeit in Bezug auf das Fallbeispiel

Im Folgenden werde ich das Erklärungsmodell von Seligman auf das, in der Einleitung dargestellte, Fallbeispiel anwenden und die an dieser Stelle angegebenen Ursachen, Symptome und Folgen mit Hilfe der erlernten Hilflosigkeit theoretisch begründen.

Wie in den vorherigen Ausführungen bereits erläutert, geht Seligman davon aus, dass Menschen, welche wiederholte Unkontrollierbarkeitserfahrungengemacht haben, auch in nachfolgenden Situationen hilflos und passiv reagieren, was wiederum den Zustand der Hilflosigkeit verschlimmert. Frau A. hat mehrere Situationen erlebt, in denen ihr Verhalten und Bemühen unabhängig von den Konsequenzen für ihr weiteres Leben waren. Zunächst verstarb ihr Mann plötzlich und unterwartet bei einem Verkehrsunfall. Anschließend verlor sie ihrer Job und ihren Hund. Diese Situationen hätte sie durch keinerlei Reaktionen und Verhaltensweisen beeinflussen können. Eine weitere unkontrollierbare Erfahrung stellt der Auszug ihrer Tochter da.

[...]


1 Aus einheitlichen Gründen wird im Folgenden die maskuline Form verwendet. Das andere Geschlecht ist jeweils mit gemeint.

2 Innerhalb dieser Arbeit wird weder auf die attributionsbezogene Umformulierung der Theorie der erlernten Hilflosigkeit als Depressionsmodell, noch auf die Weiterentwicklung zur Hoffnungslosigkeitstheorie eingegangen, da diese Aspekte in Bezug auf den Inhalt dieser Arbeit irrelevant sind und zudem den Rahmen überschreiten würden.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit in der Unterstützung depressiver Erwachsener
Untertitel
Konzept zum Einsatz innerhalb der klinischen Sozialarbeit
Hochschule
Hochschule Emden/Leer
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
36
Katalognummer
V289110
ISBN (eBook)
9783656893240
ISBN (Buch)
9783656893257
Dateigröße
1431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Depression, Depression bei Erwachsenen, Intervention, klinische Psychologie
Arbeit zitieren
Saskia Schwaderer (Autor), 2014, Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit in der Unterstützung depressiver Erwachsener, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289110

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