Rhetorik in Platons "Gorgias". Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Antike


Hausarbeit, 2014
30 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1. Traditionelle Rhetorik
2.2. Philosophische Rhetorik
2.3. vPlatons Theoriebegriff: epistéme
2.4. Platons Praxisbegriff: Handeln
2.5. techne

3. Erster Schritt in der Begründung von These (A): Warum ist philosophische Rhetorik eine techne ?

4. Zweiter Schritt in der Begründung von These (A): Scham als mittelbarer Übergang von Theorie zur Praxis

5. Begründung von These (B): Philosophische Rhetorik kann Theorie und Praxis zugleich sein

6. Literaturverzeichnis

Siglen:

Gorg: Gorgias

Hipp. Mai.: Hippias Maior

Men: Menon

Phaidr: Phaidros

Phaid: Phaidon

Theaet: Theaitetos

Polit: Politeia

Prot: Protagoras

1. Einleitung

500 v. Chr. bildeten sich in Indien, China und Griechenland erstmals Disziplinen aus, die wir als Philosophien bezeichnen. [1] Wo sich in Indien das Denken innerhalb dieser Disziplin mehr um theoretische Sachverhalte drehte, wie z.B. die „ Rätselhaftigkeit des Lebens und der Seele “, da war das Denken in China mehr von einem praktischen Interesse geprägt, z.B. wie Menschen am besten miteinander leben können. [2] Die Griechen nahmen von Beginn an sowohl theoretische als auch praktische Elemente in ihre Philosophie auf. [3] Möchte man das Verhältnis von Theorie und Praxis untersuchen, so ist es sinnvoll, sich mit griechischer Philosophie zu beschäftigen.

Auf den ersten Blick scheint es sich bei Theorie und Praxis um zwei disparate Bereiche zu handeln, deren Gegenstandsbereich klar voneinander abgegrenzt ist.

Betrachtet man die Begrifflichkeiten von Theorie und Praxis jedoch etwas genauer, so wird schnell ersichtlich, dass sich eine strikte Trennung der beiden entweder als problematisch erweist oder letztlich gar nicht durchzuhalten ist. Ich möchte anhand eines zentralen Textes der Antike – Platons Gorgias – zeigen, dass

(A) eine strikte Trennung nicht durchzuhalten ist

und daher die Möglichkeit besteht, dass es etwas gibt,

(B) das Theorie und Praxis zugleich sein kann. Dieses etwas ist die philosophische Rhetorik.

Zur Begründung der These (A) werde ich in zwei Schritten vorgehen:

1. Es muss gezeigt werden, dass es einen Mittelbegriff zwischen Theorie und Praxis gibt, der sowohl Anteil am Bereich der Theorie als auch Anteil am Bereich der Praxis hat. Diesen Mittelbegriff werde ich anhand des Begriffs der philosophischen Rhetorik i.S.e. techne in Platons Gorg versuchen zu belegen. [4] Dies geschieht durch eine Begriffsbestimmung der philosophischen Rhetorik in Abgrenzung zur traditionellen Rhetorik, von Platons Verständnis von Theorie und Praxis sowie seinem Begriff der techne. Wir werden notwendige Bedingungen kennen lernen, die zusammen hinreichend für den Begriff der philosophischen Rhetorik sind. Nun muss gezeigt werden, dass die Begriffe der philosophischen Rhetorik sowie der der techne die gleichen notwendigen Bedingungen haben, die zusammen hinreichend für die beiden Begriffe sind, um von philosophischer Rhetorik als techne sprechen zu können.

2. Man muss zeigen, dass es ein Moment gibt, in dem die Theorie mittelbar zur Praxis führt. Genauer bedeutet das, dass wir ein Moment finden müssen, in dem theoretische Gründe, d.h. Gründe dafür, etwas zu glauben, zu praktischen Gründen, d.h. Gründe dafür, dass wir etwas tun sollen, führen und dass die praktische Überlegung in einer Handlung resultiert. Dieses Moment möchte ich mit einer relevanten Passage des Dialogs zwischen Sokrates und Gorgias anhand des Schambegriffs im Gorg exemplifizieren.

Um These (B) zu erläutern, müssen wir uns darüber im Klaren sein, welche Antworten die Anwendung philosophischer Rhetorik auf die Frage nach einem guten Leben liefert. Hierzu werden wir kurz auf Platons Ideen- und Seelenlehre eingehen. Im Anschluss daran werden wir anhand des Gerechtigkeitsbegriffs im Gorg versuchen zu zeigen, dass es Wissensinhalte gibt, die zugleich auch Handlungsgründe sind. D.h., dass diese Wissensinhalte unmittelbar, quasi automatisch zu einer Handlung führen. Als Gründe hierfür werden wir anführen, dass es sich bei Gerechtigkeit um einen Wissensinhalt i.S.v. platonischer epistéme handelt und dass Gerechtigkeit einen intrinsischen Wert hat. Diese Feststellung übertragen wir abschließend auf die philosophische Rhetorik, die als Wissensinhalt zugleich auch ein Handlungsgrund ist.

Als Arbeitsgrundlage dient Platons Gorgias – Übersetzung und Kommentar von Joachim Dalfen. Alle Zitate in dieser Arbeit, die sich auf Gorg beziehen, sind aus dieser Übersetzung. Zitate aus allen übrigen Werken Platons sind aus der Werksausgabe.

2. Begriffsbestimmung

Gorg ist einer der umfangreichsten Dialoge Platons und darf seiner mittleren Schaffensperiode zugeordnet werden. In ihm werden viele verschiedene Gegenstände und Sachverhalte anhand von zahlreichen Beispielen erläutert und daher würde eine Zusammenfassung dessen den Umfang dieser Arbeit sprengen. Wir betrachten an dieser Stelle nur die Kernelemente des Dialogs.

Es kommen fünf Figuren im Gorg vor: der Redner und Rhetoriklehrer Gorgias, sein Schüler Polos, der Athener Kallikles, Sokrates sowie dessen Anhänger Chairephon. Es lassen sich zwei Gegenstände anführen, die den Kern des Dialogs Gorg ausmachen: Der primäre Gegenstand des Dialogs ist die Frage danach, was Rhetorik ist sowie welchen Wert sie hat. Der sekundäre Gegenstand des Dialogs ist die Frage danach, wie man leben soll. Auf diese beiden Gegenstände werden wir uns in unserer Auseinandersetzung mit Gorg beschränken.

Beginnen wir mit der Unterscheidung zwischen dem Begriff von Rhetorik wie sie Gorgias versteht – der traditionellen Rhetorik – und dem Begriff der Rhetorik wie sie Platons Sokrates versteht – der philosophischen Rhetorik.

2.1. Traditionelle Rhetorik

Im Verlauf der Diskussion zwischen Gorgias und Sokrates zwingt Sokrates Gorgias in seiner typisch nachfragenden Manier zu einer fortschreitenden Annäherung an Gorgias´ Begriff von Rhetorik, die schließlich in folgender Passage kulminiert:

SO.: Was meinst du nun damit?

GO.: Ich meine damit die Fähigkeit mit Worten zu überzeugen, im Gericht die Richter, im Rat die Mitglieder des Rates, in der Volksversammlung die Mitglieder der Volksversammlung und in jeder Versammlung, was immer es für eine politische Versammlung ist. Und ich sage dir: kraft dieser Fähigkeit wirst du den Arzt als Sklaven haben, den Sportlehrer als Sklaven. Und es wird sich zeigen, dass dieser Geschäftsmann da für einen anderen die Geschäfte macht und nicht für sich selbst, sondern nur für dich, der du reden und die Menge überzeugen kannst.

SO.: Jetzt habe ich den Eindruck, Gorgias, dass du die Rhetorik ganz aus der Nähe zeigst, was für eine Kunst sie deiner Meinung nach ist. [5]

Deutlich treten hier sowohl die Funktion als auch das Objekt oder Produkt der Rhetorik als Begriff der Überzeugung hervor. Das griechische Substantiv Peitho ist eigentlich ein Oberbegriff für Überredung (diese gründet nicht auf Wissen) und Überzeugung (diese gründet auf Wissen), das im Deutschen keine Entsprechung hat. [6] Daher ist man bei der Übersetzung gezwungen, sich für eine der beiden Bedeutungen zu entscheiden. Der Grund, warum die Peitho in unserer Passage mit Überzeugung und nicht negativ konnotiert mit Überredung [7] –wie es von Platon sinngemäß intendiert wurde – übersetzt wurde, ist wahrscheinlich ein dialektischer, da sich im weiteren Fortlauf des Dialogs zwischen Sokrates und Gorgias herausstellen wird, dass Gorgias´ Begriff der Rhetorik Überzeugung nur durch Überredung hervorbringen kann, da sie kein Wissen voraussetzt und somit nicht imstande ist zu belehren. [8]

Um die Methodik traditioneller Rhetorik zu verstehen, lohnt sich an dieser Stelle ein Blick in den Phaidr, denn dort charakterisiert Sokrates diese als eine „ Kunst, durch welche jemand imstande ist, jedes Ding jedem, dem es nur möglich ist, und für alle, bei denen es möglich ist, ähnlich darzustellen, und was ein anderer so verähnlichend verbirgt, ans Licht zu bringen. [9]

Da Phaidros diese Erläuterung nicht versteht, bringt Sokrates seinen Gedanken mit der Frage „ Entsteht Täuschung eher zwischen dem, was viel voneinander unterschieden ist oder wenig? “ auf den Punkt. [10] Sie entsteht selbstverständlich zwischen dem, was sich ähnlich ist. Die Methode traditioneller Rhetorik besteht darin, Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Dingen aufzuzeigen und somit ist sie nichts weiter als eine irreführende Täuschungskunst. [11] Unter diesem Aspekt betrachtet, ist es offensichtlich, dass traditionelle Rhetorik weder Wissen voraussetzt noch zu einem Wissen führt und daher ist sie epistemisch wertlos. Dies gilt auch für die Rhetorik des Gorgias, da sie in der Anwendung dem Dialogpartner ein Wissen des Rhetors suggeriert, das er aber tatsächlich gar nicht hat und daher ist sein Begriff von Rhetorik eine Methode der Überredung und keine rationale Überzeugungsarbeit. Unterstrichen wird diese Feststellung durch Gorgias´ weitere Ausführungen über die Rhetorik:

Denn es gibt nichts, worüber ein Rhetor nicht überzeugender sprechen könnte vor einer Menge als irgendeiner von den Fachleuten. […] Man muss jedoch, Sokrates, die Rhetorik so anwenden wie auch jede andere Kampfsportart. [12]

Spätestens hier wird klar, dass Gorgias´ und damit der traditionelle Begriff der Rhetorik nichts weiter ist als eine Methode der Überredung, die weder Wissen voraussetzt noch einen Wahrheitsanspruch hat. Ein Fachmann weiß immer mehr über sein Fach als jemand, der kein Fachmann auf diesem Gebiet ist. Die Tatsache, dass der Rhetor eloquenter ist als der Fachmann sowie über einen Pool an argumentativen Tricks verfügt (wie z.B. einer Äquivokation, einem argumentum ad hominem [13] und einer petitio principii) [14] und diese auch geschickt anwenden kann, ändert nichts daran, dass der Fachmann mehr oder im Vergleich zum Rhetor überhaupt etwas über den Diskussionsgegenstand weiß. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich der Rhetor immer darüber im Klaren ist, wenn er in der Diskussion Argumente hervorbringt, die tatsächlich Fehlschlüsse sind, wie z.B. Kallikles als er behauptet, dass dem Stärkeren „ gemäß dem Gesetz der Natur “ mehr an Besitz und Rechten zusteht als dem Schwächeren. [15] Es handelt sich hierbei um einen naturalistischen Fehlschluss, in dem aus rein deskriptiven Sätzen ungültig auf normative Sätze geschlossen wird. Aus beiden Fällen – entweder der Rhetor ist sich des unlauteren Anwendens seiner argumentativen Tricks nicht bewusst oder er ist sich dessen sehr wohl bewusst – ergibt sich, dass es dem Rhetor nur darum geht, in einer Diskussion Recht zu bekommen.

Wenn es nun den Vertretern des traditionellen Rhetorikbegriffs nur darauf ankommt, in einer Diskussion Recht zu bekommen ohne Recht zu haben, dann steht bei ihm der Wahrheitsanspruch hinter dem Wunsch als Sieger aus einer Diskussion hervorzugehen an. Da Gorgias Rhetorik mit einer Kampfsportart vergleicht, darf man seinen Begriff der Rhetorik auch als Eristik bezeichnen, der es einzig darum geht, in einem Disput zu siegen.

Die traditionelle Rhetorik zeichnet sich somit wesentlich als methodische Überredung aus, die weder ein Wissen voraussetzt noch einen Wahrheitsanspruch hat. Betrachtet man das eristische Wesen der traditionellen Rhetorik vor dem Hintergrund von Fußnote Fünf, so lässt sich mit Kobusch sagen, dass die traditionelle Rhetorik einer Prunkrede (epideixis) gleicht. [16] Charakteristisch für eine epideixis ist, dass man sich öffentlich vor einem Publikum präsentiert und vor diesem eine lange Rede hält.

Platons Sokrates hat ein von der traditionellen Rhetorik verschiedenes Verständnis. Dies sieht man nicht zuletzt daran, dass er nicht nur zwischen der „ sogenannte[n] Rhetorik “ und dem „ Gespräch “ unterscheidet [17] , sondern darüber hinaus auch noch penibel darauf achtet, dass das „ Gespräch folgerichtig abläuft [18] . Das Wort „Gespräch“ zeigt bereits einen großen Unterschied zur epideixis an: Ein Gespräch ist ein (privater) Dialog zwischen zwei (oder wenigen) Menschen und zielt auf Individuen ab und nicht wie die epideixis als Monolog auf ein öffentliches Publikum. Das, was Sokrates als Gespräch bezeichnet, ist die philosophische Rhetorik.

2.2. Philosophische Rhetorik

Im Gorg wird der Begriff der philosophischen Rhetorik vorrangig durch die Kritik der traditionellen Rhetorik bestimmt. [19] Da wir im vorherigen Punkt festgestellt hatten, dass das griechische Substantiv Peitho sowohl Überredung als auch Überzeugung bedeuten kann und die Methode der traditionellen Rhetorik auf Überredung abzielt, lässt sich leicht erahnen, dass die philosophische Rhetorik eine Methode der vernünftigen Überzeugung ist. Eine vernünftige Überzeugung geschieht durch die Angabe von guten Gründen. [20] Wir werden sehen, dass philosophische Rhetorik jedoch mehr ist als nur eine Methode vernünftiger Überzeugung. Aber der Reihe nach.

Betrachten wir zuerst die notwendigen Bedingungen, die philosophische Rhetorik erfordert, um hinreichend als Methode angewandt werden zu können. Im Gespräch mit Kallikles nennt Sokrates drei Kriterien, die für einen vernünftigen Diskurs notwendig sind:

SO.: Ich weiß genau: wenn du mit mir übereinstimmst in dem, was meine Seele vermutet, dann ist das bereits die Wahrheit. Denn ich denke mir, dass derjenige, der eine geeignete Prüfung anstellen will über die Seele, ob sie richtig lebt oder nicht, drei Dinge haben muss, die du alle hast: Wissen, Wohlwollen und ein offenes Wort. [21]

Als erstes Kriterium postuliert Sokrates die Gegebenheit von Wissen. Das Wissenspostulat ist der methodische Ausgangspunkt vieler platonischer Überlegungen in seinen Dialogen und ist im Grunde eine Begriffsbestimmung i.S.e. Definition. [22] Am Beginn jeder vernünftigen Überlegung muss der zur Debatte stehende Gegenstand klar und hinreichend erläutert werden. Bevor man sich darüber Gedanken macht, wie eine Sache ist, muss geklärt werden, was sie ist. So meint Sokrates zu Polos am Anfang des Dialogs: „Aber keiner fragt, wie die Kunst des Gorgias ist, sondern was sie ist […]. [23] Diese Begriffsbestimmung geschieht, indem verwandte Begriffe miteinander verglichen und im Vergleich Unterschiede festgestellt werden. [24] Dies steht in einem Gegensatz zur Methode traditioneller Rhetorik, in der es um das Aufzeigen von Ähnlichkeiten geht. Das Herausarbeiten von Unterschieden ist eine Angabe von Eigenschaften des zu definierenden sprachlichen Ausdrucks, die nur diesem zugeschrieben werden können oder auch nicht [25] . Das ist die analytische Sequenz in der Begriffsbestimmung. Nach der Analyse der Eigenschaften werden diese zusammengefasst und so wird durch die vermehrte Angabe dieser Eigenschaften die begriffliche Erfassung des Gegenstandes immer präziser. Das ist die resümierende, synthetische Sequenz der Begriffsbestimmung. Mit der Definition des Gegenstands ist der Ausgangspunkt einer philosophischen Diskussion festgelegt. Das Wissenspostulat als Begriffsbestimmung ist eine epistemische Methode mit der man wahres Wissen erzeugen kann.

Obwohl hier die Begriffsbestimmung als notwendige Bedingung für die Anwendung philosophischer Rhetorik angegeben wird, ist sie in den platonischen Dialogen oft Gegenstand dieser Anwendung. In diesem Fall werden zu Beginn und im Verlauf andere Begriffe bestimmt als der, um den es geht [26] , oder es wird eine Definition immer weiter verfeinert. Z.B. nähern sich Sokrates und Gorgias dem Begriff der Rhetorik im Gorg immer weiter an, indem sie Definitionen für Rhetorik erarbeiten, die sie im Anschluss wieder verwerfen, weil sie Mängel aufweisen. [27] Das ist wiederum Ausgangspunkt für eine neue Definition usw. In diesem Sinn ist das Kriterium des Wissenspostulats als Begriffsbestimmung in der Anwendung philosophischer Rhetorik selbstreferentiell, was nicht zuletzt durch Gorg belegt wird, da hier mittels philosophischer Rhetorik bestimmt werden soll, was Rhetorik ist.

Das Kriterium des Wohlwollens bedeutet in unserem Kontext, dass man erstens unvoreingenommen in den Dialog eintritt, d.h., dass man sich weder auf eine fremde noch auf die eigene Autorität beim Argumentieren berufen darf. [28] Die einzige Autorität, die im Dialog gelten darf, ist die der Vernunft. Hieraus ergibt sich zweitens, dass genau das Argument zählt, das am vernünftigsten ist – ganz egal von wem es stammt. Kallikles zeigt sein Wohlwollen und seine Anerkennung der Autorität der Vernunft paradoxerweise gerade in seinem Vorwurf an Sokrates, in dem er ihm unterstellt, diese nicht korrekt zu gebrauchen:

Und du wirst weder in Beratungen über das Recht ein Argument richtig beitragen können noch etwas Plausibles und Überzeugendes sagen noch für jemand anderen einen kühnen Entschluss fassen können. […] Jedoch, mein lieber Sokrates – und sei mir nicht böse, ich will ja aus Wohlwollen zu dir sprechen […].“ [29]

Das „offene Wort“ als drittes und letztes Kriterium bedeutet m.E. nach auch zweierlei: Zum einen, dass man mit seiner tatsächlichen Meinung ehrlich in den Dialog eintritt und diese auch versucht vernünftig zu begründen, und zum anderen, dass man im Falle eines Widerspruchs in seiner Argumentation auch zugibt, dass die eigene Meinung nicht vernünftig vertreten werden kann, daher fallen gelassen wird und das vernünftigere Argument anerkannt werden muss. Wie schwer das Zugeständnis des Widerspruchs in der eigenen Argumentation i.S.e. „offenen Wortes“ ist, weil es von einem ganz bestimmten Gefühl – der Scham – begleitet wird, zeigt Sokrates anhand der Beispiele von Gorgias und Polos:

SO.: […] Die beiden Fremden da, Gorgias und Polos, sind klug und sind meine Freunde, ihnen fehlt aber zu sehr das offene Wort und sie sind verschämter als es nötig wäre. Wie denn auch nicht? Die beiden sind in ihrer Verschämtheit so weit gekommen, dass jeder von ihnen es fertig bringt, weil er sich schämt, sich in Gegenwart vieler Menschen selbst zu widersprechen, und das in den wichtigsten Dingen […]. [30]

Sind nun die notwendigen Bedingungen von Wissen, Wohlwollen und offenem Wort erfüllt, so sind sie zusammen eine hinreichende Bedingung für die Anwendung philosophischer Rhetorik. Für die Anwendung sind zwei weitere Bedingungen notwendig, die Platon seinen Sokrates im Gorg nicht explizit erwähnen lässt, sondern durch den Dialog demonstriert: Ein Dialogpartner und ein Diskussionsgegenstand.

Treffen nun zwei Gesprächspartner aufeinander, die einen Diskussionsgegenstand haben, und beide die Kriterien eines vernünftigen Dialogs – Wissen, Wohlwollen und offenes Wort – erfüllen, dann beginnt der Proponent damit, indem er eine These aufstellt. Sein Opponent stimmt dieser entweder zu oder nicht. Stimmt dieser nicht zu, so stellt er eine Antithese auf, auf die sein Dialogpartner entweder mit Zustimmung oder Nichtzustimmung reagiert usw. Dieses Frage-Antwort Spiel oder besser: die Dialektik philosophischer Rhetorik sowie der platonischen Dialoge endet erst, wenn ein Sachverhalt hinreichend bestimmt ist, beide Gesprächspartner einer These zustimmen, ein Gesprächsteilnehmer keine These oder Antithese hervorbringen kann oder sie endet in einer Aporie [31] .

Ist ein Sachverhalt hinreichend bestimmt oder stimmen die Dialogpartner einer These zu, so liegt ein epistemischer Gewinn im Vergleich zum Beginn der Diskussion vor. In diesen Fällen wurde durch die Anwendung philosophischer Rhetorik Wissen erzeugt und daher ist philosophische Rhetorik in einer ihrer Funktionen eine epistemische Methode, deren zentrales Kriterium im Wissenspostulat liegt. Die spezielle Art des Miteinandersprechens der philosophischen Rhetorik gleicht „ einem vor dem Forum der Vernunft geführten >>Kreuzverhör[s]<< “, dem so genannten elenchos. [32] Er setzt die Bereitschaft der Gesprächsteilnehmer, sich widerlegen zu lassen, voraus. [33] Der élenchos des Sokrates holt dabei die unbewussten oder nach außen verdeckten Widersprüche in den Vorstellungen der Gesprächspartner ans Licht. [34] Der elenchos ist somit eine Prüfung; eine Prüfung der Position der anderen sowie eine Prüfung der eigenen Position dahingehend, ob diese Position vernünftig vertreten werden kann. Kann die Position vernünftig vertreten werden, so wird sie beibehalten, kann sie dies nicht, so wird sie verworfen – in jedem Fall ist der elenchos ein Mittel der philosophischen Orientierung, das dabei helfen soll, eine vernünftige philosophische Position im Leben zu beziehen.

[...]


[1] Vgl. Snell, 1986, S. 275.

[2] Vgl. Snell, 1986, S. 275.

[3] Vgl. Frede, 2000, S. 44.

[4] Es ist klar, dass dieser Punkt nur in den Fällen geltend gemacht werden kann, in denen der techne -Begriff eine Rolle spielt. In anderen Fällen ist sicherlich eine Trennung möglich und daher hat dieser Punkt keinen universellen Geltungsanspruch.

[5] Gorg 452d-453a. Man muss an dieser Stelle sagen, dass die Rhetorik im antiken Athen einen unvergleichbar höheren Stellenwert hatte als in unserer Zeit. Bei Gorgias´ Erwähnung des Gerichts, Rates und der Volksversammlung handelt es sich in allen drei Fällen um Institutionen von unmittelbarer Demokratie, in denen die Entscheidungsgewalt von Laien und nicht von ausgebildeten und erfahrenen Experten ausgeübt wurde. Diese Laien waren einfache Bürger, die meistens durch ein Losverfahren bestimmt worden waren. Es gab weder eine Unterweisung in Rechtskunde, geschweige denn den Berufsstand der Juristen. Vor diesem Hintergrund hatte die Rhetorik als Mittel der Selbstbehauptung gegenüber seinen Mitbürgern und den Institutionen einen in einigen Fällen lebenswichtigen Stellenwert (vgl. Dalfen, 2004, S. 189 u. Heitsch, 2004, S. 50).

[6] Vgl. Heitsch, 2004, S. 56.

[7] In der Werksausgabe wird Peitho mit Überredung übersetzt.

[8] Vgl. Gorg 454d ff.

[9] Vgl. Phaidr 261e.

[10] Vgl. Phaidr 261e.

[11] Vgl. Heitsch, 1992, S. 118.

[12] Gorg 456c f.

[13] Bemerkenswert ist, dass Platon, „ wie er es nicht selten macht “, selbst an einigen Stellen ein argumentum ad hominem verwendet (vgl. Heitsch, 1992, S.125).

[14] Tatsächlich sind solche Argumentationsfiguren logische Fehlschlüsse, die nicht eindeutig als solche zu erkennen sind. Ein einfaches Beispiel für eine Äquivokation ist der Satz „Wenn Wissen Macht ist und Macht schlecht ist, dann ist Wissen schlecht.“, ein Beispiel für ein argumentum ad hominem ist der Satz „Wenn man dumm ist, dann kann man nicht an Gott glauben.“ und ein Beispiel für eine petitio principii ist der Satz „Wenn man anders handeln kann, dann ist man für sein Handeln verantwortlich, weil man keinen für sein Handeln verantwortlich machen kann, wenn er nicht anders handeln kann.“

[15] Vgl. Gorg 483c ff.

[16] Vgl. Kobusch, 1996, S. 47.

[17] Vgl. Gorg 448d.

[18] Vgl. Gorg. 454c.

[19] Vgl. Mesch, 2007, S. 150.

[20] Im kompletten Gorg gibt Platon keine Definition des Prädikats „gut“. Er vermittelt jedoch indirekt die Bedeutung von „gut“, indem er es in ein „ Verhältnis zum Zweck des menschlichen Tuns, durch die Funktion des Guten als Ziel des Handelns und Strebens “ setzt (vgl. Dalfen, 2004, S. 260f u. Gorg 499e).

[21] Gorg 486e f.

[22] Vgl. z.B. hierzu die Dialoge Lach 190c, Prot 312b ff, Men 71b ff u. Hipp. Mai. 286c-287b. Hier fordert Sokrates jeweils eine Definition von Tapferkeit, Sophist, Tugend und des Schönen.

[23] Vgl. Gorg 448e.

[24] Hierzu ein Beispiel aus Gorg: Als Gorgias auf Sokrates´ Frage, was Rhetorik sei, antwortet, dass Rhetorik eine Disziplin ist, die mit Worten zu tun hat, führt Sokrates Medizin und Gymnastik als Disziplinen an, die ebenfalls mit Worten zu tun haben, da sich sowohl Arzt und Gymnast mit Worten auf die Gegenstände ihrer Disziplinen beziehen (vgl. Gorg 449d-450b). Hierauf wendet Gorgias ein, dass Medizin und Gymnastik Disziplinen sind, die es „ mit der Arbeit der Hände und derartigen Tätigkeiten zu tun “ haben (vgl. Gorg 450b). Die Verwandtschaft der Begriffe Rhetorik, Medizin und Gymnastik besteht hier darin, dass sie Disziplinen oder Berufe sind, die sich alle mittels Worten auf ihre Gegenstände beziehen. Beim Vergleich fällt auf, dass sich Rhetorik insofern von den anderen Disziplinen unterscheidet, als dass ihre spezielle Eigenschaft die ist, dass sie es nicht mit „ der Arbeit der Hände “ zu tun hat.

[25] Nicht selten findet eine Begriffsbestimmung in den platonischen Dialogen dadurch statt, indem man Eigenschaften ausschließt, die dieser nicht hat. Siehe das Beispiel in Fußnote 24.

[26] Z.B. wird in der Sequenz Gorg 448e-481b die Frage nach dem Wesen und Nutzen der Rhetorik behandelt. Allerdings bedingt der Verlauf der Erörterung, dass auch andere, der Argumentation dienliche Begriffe, wie der des Kochens (vgl. Gorg 462d-465d) und Sachverhalte behandelt werden, wie z.B. Sokrates´ Thesen, dass Redner und Tyrannen die geringste Macht haben sowie dass Unrecht leiden besser ist als Unrecht tun (vgl. Gorg 466d u. Gorg 469b).

[27] In der ersten Definition von Rhetorik wird diese als Redekunst angegeben (vgl. Gorg 449c f). Da diese Definition ungenügend ist, wird sie verworfen (vgl. Gorg 450c-451a). Daraufhin wird Rhetorik in einer zweiten Definition als Überzeugungskunst (allerdings i.S.v. Überredung) festgelegt (vgl. Gorg 452e). Da auch diese Definition unzureichend ist (vgl. Gorg 453a-454a) wird sie dahingehend verbessert, dass man sie als eine Überzeugung definiert, die Glauben, jedoch kein Wissen über das Gerechte und Ungerechte erzeugt (vgl. Gorg 454e f).

[28] Vgl. Mittelstraß, S. 148.

[29] Gorg 486a.

[30] Gorg 487a f. Für Sokrates ist hier die Scham Grund des Widerspruchs (vgl. Dalfen, 2004, S. 345). Ich vertrete in dieser Arbeit die gegensätzliche Position, nämlich, dass der Grund der Scham der Widerspruch ist. Da sich beide Positionen nicht ausschließen sind sie beide denkbar und daher möglich. Eine Erläuterung meiner Position folgt in 3. Zweiter Schritt in der Begründung von These (A): Scham als mittelbarer Übergang von Theorie zur Praxis.

[31] Aporie (gr. a poros) bedeutet Weglosigkeit, Ausweglosigkeit i.S.v. Ratlosigkeit. Der Grund einer Aporie liegt darin, dass im Wesen der Sache oder in den zu ihrer Klärung verwendeten Begriffen Widersprüche enthalten sind (vgl. Regenbogen/Meyer, 2005, S. 57). In ihr münden einige platonische Dialoge, wie z.B. Lach.

[32] Vgl. Kobusch, 1996, S. 48.

[33] Vgl. Kobusch, 1996, S. 48.

[34] Dalfen, 2004, S. 113.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Rhetorik in Platons "Gorgias". Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Antike
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Philosophie)
Autor
Jahr
2014
Seiten
30
Katalognummer
V289165
ISBN (eBook)
9783656893516
ISBN (Buch)
9783656893523
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rhetorik, platons, gorgias, verhältnis, theorie, praxis, antike
Arbeit zitieren
Marcus Gießmann (Autor), 2014, Rhetorik in Platons "Gorgias". Zum Verhältnis von Theorie und Praxis in der Antike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289165

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