Der Einfluss des Westens auf die geschichtliche Entwicklung der japanischen Schriftkultur


Hausarbeit, 2015
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die japanische Schrift vor dem westlichen Einfluss
2.1. Kanji und Kana im 4. bis 15. Jahrhundert
2.2. Logographie und Phonografie in Nihons Schriftsystem

3. Die japanische Schrift unter dem westlichen Einfluss
3.1. Geschichtliche Entwicklung des lateinischen Alphabets
3.2. Wirken der Jesuiten in Japan ab dem 16. Jahrhundert

4. Die japanische Schrift mit dem westlichen Einfluss

5. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die japanische Schrift ist durch die Besonderheit gekennzeichnet, aus vier Schriftsystemen zu bestehen: Zunächst wurden im 4. Jahrhundert die chinesischen Schriftzeichen als Kanji eingeführt und bis zum 8. Jahrhundert alleinstehend verwendet.1 Seither gelten sie als das System allein für Schlüsselangaben der japanischen Sprache – für Nomen und für Wortstämme der Verben und Adjektive. Es bildeten sich dann die beiden „50-Laute-Silbenschriften“ Hiragana und Katakana im Land. Erstere Kana-Schrift dient der Grammatik, um etwa Verben zu deklinieren und Partikeln zu verwenden. Zudem kann sie kleingedruckt neben Kanji als sogenannte Furigana vorkommen, um die Aussprache des Schriftzeichens anzugeben. Etwa in Kinder- und Jugendlektüre findet sie häufig Anwendung, und im Kontext dieser Arbeit soll sie nicht weiter interessieren.2 Zweiteres, die Katakana-Schrift, dient heutzutage vor allem dem Gebrauch von Lehnwörtern, meist englischsprachiger Natur.

War mit diesen drei Schriften eigentlich der Bedarf, den die japanische Sprache vorgab, längst vollständig gedeckt, entwickelte sich dennoch eine vierte Schrift: Im 16. Jahrhundert brachten die portugiesischen Jesuiten-Missionare das lateinische Alphabet und die erste Druckerpresse nach Japan. Um ihren Glauben zu verbreiten, verteilten die Missionare Christen-Drucke, die in Latein, in Portugiesisch oder in romanisiertem Japanisch, in jedem Fall also zunächst nur mit lateinischen Buchstaben verfasst waren. Verschwanden diese Buchstaben Mitte des 17. Jahrhunderts mit der Abschließung des Landes aus dem Bewusstsein der Japaner, so kehrten sie Mitte des 19. Jahrhunderts nach der Öffnung zurück. Der Amerikaner James Curtis Hepburn erarbeitete 1867 das erste Japanisch-Englische Wörterbuch unter Entwicklung eines eigenen Transkriptionssystems zwischen japanischer und römischer Schrift. Heute sind Rōmaji in Japan weit verbreitet: Überall trifft der Blick in japanischen Städten auf lateinische Buchstaben, Zeichen und Zahlen – selbst in Fällen, für die Kanji vorhanden wären, etwa bei numerischen Angaben. Zudem werden auf Werbeplakaten, Ladenschildern und anderem immer mehr japanische Begriffe durch englische oder deutsche Lehnwörter in Katakana oder auch Rōmaji ersetzt. So stellt sich die Frage, aus welchen Gründen und in welchem Ausmaß der Westen früher und heute einen Einfluss auf das japanische Schriftsystem ausübt.

Für die Beantwortung dieser Frage wirft die Arbeit zunächst einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung der japanischen Schrift vor jeglichem westlichen Einfluss, da diese die historische Ausgangslage für die Beeinflussung darstellt. Dabei soll mit der Phonografie und der Logografie auch auf die zwei Schrifttypen eingegangen werden, die der bekannte Sprachwissenschaftler Harald Haarmann kennt und für dessen Differenzierung Japan einen besonderen Fall darstellt.3 Anschließend interessiert die erste europäische Beeinflussung der japanischen Schrift im 16. Jahrhundert durch das Wirken der christlichen Missionare in Nihon. Im Rahmen dessen zeigt die Arbeit auch kurz die Geschichte des lateinischen Alphabets auf, um auch von dieser vierten japanischen Schrift die Entstehung zu klären. Schließlich rücken die Jesuiten mit ihrem lateinisch gesetzten Buchdruck und ihrer Verschriftlichung in Japan in den Fokus. Im Zuge jener christlichen Drucke entwickelten sich die Rōmaji in dem ostasiatischen Staat, die heutzutage in Nippon stark verbreitet sind. So ermöglichen diese Untersuchungen letztendlich einen Blick auf die heutige Situation und aktuelle Gepflogenheiten in der japanischen Schrift und lassen Schlüsse über die Ursachen, Entwicklung und Ausmaß ihrer europäischen und amerikanischen Beeinflussung zu.

2. Die japanische Schrift vor dem westlichen Einfluss

Die Geschichte der japanischen Schrift umfasst inzwischen nahezu 2.000 Jahre und geht mit einer Beschäftigung mit der Sprache, Religion und Kultur Japans einher.4 In diesem Kapitel behandelt die Arbeit zunächst die Spanne vom 4. bis ins 15. Jahrhundert hinein, als die chinesischen Schriftzeichen als Kanji nach Japan kamen und sich die zwei eigenen Schriften Hiragana und Katakana bildeten und etablierten. Dieser lange Abschnitt fasst sich dadurch zusammen, dass das Schriftsystem Japans bis zum Ende dieses Zeitraums von jeglichem westlichen Einfluss unberührt bleibt. Folglich stellt sein finaler Zustand die Ausgangslage für die erste europäische Beeinflussung dar, um die es später im dritten Kapitel geht.

2.1. Kanji und Kana im 4. bis 15. Jahrhundert

Chinesische Schriftzeichen faszinieren Sprachwissenschaftler, Manga-Leser und unzählige andere Menschen, die mit ihnen in Berührung kommen, seit eh und je. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es von ihnen über 80.000 gibt, wobei für jedes einzelne die Strichreihenfolge genau festgelegt ist, viele in ihrer Aussprache jedoch ähnlich bis gleich klingen und sie sich ganzen sechs unterschiedlichen Typen zuordnen lassen, darunter piktographischen und indexikalischen Zeichen.5 Auch die Koreaner und die Japaner beeindruckte jenes ausgeklügelte Schriftsystem früh. Die chinesischen Schriftzeichen übernahm Japan als zuvor schriftlose Kultur, die sich bis dahin Gedankengut durch mündliche Überlieferungen, etwa durch Rhythmisierung und Musik zu merken hatte.6 Der Legende nach brachte der koreanische Gelehrte Wani im späten 4. Jahrhundert die chinesischen Schriftzeichen nach Japan, um den Konfuzianismus zu lehren. Sowohl im Kojiki als auch im Nihon Shoki, den beiden Landeschroniken aus der Heian-Zeit, wird Wani erwähnt. Die ersten japanischen Schriftbeispiele in Form von Spiegeln und Schwertinschriften stammen zumindest aus eben dieser Zeit und enthalten chinesische Schriftzeichen, die unter anderem chinesische oder koreanische Ortsnamen nennen.7 Als gesichert gilt, dass spätestens ab dem 5. Jahrhundert die chinesischen Zeichen als Kanji in mehreren Wellen aus verschiedenen Regionen importiert und von den Japanern rege genutzt wurden, um eigene Literatur zu schreiben. Obwohl ihre Kultur zuvor oral gewesen war, befähigte sie das klassische Chinesisch „plötzlich“ zum Schreiben – sie mussten lediglich Markierungen setzen, die anzeigten, an welchen Stellen für eine japanische Lesung morphologische Elemente hinzuzudenken waren. „Kanbun“ nennt sich diese Literatur, unter die etwa die buddhistische Monografie „Nihon Ryōiki“ aus der Heian-Zeit fällt. Die chinesischen Zeichen übernahm Japan mitsamt ihrer chinesisch-stämmigen Bedeutung und der versuchten ursprünglichen Aussprache (Kun-Lesung; „kun“ heißt „Bedeutung“), allerdings kamen ein bis mehrere eigene Laute (On-Lesung; „on“ bedeutet „Laut“) hinzu. Mehrere Lesungen erhielten selbst die fast 250 Kanji, genannt Kokuji, die Japan selbst kreierte. Jene Hybridität heißt auch für japanische Schüler unserer Zeit einen großen Lernaufwand: gar vier On-Lesungen und sechs Kun-Lesungen bietet etwa das aus 16 Strichen bestehende Kanji頭, welches in erster Linie „Kopf“ bedeutet und japanisch mit „zu“, „tō“, „do“, „ju“ sowie sino-japanisch als „saki“, „atama“, „kashira“, „kōbe“, „kaburi“ and „tsumuri“ ausgesprochen werden kann. Damit zeigt sich eine Komplexität, von der sich nicht sagen lässt, ob sie den Japanern im 5. Jahrhundert nicht bewusst war oder ob sie nur nicht in der Lage waren, deren Herausbildung aufzuhalten. Auch kann im Rahmen dieser Arbeit nicht auf die konkreten Entwicklungen einzelner On-Lesungen eingegangen werden, etwa die buddhistisch orientierte Go-On-Lesung, die im eben genannten Beispiel dem Laut „zu“ zuzuweisen ist. Was sich sagen lässt, ist, dass Kanbun auf die japanische Kultur einen ähnlichen Einfluss hatte wie das Latein bis zum 18. Jahrhundert auf Europa – als Sprache ihrer Bildung, ihrer Religion und eben der Literatur.8 Eine solche Vorgehensweise erwies sich als effektiver als der ab dem frühen 7. Jahrhundert unternommene Versuch, mit Manyōgana eine eigene Schrift zu entwickeln. Manyōgana basierte weiterhin auf den Lauten, nicht länger aber auch auf den Bedeutungen, die die Chinesen den Schriftzeichen zuschrieben. Schnell führte dies zu dem Problem, dass viele chinesische Silben ähnlich bis gleich klingen, jedoch ohne die zusätzliche Bedeutungskomponente überhaupt nicht mehr voneinander zu differenzieren waren. Gab es im 8. Jahrhundert geschätzte 88 japanische Silben, so standen ihnen mehr als 970 chinesische Schriftzeichen gegenüber, mit denen diese Laute geschrieben werden konnten.9 Bis heute besteht die Problematik, dass diverse Kanji mit unterschiedlichsten Bedeutungen anhand der begrenzten Silben beziehungsweise Aussprachen im Sino-Japanischen exakt gleich ausgesprochen werden, obwohl sie im klassischen Chinesisch leicht anders klingen.10 Manyōgana setzte sich gegen Kanbun jedenfalls nicht durch. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Gesetzestexte noch in Kanbun herausgegeben, allerdings schrieben zu der Zeit nur noch vereinzelte Gelehrte in diesem Stil, und die Aussage, dass Japaner chinesische Texte problemlos lesen können, wäre in dem Kontext falsch.11

Gebrauchte man bis in das frühe 9. Jahrhundert hinein allein die Kanji, so entwickelten sich dann zwei weitere Schriften in Nihon: die Kana mit ihren knapp 50 Kanamoji. Die Schriften Hiragana und Katakana bildeten sich, um die japanische Sprache vollständig in Texten abbilden zu können.12 Die Katakana entstand im 9. Jahrhundert zunächst als Lesehilfen zu chinesischen Texten von und für buddhistische Mönche. Manyōgana diente ihnen dafür als Vorlage. Bestimmte Kanji verwandelten sich ohne Bedeutungskomponente in die jeweils abstrakte Darstellung in Form der Katakana-Schriftzeichen – ergänzt durch Dakuten für andersartige Lesungen der anfänglichen Konsonanten einer More. Dementsprechend bestehen Katakana-Zeichen aus nur wenigen Strichen, die ihren chinesischen Ursprung nicht in allen Fällen klar erkennen lassen. Während das Kanji „二“ für „zwei“ bereits abstrakt ist und mit dem Katakana-Zeichen „ニ“ übereinstimmt, ist die Verbindung zwischen dem Kanji „阿“ und dem daraus abgeleiteten Katakana-Zeichen „ア“ wesentlich schwieriger zu erkennen. Sehr ähnlich kam die Schrift Hiragana zustande, basiert sie doch auf teils anderen und teils denselben Manyōgana-Zeichen wie die Katakana, in jedem Fall allerdings auf der Sōgana, der kursiven Form der Manyōgana. Aus diesem Grund wirkt Hiragana schwungvoller und weicher als die kantige Katakana. Anfangs benutzten nur Japanerinnen das Hiragana-System, so dass es zunächst den Namen „onnade“ (jap. „Frauenschrift“) trug; dies deutet auf die verhältnismäßig frühe hohe Alphabetisierungsrate im Lande hin. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts sollte Hiragana die Katakana in ihrer Funktion ablösen, die grammatikalische Erweiterung der Kanji zu sein. Doch bereits ab dem 10. Jahrhundert wurden die Hiragana – anfangs waren es circa 300, denn für einige Silben gab es gleich mehrere Arten, sie zu schreiben – für bestimmte Kanji als Suffixe eingesetzt.13 Demnach muss man vorsichtig sein, wenn man von den Kana als landeseigene Schriften spricht. Zwar sind die Japaner diejenigen, die sie entworfen haben und benutzen, doch auch die Kana-Schriften basieren auf dem, was man ab dem 4. Jahrhundert über Korea von China übernahm.14

Den beiden Kana-Morenschriften Hiragana und Katakana mit ihren offiziell jeweils (gleichen) 46 Zeichen werden demnach mittlerweile unterschiedliche Funktionen zugeteilt. Nutzte man Kanji weiterhin für die allermeisten Nomen und für viele Wortstämme von Adjektiven und Verben, so fungieren die Hiragana als Schrift für nahezu alles Weitere: für Affixe, also Präfixe und Suffixe, Partikeln und viele der Adverbien. Ein Nomen japanischen Ursprungs wie „Sushi“ wirkt für viele Japaner weicher und freundlicher, wenn es als „すし“ in Hiragana geschrieben wird statt in Kanji als „寿司“. Und: Im Gegensatz zu im Kanbun-Stil geschriebenen Texten ermöglichen Okurigana, also Hiragana-Suffixe dem Leser ein Indiz dafür, wie das vorangehende Kanji auszusprechen ist. Ein Kana allein steht noch nicht für ein Wort, so dass diese Zeichen eher als Morphogramme statt als Logogramme zu bezeichnen sind. Katakana finden im Vergleich zu Hiragana seltener Anwendung: sie sind für westliche Lehnwörter, Lautmalerei, Telegrammtexte und Hervorhebungen gedacht. Damit bilden sie nach Kanji und Hiragana die dritte Schrift im japanischen System, wie sie bis zum heutigen Tag zum Einsatz kommt.15 Als man zuvor allein mit chinesisch-stämmigen Schriftzeichen schrieb, dienten diese dementsprechend auch zum Schreiben von Lehnwörtern. Beispielsweise stand „独逸“ für „Deutschland“, da die beiden Zeichen als „do“ und „itsu“ gelesen werden können. Die Bedeutungen „allein“ und „fliehen“ sprach man den Deutschen nicht zu; stattdessen ging es um die rein phonetische Verwendung. Schließlich klingt „doitsu“ so ähnlich nach dem holländischen „duits“, wie es die japanischen Silben nur zulassen, und wird nach wie vor mit „ドイツ“ in Katakana für Deutschland geschrieben und gesagt.16

Heute sind Kenntnisse über mehr als 3.000 japanische Schriftzeichen nötig, um Zeitungen und Zeitschriften zu verstehen, die kein spezielles Fachgebiet behandeln. Im Vergleich zu den Normen vor den späteren 1940ern ist diese Zahl eine niedrige, denn erst nach dem Zweiten Weltkrieg beschloss das Land, die Anzahl der als gebräuchlich geltenden Zeichen auf eine für den Alltag zumutbare Nummer zu senken und für Massendrucke stets den modernen Tokioter Dialekt zu wählen. Anhand einer Schriftzeichen-Liste gibt das Kultusministerium an, welche Kanji im Alltag gebraucht werden und in den Schulen zu lernen sind. Im Laufe der Jahrzehnte ist eine Ausweitung der Liste zu verzeichnen, die sich jedoch verhältnismäßig in Grenzen hält: Die 1.850 sogenannten „Tōyō-Kanji“ von 1946 wurden im Jahr 1981 von den 1.945 „Jōyō-Kanji“ abgelöst und im Jahr 2010 auf 2.136 Kanji erweitert.17 Eine umfassende Geschichte aller Normen und Reformen der japanischen Schrift bietet die sich darauf konzentrierende Monografie „A history of writing in Japan“ von Christopher Seeley, vor allem ab Seite 141.

2.2. Logographie und Phonografie in Nihons Schriftsystem

Die Schriftsysteme der Welt sind von einer Vielfalt geprägt. Dennoch gibt es nach dem bekannten Sprachwissenschaftler Harald Haarmann nur zwei Typen von Schriften, wenn es darum geht, auf welche Art eine Schrift mit einer Sprache verbunden wird. Entweder orientiert sich die Schrift an der Bedeutung der Worte oder an den Lauten der Sprache.18

Richtet sich eine Schrift nach Wort-Bedeutungen, ist sie logographisch (griechisch „logos“ = „Wort“). In diesem Fall wird die gesamte Bedeutung eines Wortes mit einem Schriftzeichen wiedergegeben. Ein Zeichen steht für ein Wort, ohne dass die Lautstruktur der Sprache eine Rolle spielt. Dabei bestehen die Schriftzeichen aus piktographischen, ideographischen oder logographischen Symbolen. Ein Piktogramm ist eine vereinfachte grafische Darstellung des Gemeinten; ein Ideogramm zeigt eine einfache Idee zu einem abstrakten Begriff; und ein Logogramm kombiniert Piktogramme oder Ideogramme zu einer neuen Bedeutung. Alle drei Varianten kommen in der Schrifttradition Chinas und somit auch in Japan bei den Kanji vor. Etwa ist das Zeichen犬 mit der Bedeutung „Hund“ ein Piktogramm (genannt shōkeimoji), das Zeichen中 mit der Bedeutung „Mitte“ ein Ideogramm (genannt shijimoji) und das Zeichen林 mit der Bedeutung „Wald“ ein Logogramm (genannt kaiimoji), weil es das Zeichen木 mit der Bedeutung „Baum“ doppelt. Hinzu kommen weitere Zeichenkombinationen für beinhaltete Informationen über die Phonetik oder über die Semantik eines Zeichens. So können Kombinations-Schriftzeichen deswegen rechts oder links das gleiche Zeichen beinhalten, weil sie gleich auszusprechen sind oder zu derselben Bedeutungsgruppe gehören. Weitere Ableitungen, Entlehnungen, Bedeutungsverschiebungen und -erweiterungen der ursprünglichen Zeichen steigern die Komplexität der Kanji als Schrifttyp um ein Weiteres. Auch wenn Japan die chinesische Schrifttradition wesentlich umfassender als etwa Korea aufrechterhalten hat, unterscheiden sich die Kanji doch von den Schriftzeichen in China, da viele von ihnen Ableitungen darstellen.19 Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die chinesische Schrift keine reine logographische Schrift ist, sondern vereinzelt auch Lautzeichen kennt, um die Aussprache von Fremdwörtern anzuzeigen. Trotz ihrer „logographischen Dominante“ weist sie demnach außerdem phonographische Züge auf.20

Ist eine Schrift nicht logographischen Typs, so ist sie nach Haarmann phonographisch (griechisch „phoné“ = „Laut“), das heißt, dass sie sich an den Lauten der Sprache orientiert. Unterschiedliche und gleiche Zeichen kommen durch unterschiedliche und gleiche Töne zustande. Hiragana und Katakana unterscheiden sich nicht nur dadurch von Kanji, dass sie einfachere Zeichen mit weniger Strichen darstellen, sondern sie sind im Gegensatz zu den Kanji auch phonographischer Natur. Schließlich stellt ein Kana-Zeichen stets eine Silbe (genauer gesagt eine More, denn es gibt auch „n“ und Doppelkonsonanten) dar. Der Vorteil einer phonographischen Schrift ist, dass sie mit wesentlich weniger Zeichen auskommt und trotzdem jede Lautkombination schriftlich darzustellen vermag. Wie schon aufgezeigt, machen die jeweils knapp 50 Schriftzeichen der beiden Kana-Schriften dies durch ihr Verhältnis zu den Tausenden von Kanji deutlich. Hier deutet sich bereits an, dass sich das lateinische Alphabet mit seinen verhältnismäßig wenigen Buchstaben für unzählige Missionare als gut druckbare und bereits vertraute Schrift auf ihren außereuropäischen Einsätzen durchsetze. Auch definiert Haarmann phonographische Schriften mit der Beobachtung, dass sie zumeist dort entstehen, wo zuvor bereits logographische Schriften bestanden. Dies trifft ebenfalls auf das Verhältnis zwischen Kanji und Kana zu. Seit einigen Jahrhunderten kennt man in Nippon eine weitere Schrift dieses Typs: Ein für deutsche Leser vertrautes, in der Geschichte der phonographischen Schriften aber spätes Beispiel ist die lateinische Schrift. Im Gegensatz zu den Kana-Schriften ist sie keine Moren- oder Silbenschrift, sondern eine Buchstabenschrift, doch beide Typen sind phonographisch.21

3. Die japanische Schrift unter dem westlichen Einfluss

In erster Linie zeigt das vorangegangene Kapitel die Beschaffenheit der japanischen Schrift vor jeglichem Einfluss, wie er aus Europa kam. Mitte des 16. Jahrhunderts brachten portugiesische Missionare die lateinischen Buchstaben nach Japan – und somit erstmalig ins japanische Schriftsystem. Deswegen wird als nächstes dargelegt, wie sich das lateinische Alphabet überhaupt entwickelte.

3.1. Geschichtliche Entwicklung des lateinischen Alphabets

„Das Erstaunliche am Alphabet ist, dass es nur einmal erfunden wurde“, sagt Walter J. Ong in seinem medientheoretischen Hauptwerk „Oralität und Literalität“ von 1982.22 Jedes existierende Alphabet, sei es das hebräische, das griechische, das koreanische oder das lateinische, stellt in irgendeiner Weise eine Ableitung von dem einen ursprünglichen Alphabet dar. Dieses wurde um 1500 v. Chr. von Semiten dort erschaffen, wo schon 2.000 Jahre zuvor die Keilschrift entstand.23 Damit im Zusammenhang steht, dass das lateinische Alphabet, wie die Deutschen es benutzen und wie es seit einigen Jahrhunderten auch die Japaner kennen, auf dem griechischen basiert.

Als ältestes Dokument für die Verwendung der Alphabetschrift durch die Römer gilt ein Stein vom Forum Romanum aus der Zeit um 600 vor Christi Geburt. Die Inschrift ist in lateinischer Sprache gehalten und zeigt Schriftzeichen, die eine starke Ähnlichkeit mit dem früh-etruskischen Alphabet aufweisen. Inzwischen gilt es als belegt, dass die griechische und die etruskische Kultur, die im 7. Jahrhundert beide in Italien eine blühende Zeit erlebten, beide dazu beitrugen, dass die Römer ihre eigene Version des Alphabets entwickelten. Mit der etruskischen Kultur als Vermittler formten sich aus dem griechischen Alphabet als weitere Entlehnung dessen die lateinischen Buchstaben. Allerdings ist es schwierig, auszumachen, wie jeder lateinische Buchstabe im Einzelnen entstand. Einige entsprechen der etruskischen Schreibgewohnheit und Reihenfolge, während andere römische Zeichen bei den Etruskern fehlten und vermutlich direkt von den Griechen übernommen wurden. Das archaische lateinische Alphabet umfasste 21 Buchstaben. Zeichen, die nur für griechische Laute notwendig sind, übernahmen die Römer nicht in ihr Alphabet. Eine Ausnahme bildete das Zeichen für den griechischen Laut „dz“ (Z), das dennoch Jahrhunderte lang Bestandteil des lateinischen Alphabets war. Der Römer Ruga, welcher die erste Schule mit zahlungspflichtigem Unterricht eröffnete, soll es im 2. Jahrhundert abgeschafft haben. Ruga erfand den Buchstaben G, indem er dem C einen Strich hinzufügte und dadurch in der lateinischen Schrift zwischen den Lauten „k“ und „g“ unterscheiden ließ. Er setzte es zwischen die Buchstaben F und H, wo zuvor das unbenutzte Zeichen Z platziert war. Da die Römer aber ab dem 2. Jahrhundert mehr und mehr Lehnwörter aus dem Griechischen übernahmen, fiel bald auf, dass dem lateinischen Alphabet die Buchstaben fehlten, die den rein griechischen Lauten zugeteilt sind. So sahen die Römer sich gezwungen, ihr Alphabet zu ergänzen. Das Ypsilon hatten die Etrusker zuvor als U übernommen. Die Latiner übernahmen den Buchstaben ein weiteres Mal – diesmal jedoch direkt mit der griechischen Schreibweise Y, um es von den Lauten „u“ und „v“ zu trennen. Das Z für den Laut „dz“ kam wieder hinzu und fügte sich an das Ende des lateinischen Alphabets. Schließlich entwickelten sich im klassischen Latein U und V zu zwei getrennten Zeichen. Das klassische lateinische Alphabet ist heute vielen Millionen Menschen geläufig, da damit Hunderte von Sprachen geschrieben werden. Erwies es sich mit seinen verhältnismäßig wenigen Buchstaben als praktisch, so spielten viel mehr noch der von Europa ausgehende Imperialismus und missionarische Tätigkeiten bei der Verbreitung in Außereuropa eine Rolle. Da das griechische Alphabet den Etruskern und den Römern als Vorlage diente, soll noch erwähnt werden, wie die griechischen Buchstaben zustande kamen. Als erste Alphabetschrift, von der alle anderen Alphabete abzuleiten, gilt die Buchstabenschrift der Phönizier, einem semitischen Volk des Altertums, mit seinen 22 Konsonanten. Die Griechen übernahmen dieses erste Alphabet vollständig und fügten ihm noch ihre Vokale bei. Diese erforderte ihre Sprache, um schriftlich vollständig abgebildet werden zu können. Mehr als tausend Jahre und viele Vermittlungsstufen brauchte es dann, ehe daraus die Lateinschrift entstand. Die Ausbreitung des klassischen lateinischen Alphabets über Europa und andere Kontinente verlief stattdessen geradlinig, da es sich nach seiner Ausprägung als konsequenter Bestandteil des römischen Kulturerbes erwies und als „Scriptura franca“ in Kolonien und auf Missionen in andere Kulturen integriert werden sollte.24 Auch in Japan etablierten sich die lateinischen Buchstaben – wenn auch nur als ein Teil des Schriftsystems und zunächst nur temporär.

[...]


1 Die Angaben zur Geschichte der japanischen Schrift in dieser Einleitung werden im Anschluss hinreichend in den Kapiteln belegt, wie die Einleitung sie vorstellt.

2 Vgl. Florian Coulmas: Über Schrift. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1981 (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 378), S. 60f. – Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt/Main, New York: Campus 1998 (= Bibliothek des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V.), S. 402.

3 Vgl. ebd., S. 147-149.

4 Vgl. Christopher Seeley: A history of writing in Japan. Leiden: Brill 1991 (= Brill’s Japanese studies library, Bd. 3), S. ix.

5 Vgl. Judit Árokay: Schriftsysteme im frühen Japan. Kreative Möglichkeiten der Differenz. In: Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Hg. v. Sybille Krämer, Eva Cancik-Kirschbaum und Rainer Totzke. Berlin: Akademie Verlag 2012 (= Schriftbildlichkeit, Bd. 1), S. 151f.

6 Vgl. Walter J. Ong: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Wolfgang Schömel. Opladen: Westdeutscher Verlag 1987, S. 67.

7 Vgl. Karl Florenz: Geschichte der japanischen Litteratur. Zweite Ausgabe. Leipzig: Amelang 1909 (= Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen, Band 10), S. 7. – Volker Grassmuck: Die japanische Schrift und ihre Digitalisierung. In: Humboldt-Universität zu Berlin. URL: http://waste.informatik.hu-berlin.de/grassmuck/Texts/jp-schrift.html (07.01.2015). – Florian Coulmas: The writing systems of the world. Oxford: Blackwell 2000 (= The language library), S. 122. – Judit Árokay: Schriftsysteme im frühen Japan, S. 160.

8 Vgl. Seeley: A history of writing in Japan, S. 1. – Coulmas: The writing systems of the world, S. 123, 125, 129. – Terry Joyce: The Japanese Mental Lexicon. The Lexical Retrieval and Representation of Two-Kanji Compound Words from a Morphological Perspective. In: Tama University. URL: http://faculty.tama.ac.jp/joyce/papers/Joyce,%20Terry%20(2002)%20[PhD].pdf (08.01.2015) – Judit Árokay: Schriftsysteme im frühen Japan, S. 153, 156f, 160. – Coulmas: Über Schrift, S. 68.

9 Vgl. Coulmas: The writing systems of the world, S. 124, 129. – Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 396.

10 Vgl. Coulmas: The writing systems of the world, S. 127f.

11 Vgl. ebd., S. 111-113, 123. – Judit Árokay: Schriftsysteme im frühen Japan, S. 149, 158. – Coulmas: Über Schrift, S. 60, 63.

12 Vgl. Coulmas: The writing systems of the world, S. 129. – Coulmas: Über Schrift, S. 58.

13 Vgl. Coulmas: The writing systems of the world, S. 129-132. – Judit Árokay: Schriftsysteme im frühen Japan, S. 154f. – Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 397-401. – Anmerkung: „Die Katakana“ im Plural bezieht sich auf „die Zeichen“, während „die Katakana“ im Singular die Schrift meint, die aus den Zeichen besteht. Das gilt auch für die anderen Schriften und dürfte den Leser nicht verwirren – etwa in Judit Árokays „Schriftsysteme im frühen Japan“ wird auf die gleiche Weise formuliert.

14 Vgl. Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 396.

15 Vgl. Seeley: A history of writing in Japan, S. 1f. – Coulmas: The writing systems of the world, S. 126, 132. – Judit Árokay: Schriftsysteme im frühen Japan, S. 153f. – Coulmas: Über Schrift, S. 59. – Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 399, 401f.

16 Vgl. Coulmas: The writing systems of the world, S. 128f. – Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 187.

17 Vgl. Seeley: A history of writing in Japan, S. 2. – Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 114.

18 Vgl. ebd., S. 16.

19 Vgl. ebd., S. 147-149, 171-187.

20 Harald Haarmann: Die Geschichte der Schrift. Von den Hieroglyphen bis heute. Limitierte Sonderausgabe. München: Beck 2009 (= Beck'sche Reihe, Bd. 4075), S. 44.

21 Vgl. Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 147f.

22 Ong: Oralität und Literalität, S. 91.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 294-298.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss des Westens auf die geschichtliche Entwicklung der japanischen Schriftkultur
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Japan-Exkursion 2014
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V289227
ISBN (eBook)
9783656894865
ISBN (Buch)
9783656894872
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
japan, schrift, schriftkultur, schriftgeschichte, haarmann, logographie, phonographie, kanji, kana, hiragana, katakana, romaji, latein, an lin
Arbeit zitieren
An Lin (Autor), 2015, Der Einfluss des Westens auf die geschichtliche Entwicklung der japanischen Schriftkultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289227

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