Stärkenorientierte Kindererziehung. Das Bedürfnis des Kindes nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz befriedigen


Akademische Arbeit, 2007

41 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kinder selbstwertdienlich erziehen

3. Dem Kind uneingeschränkte Wertschätzung zeigen
3.1 Umkehrbare Äußerungen und Handlungen
3.2 Ermutigungen
3.3 Selbstermutigung
3.4 Allgemeine elterliche Wertschätzung reicht aber nicht aus

4. Selbstwertbedrohliche Situationen gemeinsam meistern

5. Das Selbstwertgefühl des Kindes stärken

6. Mit kindlicher Selbstüberschätzung richtig umgehen
6.1 Wie lassen sich diese positiven Wirkungen geringfügiger Selbstüberschätzungen erklären?
6.2 Wie sollten Eltern mit Selbstüberschätzungen ihrer Kinder umgehen?

7. Kinder zur angemessenen Selbstwerterhöhung erziehen
7.1 Aktivierung positiver Selbstüberzeugungen
7.2 Selbstwerterhöhende Selbstdarstellungen
7.3 Taktiken der positiven Selbstdarstellung

8. Wie Kinder und Jugendliche zu guten Selbstwertschützern werden können
8.1 Erfolgreicher Umgang mit selbstwertbedrohlichen Situationen
8.2 Situationsorientierte Bewältigung
8.3 Informationskontrolle
8.4 Einstellungsänderung
8.5 Selbstwertschützende Selbstdarstellung

9. Zusammenfassung

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz ist vor allem nach Ansicht von Sozialpsychologen ein zentrales Motiv des menschlichen Handelns. Seine Befriedigung oder Nichtbefriedigung beeinflusst in starkem Maße die Entwicklung des Selbstwertgefühls einer Person, wobei nachhaltige Verletzungen dieses psychischen Grundbedürfnisses entscheidend zur Ausbildung psychischer Störungen beitragen. Aus diesem Grund wird die angemessene Befriedigung dieses Bedürfnisses von Kindern und Jugendlichen als dritte zentrale elterliche Erziehungsaufgabe bestimmt.

Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung

Die meisten Menschen möchten ein positives Bild von sich selbst haben, sich als fähige Personen betrachten und von anderen geachtet, wertgeschätzt und geliebt sehen. Deshalb sind sie bestrebt, durch ihr Verhalten möglichst Wirkungen zu erzielen, die zu ihrer Selbstwerterhöhung beitragen. So versuchen sie beispielsweise, sich gegenüber für sie bedeutsamen Personen derart darzustellen, dass ihre Stärken und Vorzüge anerkennende Beachtung finden oder durch ihr Verhalten zu erreichen, dass sie von diesen Menschen gemocht werden. Sofern sie im Lebensverlauf darin hinreichend erfolgreich sind, können sie ihr Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung in ausreichendem Maße befriedigen, damit ein stabiles positives Bild von sich selbst aufbauen und erhalten und somit ihr Wohlbefinden steigern.

Das Bedürfnis nach Selbstwertschutz

Es gibt immer wieder Situationen, in denen das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung nicht befriedigt wird, weil Personen von anderen kritisiert, zurückgewiesen, in anderer Form Geringschätzung erleben oder missachtet werden. Solche Erfahrungen sind bedrohlich, erzeugen innere Spannungen oder Minderwertigkeitsgefühle und führen normalerweise zu Versuchen, das eigene positive Selbstwertgefühl zu schützen. Dazu können Bestrebungen gehören, Situationen oder Personen, die den Selbstwert bedrohen, künftig aus dem Weg zu gehen. Es besteht aber auch die Möglichkeit, das eigene Verhalten oder seine Einstellungen zu verändern, um etwa einer berechtigten Kritik zu begegnen oder um die Bedrohlichkeit einer Situation oder Person durch eine günstigere Bewertung zu mindern. Das Bedürfnis nach Selbstwertschutz wird befriedigt, wenn die Person sich durch eigene Bemühungen oder durch die Mithilfe anderer so vor Selbstwertbedrohungen schützen kann, dass eine nachhaltige Beeinträchtigung des positiven Selbstwertgefühls verhindert wird.

Die Darstellung verdeutlicht, dass dieses psychische Grundbedürfnis eigentlich aus zwei Motiven „besteht“, die unabhängig voneinander wirken, aber dennoch ein Ziel verfolgen: Die Aufrechterhaltung eines positiven Selbstwertgefühls. Sie verweist zum anderen auf die Bedeutung anderer Menschen für die Befriedigung dieses Grundbedürfnisses.

2. Kinder selbstwertdienlich erziehen

Weil vor allem Kinder aber auch Jugendliche oft noch nicht selbst in der Lage sind, hinreichend für die Erhöhung und den Schutz ihres Selbstwertes zu sorgen, gehört es zu den vordringlichen Erziehungsaufgaben ihrer Eltern, sie solange darin zu unterstützen bis sie selbst befähigt sind, sich weitestgehend selbstwertdienlich zu verhalten.

Das Bedürfnis des Kindes nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz zu befriedigen bedeutet zunächst, dass Eltern ihren Kindern auf der einen Seite ihre uneingeschränkte Wertschätzung vermitteln und sie dadurch als Personen stärken. Auf der anderen Seite müssen sie aber ebenso darauf achten, dass ihre Kinder vor Einflüssen geschützt werden, die eine positive Selbstwahrnehmung beeinträchtigen und sie als Personen schwächen könnten. Des Weiteren sollte ihre erzieherische Aufgabe darin bestehen, die Kinder schrittweise zu befähigen, ihren Selbstwert eigenständig zu erhöhen und zu schützen, damit sie sich immer besser selbst stärken und Schwächungen eigenständig verhindern oder abbauen können. Ein solcher Erziehungsansatz kann auch als selbstwertdienliche Erziehung bezeichnet werden, die ebenfalls das übergeordnete Erziehungsziel verfolgt, die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen zu fördern.

In den nachstehenden Abschnitten wird gezeigt, was unter einer selbstwertdienlichen Erziehung zu verstehen ist und mit welchen Mitteln Eltern diese Erziehungsaufgabe bewältigen können. Dabei lassen sich grundlegende elterliche Haltungen im Sinne von Erziehungsstilen oder durchgängigen Beziehungsangeboten, die generell zur Selbstwerterhöhung und dem Selbstwertschutz des Kindes dienlich sind, von speziellen selbstwertdienlichen Strategien oder Taktiken unterscheiden, die für die selbstwertschützende oder -erhöhende Bewältigung von bestimmten Anforderungen oder Situationen erforderlich und hilfreich sind.

3. Dem Kind uneingeschränkte Wertschätzung zeigen

Die beiden deutschen Erziehungspsychologen Reinhard und Anne-Marie Tausch haben durch ihre langjährigen Forschungen herausgefunden, dass es bestimmte Erziehungshaltungen gibt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit selbstwerterhöhende und selbstwertschützende Wirkungen auf den zu Erziehenden erwarten lassen, wenn Eltern oder andere Erzieher diese Haltungen verinnerlicht haben und dadurch durchgängig zeigen können. Ein Vergleich dieser unterschiedlichen Haltungen, die sich aber teilweise überlappen, führt zu dem Ergebnis, dass ein erzieherisches Merkmal dabei von herausragender Bedeutung ist. Es handelt sich um ein elterliches Beziehungsangebot, das als uneingeschränkte Wertschätzung des Kindes bezeichnet wird und sich in Anlehnung an Tausch & Tausch (1991) wie folgt beschreiben lässt.

Vermittlung von uneingeschränkter Wertschätzung

- an seinem Kind anteilnehmen
- ihm Geltung schenken, es anerkennen, willkommen heißen und ihm zugeneigt sein
- mit ihm freundlich und herzlich umgehen und mit ihm nachsichtig sein
- es rücksichtsvoll, zärtlich und liebevoll behandeln
- es ermutigen und wohlwollend behandeln
- ihm vertrauen
- zu ihm halten, ihm beistehen, es beschützen und umsorgen, ihm helfen, es trösten
- sich ihm gegenüber öffnen und ihm nahe sein.

Die Aufzählung verdeutlicht, dass wertschätzende Eltern sowohl zur Selbstwerterhöhung ihrer Kinder beitragen als auch stark um deren Selbstwertschutz bemüht sind und allein durch dieses eher allgemeine Beziehungsangebot das Bedürfnis ihrer Kinder nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz gleichermaßen befriedigen können. Dies geschieht nicht nur über Worte, sondern über eine Vielzahl elterlicher Verhaltensweisen, Berührungen, Blicke, Gesten und auch durch den Tonfall, in dem etwas gesagt wird.

3.1 Umkehrbare Äußerungen und Handlungen

Tausch & Tausch (1991) verweisen in diesem Zusammenhang allerdings auf eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen und die Erhaltung von Wertschätzung zwischen Eltern und Kindern. Die Äußerungen und Verhaltensweisen, die Eltern gegenüber ihren Kindern zeigen, müssen umgekehrt auch den Kindern gegenüber ihren Eltern zugestanden werden. Ob dies tatsächlich der Fall ist, lässt sich auf einfache Weise ermitteln. Stellen Sie sich als Eltern dazu kurz einmal vor, wie es wäre, wenn Sie von ihren Kindern in gleicher Weise angesprochen oder behandelt würden, wie Sie es tagtäglich mit ihren Kindern praktizieren. Wenn ein Vater beispielsweise seinem fünfzehnjährigen Sohn bei jedem kleineren Konflikt damit droht, dass er ihn gleich „rausschmeißen“ werde, handelt es sich zweifellos um eine Äußerung, die der Vater nicht akzeptieren könnte, wenn sein Sohn derart mit ihm umgehen würde. Diese Drohung betont nicht nur auf überdeutliche Weise die Ungleichheit zwischen beiden, sondern lässt auch jegliche Wertschätzung des Sohnes vonseiten des Vaters vermissen.

Wenn Eltern erreichen wollen, dass sie von ihren Kindern dauerhaft wertgeschätzt werden, dann müssen sie mit ihnen auf achtungsvolle, höfliche, umkehrbare und übernehmbare Weise mit ihnen umgehen. Dies gilt auch für Konfliktsituationen, wenngleich es dazu besonderer, aber durchaus erlernbarer Fähigkeiten von Eltern bedarf. Kinder und Jugendliche erfahren durch solche umkehrbaren Äußerungen und Handlungen ihrer Eltern Wertschätzung, Unterstützung und Ermutigung; sie fühlen sich für voll genommen und beachtet, und sie lernen zugleich, wie sie sich gegenüber ihren Mitmenschen verhalten sollten. Eltern bestimmen also durch ihr Vorbild auch einen wichtigen Teil des künftigen Sozialverhaltens ihrer Kinder.

3.2 Ermutigungen

Neben umkehrbaren Äußerungen und Handlungen können elterliche Ermutigungen bei Kindern und Jugendlichen deutliche selbstwerterhöhende Wirkungen erzielen. Dies dürfte beispielsweise der Fall sein, wenn ein Mädchen, das in Mathematik eine eher schwache Schülerin ist und bei den Hausaufgaben dennoch eine schwierige Aufgabe eigenständig löst, von ihrem Vater folgende Äußerung hört:

Ich hätte nicht gedacht, dass Du diese Aufgabe schon ohne Hilfestellung hinbekommst.

Ermutigende Elternäußerungen sind für das Kind besonders nach Misserfolgen wichtig. Wenn der zehnjährige Niklas nach einer Serie guter Diktate schwer enttäuscht seine erste „5“ nach Hause bringt, ist Ermutigung und Zuversicht gefragt. Seine Mutter hilft ihm, den Misserfolg zu verkraften und bietet ihm außerdem ihre Unterstützung zur Vorbereitung des nächsten Diktats mit folgenden ermutigenden Worten an:

Ermutigung nach Misserfolg

Es klappt nicht immer gleich gut, Niklas, doch ich denke, beim nächsten Diktat geht es bestimmt wieder besser. Ich helfe dir gern dabei. Wenn wir gemeinsam üben, wirst du das kommende Diktat bestimmt wieder gut schaffen.

Tausch & Tausch (1991) führen weitere Beispiele auf, die für sie zu den ermutigenden Maßnahmen und Handlungen gehören.

Ermutigungen

Sich jemandem freundlich und interessiert zuwenden, ihm zunicken, ihm zulächeln, ihm zuwinken, ihn beachten, mit ihm gemeinsam etwas unternehmen, ihm schreiben, ihn anrufen, ihn besuchen, ihm etwas Schönes in Aussicht stellen, ihn feiern, ihn beklatschen, ihm Förderangebote machen, ihn belohnen, ihm etwas leihen, ihn anerkennen.

Forschungsergebnisse. Die Autoren verweisen auf eine Vielzahl von Untersuchungen, in denen positive Auswirkungen von Ermutigungen auf Kinder und Jugendliche festgestellt werden konnten. Danach wirken Ermutigungen positiv auf die Stimmung und das Selbstvertrauen, bestärken Personen in ihren Absichten und verringern Ängste wie Unlustgefühle, d.h. sie erzielen selbstwertdienliche Wirkungen. Außerdem lernen Kinder und Jugendliche am Modell ermutigender, höflicher und zuversichtlicher Eltern, auch andere und sich selbst zu ermutigen, Menschen optimistischer wahrzunehmen und mit ihnen höflich umzugehen.

Elterliche Ermutigungen erzielen dann besonders positive Wirkungen, wenn sie vor dem Hintergrund einer allgemeinen Wertschätzung des Kindes erfolgen. Ohne diese innere Haltung von Achtung, Wärme und Rücksichtnahme besteht die Gefahr, dass Ermutigung und Lob eine technisch-mechanistische Form annehmen, die besonders dann kaum hilfreich sein wird, wenn Kinder bemerken, dass Eltern von ihren ermutigenden Äußerungen nicht wirklich überzeugt sind.

3.3 Selbstermutigung

Wie oben erwähnt, lernen von Eltern ermutigte Kinder zunehmend auch, sich selbst zu ermutigen, indem sie sich zum Beispiel am diesbezüglichen Modellverhalten ihrer Eltern orientieren. Selbstverständlich kann zur Selbstermutigung auch auf andere Modellpersonen Bezug genommen werden, wie Frick (2007, S. 224) etwa am Beispiel von Geschwistern aufzeigt. Er fügt auch die Darstellung einer jungen Lehrerin an, die sich rückblickend daran erinnert, wie sie sich als Schülerin bei der Durchführung einer für sie anspruchsvollen Übung am Stufenbarren selbst ermutigt, indem sie sich vorstellt, wie ihr (vermeintlich angstfreier Bruder) an diese Anforderung herangehen würde.

Ich stand auf dem unteren Holm, am oberen hielt ich mich fest. Ich wusste, dass ich jetzt da drüber springen sollte, wenn möglich noch elegant. Das Ganze im Rahmen der Vorbereitung auf den Sporttag, wo ich diese Übung dann vorturnen sollte. Ich nervte mich über mich selbst. Warum musste ich bloß immer so vorausschauend, ängstlich sein, jedes nur erdenkliche Szenario berechnend?! Mein Bruder, der war ganz anders! Der lebte im Moment, war ein Draufgänger, der kannte keine Angst. Warum war ich nicht wie er? Ja, warum eigentlich nicht? Ich stellte mir einfach vor, ich wäre jetzt er, ohne Ängste, einfach drauf los. Die Vorstellung verlieh mir Flügel: Ich sprang. Und ich sprang nochmals.

Am Abend beim zu Bett gehen erzählte ich meiner Mutter von meinem Trick. Beim Zuhören verzog sie plötzlich ihr Gesicht und meinte lachend: »Das ist jetzt lustig. Vor ein paar Tagen hat mir Thomas (der Bruder) etwas Ähnliches erzählt. « Er bewundere meine ruhige, disziplinierte Art, die immer alles im Blickfeld habe. Und immer, wenn er in der Schule wieder kurz davor sei, die Beherrschung zu verlieren und auszurasten, denke er an mich, und stelle sich vor, er sei jetzt ich, mit meinen Qualitäten, was ihm helfe, sich zu beherrschen und zu konzentrieren.

Die Art meines Bruders ermutigte mich, der wiederum wurde durch meine Art ermutigt, was wiederum mich in meiner Persönlichkeit bestätigte.

3.4 Allgemeine elterliche Wertschätzung reicht aber nicht aus

Die bisherige Darstellung verdeutlicht, dass Kinder, deren Eltern sich ihnen gegenüber in der beschriebenen Art und Weise verhalten, zweifellos ihr Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz hinreichend befriedigen können und diese darüber hinaus befähigen, sich auch selbst zu ermutigen. Dennoch stellt sich die Frage, ob ein derart allgemeines elterliches Beziehungsangebot tatsächlich ausreichend sein kann, wenn zum Beispiel der Selbstwert eines Kindes durch äußere Einflüsse wirklich massiv bedroht ist. In solchen Fällen wird es notwendig sein, dass Eltern ihrem Kind Hilfeangebote machen, die speziell auf die selbstwertbedrohliche Situation zugeschnitten sind und dadurch einen zuverlässigen Selbstwertschutz gewährleisten. Als besonders wirkungsvoll haben sich solche Unterstützungsmaßnahmen erwiesen, bei denen Eltern und Kinder dann gemeinsam versuchen, die für das Kind bedrohliche Situation zu meistern, wenn es bei deren Bewältigung allein deutlich überfordert ist. Wie dies am besten geschehen kann, soll im nächsten Abschnitt wieder an einem Beispiel gezeigt werden.

4. Selbstwertbedrohliche Situationen gemeinsam meistern

Solange Kinder und Jugendliche noch nicht hinreichend in der Lage sind, eigenständig als gute Selbstwerterhöher oder Selbstwertschützer zu wirken, brauchen sie unbedingt elterliche Unterstützung, um zum Beispiel mit selbstwertbedrohlichen Situationen fertig zu werden, deren Bewältigung sie noch überfordert, wie der nachstehende Einzelfall verdeutlicht.

Tom braucht dringend Hilfe

Tom, ein elfjähriger Gymnasiast, leidet seit einigen Wochen unter der Art und Weise wie ein Geschichtslehrer mit ihm umgeht, der dieses Fach seit Schuljahresbeginn erstmals in seiner Klasse unterrichtet. Der Lehrer kritisiert vor den Mitschülern die mündliche Beteiligung des Jungen. Er melde sich viel zu wenig und wenn er sich einmal äußere, dann spreche er so leise und undeutlich, dass niemand ihn verstehen könne. Der Geschichtslehrer verlangt deshalb von Tom, sich künftig stärker in den Unterricht einzubringen. Außerdem solle er bei seinen Wortmeldungen jedes Mal aufstehen und dabei laut und deutlich sprechen.

In den folgenden Geschichtsstunden, auf die sich Tom besonders gut vorbereitet hat, wird er immer als erster aufgerufen. Inhaltlich gibt es an seinen Beiträgen wohl wenig auszusetzen, aber der Lehrer scheint ihn kaum zu verstehen. Der Junge wird deshalb unter dem Grinsen seiner Mitschüler mehrfach aufgefordert, seine Äußerungen zu wiederholen, bis der Lehrer schließlich mit der Lautstärke zufrieden ist und Tom sich, jedes Mal den Tränen nahe, wieder setzen darf.

Der Junge schämt sich vor seinen Klassenkameraden, fühlt sich vom Lehrer schikaniert und gedemütigt, verachtet ihn und verspürt Hassgefühle. Kein anderer seiner Lehrer hat ihn bisher darauf hingewiesen, dass er zu leise und undeutlich spreche. Tom verstärkt seine Vorbereitung auf den Geschichtsunterricht, hat aber vor den Stunden jedes Mal ein flaues Gefühl im Magen. Im Unterricht erlebt er sich als zunehmend verunsichert und kann sich immer schlechter an den mühsam erlernten Stoff erinnern, so dass der Lehrer nun auch noch seine mangelnde Vorbereitung kritisiert. Der Junge baut schließlich starke Ängste vor dem Geschichtsunterricht auf, kann am Abend vor den Stunden nur schlecht einschlafen, hofft vergeblich, dass der Lehrer ihn endlich in Ruhe lässt und sehnt die Herbstferien herbei.

Nach den Ferien schwänzt Tom gleich die erste Geschichtsstunde, verspürt sofort eine deutliche Erleichterung und fühlt sich kurzzeitig besser. Der Lehrer hat sein unentschuldigtes Fehlen jedoch in das Klassenbuch eingetragen und zusätzlich seine Klassenlehrerin informiert, die ihn am nächsten Tag zur Rede stellt. Der Junge erklärt wahrheitsgemäß, er habe sich vor dem Geschichtsunterricht in der vierten Stunde unwohl gefühlt und sei deshalb früher nach Hause gegangen. Er werde eine schriftliche Entschuldigung seiner Eltern nachreichen.

Tom erzählt seiner Mutter erstmals von seiner Angst vor dem Geschichtslehrer. Er bittet sie um die zugesagte Entschuldigung. Seine Mutter ist entsetzt über die Vorgänge; sie fragt ihren Sohn, warum sie erst jetzt informiert worden sei. Tom meint, er habe es selbst schaffen wollen. Aber nun wisse er nicht mehr weiter. Der Junge weint. Die Mutter tröstet ihn bis er sich beruhigt hat und versichert ihm, dass sie zusammen schon eine Lösung finden werden. Beide überlegen, was getan werden könnte. Tom möchte die Schule am liebsten verlassen und ein anderes Gymnasium besuchen. Doch seine Mutter ist der Ansicht, dass der Geschichtslehrer ihm gegenüber sein Verhalten unbedingt ändern müsse. Sie wolle mit dem Lehrer darüber sprechen. Ihr Sohn ist dagegen. Er glaubt, dass dadurch alles nur noch schlimmer werden würde. Die Mutter schlägt daraufhin ein Gespräch mit seiner Klassenlehrerin vor und Tom ist einverstanden, weil er dieser Frau vertraut.

Die Klassenlehrerin hat ihre Unterstützung zugesagt und mit dem Geschichtslehrer gesprochen, der Tom fortan im Unterricht nicht mehr beachtet. Der Junge verweigert daraufhin jede mündliche Beteiligung, weil er Angst hat, dass der Lehrer sich über ihn lustig machen würde, wenn er etwas Falsches sage. Aber Tom ist eigentlich froh, nunmehr von ihm in Ruhe gelassen zu werden. Im Halbjahreszeugnis erhält er allerdings in Geschichte eine „6“, die natürlich seine Versetzung gefährdet.

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Details

Titel
Stärkenorientierte Kindererziehung. Das Bedürfnis des Kindes nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz befriedigen
Autor
Jahr
2007
Seiten
41
Katalognummer
V289238
ISBN (eBook)
9783656894902
ISBN (Buch)
9783656906391
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stärkenorientierte, kindererziehung, bedürfnis, kindes, selbstwerterhöhung, selbstwertschutz
Arbeit zitieren
Dr. Bodo Klemenz (Autor), 2007, Stärkenorientierte Kindererziehung. Das Bedürfnis des Kindes nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz befriedigen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289238

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