Es gab sie in der Vergangenheit und wird sie wahrscheinlich auch in Zukunft noch geben: heftig umstrittene Grenzfälle journalistischer Berichterstattung wie beispielsweise im Zuge der „Barschel-Affäre“ oder während des Geiseldramas von Gladbeck und Bremen, beides Exempel für ein Überschreiten ethischer Grundsätze durch Journalisten. Man könnte eine lange Liste von Versäumnissen und Fehlleistungen - keineswegs nur in Deutschland - aufzählen, und häufig entzünden solcherlei Vorfälle aufgeregte Debatten um die journalistische Ethik.
Ein Trugschluss wäre es jedoch, hierbei die alleinige Verantwortung für Verfehlungen dem einzelnen Journalisten und somit den individualethischen Maximen zuzuschreiben. Sicherlich ist das persönliche Gewissen ein wichtiger Faktor, wenn vor Ort gehandelt und eine Entscheidung getroffen wird, wie zum Beispiel ob man in ein verschlossenes Hotelzimmer eindringt und einen Menschen fotografiert, bevor man Erste Hilfe leistet oder ob man in den Verlauf einer Geiselnahme eingreift.
Allerdings ist das individuelle Handeln eingebettet in ein Netz aus professionsethischen Maßstäben und Normen wie z.B. dem deutschen Pressekodex sowie institutionellen und systemischen Rahmenbedingungen durch Gesetzgeber und Medienunternehmern. Das Zusammenspiel zwischen gesetzlichen Vorgaben und journalistischer Ethik beschreibt Rüdiger Funiok (2002) folgendermaßen: „Ethik ist eine 'innere Steuerungsressource'. Das Recht stellt mit seinem Zwangscharakter demgegenüber eine äußere Steuerungsmöglichkeit dar. Es wäre um die Moral im Medienbereich sicher noch schlechter bestellt, wenn es die Sanktionsmöglichkeit des Rechts nicht gäbe und alles der Freiwilligkeit überlassen bliebe. Es braucht beide Steuerungen, soll ein gesellschaftlich so bedeutsamer Sektor wie der Medienbereich nicht aus dem Ruder laufen.“ (Funiok, 2002)
In der vorliegenden Arbeit, die im Rahmen des Seminars „Rationalität und Ethik im Journalismus“ am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg Universität Mainz entstanden ist, wird die Rolle von Ethikkodizes im internationalen Vergleich von Deutschland, Frankreich und Großbritannien analysiert. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Einbettung der Ethikkodizes in den Bezugsrahmen gesetzlicher Bestimmungen und (Selbst-)Kontrollinstanzen gelegt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Basis: Was ist Journalistische Ethik
2.1. Ansätze der Journalismus-Ethik
2.2. Historische Entwicklung Journalistischer Ethik
2.3. Relevanz Journalistischer Ethik
2.4. Die Rolle der Ethikkodizes
3. Forschungsfragen
4. Länderspezifische Umsetzung Journalistischer Ethik
4.1. Journalistische Ethik in Deutschland
4.1.1. Rechtliche Regulierung
4.1.2. Regulative Institutionen
4.1.3. Ethikkodizes
4.2. Journalistische Ethik in Frankreich
4.2.1. Rechtliche Regulierung
4.2.2. Regulative Institutionen
4.2.3. Ethikkodizes
4.3. Journalistische Ethik in Großbritannien
4.3.1. Rechtliche Regulierung
4.3.2. Regulative Institutionen
4.3.3. Ethikkodizes
5. Ländervergleich
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Rolle von Ethikkodizes im internationalen Vergleich zwischen Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Dabei liegt der Fokus auf der Einbettung dieser Richtlinien in den jeweiligen nationalen Rahmen aus gesetzlichen Bestimmungen und (Selbst-)Kontrollinstanzen.
- Vergleichende Analyse journalistischer Ethikstrukturen.
- Untersuchung rechtlicher Rahmenbedingungen in drei Ländern.
- Bewertung der Rolle von Ethikkodizes und Selbstkontrollorganen.
- Kontextualisierung von Journalismus-Ethik in Demokratien.
- Reflexion über das Zusammenspiel von Recht, Institutionen und Eigenverantwortung.
Auszug aus dem Buch
2.4. Die Rolle der Ethikkodizes
Nachdem dargelegt wurde, weshalb Journalismus eine (eigene) Ethik benötigt, gilt es zu klären, welche explizite Rolle Ethikkodizes innerhalb der Journalismus-Ethik spielen. Thomas (1998) betont, dass sowohl Kodizes als auch gesetzliche Reglementierungen die normative Grundlage des Journalismus darstellen. Die Basis bildet dabei das Prinzip der Pressefreiheit, welches zugleich die Fragestellung aufwirft, inwiefern zwischen der journalistischen Freiheit und dieser zum Teil gegenläufigen Interessen von Protagonisten der Berichterstattung und Rezipienten abzuwiegen ist. Für diese Grenzziehung stehen laut Autorin nur „zwei Arten von Instanzen zur Verfügung: die Institutionen berufsständischer Selbstkontrolle, z.B. Presseräte, sowie der Gesetzesapparat, der Maßnahmen und Kontrollen von außen veranlaßt (die Legislative und die Judikative)“ (Thomas, 1998, S. 37). Nun stellt sich die Frage, weshalb die mit einem erheblichen Sanktionspotential versehenen Maßnahmen des Gesetzgebers nicht ausreichen, um einen sozialverträglichen, ethischen Journalismus zu gewährleisten. Ruß-Mohl und Seewald (1992) begründen die Notwendigkeit der Selbstkontrollinstanzen trotz ihrer eher ‚weichen‘ Sanktionsmittel damit, dass durch das verfassungsrechtlich verankerte Grundrecht der freien Meinungsäußerung so viel Output produziert wird, dass man ihn gar nicht allein durch rechtliche Normierungen kontrollieren kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der journalistischen Ethik und Darstellung der Zielsetzung der Arbeit.
2. Theoretische Basis: Was ist Journalistische Ethik: Definition und Einordnung der Journalismus-Ethik sowie Darstellung verschiedener Ansätze und deren Relevanz.
3. Forschungsfragen: Herleitung der zentralen Forschungsfrage und der Unterfragen zur länderspezifischen Umsetzung.
4. Länderspezifische Umsetzung Journalistischer Ethik: Detaillierte Betrachtung der rechtlichen Rahmenbedingungen, Institutionen und Ethikkodizes in Deutschland, Frankreich und Großbritannien.
5. Ländervergleich: Synoptische Gegenüberstellung und Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Ethikstrukturen.
6. Fazit: Resümee des Vergleichs und Einordnung der Ergebnisse in den Kontext journalistischer Selbstverpflichtung.
Schlüsselwörter
Journalismus-Ethik, Ethikkodizes, Pressefreiheit, Selbstkontrolle, Medienrecht, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Presserat, Ofcom, Medienethik, Journalistische Standards, Regulierung, Journalismus, Massenmedien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Strukturen der Journalismus-Ethik in Deutschland, Frankreich und Großbritannien unter Berücksichtigung gesetzlicher und institutioneller Rahmenbedingungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die rechtliche Regulierung, die Rolle regulativer Institutionen und die praktische Anwendung von Ethikkodizes im Journalismus.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Wie unterscheidet sich die Einbettung und Anwendung von professionsethischen Richtlinien unter den vorherrschenden Rahmenbedingungen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse auf deskriptiver Ebene, die Fachliteratur und existierende Regelwerke sowie Studien zur journalistischen Praxis auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert länderspezifisch die rechtlichen Grundlagen, die verantwortlichen Institutionen (z.B. Presseräte, Aufsichtsbehörden) und die vorhandenen Ethikkodizes in den drei genannten Ländern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Journalismus-Ethik, Pressefreiheit, Selbstkontrolle, Ethikkodizes, Medienrecht und internationaler Vergleich.
Welche Rolle spielt die "Gewissensklausel" in Frankreich?
Sie ermöglicht es französischen Journalisten, bei einem Eigentümerwechsel oder einer Tendenzänderung ihrer Publikation, die sie nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, das Arbeitsverhältnis unter Kündigungsschutz zu beenden.
Wie unterscheidet sich die Situation in Großbritannien von Deutschland?
Großbritannien besitzt keine schriftliche Verfassung und keine pressespezifischen Gesetze, weshalb der Fokus stärker auf staatlicher Kontrolle durch Behörden wie die Ofcom und auf Selbstkontrollmechanismen liegt.
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- Anonym (Author), 2013, Journalismus-Ethik. Ein internationaler Vergleich von rechtlichen Regulierungen und regulativen Institutionen der Ehrenkodizes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289350