Begriffliche Unklarheiten der korrespondistischen Wahrheitsrede


Hausarbeit, 2002

26 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Gliederung

1 Die Korrespondenztheorie im weiten Feld der Wahrheitstheorien

2 Etymologisches und Intuitives zur Korrespondenzkonzeption

3 Prominente Vertreter: Ein Spaziergang durch die Ahnengalerie
3.1 Die Urväter: Platon und Aristoteles
3.2 Die Adäquatheitsforderung: Thomas von Aquin
3.3 20. Jahrhundert: George Edward Moore

4 Zum Umgang mit Definitionsvorschlägen: Ein Explorationsversuch
4.1 Eine erste Sammlung
4.2 Eine ausgewählte Explizitfassung
4.2.1 Welches sind die Orte der Wahrheit?
4.2.2 Probleme mit der Übereinstimmungsrelation
4.2.3 Gebilde welcher Art sind als Wahrmacher auszuzeichnen?
4.2.3.1 Was sind Tatsachen? Ein Explikationsvorschlag
4.2.3.2 Problem der Zirkularität: Eine begriffliche Ausarbeitung
4.2.3.3 Suche nach Auswegen: Abhilfe durch Abstraktion?
4.3 Resümee der Analyse: Eine fehlende Rücksicht und Zirkularität

5 Die Ablehnung der Korrespondenzformel: Tatsachen als Abstrakta

6 Literaturverzeichnis

1 Die Korrespondenztheorie im weiten Feld der Wahrheitstheorien

Vorab ist es geboten, eine Bemerkung zu dem in der Überschrift verwendeten Ausdruck 'Theorie' zu machen. Der Begriff 'Theorie' kann in einem engen Sinne als ein "System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen od. Erscheinungen u. der ihnen zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten"[1] bestimmt werden. Diese Bedeutung von 'Theorie' mag auf empirische Theorien zutreffen; sie ist im Ausdruck 'Wahrheitstheorie' oder 'Korrespondenztheorie' allerdings als uneinschlägig zurückzuweisen. Vielmehr ist 'Theorie' in diesen Kontexten in einem weiten Sinne, das heißt synonym mit Ausdrücken wie 'Konzeption', 'Entwurf' oder 'Auffassung', zu gebrauchen.[2]

Des weiteren steht der Ausdruck 'Wahrheitstheorien' im Plural. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass es eine Vielzahl verschiedener Wahrheitsverständnisse gibt. Um einige plakative und populäre Programmtitel zu nennen, seien die Konsenskonzepte, die Redundanz- und Evidenzentwürfe, sowie die kohärentistischen Sichtweisen der Wahrheit angeführt. All diese Modelle präsentieren sich mit nuancenreichen Vorschlägen, um die Wahrheitsrede zu organisieren.

Ferner ist es geboten, die in der Überschrift unterstellte Einzigkeit zurückzuweisen. Es gibt nicht die Korrespondenztheorie. Es herrscht vielmehr eine Pluralität von Konzeptionen vor, die sich unter dem Titel 'Korrespondenzkonzeptionen der Wahrheit' subsumieren lassen. Diese stellen eine Klasse einflussreicher Wahrheitsentwürfe dar.

Trotz aller groben und feinen Unterscheidungen ist bei den verschiedenen korrespondistischen Konzeptionen ein gemeinsamer Kern auszumachen. Dieser ist intuitiv sehr eingängig und wird, durch etymologische Betrachtungen vorbereitet, in ( 2) behandelt. Sodann soll die lange Tradition der Korrespondenzauffassung der Wahrheit durch Zitate und Erläuterungen von prominenten Vertretern gewürdigt werden ( 3). Durch die angeführten Zitate vorbereitet, wird in ( 4) eine Explizitdefinition vorgeschlagen und analysiert. Schließlich werden die in der Analyse angestellten Überlegungen ausgewertet ( 5). Ein Ende findet die Arbeit in der Angabe der verwendeten Literatur ( 6).

2 Etymologisches und Intuitives zur Korrespondenzkonzeption

Der Ausdruck 'Korrespondenz' wurde im 16./17. Jahrhundert aus dem französischen 'correspondre' entlehnt, welches aus einer Nachbildung des lateinischen 'co[n]' (zusammen, mit) und 'respondēre' (antworten, entsprechen) entstanden ist.[3] Der Ausdruck 'Korrespondenz' ist im Rahmen einer Korrespondenzkonzeption der Wahrheit in etwa mit 'Übereinstimmung' oder 'Entsprechung' zu übersetzen.[4]

Es gilt zu klären, welche Gebilde miteinander übereinstimmen beziehungsweise sich entsprechen. Hier hilft eine lebensweltliche Beispielbetrachtung weiter: Der Autor stellt in Greifswald am Markt einem zufällig ausgewählten Passanten die Frage, ob es wahr ist, dass das Rathaus rot ist. Nachdem dieser affirmativ geantwortet hat, setzt man nach und fragt, wie er dazu kam die gestellte Frage mit "Ja" zu beantworten. Etwas irritiert könnte der Passant, einhergehend mit einer hinweisenden Geste auf das Rathaus erwidern: "Das sieht man doch!". Wie vollzog der Passant den Wahrheitsentscheid?

Der Passant prüfte, ob das, was er sah, mit dem Gefragten übereinstimmt; er prüfte, ob die nichtsprachliche Wirklichkeit (das realkörperliche rote Rathaus) mit ihrer sprachlichen Abbildung (der Aussage der Frage) übereinstimmt. Da dieses Übereinstimmungsverhältniss für den Passanten offensichtlich vorlag ("Das sieht man doch!"), bejahte er die an ihn gestellte Frage und klassifizierte somit die Aussage 'das Rathaus ist rot' als wahr.

Diese intuitive Wahrheitsvorstellung bringen die korrespondistischen Wahrheitskonzeptionen zum Ausdruck; sie zeichnen sich aus durch ihre Nähe zum common sense. Demnach ist eine Aussage über die Welt wahr genau dann, wenn die Welt eben so ist, wie die Aussage sagt, dass sie ist. Am Beispiel: Die Aussage 'Das Rathaus ist rot' ist wahr genau dann, wenn das Rathaus rot ist. Zu bemerken ist hier, dass die Aussage einerseits erwähnt resp. angeführt und andererseits gebraucht wird.

Der gemeinsame Kern der korrespondentistischen Sicht besteht also darin, dass Wahrheit durch eine bestimmte, noch zu erläuternde Übereinstimmung zwischen Sprache und Welt, zwischen Erkenntnis und Wirklichkeit, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Denken und Sein,... charakterisiert wird.[5]

3 Prominente Vertreter: Ein Spaziergang durch die Ahnengalerie

Bei der Fülle an korrrespondentistischen Verlautbarungen ist es geboten, sich auf einige Glanzpunkte zu beschränken. Deshalb erhebt folgende Zitatzusammenstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern es sind vielmehr einige besonders prägnante Bilder der Ahnengalerie der Korrespondenzkonzeptionen vorgestellt.

3.1 Die Urväter: Platon und Aristoteles

Platon (427 v. Chr. - 347 v. Chr.) untersucht im Dialog "Sophistes" die Frage, ob es so etwas wie Falschheit überhaupt geben könne. Dabei charakterisieren die Gesprächspartner, der Fremde aus Elea und der Mathematiker Theaitos, eine falsche Rede: Eine falsche Rede ist eine solche,

"welche sagt, das Seiende sei nicht, und welche sagt, das Nichtseiende sei."[6]

Entsprechend könnte man eine wahre Rede vorbringen, wenn man sagt, dass das Seiende ist und dass das Nichtseiende nicht ist.

Als klassischen Beleg für eine Korrespondenzauffassung der Wahrheit wird in der Literatur häufig folgende von Aristoteles (384 v.Chr. - 322 v.Chr.) in der "Metaphysik" niedergeschriebene Passage angeführt:

"Zu sagen, daß das Seiende nicht ist oder daß das Nichtseiende ist, ist

falsch; daß das Seiende ist oder daß das Nichtseiende nicht ist, ist wahr."[7]

Beide Formulierung sind insofern nicht 'vollblutig' korrespondentistisch, als bei ihnen die Forderung einer Übereinstimmung zwischen Sprache und Welt nicht erkennbar ist, ein Vergleich zwischen der Rede und "dem Seienden" wird nicht explizit gefordert. Aufgrund der möglichen nicht-relationalen Leseart dieses Zitats, wird es auch von Vertretern nicht-korrespondentistischer Auffassungen der Wahrheit verwendet.[8]

3.2 Die Adäquatheitsforderung: Thomas von Aquin

Thomas von Aquin (1224 n. Chr. - 1274 n. Chr.) bestimmt Wahrheit durch die Angleichung von "Sache" und "Verstand". Nicht nur in den "Quaestiones disputatae de veritate" findet sich seine vielbeachtete Adäquatheitsformel:

"veritas est adaequatio rei et intellectus"[9]

Diese Formel schreibt der Aquinat dem jüdischen Arzt und Philosophen Isaak ben Salomon Israeli zu. Festzuhalten ist, dass es hier "Sachen" (Gegenstände, Objekte) sind, die mit etwas im "Verstand" (Gedanken, Worte) verglichen werden. Mit der Adaequatioforderung taucht bei der Bestimmung von Wahrheit erstmals eine Relation zwischen Gegenständen usf. und Gedanke usf. auf; es wird eine in aller Regel "nichtsprachliche Wirklichkeit" mit ihrer "sprachlichen Abbildung" in Beziehung gesetzt.

3.3 20. Jahrhundert: George Edward Moore

Es gibt kaum einen bedeutenden Philosoph des 20. Jahrhunderts, der sich nicht in irgendeiner Form zum Wahrheitsproblem geäußert hat. George Edward Moore (1873 - 1958) sei hier als ein wichtiger Vertreter der Korrespondenzauffassung angeführt:

"Sagen, daß eine Meinung wahr ist: sagen, daß es im Universum

eine Tatsache gibt, der sie entspricht; und sagen, daß sie falsch

ist, ist: sagen, daß es im Universum keine Tatsache gibt, der sie

entspricht."[10]

Zu dem angeführten Zitat gibt es zu bemerken, dass es Meinungen sind, die wahr oder falsch sein können. Wahr ist eine Meinung, wenn sie in einer Entsprechungsrelation mit einer Tatsache steht. Es sind also hier Tatsachen, die eine Meinung wahrmachen. Wahrmacher (engl.: truth makers) sind diejenigen Entitäten, aufgrund welcher Wahrheitsträger (hier: Meinungen) wahr sind oder für wahr gehalten werden.

4 Zum Umgang mit Definitionsvorschlägen: Ein Explorationsversuch

Die anstehende Untersuchung lässt sich folgendermaßen gliedern: erstens wird eine Sammlung von möglichen Teilausdrücken einer Definition angeführt ( 4.1). Sodann wird zweitens eine Explizitdefinition vorgeschlagen ( 4.2). Aus dieser ergeben sich drittens drei Untersuchungsstränge: (i) ist zu klären, welche Gebilde als Wahrheitsträger fungieren ( 4.2.1), (ii) wird die Übereinstimmungsrelation einer Inspektion unterzogen ( 4.2.2) und (iii) ist es geboten zu versuchen, sich der Bedeutung, der als Wahrmacher ausgezeichneten Tatsachen zu nähern ( 4.2.3). Schließlich erfolgt eine Zusammenfassung der Analyseergebnisse ( 4.3).

4.1 Eine erste Sammlung

Aus den in ( 3) aufgeführten Zitaten einiger ausgewählter Ahnen der Korrespondenzauffassung der Wahrheit sieht man, dass die verwendeten Teilausdrücke in der Wahrheitsdefinition keinesfalls dieselben waren. Vielmehr lassen sich bei verschiedenen Autoren verschiedene Ausdrücke finden. Hier eine kleine Auswahl:

[...]


[1] Duden: Fremdwörterbuch, S.1332.

[2] Vgl. Puntel: Wahrheitstheorien, S.1-3.

[3] Kluge: Etymologisches Wörterbuch, S.406.

[4] Duden: Fremdwörterbuch, S.759.

[5] Vgl. Puntel: Wahrheitstheorien, S.28.

[6] Platon: Sophistes, 241a.

[7] Aristoteles: Metaphysik, 1011 b 26f.

[8] Vgl. Siegwart: Vorfragen, S.435 (Fußnote 1).

[9] Thomas von Aquin: Quaestiones disputatae de veritate, qu.1, a.1, c.

[10] Moore: Some main Problems of Philosophy, S.276f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Begriffliche Unklarheiten der korrespondistischen Wahrheitsrede
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Korrespondenz versus Kohärenz: Wahrheitskontroversen im Wiener Kreis
Note
1.7
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V29021
ISBN (eBook)
9783638306508
ISBN (Buch)
9783638748414
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriffliche, Unklarheiten, Wahrheitsrede, Korrespondenz, Kohärenz, Wahrheitskontroversen, Wiener, Kreis
Arbeit zitieren
Stefan Krauss (Autor), 2002, Begriffliche Unklarheiten der korrespondistischen Wahrheitsrede, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29021

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