Einlass unter Vorbehalt: Sprachliche Interaktion zwischen Besuchern und Türstehern einer Diskothek


Magisterarbeit, 2003

135 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel 1 Forschungsüberblick und theoretische Grundlagen
1.1 Methoden zur Beschreibung sozialer Umwelt: Ethnographie
und Konversationsanalyse
1.2 Theoretische Grundlagen
1.2.1 Der Begriff des Institutionalität
1.2.2 Levinsons Konzept des Aktivitätstyps
1.2.3 Der Begriff des Kontextes
1.2.4 Interkulturelle Kommunikation

Kapitel 2 Das Untersuchungsgebiet in der Diskothek Feelings
2.1 Kontakt zum Untersuchungsgegenstand und Datenerhebung .10
2.2 Der Schauplatz
2.1.1 Die Diskothek
2.1.2 Der Eingangsbereich
2.3 Die Interaktanten
2.2.1 Die Türsteher
2.2.2 Die Einlasssuchenden
2.2.3 Die Institutionalität der Kontaktsituation zwischen Türsteher und Gast

Kapitel 3 Der Aktivitätstyp „Zugangsgespräch an der Diskothekentür“
3.1 Das Zugangsgespräch als Aktivitätstyp
3.1.1 Der sequentielle Ablauf des Aktivitätstyps „Zugangsgespräch“
3.1.2 Möglichkeiten der Erweiterung des Sequenztyps
I
3.2 Die unproblematische Einlassgewährung
3.3 Einlasssituationen mit Nachfragen des Türpersonals
3.3.1 Die Frage nach dem Ausweis
3.3.1.1 „Wie alt bist du?“ - Kein Einlass wegen Fehlen des Altersnachweises
3.3.1.2 „Die Ausweise bitte“ - Ein Versuch, den Gast kennen zu lernen
3.3.2 „Wie fit bist du noch?“ - Vermuteter Alkoholkonsum als Nachfragegrund
3.4 „Geht nicht“ - Die Einlassverweigerung als Eröffnung der Interaktion
3.5 Zusammenfassung

Kapitel 4 Interkulturelle Kommunikation an der Diskothekentür
4.1 Interkulturelle Kommunikation im institutionellen Kontext
4.2 „Wart ihr schon mal hier?“ - Das Entscheidungsfindungsgespräch zwischen Türstehern und Nicht-Muttersprachlern
4.3 „Geht nicht“ - Die Einlassverweigerung als Eröffnung der Interaktion mit Nicht-Muttersprachlern
4.4 Zusammenfassung

Kapitel 5 Schlussbetrachtung

Anhang Schauplatzskizze
Transkriptionskonventionen
Datenkorpus

Literaturverzeichnis

II Einleitung

„Eine besondere Bedeutung kommt in jeder Disko den Türstehern, auch Rausschmeißern genannt, zu. Die Hüter der Schwelle (...) selektieren mit cooler Miene nach unklaren Kriterien. Du ja, Du nicht. Wer rein kommt, ist drin, wer draußen bleiben muss, eine gesellschaftliche Null. Diese einfache Grundregel macht den Türsteher zur wichtigsten Person in einer Disko. “ (Malchau 1991:26)

Die vorherrschende Meinung der Öffentlichkeit zum Berufsbild des Türstehers kann mit diesem Zitat recht gut wiedergegeben werden: Rausschmeißer, Schlägertypen, stumpfe Bodybuilder - das sind die Begriffe, mit denen der Diskobesucher das Sicherheitspersonal gerne bezeichnet. Unvergleichbar mit anderen Personen haben Türsteher die Möglichkeit, reglementierend in die Freizeitgestaltung des Individuums einzugreifen. Ein langer Weg wurde zurückgelegt, ein aufwendiges Styling betrieben, die Vorfreude auf eine schöne Party in einer angesagten Lokalität bestimmt den Abend, der durch die Ablehnung an der Tür abrupt beendet werden kann.

Das Einlassritual ist fester Bestandteil des Diskothekenbesuches, es entsteht gar der Eindruck, dass neben der Sicherheit, die sich Diskothekenbetreiber durch Einlasskontrollen versprechen, mit dem Aspekt des „Numerus-Clausus-Erlebnisses“ (Mezger 1980:101) durch die Selektion an der Tür ein Anreiz, die Diskothek zu besuchen, einhergeht. Der Einlass und insbesondere die Ablehnung einzelner Gäste oder Gästegruppen wird im Regelfall von Kommunikation begleitet, die im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden soll.

„Bestenfalls zeigt er so etwas wie Mitleid, gibt ein paar Tipps: ´Sind deine Beine bandagiert? Oder was ist das Weiße da unten zwischen Hose und Schuh?` oder ´Warum treibst Du eigentlich keinen Sport?` Darüber darf der Abgewiesene sich sogar freuen. Wer noch weniger Gnade findet, bekommt nur ein stoisches „nein“ zu hören, unabänderlich wie ein Gottesurteil.“ (Janke/Niehues 1999:144)

Dieses Zitat zeigt deutlich, dass auch Nicht-Linguisten die kommunikative Relevanz dieser Interaktionsform deutlich bewusst ist. Offensichtlich gibt es Unterschiede in der Art der Ablehnung, längere und kürzere Dialoge, harte und manchmal sogar humorvolle Diskussionen an der Tür.

Die Untersuchung der sprachlichen Interaktion an der Diskothekentür reiht sich ein in die mittlerweile große Forschungstradition zur institutionellen Kommunikation, die ihren Fokus insbesondere auf den festgelegten Handlungsrollen der professionellen und laienhaften Interaktanten sowie der damit verbundenen Wissens- und Machtasymmetrie und ihrer kommunikativen Relevanz hat. Diese Thematik wird auch in vorliegender Arbeit im Mittelpunkt stehen. Insbesondere in Situationen, in denen das Türpersonal eine negative Einlassentscheidung trifft, wird das Rollenverständnis der Interaktanten und seine sprachliche Umsetzung beleuchtet und die kommunikative Ausgestaltung der Zurückweisung untersucht.

Eine Diskothek bietet als Begegnungsstätte von Menschen verschiedener Kulturzugehörigkeit überdies einen Nährboden für Untersuchungen im Themenbereich der interkulturellen Kommunikation.

Anhand authentischer Gesprächsdaten soll nachvollzogen werden, wie die Interaktanten die individuelle Zugangsregelung gestalten, wann die Interaktion expandiert und welche typischen Phasen, Schemata und Wendungen in dieser kommunikativen Situation anzutreffen sind. Als theoretische Orientierung dient das Konzept des Aktivitätstyps von Levinson (1992: 66-100). Den methodischen Bezugsrahmen für die vorliegende Arbeit liefert das Konzept der Konversationsanalyse, die als aus der Ethnomethodologie entwickelte Forschungsrichtung neben der mikroanalytischen Betrachtung auf sprachlicher Ebene auch den sozialen Kontext mit einbezieht. Diese Erweiterung ermöglicht, sowohl die Beziehung der Interaktanten zueinander als auch ihr Wissen bezüglich der kommunikativen Situation in die Untersuchung einzubinden.

Zugrunde liegt der Arbeit ein Datenkorpus, das durch Aufnahmen von Sprachdaten im Zeitraum eines halben Jahres im Eingangsbereich einer Diskothek einer süddeutschen Großstadt erstellt wurde.

1 Forschungsüberblick und theoretische Grundlagen

1.1 Methoden zur Beschreibung sozialer Umwelt: Ethnographie und

Konversationsanalyse

Die Selbstcharakterisierung dieser Arbeit als der ethnomethodologischen Konversationsanalyse verpflichtet verweist bereits auf die zugrundeliegende Forschungstradition im Bereich der Konversationsanalyse. Darüber hinaus wird diese Arbeit durch beobachtete Eindrücke im ethnographischen Bezugsrahmen gestützt.

Der Begriff der Ethnographie wurde Ende des vergangenen Jahrhunderts gebräuchlich, um wissenschaftlich motivierte Beschreibungen nichtwestlicher Kulturen von nichtwissenschaftlichen Reiseberichten abzugrenzen (vgl. Kallmeyer 1995: 16). Die Ethnographie befasst sich mit der

„Beobachtung, Dokumentation, Analyse und Darstellung der Kultur menschlicher Gruppen, die in ihrer Besonderheit dargestellt werden unter möglichst genauer Rekonstruktion der jeweiligen Lebensform“ (Kallmeyer 1995: 14).

Als empirisches Programm bedient sich die Ethnographie insbesondere des klassischen Verfahrens der teilnehmenden Beobachtung, wobei in der ethnographischen Literatur unterschiedliche Formen der Beobachtung unterschieden werden[1].

Die Ethnographie ist nicht ausschließlich deskriptiv, ihre Beobachtungen führen selbst schon zu ersten Theorieannahmen, die sich strukturell auf die Beschreibung auswirken können. Geertz drückt dieses Verständnis in seiner Konzeption der „thick description“ aus: Er versteht die Disziplin als interpretierende Wissenschaft, die nach Bedeutungen sucht. (Geertz 1983: 9)

„Sie ist deutend; das, was sie deutet, ist ein Ablauf des sozialen Diskurses; und das Deuten besteht darin, das „Gesagte“ eines solchen Diskurses dem vergänglichen Augenblick zu entreißen“ (Geertz 1983: 30)

Seit Malinowski, der durch seine Arbeiten in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Mitbegründer der modernen Ethnographie wurde, ist es zum Standard ethnographischen Arbeitens geworden, die Position des Beobachters zum Untersuchungsgegenstand näher zu beleuchten, damit es möglich ist, den Umfang, in dem der Ethnograph selbst zur Gegenstandskonstitution beigetragen hat, nachzuvollziehen (Schmitt 1992:29). (Vgl. zur Stellung der Autorin zu vorliegendem Untersuchungsfeld: Kapitel 2.1)

Etwa ab Mitte der sechziger Jahre[2] wird das Interesse an sprachlichen Phänomenen innerhalb der Soziologie größer, es ist jedoch kein primär linguistisches Interesse, sondern gründet vielmehr auf der Annahme, dass gesellschaftliche Realität und Alltagswissensbestände durch Sprache zumindest mitbedingt sind. Die Motivation, conversation analysis (im Folgenden: CA) zu betreiben, ist seitens der Pioniere ursprünglich eine ausschließlich soziologische, wie diese auch deutlich herausgestellt haben (vgl. Sacks/Schegloff/Jefferson 1974). Die CA baut auf den Arbeiten von Alfred Schütz und Harold Garfinkel auf, wurde aber auch von der Auseinandersetzung mit den Arbeiten des Soziologen Erwing Goffman entscheidend geprägt.

Oftmals wird dem Terminus CA noch das Prädikat des Ethnomethodologischen angefügt, das sich auf die Erforschung den Interagierenden eigener Methoden der Produktion und Interpretation sozialer Interaktion (Levinson 1983: 294) bezieht. Die CA widmet sich der Untersuchung empirischer Sprachdaten auf mikroanalytischer Ebene und verfolgt dabei das Ziel, anhand von natürlichen Gesprächen die Organisation der Interaktion aufzuzeigt und eventuell wiederkehrende Strukturen oder Schemata herauszustellen. Grundlage konversationsanalytischer Arbeit sind in jedem Fall Transkriptionen von Tonaufnahmen, wobei das Transkriptionsverfahren je nach Datentyp angepasst werden kann. Ursprünglich war die klassische amerikanische CA auf die Untersuchung alltäglicher Gespräche beschränkt, doch diese Rigorosität wird von der heutigen CA nicht mehr nachvollzogen. So bekam der Ausdruck der „Konversation eine auf vielfältige Formen von Kommunikation übertragene Bedeutung“ (Ehlich 2000: 377). In jüngerer Vergangenheit widmet sich die konversationsanalytische Forschung auch insbesondere dem sprachlichen Handeln im institutionellen Kontext, der sogenannten Institutionellen Kommunikation.

1.2 Theoretische Grundlagen

1.2.1 Der Begriff der Institutionalität

Insbesondere begründet durch die Arbeiten von Atkinson, Drew und Heritage[3] wurde der Interessenfokus der CA auf die Kommunikation im institutionellen Kontext gelenkt. Geforscht wurde unter anderem in der Medizin, vor Gericht, in Schule und Ausbildung und in Unternehmen. Unter Institution ist eine gesellschaftliche Einrichtung mit klar definierten Funktionen und Aufgaben zu verstehen, in der Interaktanten mit typisierten Rollen mit typisierten Handlungen Ziele verfolgen (Birkner 2001: 7). Vor diesem Hintergrund weist jede Institution spezifische Interaktionsformen auf, die sich zur Erfüllung der jeweiligen Anforderungen als nützlich erwiesen haben. Das Wissen um diese spezifischen Interaktionsformen und ihre Durchführung, damit verbunden auch das Wissen um erlaubte Sprachbeiträge und Beschränkungen, ist in komplexen Gesellschaften meist ungleich verteilt. Professionelle Institutionsvertreter haben im Regelfall einen immensen Wissensvorsprung in Bezug auf institutionsspezifische Handlungsweisen und Vorgaben, somit kann von einer Wissensasymmetrie gesprochen werden.

Darüber hinaus haben die institutionellen Vertreter oftmals auch eine Entscheidungsbefugnis, mit der sie in das Leben des anderen Interaktanten eingreifen können (beispielsweise bei der Urteilsverkündung vor Gericht oder der Einstellungsentscheidung in einem Unternehmen). Bei solch weitreichender Entscheidungsbefugnis wird der professionelle Institutionsvertreter auch „gatekeeper“ (Erickson/Schultz 1982: 14) genannt. Somit kann im institutionellen Kontext oftmals auch eine Machtasymmetrie konstatiert werden.

Diese Asymmetrien in Bezug auf Wissen und Macht gelten durchgehend als Merkmal institutioneller Interaktion und wirken sich prägend auf die Handlungsrollen der Beteiligten aus (vgl. Marková/Foppa 1991).

Es ist nicht die räumliche Bindung an eine Institution, die die Interaktion institutionell werden lässt, sondern die Bindung der Interaktanten an ihre jeweiligen Rollen, die des Institutionsvertreters und des Laien (Drew/Heritage 1992: 3). Nach Drew/Heritage (1992) zeichnet sich Institutionelle Interaktion durch drei typische Merkmale aus (Drew/Heritage (1992: 22)

1. Institutionelle Interaktion ist zielgerichtet, mindestens einer der Interaktanten will etwas Bestimmtes erreichen.
2. Institutionelle Interaktion unterliegt spezifischen Beschränkungen, die bestimmen, welche Art von Beiträgen von den Interaktanten als der Kontaktsituation angemessen empfunden werden und welche als Regelverletzung gelten. Diese sind eng mit den festgelegten Beteiligungsrollen verbunden.
3. Institutionelle Interaktion kann mit spezifischen Inferenzen verbunden sein, die Beteiligten müssen also selbsttätig Unausgesprochenes ergänzen, um die Aussage zu verstehen. Dieses Unausgesprochene bezieht sich auf das Wissen der Beteiligten um ihre Beteiligungsrollen und die spezifische Situation, in der sie sich befinden.

1.2.2 Levinsons Konzept des Aktivitätstyps

Drew und Heritage lehnen sich damit an Levinsons Konzept des Aktivitätstyps (Levinson 1979) an, das als Weiterentwicklung von Wittgensteins Sprachspiel (vgl. Wittgenstein 1958) die Wichtigkeit der Beobachtung der Begleitumstände der Kommunikation betont und das Verstehen einzelner Aussagen im Rahmen einer Kommunikation als vom Verständnis des Sprachspiels als Ganzem abhängig betrachtet. Levinsons Definition beschreibt den Aktivitätstyp als

„fuzzy category whose focal members are goal defined, socially constituted, bounded events with constraints on participants, setting and so on, but above all on the kinds of allowable contributions.” (Levinson 1992: 62)

Die Bezeichnung des Aktivitätstyps als „unscharfe Kategorie“ erlaubt es, mit diesem Konzept alle Interaktionsformen von streng vorausgeplant (z.B. eine Gerichtsverhandlung) bis zufällig (z.B. ein Treffen auf der Straße), von sich ausschließlich aus sprachlichen Bestandteilen konstituierend (z.B. ein Telefongespräch) bis auf minimalen Sprachanteilen basierend oder gar sich durch gänzliches Fehlen von Sprache auszeichnend (z.B. ein Tennisspiel) zu fassen. In seinem Konzept betont Levinson die zentrale Rolle von Inferenzen, die jede Handlung als eine Art zugrundeliegende Interpretationsfolie unterfüttern. Da insbesondere im Bereich der institutionellen Interaktionsformen nicht jeder Aktivitätstyp kooperativ ist, reicht die alleinige Zugrundelegung der Grice´schen Maximen (Grice 1975: 41-58), die von einem allgemein gültigen Kooperationsprinzip ausgehen, und auf deren Basis jede Verletzung der Konversationsmaximen zu einer Inferenz führt, nicht aus. Vielmehr muss das Wissen der Interaktanten darüber, an welchem Punkt der Interaktion sie sich befinden, und das Wissen, mit welchem Ziel die Kommunikation geführt und damit einhergehend sprachliche Äußerungen (insbesondere Fragen) platziert werden, mit in die Inferenzbildung eingeschlossen werden. Auch an dieser Stelle wird die Bedeutung des Wissens um den spezifischen institutionellen Kontext für eine folgerichtige Inferenzbildung deutlich.

1.2.3 Der Begriff des Kontextes

Die analytische Klärung des Kontextbegriffes ist insbesondere bei der Untersuchung institutionalisierter Kommunikationsformen zentral, da der spezifische Kontext bereits ein Bündel von Beschränkungen und Anweisungen für das interaktive und sprachliche Handeln bereitstellt. In der Alltagssprache wird unter Kontext ein wie auch immer gearteter umgebender Zusammenhang verstanden, aus dem heraus eine Handlung, Äußerung oder Ähnliches verstanden werden muss. Im Zuge des immer engeren Zusammenwachsens der Sozialwissenschaften erkannte auch die Linguistik die Relevanz des „Kontextes“ für sprachliche Äußerungen. Autoren wie Lewis (1970) und Wunderlich (1972) führten als erste außersprachliche Bezugspunkte ein, die die sequentielle Interpretation beeinflussen sollten. Der Kontextbegriff dieser Zeit umfasst, dass der Kontext unabhängig von der in ihm stattfindenden Interaktion stabil ist, eine Beeinflussung des Kontextes durch die sprachliche Interaktion also nicht möglich ist. Überdies wird das Vorhandensein von Kontextwissen bei den Interaktanten unterstellt (Auer, 1986: 23).

Heutzutage wird in der Konversationsanalyse weitgehend von der Reflexivität des Kontextes ausgegangen[4], das heißt, dass eine wechselseitige Beeinflussung von Kontext und Interaktion stattfindet, der Kontext somit interaktiv produziert wird. Dieses Postulat ist wesentlich auf die Ethnomethodologie und die Arbeiten von Harold Garfinkel zurückzuführen. Er geht davon aus, dass sich aufgrund der Indexikalität von Sprache, also ihrer unaustreibbaren Wagheit, der Sinn von Äußerungen und die Bedeutung von Handlungen der Interaktanten erst in der konkreten Interaktion konstituiert. Sie stützen sich dabei auf das Prinzip der Reflexivität, das besagt, dass in unseren Handlungen selbst die Informationen enthalten sind, die den Kontext organisieren, und ihn für den Augenblick interpretierbar machen (vgl. Auer 1999:133). Maßgeblich für die Entwicklung des heutigen konversationsanalytischen Kontextbegriffes sind auch die Arbeiten von Jenny Cook-Gumperz und John Gumperz zur Kontextualisierung (Cook-Gumperz/Gumperz 1976). Diese Erweiterung des Kontextbegriffes bedeutet in der Praxis, dass nicht nur die objektiven Beteiligungsrollen und das verfügbare Wissen erkannt werden müssen, sondern dass auch überprüft werden muss, ob die vorliegenden Kontextmerkmale wechselseitig wahrgenommen werden (Auer 1986: 23).

Besonderes Interesse gilt dem Kontext im Bereich der „institutionellen Kommunikation“, der Interaktion zwischen einem professionellen Institutionsvertreter und einem Laien ( Drew/Heritage 1992: 3), da streng definierte Handlungsrollen und Asymmetrien in Bezug auf Wissen und Macht hier besonders klar hervortreten.

1.2.4 Interkulturelle Kommunikation

Klassisches Merkmal einer interkulturellen Kontaktsituation ist das Aufeinandertreffen verschiedener Sprachen:

„Ein wesentliches Charakteristikum von interkultureller Kommunikation ist jedoch damit gegeben, dass sich einer der an ihr beteiligten Kommunikationspartner typischerweise einer zweiten und fremden Sprache bedienen muss, die nicht eine Varietät seiner eigenen ist.“ (Knapp/Knapp-Potthoff 1990:66)

Es ist also nicht ausschlaggebend, dass die Interaktanten verschiedener kultureller Abstammung sind, entscheidend sind in der Kommunikation zu Tage tretende Sprachkompetenzdifferenzen. Doch nicht nur diese können die Kommunikation erschweren, es scheint vielmehr auch das kulturell geprägte diskursive Wissen zu sein, das in interkultureller Kommunikation zu Missverständnissen führt. Gumperz/Jupp/Roberts (1979) erkennen drei Hauptursachen für Missverständnisse im interkulturellen sprachlichen Austausch:

1. Different cultural assumptions about the situation and about appropriate behaviour and intentions within it
2. Different ways of structuring information or an argument in a conversation
3. Different ways of speaking: the use of a different set of unconscious linguistic conventions (such as tone of voice) to emphasise, to signal connections and logic, and to imply the significance of what is being said in term of overall meaning and attitudes (Gumperz/Jupp/Roberts 1979:5)

Wie im vorangegangenen Kapitel zum Kontextbegriff bereits erläutert, geht die Forschung davon aus, dass Kommunikation ein wechselseitiger Interpretationsprozess ist, in dem sich die Teilnehmenden fortlaufend aufeinander abstimmen. Verschiedene kulturelle Hintergründe und somit zugrundeliegende kulturell geprägte Diskursstrategien (vgl. Gumperz 1982) können in diesem Interpretationsprozess zu Fehlschlüssen und Missverständnissen führen. Überdies kommen prosodischen Phänomenen, Sprechgeschwindigkeit oder auch der Wahl bestimmter Codes kulturspezifische Bedeutungen zu, die nur von den Angehörigen der jeweiligen Kommunikationsgemeinschaft „richtig“ gedeutet werden können. Gumperz hat zur Beschreibung dieser Prozesse das Konzept der „Kontextualisierungshinweise“ erarbeitet (vgl. Gumperz 1982). Er geht davon aus, dass sich Missverständnisse, die auf divergierenden Kontextualisierungskonventionen basieren, den Kommunikationsteilnehmern nur schwer erschließen, da Kontextualisierungshinweise arbiträr, nicht-referentiell und komplex sind und somit einer Metathematisierung nur schwer zugänglich (Gumperz 1996: 383)[5].

Diese aus verschiedener kultureller Prägung resultierenden Schwierigkeiten und Missverständnisse werden von der Forschung zur interkulturellen Kommunikation fokussiert. Das Interesse an interkultureller Kommunikation ist in den letzten Jahrzehnten rapide angestiegen und reagiert damit auf die faktische Zunahme interkultureller Begegnungen, deren Grund in der immer stärkeren Globalisierung zu sehen ist. Besondere Aufmerksamkeit wird der interkulturellen Kommunikation im institutionellen Kontext geschenkt, da sich diese in den meisten Fällen durch eine Fülle von zugrundeliegenden Interpretationsmechanismen auszeichnet (vgl. auch 1.2.1), und somit besonders anfällig für interkulturelle Missverständnisse ist. Des weiteren ist institutionelle Kommunikation oft mit einem Entscheidungsfinden oder

–treffen seitens des institutionellen Vertreters verbunden, wobei die „gatekeeper“ ihr Bild des Gegenübers oft nur aus sprachlicher Kommunikation speisen können. Vor diesem Hintergrund ist die Bedeutung des Entstehens kommunikativer Missverständnisse, die sich im Regelfall zu Ungunsten des Minoritätsvertreters auswirken, besonders beachtenswert.

2 Das Untersuchungsgebiet in der Diskothek Feelings

2.1 Kontakt zum Untersuchungsgegenstand und Datenerhebung

Aufmerksam[6] wurde ich auf die Diskothek Feelings durch Mund- zu Mund- Propaganda. Nachdem ich die Diskothek einige Male als Gast besucht hatte und von der Atmosphäre sehr angetan war, bewarb ich mich auf eine Anzeige hin als Barkeeperin und Kassiererin. Diesen Nebenjob übe ich jetzt schon im vierten Jahr aus. Von Beginn meiner Arbeit an fielen mir sprachliche Besonderheiten in dieser Parallelwelt Diskothek auf, insbesondere das Zugangsgespräch an der Eingangstür hat seinen ganz eigenen Charakter, den ich gerne näher beschreiben und genauer fassen wollte. So reifte die Idee heran, die Gespräche an der Tür aufzuzeichnen und somit einer wissenschaftlichen Analyse zugänglich zu machen. Ich wusste, dass aufgrund des auch im Eingangsbereich sehr hohen Geräuschpegels eine gute Aufnahmequalität nur dann erreicht werden kann, wenn die Türsteher selbst während der Arbeit das Mikrofon tragen. Dank der Mithilfe der Kollegen konnte das Projekt verwirklicht werden: Über einen Zeitraum von 6 Monaten trugen drei verschiedene Türsteher der Diskothek Feelings bei der Arbeit ein Knopfmikrofon im Ärmel, das mit einem Minidiskgerät in der Jackentasche verbunden war, und nahmen so insgesamt rund 36 Stunden an sprachlicher Interaktion mit den Gästen auf. Eine Stellung der Türsteher als teilnehmende Beobachter kann ausgeschlossen werden, da sie über Sinn und Ziele der Dokumentation nicht informiert waren. Sie führten die Aufnahmen in der Meinung durch, dass diese der Erstellung einer spaßigen Toncollage der skurrilsten Gäste dienen.

In meiner Funktion als Kassiererin bin ich jeden Sonntag im Eingangsbereich der Diskothek Feelings präsent, an den anderen Wochentagen fanden die Aufnahmen ohne mein Beisein statt, sodass an diesen eine Beeinflussung des Interaktionsverlaufes meinerseits explizit ausgeschlossen werden kann.

Nach der Erstellung von Protokollen zu den jeweiligen Abenden und einer Vorauswahl begann ich mit der Transkription der beispielhaftesten und aussagekräftigsten Szenen.

Die Transkription der Daten erfolgte auf Basis des Gesprächsanalytischen Transkriptionssystems (GAT) nach Selting et al. (1998: 91-122). Mit Hilfe dieser Transkriptionskonventionen werden sowohl die sequentielle Struktur der Interaktion, als auch prosodische Phänomene wie beispielsweise Pausen, Akzentuierung, Intonation oder Veränderung der Sprechgeschwindigkeit erfasst. Sowohl bei deutschen als auch bei identifizierbar fremdsprachlichen Ausdrücken wurde die Standardorthographie mit konsequenter Kleinschreibung zugrundegelegt, von der nur in markierten Fällen (wie z.B. erkennbarer Dialektgebrauch) abgewichen wurde. Eine Übersicht der verwendeten Transkriptionskonventionen und Abkürzungen liefert der Anhang Transkriptionskonventionen.

2.2 Der Schauplatz

2.2.1 Die Diskothek

Clubs, Diskotheken,[7] Tanzlokale - hinter diesen Begriffen verbergen sich die verschiedensten Lokalitäten, denen meistens nur gemein ist, dass dort Musik gespielt und Getränke ausgegeben werden. Musikstil, Publikumsstruktur und Größe müssen näher spezifiziert werden, um ein zutreffendes Bild von der Diskothek Feelings, an deren Eingang die untersuchten Interaktionen stattfanden, zu erstellen. Die Diskothek Feelings ist mit einem Fassungsvermögen von bis zu 1000 Gästen die zweitgrößte Diskothek am Ort, und durch ihre gute Lage in der Innenstadt schon seit über zehn Jahren ein fester Bestandteil des Nachtlebens. Sie versteht sich selbst als Diskothek im klassischen Sinn und nicht als Club, der ausschließlich eine bestimmte Anhängerschar anziehen will und bedient sich des gängigen Programmschemas der Mainstreamdiskothek, die durch diverse (Musik)- Angebote an verschiedenen Wochentagen ein jeweils anderes Publikum locken möchte (Mühlenhöver 1999: 66). Zur Verdeutlichung folgt hier ein Kurzprofil der Struktur der einzelnen Abende:

Dienstag: Studententag mit gemischter Musik. Studenten haben an diesem Tag gegen Vorlage ihres Studentenausweises freien Eintritt, wobei der Studentenausweis keine Einlassgarantie bedeutet. Diese Veranstaltung hat unter Schülern und Studenten eine Art „Kultstatus“, die Türsteher müssen mit großem Andrang rechnen und eher restriktiv selektieren. Der Altersdurchschnitt der Gäste liegt bei 25 Jahren, das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen ist weitgehend ausgeglichen. Die Diskothek öffnet um 22.00 Uhr.

Donnerstag: 80er-Jahre-Abend. Der Abend ist nicht besonders gut besucht, die Diskothek ist meist nur halb gefüllt. Das Durchschnittsalter der Gäste liegt bei knapp über 30, der Männeranteil ist sehr hoch. Donnerstags öffnet die Diskothek um 22.00 Uhr.

Freitag: Black-Music-Abend. Der wirtschaftlich erfolgreichste Abend der Diskothek, der durchgehend sehr gut besucht ist. Aufgrund der angebotenen Musikrichtung zieht er Jugendliche der verschiedensten Kulturen an. Das Durchschnittsalter der Gäste ist sehr niedrig, die meisten Gäste sind unter 25. Es sind etwas mehr weibliche als männliche Gäste in der Diskothek anzutreffen. Die Türen öffnen sich ab 23.00 Uhr.

Samstag: Dieser Abend bietet Mainstream-Musik für jeden Geschmack. Überwiegend ländliches Publikum findet sich an diesem Abend in der Diskothek ein, alle Altersklassen sind vertreten. Eine volle Auslastung der Diskothek wird an diesem Abend nur selten erreicht. Samstags hat das Feelings ab 23.00 Uhr geöffnet.

Sonntag: Gemischte Musik. Dieser Abend zieht insbesondere ein älteres Publikum an, da Personen ab 30 gegen Vorlage des Personalausweises freien Eintritt erhalten. Ein stattlicher Anteil der Besucher ist zwischen 40 und 50. Die Diskothek ist normalerweise nicht allzu gut gefüllt, es ist ein leichter Frauenüberschuss zu verzeichnen. Die Türen öffnen sich bereits um 21.00 Uhr.

Montags und mittwochs bleibt die Diskothek geschlossen, lediglich unmittelbar vor Feiertagen findet der Diskothekenbetrieb auch an diesen Tagen statt. Aufgrund der verschiedenartigen Ausrichtung der einzelnen Öffnungstage kann der Diskothek auch mithilfe der vierdimensionalen Spezifik nach Mezger (1980: 104) kein eindeutiges Profil zugeordnet werden. Es kann keine allgemeingültige Schicht-, Alters-, Stil- oder Zweckspezifik festgestellt werden. Allenfalls für einzelne Öffnungstage könnte eine solche erstellt werden, was hier jedoch vernachlässigt werden soll.

Allgemein kann festgestellt werden, dass die Unterschiedlichkeit des Programms auch eine unterschiedliche Restriktivität der Türpolitik an den verschiedenen Tagen bewirkt.

2.1.2 Der Eingangsbereich

Zu der Begegnung zwischen Türsteher und Eintrittssuchendem kommt es vor der Schwelle der Diskothek. (Für eine bessere Veranschaulichung des Eingangsbereiches siehe Anhang Schauplatzskizze). Durch die zwei Treppenstufen, die zur Tür der Diskothek führen, findet eine räumliche Überhöhung der Türsteher statt, die die herannahenden Personen so immer überragen. Die Enge der Treppe und die meist nur einseitig geöffnete Eingangstür erzeugen die Situation, dass sich immer nur ein Gast zur gleichen Zeit mit im Regelfall zwei Türstehern konfrontiert sieht. So erleichtert bereits die architektonische Anlage des Eingangsbereiches das Ausüben einer Machtposition gegenüber den Einlasssuchenden.

2.2 Die Interaktanten

2.2.1 Die Türsteher

Die Diskothek Feelings beschäftigt ca. 10 Türsteher, die dieser Tätigkeit überwiegend nebenberuflich nachgehen, und einen bis drei Abende in der Woche an der Tür arbeiten. Der Betrieb stellt ausschließlich männliche Türsteher ein, die Begründung seitens der Clubbetreiber besagt, dass aufgrund der breiten Ausrichtung der Diskothek Feelings der Selektionsaspekt in den Hintergrund tritt, dem Deeskalationsaspekt jedoch ein sehr hoher Stellenwert zugemessen wird. Hierbei wird der körperlichen Präsenz männlicher Türsteher ein stärkerer Effekt zugemessen. Das Altersspektrum der Männer reicht von Anfang zwanzig bis Mitte dreißig und auch der berufliche Hintergrund reicht vom Studenten bis hin zum Pharmareferenten. Die Aufgabe eines Türstehers im Eingangsbereich liegt in Ausweis-, Personen- und Taschenkontrollen, Kontrollgänge durch die Diskothek dienen der Konfliktverhinderung und –entschärfung, dem Unterbinden von Zerstörung des Inventars, dem Nachgehen von Beschwerden und evtl. der Erteilung eines Lokalverweises gegenüber streitsüchtigen Gästen. In der Diskothek arbeiten an den Öffnungstagen Donnerstag und Sonntag jeweils zwei Türsteher zusammen, dienstags je nach erwartetem Andrang zwei bis vier, freitags und samstags sind durchgehend drei Türsteher anwesend. Laut Aussage der Geschäftsleitung der Diskothek Feelings gibt es keine speziellen Anforderungen an die körperliche Fitness der Türsteher, laut interner Arbeitsanweisung sind „Gästefreundlichkeit, Kommunikation, Kompromissbereitschaft und gute Menschenkenntnis (...) die Schlüssel für einen guten Türsteher“[8].

Da die Außenwirkung des jeweiligen Türstehers mitentscheidend für den Verlauf der Interaktion sein kann, wird hier eine kurze Beschreibung der im Korpus hauptsächlich vertretenen Türsteher gegeben.

T1: Arbeitet bereits seit mehreren Jahren an der Tür der Diskothek Feelings, kennt fast alle Stammgäste, viele von ihnen persönlich. Aufgrund seiner Erfahrung genießt er sehr hohe Akzeptanz unter den Kollegen. Er ist 34 Jahre alt, ca. 1,80 m groß und hat eine normale Statur. Der Mann ist meist unauffällig bis leger gekleidet. T1 hat Abitur und absolviert neben seiner Vollzeitbeschäftigung im kaufmännischen Bereich der Diskothek Feelings und seiner Türstehertätigkeit an drei Abenden in der Woche ein Fernstudium. Er spricht hochdeutsch mit leicht schwäbischem Akzent.

T4: Arbeitet bereits seit mehreren Jahren an der Tür des Feelings`, er kennt fast alle Stammgäste. Aufgrund seiner Erfahrung erfreut auch er sich einer sehr hohen Akzeptanz unter den Kollegen. Auch er ist 34 Jahre alt, ca. 1,85 m groß, hat eine normale Statur und ist als Deutscher mit einem marokkanischen Elternteil dunkelhäutig. T4 ist meist unauffällig bis leger gekleidet. Er arbeitet tagsüber als Verwaltungsbeamter und arbeitet an einem Abend der Woche an der Tür. Er spricht in der Freizeit teilweise schwer verständlichen alemannischen Dialekt und kann eine leichte dialektale Färbung nie ganz unterdrücken.

T5: Arbeitet seit einem knappen Jahr an der Tür der Diskothek. Der Mann ist 22 Jahre alt, ca. 1,95 m groß, und hat eine muskulöse Figur. T5 kleidet sich zur Arbeit meist ganz in schwarz und entlehnt Accessoires aus dem militärischen Bereich (derbe Stiefel, Ledermantel, Armeehose). Aufgrund seiner mangelnden Erfahrung spricht er seine Entscheidungen oftmals mit Kollegen ab. T5 ist Student und spricht deutlich artikuliertes Hochdeutsch.

Auf die Charakterisierung der übrigen Türsteher wird verzichtet, da sie in den ausgewählten Szenen keine entscheidende Rolle spielen.

Insgesamt standen zur Zeit meiner Aufnahme zehn Türsteher im Dienste der Diskothek Feelings, von denen Sprachbeiträge in meinem Datenmaterial zu finden sind. Die zugeordnete Nummer impliziert keine Wertung, sondern erfolgte chronologisch bei der Sichtung der Sprachdaten.

Im Eingangsbereich hält sich neben den Türstehern noch jeweils ein(e) KassiererIn auf, die/der jedoch im Regelfall nicht in die Einlassentscheidung der Türsteher eingreift.

Jeder Türsteher sieht sich während seiner Arbeitszeit mit einem Image[9] konfrontiert,

dass dieser Berufstand in der Öffentlichkeit genießt. Dieses Image ist überwiegend negativ besetzt, und wird durch reges Medieninteresse[10] geschürt. Dieses Bild beinhaltet neben den erwarteten Verhaltensstrategien auch Verallgemeinerungen zum äußeren Erscheinungsbild der Türsteher. Diese können in diesem Bewusstsein mit ihrem äußeren Erscheinungsbild das bestehende Image unterstreichen, und so auch die Erwartungen der Einlasssuchenden bezüglich möglicher Verhaltensstrategien steuern.

2.2.2 Die Einlasssuchenden

Wie aus dem Profil der Diskothek (2.1.1) bereits hervorgeht, begehren je nach Öffnungstag die unterschiedlichsten Personen Einlass in die Diskothek. Dies wird von der Diskothek, die an zwei Öffnungstagen jeweils bestimmten Personengruppen freien Eintritt gewährt, bewusst gesteuert. Im Gegensatz zum Türsteher hat der Einlasssuchende kein in der Gesellschaft bekanntes Image, für ihn steht also der Aufbau eines positiven Bildes von seiner Person im Vordergrund. Es ist davon auszugehen, dass sich der überwiegende Teil der Einlasssuchenden über dieses Faktum im Klaren ist. So dient die oftmals besonders gepflegte Kleidung der Gäste nicht nur dazu, Anerkennung vom anderen Geschlecht zu bekommen, sondern erleichtert auch das „Reinkommen“.

2.3.2 Die Institutionalität der Kontaktsituation zwischen Türsteher und Gast

Wie bereits in 1.2.1 beschrieben, machen Drew/Heritage (1992) drei zentrale Merkmale institutioneller Interaktion aus, die sich als das Vorhandensein von Zielgerichtetheit, speziellen Beschränkungen und Inferenzen zusammenfassen lassen.

Bereits aus der Bezeichnung einer Interaktantengruppe als „Einlasssuchende“ (vgl. 2.2.2) geht hervor, dass die Bedingung der Zielgerichtetheit erfüllt ist. Die Gruppe der Einlasssuchenden möchte die Eintrittserlaubnis zu der Diskothek erhalten, deren Gewährung von den Türstehern abhängt. Es besteht somit sogar eine Abhängigkeit der Einlasssuchenden von den Türstehern, die eine Art Selektionsprozess durchführen. Damit gelten die Voraussetzungen, um die Situation als eine gatekeeping-Situation einzustufen. Obwohl in der Literatur bislang überwiegend Einstellende im Personalwesen, Sozialarbeiter oder Berater im Bildungswesen als „gatekeeper“ bezeichnet wurden (Gumperz/Jupp/Roberts 1979: 4), übernimmt der Türsteher der Diskothek die Funktion eines gatekeepers im wörtlichen Sinne:

„“gatekeepers“ (...) control access to all sorts of opportunities and entitlements on our society” (Gumperz/ Jupp/Roberts 1979: 4).

Das Wesen der gatekeeping-Situation als solcher umfasst naturgemäß auch die von Drew/Heritage geforderten kommunikativen Beschränkungen und die strikte Festlegung der Beteiligungsrollen. Sie zeichnet sich überdies typischerweise durch Asymmetrien in zwei Dimensionen aus: Die Wissens- und Machtdimension. Diese Asymmetrien sind auch in der Kontaktsituation zwischen Türsteher und Einlasssuchendem gegeben: Als professioneller Interaktant mit überwiegend mehrjähriger Erfahrung in der Arbeit an der Tür ist dem Türsteher ein Wissensvorsprung um den kommunikativen Umgang mit der Einlassregelung zuzusprechen, die Machtasymmetrie ergibt sich aus der Funktion der Türsteher als gatekeeper im wahrsten Wortsinne, die den Zugang zur Diskothek nach mehr oder weniger selbst bestimmten Kriterien regeln können. Die Analyse des Datenkorpus muss nun ergeben, in wieweit beiderseitige Inferenzen in der Interaktion an der Diskothekentür eine Rolle spielen. Zu vermuten ist auch, dass sich diese Interaktionsform durch eine Art „hidden agenda“ auszeichnet, da der Einlassentscheidung der Türsteher neben der persönlichen Einschätzung der Situation ein spezifischer Kriterienkatalog zugrunde liegt, in den die Einlasssuchenden keinen Einblick haben.

Die in der Türsteheranweisung der Diskothek Feelings explizit genannten Ablehnungsgründe „eindeutiges Spannungspotential“, „Alkoholismus und Drogen“ und „Kleidung“ sind teilweise tabuisiert, sodass davon ausgegangen werden muss, dass im Zugangsgespräch an der Diskothekentür zwischen Gesagtem und Gemeintem zu unterscheiden ist.

3 Der Aktivitätstyp „Zugangsgespräch an der Diskothekentür“

3.1 Das Zugangsgespräch als Aktivitätstyp

Als unscharfe Kategorie (vgl. auch Kap. 1.2.2) ermöglicht das Konzept des Aktivitätstyps die Beschreibung von Gesprächen, die in unterschiedlichster Erscheinungsform auftreten - anders als beispielsweise das Gattungskonzept[11], das von rahmengebenden strukturellen Verfestigungen ausgeht.

Als „focal member“ (Levinson 1992: 62) können die Aktivitätstypen bezeichnet werden, die sich neben einer Zielorientierung der Interaktanten auch durch Beschränkungen hinsichtlich des Settings, in dem sie anzusiedeln sind, und der Beteiligten und ihrer Beteiligungsrollen auszeichnen. Diese Faktoren sind bei dem Zugangsgespräch an der Diskothekentür gegeben. Überdies kann mit diesem Interaktionstyp ein gutes Beispiel für ein durch oftmals konfligierende Ziele der Interaktanten bedingtes Fehlen der Kooperationsbereitschaft zwischen den Gesprächspartnern gegeben werden. Insbesondere nicht-kooperative Situationen sind in Levinsons Konzept von großem Interesse, da bei diesen ein besonderes Augenmerk auf mögliche Inferenzen der Beteiligten gelenkt wird.

Der Aktivitätstyp des Zugangsgesprächs tritt in den verschiedensten Erscheinungsformen auf: Von der rein nonverbalen Handhabung sowohl der Zugangsgewährung als auch (in seltenen Fällen) der Zugangsverweigerung reicht das Spektrum von unproblematischer Einlassgewährung mit Nachfrage über unproblematische Akzeptanz der Ablehnung bis hin zu stark expandierten Diskussionen vor der Diskothekentür. Anhand beispielhafter Zugangsgespräche soll an dieser Stelle der zugrundeliegende sequentielle Ablauf des Zugangsgesprächs aufgezeigt werden.

3.1.1 Der sequentielle Ablauf des Aktivitätstyps „Zugangsgespräch“

Die meisten Sequenztypen zeichnen sich dadurch aus, dass in dem Augenblick, in dem die Sequenz durch eine initiierende Äußerung ins Rollen gebracht wurde, dem Rezipienten mehrere Handlungsalternativen offen stehen (Bergmann 1988: 34). Am Beispiel der Bitte erläutert bedeutet dies, dass die Bitte angenommen oder abgeschlagen werden kann (vgl. dazu Levinson 1983: 336). Auch das Zugangsgespräch kann als eine solche Sequenz gesehen werden, mit dem Unterschied, dass der first part der Sequenz, quasi die „Bitte um Einlassgewährung“ meist nonverbal, allein durch das Erscheinen des Gastes unmittelbar vor der Diskothekentür, vorgetragen wird.

Dem Türsteher als Rezipienten stehen in seiner Funktion als Entscheidungsträger drei Handlungsalternativen als unmittelbare Reaktion auf diese Bitte zur Verfügung: Die Einlassgewährung, die Verweigerung des Einlasses oder der Versuch, durch ein Gespräch mit dem Einlasssuchenden einen kurzen Eindruck von der Person zu gewinnen, anhand dessen er seine Entscheidungsfindung zu optimieren versucht. Die letztgenannte Alternative zögert die Akzeptanz oder Ablehnung der Bitte um Einlass lediglich hinaus, nach kurzem Gespräch muss der Türsteher in jedem Fall eine positive oder negative Einlassentscheidung treffen.

Anders als beispielsweise bei einem Bewerbungsgespräch, in welchem die Entscheidung für oder gegen den einzelnen Kandidaten in den seltensten Fällen unmittelbar während der Interaktion mitgeteilt wird, gilt es im Zugangsgespräch unter teilweise immensem Zeitdruck eine Entscheidung zu finden und die Ratifizierung der Situation zu bewirken. Eine Einlassgewährung ist mit dem Betreten der Diskothek seitens des Gastes beendet, sollte es zu einer negativen Einlassentscheidung kommen, ist die Ratifizierung darin zu sehen, dass der Gast den unmittelbaren Eingangsbereich verlässt.

Der Fall der unproblematischen Einlassgewährung, die, falls sie nicht gänzlich nonverbal abläuft, meist lediglich aus einem gegenseitigen Gruß oder einem Gruß des Gastes und einer einladenden Geste des Türstehers besteht, kann vor diesem Hintergrund als Bitte (Gruß des Gastes) und deren Akzeptanz (Gruß des Türstehers) verstanden werden.

Sucht der Türsteher nach weiteren Informationen für seine Einlassentscheidung, erweitert er das Zugangsgespräch vor der endgültigen Antwort auf die Bitte um Einlass um Präsequenzen. In der konversationsanalytischen Literatur wird ihnen zugeschrieben, dass sie auf den weiteren Verlauf eines Gespräches hin orientiert sind und unerwünschte Entwicklungen antizipieren können (Bergmann 1988: 26). So kann dies auch im Falle des Zugangsgespräches erkannt werden: Erweitert der Türsteher das Zugangsritual beispielsweise um die Frage des Ausweises, so muss sich der Gast bewusst sein, dass die Einlassgewährung, falls er dieser Bitte nicht nachkommen kann, im Regelfalle nicht erteilt wird.

Wenn der Türsteher sich, unabhängig davon, ob die Entscheidung bereits beim Herannahen des Gastes oder erst nach einem kurzen Gespräch getroffen wurde, für eine Zurückweisung des Gastes entschieden hat, sieht er sich mit der Aufgabe konfrontiert, eine dispräferierte Aktion durchzuführen. Dieser Feststellung liegt das System der Präferenz-Organisation zugrunde (Sacks 1987; vgl. dazu Levinson 1983: 332- 345), das davon ausgeht, dass die vorhin aufgezeigten Handlungsalternativen als eine Reaktion auf einen first part einer Sequenz nicht gleichrangig sind, sondern dass vielmehr eine Präferenz[12] für eine dieser „zweiten Handlungen“ besteht, und die jeweils anderen Alternativen einer Dispräferenz unterliegen (Bergmann 1988: 34). Allgemein gilt in fast allen kommunikativen Situationen, dass dispräferierte Reaktionen vermieden, zurückgehalten oder verzögert werden. Eine Ablehnung an sich gilt nach dem Sacks´schen Präferenzsystem im Vergleich zur Zustimmung als nicht- bevorzugt (vgl. hierzu Levinson 1983: 333) und tritt daher meist in markierter Form[13] mit komplexerer Struktur zu Tage. Typisch für diese komplexe Struktur sind beispielsweise Einleitungen, Entschuldigungen, indirekte Formulierungen oder Verzögerungen (Levinson 1983: 334/335). Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass der Türsteher im Falle der negativen Einlassentscheidung die Zurückweisung im markierten Format präsentiert.

Doch wie die konversationsanalytische Forschung zeigt, gilt nicht in allen Interaktionsformen das Postulat der preference for agreement, so dass dessen universelle Gültigkeit angezweifelt werden kann[14]. Vielmehr scheint der Ansatz von Kotthoff (1989), die eine Erweiterung des Präferenzsystems und eine Differenzierung aufgrund von Kontextabhängigkeit, institutionellem Rahmen, Subkulturen bis hin zu einzelnen sprachlichen Aktivitäten vorschlägt, in die richtige Richtung zu weisen.

Auch in Anwendung auf den Aktivitätstyp des Zugangsgesprächs scheint ihre Annahme, dass sich das Präferenzsystem nach der Etablierung von Dissens im Gespräch in „disagreement preferred“ umkehrt, relevant zu sein. Ein Zugangsgespräch, in dem die negative Einlassentscheidung zwischen den Interaktanten ausgehandelt wird (fast keine Zurückweisung läuft gänzlich ohne Aushandlung ab, da kaum ein Gast die Ablehnung ohne Nachfragen akzeptiert und den Eingangsbereich der Diskothek sofort verlässt), ist in den meisten Fällen als antagonistische Kommunikation zu betrachten, in der Dissens im Gespräch anzunehmen ist. Kotthoff (1989) konnte in ihrer Untersuchung zeigen, dass nach einer ersten dissenten Äußerung die disprefernce markers wegfallen, beziehungsweise sich ihr Vorkommen deutlich verringert und ein direkter Austausch der Nichtübereinstimmung beginnt. Diesen Stil, den Byrnes (1986) als ein „hartes Pro und Kontra“, das wie ein Gesellschaftsspiel betrieben wird, charakterisiert, schreibt Kotthoff anhand ihrer Untersuchungsergebnisse insbesondere deutschen Männern zu.

Gleich in welchem Format die Zurückweisung präsentiert wurde, schließt sich in den meisten Fällen eine Nachfrage des Gastes an, der seinerseits nach Informationen für den Grund der Zurückweisung sucht, Rechtfertigungsgründe für das Fehlen des Ausweisdokumentes oder von den Türstehern als Fehlverhalten eingestuftes Auftreten darbieten will oder auch durch die Betonung der Wichtigkeit des Diskothekenbesuches Mitleid bei den Türstehern erwecken möchte. Die Länge der Aushandlungszeit wird nicht davon beeinträchtigt, ob der Türsteher die Interaktion durch eine Informationssuche seinerseits im Vorfeld der Ablehnung erweitert oder sie mit einer direkten Einlassverweigerung einleitet.

Aufgrund der an einigen Öffnungstagen sehr hohen Besucherfrequenz und der räumlichen Gegebenheiten des Eingangsbereiches ist es im Interesse des Türpersonals, sowohl die Einlassgewährung als auch die Zurückweisung möglichst zeitökonomisch durchzuführen. In Anbetracht dieser Tatsache ist es besonders interessant zu untersuchen, wie trotzdem längere Expansionen des Zugangsgesprächs möglich werden. Nicht nur die Informationssuche seitens des Türstehers verursacht die Verlängerung der Interaktion, oftmals ist auch die Aushandlung der Zurückweisungsentscheidung bis hin zur Akzeptanz seitens des Gastes ein langer Prozess, der durch immer wiederkehrende Nachfragen geschürt wird.

3.1.2 Möglichkeiten der Erweiterung des Sequenztyps

Wie bereits angesprochen, kann der Türsteher nicht in jedem Fall bereits beim Herannahen des Gastes eine eindeutige Einlassentscheidung treffen, und sucht nach ergänzenden Informationen, um mögliches Aggressionspotential, erhöhten Alkoholkonsum im Vorfeld des Diskothekenbesuches oder das noch nicht erreichte Mindestalter von 18 Jahren aufzudecken.

Der wohl häufigste Grund für einen nicht gänzlich reibungslosen Ablauf im Einlassprozess ist die Vermutung seitens der Türsteher, der Gast könne zu jung für den Diskothekenbesuch sein. Die sich daran anschließende Frage nach einem Ausweisdokument nimmt in der Gruppe der Nachfragen eine Art Sonderstellung ein, da dem Gast nach Altersnachweis in aller Regel der Einlass gewährt wird. Die Ausnahmestellung der Ausweisfrage wird auch dadurch verdeutlicht, dass sie männlichen und weiblichen Gästen gleich oft gestellt wird, wohingegen sich die anschließend beschriebenen Nachfragen z.B.: nach Alkoholkonsum im Vorfeld des Einlassgesuchs fast ausnahmslos[15] an männliche Gäste richten. Der Grund hierfür kann darin gesehen werden, dass das Hauptaugenmerk der Türsteher auf der Vermeidung von Aggressionen in der Diskothek liegt, und körperliche Gewalt in der Vergangenheit überwiegend von männlichen Gästen ausging.

Die Frage nach dem Ausweis kann jedoch auch gestellt werden, um mit dem Gast ins Gespräch zu kommen, wenn noch keine eindeutige Einlassentscheidung getroffen wurde. Die Reaktion des Gastes wird vom Türpersonal genutzt, um sich ein Bild über eventuell vom Gast ausgehendes Spannungspotential zu machen. Diese Frage ist dann gleichwertig zu standardisierten Fragen wie „Waren sie schon mal hier?“ oder „Wie fit sind sie noch?“ und dient in erster Linie dazu, die Bereitschaft des Gastes zur Kommunikation und sein Verhalten im Gespräch einzuschätzen und daraus ein Bild über sein Verhalten in Konfliktsituationen abzuleiten.

Wenn der Türsteher die negative Einlassentscheidung bereits beim Herannahen des Gastes getroffen hat, teilt er diese ohne vorherige Frage mit. Die Einlassbitte des Gastes wird direkt verweigert. Oftmals schließt sich auch daran eine lange Diskussion mit den abgewiesenen Gästen an, die eine Begründung für die Ablehnung einfordern. Da diese oft standardisiert wirkt, enden derartige Gespräche oftmals mit Unzufriedenheit und Unverständnis seitens der Gäste. Ob sich die Türsteher in diesen Fällen einer Art „hidden agenda“, die die gegenseitigen Inferenzen der Interaktanten beeinflusst, bedienen, wird anhand der folgenden Szenen zu klären versucht. In jedem Fall wird der Aktivitätstyp des Zugangsgesprächs in seinen verschiedenen Erscheinungsformen immer durch die Macht- und Wissensasymmetrien zwischen den professionellen und laienhaften Beteiligten geprägt, die die kontextbedingt richtige Inferenzbildung erschweren.

Ein wichtiger Grund für die standardisierte Formulierung von Ablehnungsbegründungen liegt in der rechtlichen Grundlage für die Arbeit an der Tür, die die Erklärungsmöglichkeiten der Türsteher einschränkt. Auch hier kann eine Ausnahmestellung der altersbedingten Ausweisfrage ausgemacht werden: Da die Diskothek Feelings dem Jugendschutzgesetz unterliegt, kann Personen unter 18 Jahren kein Einlass gewährt werden. Das Vorhandensein dieser Gesetzesgrundlage ist in der Bevölkerung weitgehend bekannt und akzeptiert.

Bei der Ablehnung von Personen, die das erforderliche Mindestalter erreicht haben, geschieht dies unter Berufung auf das Hausrecht, welches die Türsteher stellvertretend für die Geschäftsführer ausüben[16]. Die Ablehnung darf in diesen Fällen jedoch nicht diskriminierend wirken. Nach der Antidiskriminierungsrichtlinie der EU vom 29.6.2000 wird der Chancengleichheit auch im zivilrechtlichen Bereich ein hoher Stellenwert zugeschrieben, sodass der Grundsatz, alle Menschen unabhängig von z.B. Rasse, Geschlecht, Religion oder äußerem Erscheinungsbild gleich zu behandeln, auch auf die Einlasssituation an der Diskothekentür übertragen werden kann. Das Türpersonal wird in der Türsteheranweisung der Diskothek Feelings ausdrücklich auf diesen Umstand hingewiesen[17]. In der Bevölkerung ist das Wissen um diese Richtlinie vergleichsweise wenig verbreitet.

Anhand der vorliegenden Daten werde ich, ausgehend von kurzen Interaktionen an der Tür, die Expansion dieser Zurückweisungssituationen nachzeichnen und die Besonderheiten dieser Gespräche aufzeigen. Zuerst werde ich den Ablehnungsprozess zwischen Angehörigen der selben Sprachgemeinschaft beschreiben, daran anschließend wird die Interaktion zwischen Angehörigen verschiedener Sprachgemeinschaften beschrieben, und der sich daraus ergebende interkulturelle Aspekt zahlreicher Gespräche an der Tür der Diskothek Feelings mit einbezogen.

3.2 Die unproblematische Einlassgewährung

Da die Diskothek Feelings laut eigener Angabe (Quelle: Türsteheranweisung) nicht in der Lage ist, eine „gehobene Clubatmosphäre“ zu bieten und sich der „breiten Masse“ öffnen möchte, gilt grundsätzlich, dass die überwiegende Mehrheit der Gäste ohne expliziten Kontrollvorgang Einlass in die Diskothek erhält. Die Einlassgewährung erfolgt oftmals ohne jegliche begleitende verbale Äußerungen, die überwiegende Anzahl der Gäste grüßt jedoch beim Betreten der Diskothek, was von den Türstehern meist erwidert wird. Die Eintrittsgenehmigung wird in diesen Fällen auf nonverbaler Ebene erteilt. Dadurch dass die Türsteher den schmalen Eingangsbereich unversperrt halten, signalisieren sie dem Gast ihr grundsätzliches Einverständnis mit seinem Besuchswunsch. Dieses Einverständnis wird in einigen Fällen durch einladende Handbewegungen unterstrichen.

Hat das Türpersonal Zweifel darüber, ob der Gast das erforderliche Mindestalter von 18 Jahren bereits erreicht hat, verlangt es von ihm ein Ausweisdokument. Kann der Gast den Ausweis vorlegen, läuft dieser Kontrollvorgang meist reibungslos ab.

Als Beispiel für die Einlassgewährung mit altersbedingter Ausweisfrage dienen:

Szene 1, Mittwoch, 2.10.,[18] ca. 0.00 h

1 T6: so: (.) die ausweise bitte
2 (Pause von ca. 12 Sek., in der der Türsteher den Ausweis des Gastes prüft)
3 so (-) bitteschön
4 G1: jo danke

Szene 2, Mittwoch 2.10., ca. 0.00 h

1 T1: guten abend (--)
2 die ausweise bitte
3 (Pause von ca. 20 Sek., in der der Türsteher den Ausweis des Gastes prüft und 4 ihn zurückgibt)
5 G1: danke

Vergleichbare Szenen finden sich sehr häufig in dem gesammelten Material. Sind diese kurzen Interaktionen in ihrer sprachlichen Materialisierung auch recht unterschiedlich, liegt ihnen doch eine gemeinsame Struktur zugrunde. Der Türsteher begrüßt die Gäste, auch das langgezogene „so“ in Szene 1 kann als reduzierte Begrüßung gesehen werden. Da der Türsteher direkt an den Gruß anschließend das Thema der Interaktion einführt, entfällt der bei Eröffnungssequenzen übliche Gegengruß (vgl. hierzu: Brinker/Sager 2001: 97 ff.). Als Reaktion wird ihm der Ausweis ausgehändigt.

An die Prüfung des Dokumentes schließt sich die Rückgabe des Ausweises an, die auch unkommentiert (Szene 2) als Einlassgewährung angesehen wird. Der Abschluss der Dialoge erfolgt in den meisten Fällen durch einen Dank der Gäste, der sich vordergründig auf die Rückgabe des Ausweises bezieht, den Dank für die Erlaubnis, die Diskothek zu betreten, jedoch mit einschließt. Auffällig in diesen kurzen Dialogen ist die gegenseitige Höflichkeit der Interaktanten. Da die Einlassentscheidung noch nicht getroffen wurde, versuchen die Gäste, sich freundlich und unkompliziert zu geben, wohingegen die Türsteher sicherlich um den Eingriff in die Intimsphäre des Gastes wissen und die Situation durch die Höflichkeit entschärfen wollen. Überdies sind sie sich ihrer repräsentativen Gastgeberrolle bewusst und wollen den potentiell zahlungskräftigen Kunden trotz des Kontrollvorganges einen freundlichen Empfang bereiten. Der reibungslose Ablauf dieses strukturell verfestigten Vorgangs kann jedoch leicht gestört werden: Kann der Gast den geforderten Ausweis nicht vorlegen, expandiert die Interaktion.

3.3 Einlasssituationen mit Nachfragen des Türpersonals

3.3.1 Die Frage nach dem Ausweis

3.3.1.1 „Wie alt bist Du?“ - Kein Einlass wegen Fehlen des Altersnachweises

Da die strikte Einhaltung der Normen des Jugendschutzgesetzes Voraussetzung für die Erteilung der Bewirtungserlaubnis für eine Diskothek ist, werden die Türsteher von der Geschäftsleitung dazu angehalten, im Zweifelsfalle ausnahmslos Ausweiskontrollen durchzuführen und den Gästen, die kein Ausweisdokument vorlegen können, auch keinen Einlass zu gewähren.

Szene 3, Mittwoch, 2.10., ca. 23.45 h

1 T6: so hallo (-)
2 auch die AUSweise bitte
3 G1: <<p> habe ich nicht dabei>
4 T6: dann geht=s nicht

Diese Szene ist wohl die kürzest mögliche Zurückweisungssituation mit Nachfrage. Die Eröffnungsstruktur mit Begrüßung seitens des Türstehers ist wieder anzutreffen, an die sich unmittelbar das Thema der Interaktion, die als Bitte eingekleidete Aufforderung zur Ausweisvorlage, anschließt. Die Antwort des Gastes erfolgt leise, dieses Phänomen ist insbesondere bei weiblichen Gästen oft zu beobachten. Aus dieser Tatsache spricht sowohl eine offensive Unterordnung, möglicherweise ausgelöst durch eine Art Scham darüber, der Aufforderung nicht nachkommen zu können, als auch die Angst bezüglich der antizipierten Folgen der eigenen Aussage. Die Ablehnung folgt in dieser Szene auch auf dem Fuße, mit der elliptischen Konstruktion aus Zeile 4 drückt der Türsteher die Zurückweisung aus.

Auffällig ist hierbei die nüchterne Art der Präsentation dieser Ablehnung. Eine Ablehnung an sich gilt nach dem Sacks´schen Präferenzsystem (1987) im Vergleich zur Zustimmung als nicht-bevorzugt (vgl. 3.1) und tritt daher meist mit komplexerer Struktur zu Tage. Doch T6 verweist lediglich nochmals auf das Fehlen des Ausweises („dann“ (Z.4)), um danach die Ablehnung strukturell unauffällig anzuschließen. In einem Alltagsgespräch würde dieses Verhalten von anderen Beteiligten als grob unhöflich gewertet werden. In der vorliegenden Situation ist es für T6 jedoch eine zeitsparende Variante, dem Gast unmissverständlich seine Position klar zu machen. Dieser verlässt daraufhin sofort den Eingangsbereich der Diskothek und zeigt damit sein Wissen über das Zugangsgespräch: „Es geht nicht“ ist inhaltlich mit der Aussage: „Ich kann ihnen keinen Einlass zur Diskothek gewähren“ gleichzusetzen, demzufolge muss der Eingangsbereich geräumt werden. Überdies scheint eine Diskussion mit T6 auf Basis des fehlenden Ausweisdokuments wenig erfolgversprechend, da er als Türsteher an gesetzliche Grundlagen gebunden ist und mit seiner ungewöhnlich direkten Ablehnung bereits die Sinnlosigkeit einer Diskussion signalisiert hat.

[...]


[1] Vgl. hierzu Spradley (1980), der zwischen „nonparticipation“, „passive participation“, „moderate participation“, „active participation “ und „complete participation “ unterscheidet.

[2] Es kann ein zeitlicher Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Garfinkels´“Studies in Ethnomethodology“ im Jahre 1967 gesehen werden.

[3] Vgl. hierzu beispielsweise J.M. Atkinson & P. Drew (1979) Order in Court; J.M. Atkinson & M. Heritage (Hgg.) (1984) Structures of Social Action.

[4] Vgl. hierzu Garfinkels Konzept der Reflexivität: (Garfinkel 1967: 4) „Members´accounts are reflexively and essentially tied for their rational features to the socially organized occasions of their use.”.

[5] Als anschauliches Beispiel für ein aufgrund unterschiedlicher prosodischer Kontextualisierungshinweise entstandenes Missverständnis dient das einer pakistanischen Kantinenangestellten, die von ihren britischen Gästen als unhöflich eingestuft wurde, da sie ihre Stimme, wie in ihrer Kultur üblich, zur Beendigung einer Frage senkte, anstatt sie, wie im britischen Sprachraum üblich, zu heben (Gumperz 1982).

[6] Feelings entspricht nicht dem Realnamen der Diskothek.

[7] Mit dem Begriff des Schauplatzes wird hier die rein physikalische Definition angesprochen, die unter Schauplatz die außerkörperliche Umgebung versteht, und somit eine Verengung des sozialwissenschaftlichen Begriffs des Settings beinhaltet, das überdies die Gesamtkonfiguration interaktiver Ereigniszusammenhänge bezeichnet (vgl. hierzu Schmitt 1988: 44-49).

[8] Grundlage dieses Zitats ist eine interne Arbeitsanweisung der Diskothek Feelings, die jeder Türsteher nach seiner Einstellung erhält. Verfasst wurde das 10-seitige Heft von der Geschäftsführung der Diskothek. Im Folgenden wird es Türsteheranweisung genannt.

[9] Bei dem Gebrauch des Terminus „Image“ wird in dieser Arbeit die Definition von Erving Goffman zugrunde gelegt, die Image als den „positiven sozialen Wert (...), den man für sich durch die Verhaltensstrategie erwirbt, von der die anderen annehmen, man verfolge sie in einer bestimmten Interaktion.“, versteht (Goffman, 1971: 10).

[10] Vgl. z.B. “Du ja, du nicht!“ Gesellschafts- Reportage der ARD zum Thema „Menschensortierer vor einer Großdisko“, Oliver Geissen Show, Stern TV; Anti Türsteher Page Munich (ATP) im Internet, auf der „Türstehergeschädigte“ ihre Geschichte erzählen können.

[11] Vgl. dazu z.B. Luckmann (1995).

[12] Aufgrund des Gebrauchs des Terminus „Präferenz“ in der Alltagssprache scheint eine genaue definitorische Abgrenzung angebracht, wobei ich mich auf Atkinson und Drew (1979: 59) beziehe:

the term „preference“ in this context does not refer to a speakers´psychological predisposition; instead it describes the systematic features of the design of turns in which certain alternative but non- equivalent actions are taken, as well as aspects of the sequential organization of such actions.

[13] Das ursprünglich von der Prager Schule entwickelte Konzept der Markiertheit beinhaltet die Vorstellung, dass bei der Gegenüberstellung verschiedener Glieder eines „als eher gebräuchlich, normaler, weniger spezifisch als das andere betrachtet wird (in der Terminologie der Markiertheit ist das normale unmarkiert, die anderen sind markiert)“ (Comrie 1976: 111). In der Konversationsanalyse wird von der Annahme ausgegangen, dass bei mehreren Antwortoptionen (zum Beispiel auf eine Bitte) die unmarkierte präferierte Option (Annahme) eine weniger komplexe Struktur als die dispräferierte, markierte Option (Ablehnung) aufweist.

[14] Vgl. hierzu z.B. Atkinson/Drew (1979), die in ihrer Untersuchung zur Kommunikation vor Gericht feststellen konnten, dass Leugnen (also Nichtübereinstimmung) in dieser Interaktionsform präferierter Zweiter bei einer Beschuldigung ist

[15] In meinem 36 h Material umfassenden Datenkorpus konnte ich keine Stelle ausmachen, an der weibliche Gäste aus anderen Gründen außer dem nicht vorliegenden Ausweisdokument abgewiesen wurden.

[16] Vgl. hierzu Die Ausübung des Hausrechts durch Dritte, in: Engeln (1989: 113-114).

[17] Zitat aus der Türsteheranweisung: „Im Falle einer Zurückweisung sollte diese in jedem Falle höflich erfolgen und darf nicht diskriminierend wirken (lt. Gesetzgebung)“.

[18] Sonderöffnungstag vor Feiertag, Black-Music-Abend, Publikum vergleichbar mit dem eines Freitags.

Ende der Leseprobe aus 135 Seiten

Details

Titel
Einlass unter Vorbehalt: Sprachliche Interaktion zwischen Besuchern und Türstehern einer Diskothek
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
135
Katalognummer
V29148
ISBN (eBook)
9783638307376
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Empirische Arbeit über den Alltag en einer Diskothekentür - konversationsanalytisch beleuchtet. Interkulturelle Kommunikation ist ebenso ein zentrales Thema wie assymetrische Machtverteilung und Gatekeeping im Gespräch.
Schlagworte
Einlass, Vorbehalt, Sprachliche, Interaktion, Besuchern, Türstehern, Diskothek
Arbeit zitieren
Heike Schmidt (Autor), 2003, Einlass unter Vorbehalt: Sprachliche Interaktion zwischen Besuchern und Türstehern einer Diskothek, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29148

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