Wohnen am Arbeitsplatz - eine Untersuchung über den Einfluss auf die psychische Belastung von Angestellten -


Diplomarbeit, 2004

92 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Was ist „Wohnen am Arbeitsplatz“ – Begriffsbestimmung
1.2. Untersuchungsorte

2. Ermittlungsfelder
2.1. Auszug möglicher Ermittlungsfelder
2.2. Eingrenzung auf psychische Belastung
2.3. Begriffsklärung / -definition
2.4. Messinstrumente (nach BAuA)

3. verwendete Untersuchungsmethoden
3.1. Literatur
3.2. Expertenbefragung (Fragen und Antworten im Anhang)
3.3. standardisierter Fragebogen
3.4. Leitfadenorientiertes Interview
3.4.1. Fragenfindung
3.4.2. Durchführung der Interviews

4. Kategorien des Einflusses auf die psychische Belastung
4.1. Überblick
4.2. untersuchte Kategorien (anhand der Expertenbefragung; Literatur und eigenen Erfahrung)) und Auswertung
4.2.1. Wohnsituation
4.2.1.1. Wohnungsgröße und Zimmeranzahl
4.2.1.2. Wohnungsstandard
4.2.1.3. Lage der Wohnung auf dem Gelände
4.2.1.4. Zugangsmöglichkeiten d. andere Personen/Privatsphäre
4.2.1.5. Entscheidungsrahmen und Freiwilligkeit des Bewohnens
4.2.2. Arbeitsplatzsituation
4.2.2.1. Arbeitszeit und Schichtdienst
4.2.2.2. Arbeitsaufgaben / -pensum / -belastung
4.2.2.3. Qualität der Arbeit
4.2.2.4. Zusammenarbeit mit Kollegen
4.2.2.5. Anwesenheit von Adressaten
4.2.2.6. die Rolle der Institution
4.2.3. personenbezogene Bedingungen
4.2.3.1. der / die Angestellte selbst
4.2.3.2. soziale Kontakte außerhalb der Arbeit
4.2.3.2.1. Partnerschaft / Ehe
4.2.3.2.2. Familie
4.2.3.2.3. Freundschaft / Bekannte

5. Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse

6. Ausblick und Schlusswort

7. Glossar

8. Literaturverzeichnis

9. Anhänge
9.1. Expertenbefragung
9.2. standardisierter Fragebogen
9.3. leitfadengestützter Fragebogen
9.4. sonstige Anhänge
9.4.1. Statistisches Bundesamt Durchschnittliche Mietangaben der Hauptmieterhaushalte
9.4.2. Statistisches Bundesamt Daten zu Erwerbstätigen nach ihrem Pendlerverhalten
9.4.3. Instrumente zur Erfassung psychischer Belastung

Eidesstattliche Erklärung

Inhalt des gesonderten, nichtöffentlichen Anhanges:
9.5. Interview Nr. 1
9.6. Interview Nr. 2
9.7. Interview Nr. 3
9.8. Interview Nr. 4
9.9. Interview Nr. 5

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Sie fragen sich möglicherweise, was der Ausdruck „Wohnen am Arbeitsplatz“ bedeutet und was sich dahinter verbirgt? Dies soll zu Anfang der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit geklärt werden. Ihre nächste Frage könnte sein „Wirkt sich die Situation des Wohnens am Arbeitsplatzf tatsächlich auf die psychische Belastung von Angestellten aus?“ und „Wenn ja; wie? Hat es eine positive Wirkung auf die psychische Belastung oder eine negative?“ „Ist das überhaupt ein Thema, für das sich Angestellte interessieren oder gar Arbeitgeber?“

Zu diesen Fragen habe ich versucht, in dem vorliegenden Schriftstück Antworten zu geben.

Schon bei vorbereitenden Gesprächen und auch bei der Durchführung dieser Arbeit wurde ich durch das Interesse motiviert, welches betroffene Angestellte, Kollegen und Arbeitgeber gezeigt haben. Dankenswerterweise wurde diese Arbeit von dem genannten Personenkreis, der seinerseits offen und dankbar für das Aufgreifen dieser Thematik war, nicht nur begleitet sondern auch unterstützt. In dieser Feldtheorieforschung spielt auch die Sichtweise der betroffenen Angestellten an den Schnittstellen zur Arbeit und dem Kollegenkreis, zum Partner, zur eigenen Familie, zu sozialen Kontakten außerhalb der Arbeit und vor allem zur Wohnsituation eine Rolle

Vielleicht stellen Sie sich vor dem Weiterlesen noch die folgende Frage:
„Was ist das Neue in diesen Seiten?“

Es gibt eine Reihe von Forschungen und Büchern, die sich mit psychischer Belastung am Arbeitsplatz befass(t)en und ebenso gibt es seit vielen Jahren Untersuchungen und Literatur über den Bereich des Wohnens[1].

Jedoch ist die Ihnen vorliegende Arbeit meines Wissens nach die erste, die alle drei Bereiche (Wohnen, Arbeitsplatz, psychische Belastung) zusammenführt und empirisch untersucht.

1.1. Was ist „Wohnen am Arbeitsplatz“ - Begriffsbestimmung

Doch nun zur ersten Frage: „Was bedeutet ´Wohnen am Arbeitsplatz´?“. Diese Frage möchte ich aus der Sicht dieser Arbeit beantworten und definiere daher:

„ ´Wohnen am Arbeitsplatz´ ist ein Arrangement, bei dem Arbeitnehmer auf dem Grundstück ihres Arbeitsplatzes in den Räumlichkeiten ihres Arbeitgebers wohnen. “

Beim „Wohnen am Arbeitsplatz“ müssen per definitionem[2] demnach folgende Bedingungen zutreffen:

Wohnräume für Arbeitnehmer sind vorhanden,

a) und zwar in der Nähe zum Arbeitsplatz (auf demselben Grundstück oder sogar Tür an Tür)

b) und diese Wohnräume stehen in der Verfügungsgewalt des Arbeitgebers bzw. gehören dem Arbeitgeber.

Auf die einzelnen Bedingungen gehe ich hier erläuternd ein:

- mit Arbeitnehmer[3] sind abhängig beschäftigte Personen gemeint. (siehe auch Glossar im Kap. 7). Sie stehen als Beschäftige in einem Abhängigkeitsverhältnis zu einem bestimmten Arbeitgeber. Ausgenommen sind demnach ehrenamtlich Tätige, Freiberufler oder Selbstständige.
- Nähe bedeutet, dass die Wohnräume sich auf demselben Grundstück befinden wie der eigene Arbeitsplatz. Kann der Arbeitplatz nicht an einem bestimmten Ort festgemacht werden, so ist der Platz gemeint, an dem sich ein Beschäftigter überwiegend während der Arbeitszeit aufhält.
- Ich möchte auf die doppelte Abhängigkeit hinwiesen, die mit der letzten Bedingung (b) erst in Erscheinung tritt: Es besteht beim Bewohnen der oben beschriebenen Wohnräume durch den Arbeitnehmer ein weiteres Abhängigkeitsverhältnis des Arbeitnehmers zum Arbeitgeber. Dabei handelt es sich um das „Wie“ der Wohnbedingungen. Ein vorerst einfaches Beispiel soll hier Klarheit bringen: Der Beschäftige hat neben einem Arbeitsvertrag beispielsweise zusätzlich einen Mietvertrag mit derselben Person. Aus beiden Verträgen können Schwierigkeiten entstehen – manche gerade wegen dieser Kombination. In der Praxis scheint diese Kombination nicht für alle Beteiligten klar geregelt zu sein, wie teilweise die qualitativen Interviews zeigen, die ich durchgeführt habe. Der Hinweis auf die doppelte Abhängigkeit erscheint mir deshalb wichtig, da in unserer Gesellschaft ein Verlust von Arbeit und Wohnung, was im Streitfall möglich ist, ein alleine nahezu nicht bewältigbares Ereignis darstellen dürfte. Inwieweit diese Bedrohung bei den Bewohnern, die in diesen Abhängigkeiten stehen, sich auf die psychische Belastung auswirkt, versuche ich in Kapitel 4.2.1.5 auf die Spur zu kommen.

- der zeitliche Aspekt:
Er ist von entscheidender Bedeutung, da es beim Wohnen am Arbeitsplatz nicht um ein gelegentliches Übernachten bei Bereitschaftsdiensten oder Schichtdiensten, sondern um eine auf (unbestimmte) Dauer angelegte Wohnform handelt. Der zeitliche Aspekt findet in der Definition jedoch keine gesonderte Erwähnung, da er implizit schon in der Bezeichnung „Wohnen am Arbeitsplatz“ steckt; dies wird deutlich, wenn man in Betracht zieht, was „Wohnen“ beinhaltet. Betrachtet man es als „hier seinen ständigen Aufenthalt haben“(ugs.) oder als „ein von beruflicher Arbeit gereinigtes Leben der verpflichtungsfreien Zeit, der Erholung und des Konsums“[4], wird deutlich, dass ein gelegentliches Übernachten am Arbeitsplatz diesen Anspruch nicht erfüllt und somit ausgeschlossen werden kann.

Unterschied zu Heimarbeit:

Besonders die Bedingung unter b) fungiert als Unterscheidung und Abgrenzung der Wohn- und Arbeitssituation von (Tele-) Heimarbeitern[5] oder Selbstständigen (Unternehmern), die in ihren eigenen oder von ihnen selbst angemieteten[6] Räumen wohnen und arbeiten. Es besteht bei der Heimarbeit lediglich ein Abhängigkeitsverhältnis zum Arbeitgeber aufgrund des Arbeitsvertrages. Als Vertragspartner für die Miete – sofern die heimarbeitende Person nicht im Eigenheim wohnt – steht eine dritte Person oder Institution zur Verfügung. Somit besteht zumindest vertraglich eine Entkoppelung von Arbeiten und Wohnen.

Als weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal zum Wohnen am Arbeitsplatz ist die Dezentralisierung der Produktion oder Dienstleistung durch die Heimarbeit zu nennen.[7]

Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten. Beim sichten der Literatur, die sich mit Heimarbeit oder Teleheimarbeit (eine im wesentlichen auf EDV gestützte Form der Heimarbeit) befasst, konnte ich feststellen, dass ähnliche Situationen vorkommen können und thematisiert und untersucht wurden: z.B. die Wohnsituation, der Lebenspartner und die eigene Familie.[8]

Soweit zum Begriff des Wohnens am Arbeitsplatz. Weitere Begriffe, die in dieser Arbeit verwendet werden und im Sinne des Themas näher bestimmt sein müssen, finden Sie im Glossar (Kapitel 7).

1.2. Untersuchungsorte

Es handelt sich um eine Wohnform jenseits der üblichen Wohnformen, wie dies in einer Mietwohnung auf dem freien Wohnungsmarkt oder in einem Eigenheim der Fall wäre. Laut Statistischem Bundesamt wohnen am Arbeitsplatz, bzw. auf dem Grundstück ihrer Arbeitsstätte 1,2 % der Angestellten[9] in Deutschland. Das sind demnach Angestellte, die am Arbeitplatz wohnen.

Demgegenüber arbeiten in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 1,8% der männlichen und 2,4% der weiblichen Angestellten[10] hauptsächlich zu Hause (z.B. bei Tele-/Heimarbeit).

unterschiedliche Wohnformen

„Beschäftigt man sich mit dem „Wohnen“, drängt sich die Verknüpfung zu dessen physikalischer Grundlage, dem Haus unmittelbar auf.“[11]

Im Laufe der Jahrhunderte wandelten sich die Wohnformen je nach den Möglichkeiten (handwerklich, finanziell, Wissenstand, u.a.) und der kulturellen Prägung der Menschen von einfachen (Sippen-)Unterkünften in der Steinzeit zu Gebäuden mit Schutzfunktion „gegen Unbilde der Natur und gegen Mitmenschen“[12] und für Kleinfamilien, Singles oder Senioren. Diese Entwicklung vollzog sich bekanntermaßen nicht in allen Regionen der Erde mit gleicher Geschwindigkeit und stellt deshalb auch keinen allgemeingültigen Status Quo dar. Aber nicht nur die Gebäudeformen haben sich geändert, sondern auch die Nutzung der Gebäude war einem Wandel unterworfen aufgrund von Bedingungen unterschiedlichtster Art, auf die es aber in der vorliegenden Arbeit nicht ankommt.

Erwähnt sei hier aber, dass das Wohnen am Arbeitsplatz keine neue, alternative oder urbane Wohnform darstellt, sondern vom Prinzip her eine seit Jahrhunderten praktizierte Form des Wohnens bzw. des Arbeitens ist. Ich möchte das mit zwei Beispielen verdeutlichen:

Schon aus der Antike - im römischen Reich - ist vielleicht manchem bekannt, dass Hausangestellte bei ihrem Hausherrn wohnen konnten (oder mangels Alternative: mussten). Das entspricht auch der Definition von WaA, da diese Angestellten auf dem Grundstück ihres Arbeitgebers wohnten. Auf dem Gebiet der heutigen BRD war es im Mittelalter nicht ungewöhnlich, dass Gesellen bei Ihrem Meister bzw. Arbeitgeber gewohnt und gearbeitet haben. Diese bis in die heutige Zeit erhaltene Form des Wohnens und Arbeitens wird in jüngster Zeit wieder modern, wenn z.B. Ausbildungsbetriebe an einem (lokalen) Lehrlingsmangel leiden und überregional in Inseraten deshalb mit „Wohnmöglichkeit beim Arbeitgeber vorhanden“ oder „Zimmer wird gestellt“ geworben wird, wie dies z.B. im Hotel und Gaststättengewerbe zu beobachten ist. Auch im medizinischen Bereich gibt es teilweise Wohnmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe zur Arbeitsstätte, auf dem Klinikgelände in sog. Schwesternwohnheimen.

Wohnformen lassen sich noch genauer bestimmen. Dies möchte ich für die Wohnformen tun, bei denen Angestellte am Arbeitsplatz wohnen. Ich unterscheide nach der Lage der Privaträume zu den Arbeitsräumen. Als grundsätzlich betrachte ich drei verschiedene Lagen der Wohnräume:

1. auf dem Grundstück des Arbeitsplatzes, jedoch in einem eigenen Gebäude (in-plot)[13].
2. im Gebäude des Arbeitsplatzes, jedoch in einem eigenen Privatbereich (in-house[14] ).
3. und die extremste Form: in den Arbeitsräumen selbst (live-in[15] f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die von mir befragten Personen verteilen sich zu 40% auf die erste Wohnform, zu 20% auf die zweite Wohnform und zu 40% auf die dritte Wohnform.

Für eine empirisch belegte Häufigkeit der aufgeführten Wohnformen in der Gesamtheit aller Arbeitsplätze kann ich aufgrund zu geringer Fallzahl (fünf Personen) keine Aussage treffen. Das ist auch nicht Sinn dieser Arbeit gewesen, sondern die Befragten, bzw. deren psychische Belastung[16] selbst standen im Mittelpunkt der Untersuchung.

Es gibt eine Vielzahl von Bereichen, Branchen und Orten, bei denen Angestellte am Arbeitsplatz wohnen; nicht alle sind mir bekannt und sicherlich lassen sich noch viele weitere finden, weshalb die folgende Auflistung nicht abschließend ist.

Mögliche Untersuchungsorte und Arbeitsarrangements

Zur Verdeutlichung der bisher möglicherweise abstrakten Darstellung des Themas finden Sie hier exemplarisch einige mögliche Untersuchungsorte in alphabetischer Reihenfolge von A-Z aufgeführt:

- anthroposophische Wohngruppen nach Rudolf Steiner oder Karl König (Dorfgemeinschaften)
- Au-Pair
- Gastronomie/Hotel/Tourismus (Saisonarbeitskräfte)
- Internate (pädagogisches Personal)
- Jugendherbergen (Herbergseltern)
- Kasernen (Soldaten, Grundwehrdienstleistende)
- Kinderdörfer: SOS-Kinderdörfer (Kinderdorfmutter) und Albert-Schweitzer-Kinderdörfer (Hauseltern „Väter und Mütter“)
- (Kleinst-) Heime (pädagogisches Personal)
- Kliniken (klinisches Personal)
- Landwirtschaftshöfe (z.B. Festangestellte, Erntehelfer)
- Mutter-Kind-Heim (sozialpädagogisches Personal)
- religiöser Bereich (Kloster: Ordensleute)
- Schiffe (Matrosen)
- Schulen (Hausmeister)
- (Wander-)Zirkus (Stichwort: „Mitreisende gesucht“)

Abgrenzung durch Bezug zur Sozialen Arbeit

Im Rahmen dieser Forschung werden nur Orte untersucht, die in erster Linie einen Bezug zur Sozialen Arbeit oder Sozialpädagogik haben, obwohl sicherlich auch in den anderen Orten großer Forschungsbedarf besteht. Untersucht werden jedoch nur soziale Einrichtungen, bzw. Institutionen, die sozialpädagogisches Personal beschäftigen, wie z.B. Erzieher, Sozialpädagogen, Heilerzieher, Heilpädagogen und ähnliche sowie jeweils in Ausbildung befindlichen Personen.

Somit fallen aus obiger Auflistung heraus:

„Kasernen“, „Schiffe“, „Landwirtschaftshöfe“ „Zirkus“ und „Gastronomie/Hotel/Tourismus“, da in diesen Einrichtungen und Unternehmen kaum oder keine Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen in der Situation des Wohnens am Arbeitsplatzes beschäftigt sind.

Auch „Au-Pair“ und „Schulen“ werden ausgenommen, da den Au-Pair-Stellen in der Regel der Aspekt der Zusammenarbeit mit einem Team von Kollegen fehlt. Bei den Schulen sind meist die Hausmeister von der Situation und nicht die evtl. vorhandenen Schulsozialarbeiter betroffen, weshalb Schulen von dieser Untersuchung ausgeschlossen sind, obwohl sie sicherlich als ein Ort sozialpädagogischen Handelns betrachtet werden können.

So haben sich für die Soziale Arbeit die anthroposophischen Wohngruppen, Internate, Kliniken, (Kleinst-) Heime, Mutter-Kind-Heime, der religiöse Bereich, Kinderdörfer und Wohngruppen als Untersuchungsorte herauskristallisiert.

Welche der gerade genannten Einrichtungen in dieser Forschungsarbeit tatsächlich untersucht wurden, hing davon ab, in welchen Einrichtungen sich Angestellte für eine empirische Erhebung zur Verfügung gestellt haben. Dies waren im Einzelnen ein Mutter-Kind-Heim, zwei (Kleinst-)Heime und ein Kinderdorf. Zwei der genannten Einrichtungen gehören darüber hinaus auch zum religiösen Bereich, da dort pädagogisch ausgebildete Ordensleute beschäftigt sind.

2. Ermittlungsfelder

Im ersten Kapitel habe ich nach einer Einleitung zur Einstimmung aufs Thema und einer Begriffbestimmung auch einzelne Untersuchungsorte bzw. Branchen genannt bei denen diese Kombination von Wohnen und Arbeiten vorkommen kann. Noch offen ist aber die Frage geblieben „ Was soll dort untersucht werden?“. Dies möchte ich nun im 2. Kapitel darlegen.

2.1. Auszug möglicher Ermittlungsfelder

Wenn wir das „Wohnen am Arbeitsplatz“ als eine Situation begreifen, die zum einen verschiedenen Einflüssen ausgesetzt ist, zum anderen aber selbst Einfluss übt und Auswirkungen zeigt, dann wird schnell klar, dass es eine Vielzahl von Feldern gibt, die mit dieser Situation im Zusammenhang stehen und in denen Forschungen betrieben werden könnte. Beispielsweise könnte untersucht werden ob und wie sich ´Wohnen am Arbeitsplatz´ auf die Pendlerverkehrsströme auswirkt; welchen Einfluss ´Wohnen am Arbeitsplatz´ auf die Ökonomie eines Betriebes hat, wie es sich mit dem Krankenstand von Angestellten[17] verhält, die am Arbeitsplatz wohnen, wie es sich auf die Adressaten und Klienten Sozialer Arbeit auswirkt oder welchen Einfluss es auf die psychische Belastung von Angestellten übt. Dies waren natürlich nicht alle Zusammenhänge zu dieser Wohnform - jedoch dürfte mit diesen Beispielen die Vielfältigkeit der möglichen Forschungsrichtungen bzw. Ermittlungsfelder rund um dieses Thema deutlich geworden sein.

2.2. Eingrenzung auf psychische Belastung

In der vorliegenden Arbeit beschäftigte ich mich, wie aus dem Titel derselben schon erkennbar, mit dem Feld der „psychischen Belastung“ und versuche aufzuzeigen, welchen Einfluss das Wohnen am Arbeitsplatz auf die psychische Belastung von Angestellten hat. Der Einfluss auf die Adressaten bzw. auf die Klienten sozialer Arbeit, die von am Arbeitsplatz wohnenden Angestellten betreut werden steht somit nicht primär im Blickpunkt dieser Untersuchung; er findet aber seitens der befragten Angestellten hin und wieder Erwähnung innerhalb der durchgeführten Interviews. Die eingeschlagene Ermittlungsrichtung (psychische Belastung der Angestellten) eröffnet ihrerseits wieder eine Menge an Kategorien, die sich auf die psychische Belastung auswirken können. Zu den Kategorien finden Sie im 4. Kapitel dieser Arbeit genauere Angaben. Zunächst möchte ich nun die Frage nach dem Begriff der „psychischen Belastung“ befriedigen.

2.3. Begriffsklärung / -definition

Der Begriff „Psychische Belastung“ weckt möglicherweise unterschiedliche Assoziationen, die mitunter negativ besetzt sind. Im Alltag wird manchmal nicht deutlich genug unterschieden. So ist Belastung das, was „belastet“ oder gar „belästigt“.[18]

„Im Gegensatz zur Umgangssprache wird der Belastungsbegriff in den Arbeitswissenschaften als neutral angesehen.“[19] „Der Ausdruck „psychisch“ wird verwendet, wenn auf Vorgänge des menschlichen Erlebens und Verhaltens hingewiesen werden soll.“[20] Beim Studium der einschlägigen Literatur bin ich insbesondere in jüngerer Literatur[21] auf die schlüssige und vielzitierte Definition nach DIN 33 405 gestoßen. Der Begriff „Psychische Belastung“ wurde im Laufe der Forschungsgeschichte immer mehr präzisiert und angepasst und ist seit 1987[22] in DIN 33 405[23] definiert. Hier die aktuelle Fassung:

„Psychische Belastung wird verstanden als die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und auf ihn psychisch einwirken.“[24]

Die zitierte Norm definiert „psychische Belastung“ ganz allgemein und setzt sich damit unterschiedlicher Kritik von Arbeitswissenschaftlern und Praktikern aus, die tlw. eine Normung im Bereich der psychischen Belastung sogar ablehnen[25].

Dennoch bildet sie eine gute Ausgangsbasis, weshalb ich mich auch für die Verwendung in meiner Arbeit entschieden habe. „Psychische Belastungen ergeben sich aus den Merkmalen der Aufgaben auf der Arbeit, den organisatorischen und sozialen Arbeitsbedingungen.“[26] Analog dürfte das gleiche auch für Merkmale der Wohnsituation und den Wohnbedingungen gelten.[27]

Belastungen können sich demnach positiv oder negativ auswirken. Daraus folgt auch, dass es nicht generell um den Abbau[28] von psychischen Belastungen gehen kann oder muss, sondern dass die Gestaltung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen objektiven (Arbeits-)Anforderungen und individuellen Leistungsvoraussetzungen angezielt werden muss.

Das Individuelle wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass eine Belastungssituation vom Beschäftigten vor „dem Hintergrund angeborener, dauerhaft erworbener und aktueller Persönlichkeitsmerkmale dahingehend bewertet wird, ob und mit welchen Mitteln sie bewältigt werden kann.“[29] und damit zu einer psychischen Beanspruchung für diese Person wird. Damit bin ich bei dem Begriff angelangt, der dies treffend zusammenfasst:

„Psychische Beanspruchung

wird verstanden als die individuelle, zeitlich unmittelbare und nicht langfristige Auswirkung der psychischen Belastung im Menschen in Abhängigkeit von seinen individuellen Voraussetzungen und seinem Zustand (DIN 33 405)“[30]

Belastung führt demnach nicht auf direktem Wege zu einer Beanspruchung des Menschen. „In die Komponente Beanspruchung gehen neben der objektiven Belastung auch immer die subjektiven Einschätzungen der von Belastungen Betroffenen mit ein.“[31] Dies wird in der folgenden Abbildung 1 vereinfacht dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1[32]

„Es besteht also weder ein direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Belastung und Beanspruchung noch eine lineare Beziehung zwischen den beiden.

Eine Beziehung kommt über das Individuum selbst zustande, das die von der Umgebung emittierten Reize individuell verschieden erlebt und bewältigt.“[33]

Reiz, Stressf und Emission werden hier der psychischen Belastung untergeordnet.

Dieses Modell lässt erkennen, dass das, was eine Person als belastend empfindet und was somit zu einer Beanspruchung wird, zu einem (wesentlichen) Teil von ihr selbst abhängt. Diese Beanspruchung kann zu unterschiedlichen Reaktionen führen, wie im Folgenden noch gezeigt wird.

Einen Transfer in die Arbeitswissenschaft zeigt Abbildung 2, S. 17, in der unterschieden wird zwischen äußeren Bedingungen (hier: Arbeitsumgebung), die eine psychische Belastung konstituieren und dem darin lebenden Individuum, das eine psychisch Beanspruchung erfährt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2[34]

Die psychische Beanspruchung wiederum führt zu verschiedenen Effekten beim Einzelnen. Dargestellt sind neben den geläufigeren negativen Effekte, die hier als „Beeinträchtigende Effekte“ bezeichnet werden, auch sogenannte „fördernde Effekte“ von psychischer Beanspruchung.

„Warum sollten psychische Belastungen im Betrieb erfasst werden?

Zu den Grundpflichten der Arbeitgeber laut ArbSchG § 3 gehört die Erhaltung und Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit. Sowohl der Abbau von psychischen Belastungen, die zu psychischer Über- oder Unterforderung führen, als auch die Durchführung von Maßnahmen zur menschengerechten Arbeitsgestaltung, die in einer Belastungsoptimierung bestehen, tragen dazu bei.“[35] Unabhängig von einer rechtlichen Verpflichtung des Arbeitgebers, liegt es - wie mir die Rückmeldungen in den durchgeführten Interviews gezeigt hat - im Interesse betroffener Angestellte, die in einer solchen Wohnform leben, diese Situation zu beleuchten, um Hilfestellungen (z.B. für die Anfangszeit der neuen Wohnsituation) zu entwickeln sowie externe Kollegen zu sensibilisieren.[36]

In dieser Arbeit soll der Einfluss des „Wohnens am Arbeitplatzes“ auf die psychische Belastung von Angestellten untersucht werden, daher versuchte ich neben der Arbeitsumgebung zusätzlich - und das zu einem großen Anteil - die Wohnbedingungen und die personenbezogenen Bedingungen zu erfassen. Das heißt, dass weitere Kategorien aus dem Bereich der Wohnsituation und der (inter-)personellen Ebene aufgenommen werden mussten und neben die Kategorien aus dem Bereich der „Arbeitsumgebung“ gestellt werden mussten. Auf die Kategorien, die ich im Einzelnen untersuche gehe ich in Kapitel 3.4.1 und 4.2 ein.

Dazu bedurfte es erst einer weiteren Vorbereitung[37] auf deren Grundlage ich die Abbildung 2 an die Gegebenheiten dieser Arbeit anpassen konnte. In Abbildung 3 ist diese Anpassung vollzogen. Der schraffierte Bereich stellt die Umgebung des Individuums nun auch optisch dar und ist gleichzeitig der Bereich, der in dieser Arbeit vorrangig untersucht wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3

Das Individuum selbst, also der oder die Angestellte, wird in der späteren Auswertung auch berücksichtigt; daher befragte ich die Betroffen in den Interviews, , auch danach, wie ihre Umgebung (schraffierte Fläche) sich auf sie auswirkt oder wie sie vom Einzelnen empfunden wird. Das wird jedoch nicht die Hauptuntersuchung sein. Die Schwerpunktsetzung dieser Arbeit findet sich bereits in der angepassten Abbildung 3 wieder (schraffierte Fläche).

Eine Schwierigkeit stellt die Messbarkeit der Psychischen Belastung dar, da diese nicht direkt messbar ist. Die DIN-Norm lässt (noch)[38] die Frage nach der Messbarkeit psychischer Belastung und der dafür geeigneten Instrumente offen. Für die Messbarkeit der psychischen Belastung am Arbeitsplatz gibt es jedoch an anderer Stelle Hilfestellungen.

2.4. Messinstrumente (nach BAuA)

Eine Hilfestellung, um Instrumente zur Erfassung psychischer Belastungen zu finden, wurde bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Form der sogenannten „Toolbox“[39] entwickelt. Sie stützt sich auch auf die oben beschriebene Begrifflichkeiten aus der DIN-Norm. Die Toolbox setzt zur Auswahl eines Verfahrens die Festlegung des Untersuchungsanliegens und der Aufgabenstellung voraus und bietet verschieden Auswahlmöglichkeiten zum Auffinden eines zutreffenden Verfahrens an. Anhand der eingegeben Kriterien in der Datenbanksuche[40] wurde mir das als „Rg-EgAB“[41] bezeichnete Verfahren angeboten. „Rg-EgAB“ steht für „Ratgeber zur Ermittlung gefährdungsbezogener Arbeitsschutzmaßnahmen im Betrieb“.

Folgende Kriterien habe ich angegeben:

Nutzergruppe: Experte[42]

Gestaltungsbezug: bedingungsbezogen (entspricht der Umgebung in Abbildung 3)

Analysetiefe(n): orientierendes Verfahren

Tätigkeitsklasse(n): universell

Branche(n): universell

Methode(n) der Datengewinnung: mündliche Befragung

Die mit der Toolbox ermittelbaren Instrumente und Verfahren beziehen sich jedoch weniger auf die Wohnstätte sondern mehr auf die Betriebsstätte, da sie hierfür konzipiert sind. Somit konnte ich den Ratgeber nicht voll umsetzen, sondern ließ das von der BAuA in diesem Ratgeber bereitgestellte Wissen (nur) teilweise in die Fragebögen[43] mit einfließen. Insbesondere waren die Einflussfaktoren und deren Merkmale[44] aus dem Ratgeber hilfreich für die Erstellung der Fragen zur Arbeitsplatzsituation. Die Fragebögen schließlich, die ich erstellte, sollten alle drei Umgebungskategorien (siehe Abbildung 3) des Individuums dem Inhalt dieser Arbeit entsprechend erfassen, sodass ich gezwungen war eine vorbereitende Untersuchung durchzuführen. Die Untersuchungsmethoden, die ich in dieser Arbeit verwendete stelle ich im folgenden Kapitel dar.

3. verwendete Untersuchungsmethoden

Die Überschrift lässt schon darauf schließen, dass mehr als eine Untersuchungsmethode Anwendung fand. Warum aber mehrere Untersuchungsmethoden? Dazu möchte ich kurz darstellen, was man unter empirischer Sozialforschung versteht:

Empirische Sozialforschung beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen

sozialwissenschaftlichen Ideen und Theorien und der Realität. Sie kann als ein Bindeglied zwischen Theorie und Praxis betrachtet werden, aber auch als der Anfang neuer Erkenntnisse sowie der Vertiefung existierender Zusammenhänge.

Es geht hierbei um die Erfassung[45], Analyse und Interpretation[46] empirisch erhobenen Datenmaterials, auf die sich sozialwissenschaftliche Aussagen beziehen.

Ohne empirische Überprüfung bleiben empirische Aussagen stets Vorurteile.

Empirische Sozialforschung dient zwar nicht einer vollständigen Vermeidung von Fehldeutungen, jedoch zumindest einer Minimierung von Fehlschlussrisiken.

Um dies zu erreichen, wendete ich verschiedene Untersuchungsmethoden an, deren Umsetzung ich in den folgenden Kapiteln erläutere:

Die Literaturrecherche, eine Expertenbefragung (Kapitel 3.2) und zwei verschiedene empirische Fragebögen um Informationen von Angestellten zu erhalten, die aktuell in der zu untersuchenden Situation leben:

- eine quantitative Erfassung von Rahmenbedingungen in Form eines standardisierten Fragebogens (Kapitel 3.3) und
- eine qualitative Erhebung in Form eines leitfragengestützten Interviews (Kapitel 3.4 und Anhänge).

3.1. Literatur

Ich habe für etwa ein Jahr – während meiner praktischen Studiensemester – an der Arbeitstätte meines Wirkens gewohnt. Im Gespräch mit damaligen Kollegen konnte ich feststellen, dass die auf den ersten Blick für alle gleiche Situation von den einzelnen Kollegen unterschiedlich eingeschätzt und empfunden wurde. „Woran könnte das liegen?“ fragte ich mich damals. In dieser Zeit entwickelte sich bereits die Idee, diese Wohn- und Arbeitssituation näher zu untersuchen. Aus eigener Erfahrung und bei Gesprächen zur Themenformulierung der vorliegenden Arbeit, schrieb ich Begriffe auf, die im Zusammenhang mit der Thematik stehen. Dies sind beispielsweise „Wohnen, Wohnformen“, „Dienstwohnung, Anthroposophie, Wohngemeinschaften“ „Arbeitsplatz, Arbeitsbedingungen, Arbeitsweg, Arbeitswissenschaft“, „psychische Belastung, Stress, Arbeits- und Organisationspsychologie[47] “, um nur einige zu nennen. Bei der Literaturrecherche suchte ich anhand dieser Begriffe in Verzeichnissen, Büchern, Fachzeitschriften und mit Bibliotheks-Suchmaschinen nach Beiträgen und Forschungen, die sich mit der gestellten Thematik befassten. Ein Blick in das Literaturverzeichnis von Büchern, die ich auf diesem Wege auftat, war hilfreich, um deren Grundlagen zu erfahren und immer wieder zitierte AutorInnen auszumachen.

Zusätzlich nutzte ich die CD-ROM Datenbanken WISO III, Solis und Foris, um vergangene Untersuchungen zu dieser Aufgabenstellung zu finden, was mich jedoch zu der Erkenntnis brachte, dass es offenbar keine Untersuchungen gibt, die diese Aufgabenstellung zum Inhalt hatten.

Das Internet schließlich nutzte ich, um aktuelle Forschungsergebnisse oder laufende Forschungen zum Thema dieser Diplomarbeit zu finden. Auf diesem Wege habe ich zu einschlägigen Einrichtungen in Deutschland und der Schweiz[48] gefunden und konnte mir einen Überblick über den Stand der Forschung zur psychischen Belastung am Arbeitsplatz verschaffen.

Durch Bibliotheks-Literatur und die von Institutionen[49] zugesandten Materialien erreichte ich Kenntnisse über die Geschichte der Wohnungs- und Bauforschung, über Arbeitswissenschaft und über den Stand der Wissenschaft zum Bereich der psychischen Belastung (siehe Kapitel 2.3, S. 14ff), und ich erhielt Einblicke in verschiedene themennahe Wohnformen wie z.B. der Wohngemeinschaft anthroposophischer Gruppen[50].

Zur psychischen Belastung gibt es eine Fülle an Büchern aus unterschiedlichen Jahrzehnten und Untersuchungen. In dieser Arbeit findet größtenteils der Abschlußbericht der Forschung „Psychische Belastung und psychische Beanspruchung“[51] von Dipl.-Psychologin Dr. rer. nat. Gabriele Richter aus der Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitschutz und Arbeitsmedizin Einzug.

3.2. Expertenbefragung

In dieser Forschungsarbeit wurden auch empirische Erhebungen durchgeführt. So hielt ich es für sinnvoll und sogar für notwendig, durch eine Expertenbefragung einen aktuellen Einblick in die Situation vor Ort zu bekommen. Dazu wollte ich nicht allein auf mein eigenes Erfahrungswissen zurückgreifen, das ich in dem knappen Jahr angesammelt habe, sondern ich suchte und fand eine Person, die schon einige Jahre und immer noch an Ihrem Arbeitsplatz wohnt und dadurch über entsprechendes Expertenwissen verfügt. Aus meiner Erfahrung entwickelte ich Fragen, die im wesentlichen den Themenbereichen Wohn- und die Arbeitssituation, sowie soziale Kontakte zugeordnet werden können und auch Themen ansprachen, die sich letztlich als nicht relevant herausstellten bzw. für den Experten nicht problematisch waren (z.B. Motivation des Angestellten, Schlafphasen). Während der Befragung kamen ergänzend vom Experten noch Themen dazu oder wurden (erwartungsgemäß) präzisiert; z.B. ein Überblick über verschiedene Wohnmodelle.

Als Methode wählte ich eine qualitative und nicht-standardisierte Befragung.[52], da mir dies als eine gute Möglichkeit erscheint, offen und flexibel auf die Antworten und den Gesprächspartner eingehen zu können. „Trotz der erkenntnistheoretischen Chancen von Expertengesprächen […][ möchte ich ] auf zwei potenzielle Problemzonen [ hinweisen ][…]:

- […]die Gratwanderung zwischen Strukturierung und Offenheit, also der themenzentrierte Zuschnitt in der Erhebungssituation sowie in der Auswertung des Materials […].
- […] der [ zugeschriebene ] Expertenstatus darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich auch bei einem Expertengespräch um die jeweiligen Perspektiven, Sinngebungen und Relevanzstrukturen eines Gesellschaftsmitglieds handelt.“[53]

„Dies stellt regelmäßig eine Anforderung an die inhaltliche und soziale Kompetenz seitens des Interviewers, um sich bei seinem Gegenüber als akzeptierten Fragekommunikator auszuweisen. Das heißt, dass Kenntnisse des Handlungsfeldes unabdingbar sind und gleichzeitig birgt die demonstrative Präsentation von Detailkenntnissen wissenschaftlicher (Co-)Experten auch die Gefahr, ein ‹Experten-Duell› zu inszenieren, sodass der eigentliche Erkenntnisgewinn verloren geht.“[54]

Die genannten Problemzonen und die Anforderungen an mich als Interviewer so weit wie möglich in der Befragungssituation berücksichtigend, führte ich mit dieser Person nun die Befragung durch, die ich schriftlich (die Antworten stichpunktartig) festhielt. Ziel dieser Befragung war es, das beim Experten bereits vorhandene Know-How für den weiteren Forschungsprozess nutzbar zu machen. In Kapitel 9.1 finden Sie die Fragen und Antworten. Die folgende Hauptstruktur legte ich nach der Befragung für den Fortgang dieser Arbeit fest: geblieben aber verfeinert ist die „Wohnsituation“ und „Arbeitsplatzsituation“; erweitert habe ich die Frage nach den „sozialen Kontakten“ auf die „personenbezogenen Bedingungen“. Damit möchte ich dann auch den Angestellten bzw. die Angestellte als einen wesentlichen Faktor mehr berücksichtigen und nicht nur dessen / deren Umfeld.

Aus den Antworten des Experten zog ich auch Unterpunkte, die ich im Zusammenhang mit der psychischen Belastung der Angestellten näher untersuchen möchte. Folgende Unterpunkte konnte ich aus meinem Vorwissen und den Antworten der Hauptstruktur unterordnen:

Wohnsituation

- Wohnungsgröße und Zimmeranzahl
- Wohnungsstandard
- Lage der Wohnung auf dem Gelände
- Zugangsmöglichkeiten durch andere Personen / Privatsphäre
- Entscheidungsrahmen und Freiwilligkeit des Bewohnens

Arbeitsplatzsituation

- Arbeitszeit und Schichtdienst
- Arbeitsaufgaben / -pensum / -belastung
- Qualität der Arbeit
- Zusammenarbeit mit Kollegen
- Anwesenheit von Adressaten
- die Rolle der Institution

personenbezogene Bedingungen

- der / die Angestellte selbst
- soziale Kontakte außerhalb der Arbeit
- Partnerschaft / Ehe
- Familie
- Freundschaft / Bekannte

Diese Struktur findet sich auch in der vorliegenden Arbeit wieder (Kapitel 4.2.1 bis 4.2.3) und in dem Fragebogensystem (standardisierter Fragebogen ergänzend zum leitfadenorientierten Fragebogen), das ich für fünf empirische Interviews verwendete.

Im folgenden Kapitel gehe ich auf den verwendeten standardisierten Fragebogen ein und im Kapitel 3.4 auf den leitfadenorientierten Fragebogen.

3.3. standardisierter Fragebogen

Nachdem mit Hilfe der Expertenbefragung relevante Kategorien, die im Zusammenhang mit dem Wohnen am Arbeitsplatz stehen, eruiert[55] wurden, geht es nun darum unter Einbeziehung der Erkenntnisse aus der Expertenbefragung, gezielt weitere Interviewpartner zu befragen. Die Suche nach geeigneten Interviewpartnern verlief auf drei Ebenen:

1. durch eigene Kontakte
2. durch Kontakte zu Personen, die potentielle Interviewpartner vermittelten
3. durch Gespräche mit Personen aus einschlägigen Einrichtungen auf der Fachmesse „ConSozial“ im Oktober 2003.

So kam ich auf eine Anzahl von 10 Personen, die für ein Interview in Frage kamen. Die Auswahlkriterien waren dabei:

- Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung (ein „Muss“)
- möglichst idealtypische Wohnform (soweit erkennbar)
- abhängig beschäftigt, also nicht selbstständig Tätige
- offen für eine Befragung

[...]


[1] siehe dazu Stoklas, Karlheinz, Dipl. Ing. Architekt (1986) (Literaturdokumentation)
siehe auch Schneider, Nicole und Spellerberg, Annette, (1999) „Lebensstile Wohnbedürfnisse und räumliche Mobilität“
siehe auch Häußermann, Hartmut und Siebel, Walter, (2000) „Soziologie des Wohnens“

[2] „per de|fi|ni|ti|o|nem < lat.; vgl. Definition >: wie es das Wort ausdrückt, wie in der Aussage enthalten; erklärtermaßen“ aus „DUDEN - Das große Fremdwörterbuch“ (1994), S. 1037

[3] zum Verständnis der Begriffe „Arbeitsplatz“, „Wohnung“ und „Arbeitnehmer / Angestellte“ siehe Glossar (Kapitel 7)

[4] Häußermann, Hartmut und Siebel, Walter (2001), S. 14, Punkt 1.

[5] eine juristische Begriffsklärung bringt der §2 des Heimarbeitsgesetzes (HAG): „Heimarbeiter (…) ist, wer in selbstgewählter Arbeitsstätte (eigener Wohnung oder selbstgewählter Betriebsstätte) allein oder mit seinen Familienangehörigen (…) im Auftrag von Gewerbetreibenden oder Zwischenmeistern erwerbsmäßig arbeitet, ….“, vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (2001).
Unbeachtet dessen, gibt es eine Vielzahl von Vorstellung über (Tele-) Heimarbeit und dementsprechend eine Anzahl von Definitionsversuchen. Eine umfassende Darstellung findet sich bei Treier, Michael (2001), S. 65 ff.

[6] zur Situation der Wohnungsmiete der befragten Angestellten siehe Kapitel 4.2.1

[7] vgl. Treier, Michael (2001), S. 67

[8] vgl. Treier, Michael (2001), S. 81 ff

[9] eigene Berechnung nach Daten vom Statistischen Bundesamt (2000), erhoben für den Mikrozensus vom Mai 2000 (Quelle: letzte Spalte der Tabelle auf S. 6 der sieben Fax-Seiten in Kap. 9.4.2 )

[10] Statistisches Bundesamt „Leben und Arbeiten in Deutschland“ (2001), S. 43

[11] Häußermann, Hartmut und Siebel, Walter (2000), S. 11 und ff.

[12] vgl. Häußermann, Hartmut und Siebel, Walter, S. 12 unten bis S. 13 oben

[13] plot: englisch für (Bau-)Grundstück

[14] house: englisch für Haus

[15] live-in aus dem Englischen wird im angelsächsischen Raum meist als Bezeichnung für das Wohnen in einer Einrichtung verwendet.

[16] siehe Kapitel 2.2

[17] siehe auch C. Dieterich et. al. in Badura, Bernhard (2000), S. 560 bis 577, Krankenstand der Sozialpädagogen in Abb. 3.10.3 auf S. 564, jedoch ohne Berücksichtigung der Wohnsituation.

[18] Nachreiner, Friedhelm (2002) in DIN-Mitteilungen 81. 2002, Nr.8, S. 520, mittlere Spalte

[19] vgl. Richter, Gabriele (2000), S. 9. Ich erwähne dies deshalb so ausführlich, weil ich bei der Erstellung dieser Arbeit häufig in Erklärungssituationen kam, die dieses Missverständnis beseitigen mussten.

[20] zitiert aus Richter, Gabriele (2000), S. 9

[21] z.B. Richter, Gabriele (2000) / Stadler, Peter und Spieß, Erika, (2003)

[22] Nachreiner, Friedhelm (2002) in DIN-Mitteilungen 81. 2002, Nr.8, S. 519, linke Spalte

[23] entspricht inzwischen der europäischen Norm DIN EN ISO 10075 - Teil 1 (2001)

[24] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2000), Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse Nr. 116, S. 2

[25] Etzler, Dr. Klaus (Direktor des Betriebsärztlichen Dienstes, ThyssenKrupp Stahl AG, Duisburg), „Psychische Arbeitsbelastungen im Betrieb – Bedarf und Anwendbarkeit von Normen“, 8. November 2000

[26] vgl. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2000), Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse Nr. 116, S. 2

[27] inwieweit das zutrifft oder nicht möchte ich mit dieser Untersuchung belegen.

[28] sonst könnte eine Unterforderung des Menschen entstehen.

[29] vgl. Richter, Gabriele (2000) S. 11; dies konnte ich auch anhand der später durchgeführten Interviews bei den unterschiedlichen Interviewpartnern (teilweise) feststellen.

[30] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2000), Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse Nr. 116, S. 2

[31] aus Richter, Gabriele (2000), S. 10

[32] vgl. Richter, Gabriele (2000), S. 9 bis S. 10 und Abb. 2.1

[33] vgl. Richter, Gabriele (2000), S. 10 bis S.11

[34] entnommen bei Nachreiner, Friedhelm (2002) in DIN-Mitteilungen 81. 2002, Nr.8, S. 520

[35] BAuA, entnommen aus http://www.baua.de/prax/toolbox_einfuehrung.htm

[36] ich wurde von verschiedenen Interviewpartnern tlw. vor und tlw. nach dem Interview gefragt, ob dies hier nur eine Datenerhebung sei, die dann als Papiertiger irgendwo liegen bleibt oder ob daraus etwas herausentwickelt wird z.B. Tipps für „Neue“, für Kollegen, für Arbeitgeber etc. Ich versuche dies am Ende der Diplomarbeit in den zentralen Ergebnissen mit zu berücksichtigen.

[37] siehe Kap. 3.1 „Literaturrecherche“ und Kap. 3.2 „Expertenbefragung“

[38] es wird seit einiger Zeit an einer Fortsetzung der DIN EN ISO 10075 - Teil 1 (2001) gearbeitet. Der Teil 3 soll die Messmethoden enthalten

[39] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): „Toolbox zur Erfassung psychischer Belastung“

[40] http://baua.de/toolbox/auswahl.php

[41] BAuA (Juni 2001), „Ratgeber zur Ermittlung gefährdungsbezogener Arbeitsschutzmaßnahmen im Betrieb“, Überblick siehe sonstige Anhänge Kapitel 9.4.3, S.92.

[42] es sei angemerkt, dass das angebotene Verfahren ebenso bei „ungeschulten Personen“ angeboten wird.

[43] siehe Kapitel 3, ab S. 21 in der vorliegenden Arbeit

[44] BAuA (Juni 2001), „Ratgeber zur Ermittlung gefährdungsbezogener Arbeitsschutzmaßnahmen im Betrieb“, vgl. S. 337 bis S. 350

[45] hier: Kapitel 3.2 (S. 23 ff) bis einschließlich Kapitel 3.4 (S. 28 ff)

[46] hier: Kapitel 4.2 (S. 33 ff)

[47] Definition der Arbeits- und Organisationspsychologie:

„Die Arbeits- und Organisationspsychologie (AO-Psychologie) erforscht und gestaltet die Wechselbeziehungen zwischen Arbeits- und Organisationsbedingungen einerseits und menschlichem Erleben und Verhalten andererseits. Analyseeinheiten sind dabei sowohl Individuen und Gruppen als auch Organisationen als Ganzes.“ Fachgruppe Arbeits- und Organisationspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie

[48]: z.B. „Fachgruppe Arbeits- und Organisationspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ (BRD, A, CH) unter http://aodgps.de vom 30.4.2003, „Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin“ unter http://www.baua.de vom 19.8.2003 und „Stressprävention am Arbeitsplatz“ unter http://www.stressinfo.ch vom 21.5.2003

[49] mein Dank gilt besonders den Beschäftigten des „Statistischen Bundesamtes“ für ihre freundliche Beratung, Unterstützung und Zusendung von Daten, sowie der „Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin“ (BAuA) für die Zusendung von Informationsmaterial.

[50] siehe dazu Denger, Johannes (1995) „Lebensformen in der sozialtherapeuthischen Arbeit“, Pietzner, Corneliua (1991) „Camphill“, S. 63 – S. 64, S. 68 – S. 72

[51] Richter, Gabriele (2000)

[52] vgl. Lamnek, Siegfried (1995), Tabelle S. 37 und Erläuterungen S. 37 – S. 56

[53] aus Mruck, Katja (2002) zum Experteninterview unter http://www.qualitative-research.net/organizations/or-exp-d.htm

[54] vgl. ebd.

[55] „eru|ie|ren <aus lat. eruere "herausgraben, zutage fördern">: a) durch Überlegen feststellen, erforschen; b) jmdn./etwas herausfinden; ermitteln.“ aus „DUDEN - Das große Fremdwörterbuch“ (1994), S. 420

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Wohnen am Arbeitsplatz - eine Untersuchung über den Einfluss auf die psychische Belastung von Angestellten -
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
92
Katalognummer
V29235
ISBN (eBook)
9783638307963
Dateigröße
4169 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
'´Wohnen am Arbeitsplatz´ ist ein Arrangement, bei dem Arbeitnehmer auf dem Grundstück ihres Arbeitsplatzes in den Räumlichkeiten ihres Arbeitgebers wohnen.' In dieser Diplomarbeit wird diese Situation feldforschend beleuchtet und auf die psychische Belastung von Angestellten untersucht. Diese "Belastung" muss sich nicht unbedingt negativ auf die Arbeitnehmer auswirken.... Der Autor gibt nach der Auswertung auch Tipps für Arbeitgeber und Einsteiger in die Welt des "Wohnens am Arbeitsplatz".
Schlagworte
Wohnen, Arbeitsplatz, Untersuchung, Einfluss, Belastung, Angestellten
Arbeit zitieren
Volker Elsner (Autor), 2004, Wohnen am Arbeitsplatz - eine Untersuchung über den Einfluss auf die psychische Belastung von Angestellten -, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29235

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