Veränderung einer Erinnerungskultur der Wehrmacht

Geschichtskontroverse um die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“


Seminararbeit, 2004
45 Seiten, Note: 1.2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Verlauf einer Debatte

2. Debattentheorie und Forschungsstand
2. 1 Warum eine Debatte?
2. 2 Die Wehrmacht

3. Argumente
3. 1 Fachtagung im Bremer Rathaus am 26. Februar 1997
3. 1. 1 Teilnehmer
3. 1. 2 Diskussionsthemen
3. 1. 3 Prof. Dr. Wolfgang Benz
3. 1. 4 Prof. Dr. Wolfgang Eichwede
3. 1. 5 Generalmajor a.D. Dr. Gottfried Greiner
3. 1. 6 Hannes Heer – Wehrmacht und Judenmord
3. 1. 7 Prof. Dr. Hans-Adolf Jacobsen – Zur Rolle der deutschen Wehrmacht im Russlandfeldzug 1941 – 1944
3. 1. 8 Dr. Walter Manoschek – Partisanenbekämpfung
3. 1. 9 Prof. Dr. med. Ernst Rebentisch
3. 1. 10 Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma – Krieg ist ein Gesellschaftszustand
3 . 1. 11 Brigadegeneral a.D. Dr. Günther Roth
3. 1. 12 Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer
3. 1. 13 Lancierung der Diskussion
3. 1. 14 Freie Diskussion
3. 2. Bildkritische Beiträge in Fachzeitschriften
3. 2. 1 Bogdan Musial – Bilder einer Ausstellung
3. 2. 2 Krisztián Ungváry – Echte Bilder - problematische Aussagen
3. 2. 3 Dieter Schmidt-Neuhaus – Die Tarnopol-Stellwand der Wanderausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“
3. 2. 4 Wirkung der Bildkritiken auf die Ausstellung
3. 3 Die Historikerkommission
3. 3. 1 Zusammenstellung und Auftrag der Kommission
3. 3. 2 Kommissionsbericht
3. 3. 3 Reaktionen auf den Kommissionsbericht

4. Fazit

5. Bibliographie
5. 1 Quellen
5. 1. 1 NZZ
5. 1. 2 Der Spiegel
5. 1. 3 Andere Periodika
5. 1. 4 Internet
5. 2 Literatur

1. Einleitung – Verlauf einer Debatte

Seit 1995 das Hamburger Institut für Sozialforschung unter der Ägide des Mäzen und Literaten Jan Phillip Reemtsma ihre Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ in deutschen und österreichischen Städten präsentierte, löste diese eine Kontroverse aus. Es dauerte zwar vorerst zwei Jahre bis die Medien sich in grösserem Masse einschalteten und der Kontroverse eine Plattform boten. Die Debatte fand auf verschiedenen Dimensionen statt. Die Kritik radikaler Dimensionen führte soweit, dass es beispielsweise in Saarbrücken zu einem Bombenanschlag auf die Ausstellung kam.[1] Während rechtsradikale Kreise mit gewalttätigen Aktionen und Demonstrationen versuchten die Ausstellung zu stören, fand in der deutschsprachigen Presselandschaft eine Leserbriefdebatte[2] statt. Ehemalige Wehrmachtssoldaten fühlten sich teilweise von der Ausstellung verleumdet und kritisierten besonders eine Pauschalisierung von Wehrmachtsverbrechen und die Grundthese, welche besagen würde, dass die Verbrechen von der gesamten Institution Wehrmacht begangen worden wären.

Diverse Stadtregierungen zögerten mit ihrer Unterstützung zur Bereitstellung eines Ausstellungsortes in ihren Städten. In Bremen setzte sich die mitregierende CDU gegen eine Ausstellung im Bremer Rathaus zur Wehr.[3] Schliesslich kam es in diesem Zusammenhang zu einer Fachtagung von Historikern und anderen Experten, die sich zur Exposition äusserten.[4] Die Fachtagung fand unmittelbar nach der Eröffnung der Ausstellung in München statt, die sicherlich als einen ersten Höhepunkt der Debatte im Frühjahr 1997 bezeichnet werden kann. Schon bevor die Ausstellung ihre Besucher empfangen hatte, stemmte sich der Grossteil der Münchner CSU gegen die Ausstellung und tat dies in Streitschriften[5] – der CSU-Abgeordnete Gauweiler verschickte an 50'000 Münchner Haushalte eine Propagandaschrift gegen die Ausstellung und publizierte Leserbriefe[6] - oder ihrem Parteiorgan „Bayernkurier“[7] kund. Die Debatte bekam eine stark politische Dimension, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Dennoch sei an dieser Stelle erwähnt, dass es schliesslich am 13. März und 24. April 1997 zu zwei Bundestagsdebatten über die Ausstellung kam.[8] Trotz massiver politischer Kritik aus dem rechtsbürgerlichen Lager, wurde die Ausstellung weiter gezeigt, überstand sozusagen einen Ansturm von Entrüstung. Nicht zuletzt dank ihrer hohen Besucherzahlen. In München rechneten die Aussteller mit ca. 20'000 Zuschauern, schliesslich kamen 90'000. Nicht zuletzt, da die Debatte in vollem Gange war.

Es wurde wieder ruhiger in den Medien um die Ausstellung, bis im Herbst 1999 drei fachhistorische Texte in Zeitschriften über die Wehrmachtsausstellung publiziert wurden.[9] Ihre Aussagekraft war zum Publikationszeitpunkt dermassen schwerwiegend, dass sich die Aussteller veranlagt fühlten, ein Moratorium über die Ausstellung zu verhängen. Was wochenlangen politischen Protesten nicht gelang, erwirkte wissenschaftliche Kritik an der Methode – eine vorläufige Einstellung der Ausstellung.[10]

Sinn der vorliegenden Arbeit ist, einen Überblick zu den wichtigsten Eckpunkten dieser historischen Debatte zu geben. Die politische Dimension wird bewusst ausgeblendet, das Augenmerk ist auf fachhistorische und zeitgeschichtsspezifische Argumente gelegt. Diese stammen aus den „heissen“ Phasen der Kontroverse, eine Beschränkung die für eine Seminararbeit notwendig ist. Als „heisse“ Phase wird ein markantes Aufleben der Diskussion in den Medien betrachtet, also eine Situation, wo sich die Debatte einem breiten Publikum öffnet. Eine solche erste heisse Phase ist erst zwei Jahre nach Eröffnung der Ausstellung im Herbst 1997 bemerkbar. Bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte der Spiegel gerade mal ein Interview[11] und einen Essay[12] mit und von Jan Philipp Reemtsma, ansonsten wird nichts über die Ausstellung berichtet. Die Flaute bekam stürmischen Wind, als die Ausstellung in München landen sollte. Aus dieser bewegten Zeit stammen die Argumente der Fachtagung von Bremen, auf welche ich im Besonderen eingehen werde.

Als zweite heisse Phase gilt der Herbst 1999. In dieser Zeit wurden in fachhistorischen Zeitschriften Bildkritiken zur Ausstellung laut, die neuen Wirbel verursachten. Die Medien griffen wiederum die Debatte auf. In diesem Abschnitt wird gezeigt, welche Kritik schliesslich zum Moratorium der Ausstellung führte. Auf die Frage, warum nicht schon früher Kritik eingesetzt hätte, gab der ausstellungskritische Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller in einem „Spiegel“-Interview Antwort: „Am Anfang hatte die Ausstellung so geringe Resonanz, dass kritische Stellungnahmen nicht beachtet wurden. Ausserdem bestand und besteht immer die Gefahr, Beifall von der falschen Seite zu erhalten – wer gegen die Ausstellung war, wurde ja von den Rechten einverleibt.“[13] Des Weiteren sieht Müller in der Bundestagsdebatte eine Heiligsprechung der Ausstellung.[14]

Ein Jahr nach dem Ausstellungsmoratorium publizierte eine vom Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) eingesetzte unabhängige Historikerkommission ihren Bericht über die Stimmigkeit der Ausstellung. Diese Prüfstandssituation regte weiter zum Debattieren an. Es gab Befürworter des durchaus positiv ausgefallenen Berichts und ihre Gegner, die darin dieselbe Diffamierung und Voreingenommenheit witterten, wie sie es schon von den Ausstellungsautoren behaupteten.

Anhand dieser drei herausgepickten Phasen der Debatte möchten Argumente und Argumentationsweise in der Kontroverse rund um die sogenannte Wehrmachtsausstellung erfasst und analysiert werden. Es erscheint mir wichtig, die Debatte auch als solche in der Arbeit weiterleben zu lassen, was die häufig verwendete Zitatform erklärt. Gibt es Unterschiede in der Thematik welche Befürworter oder Gegner ausführen? Wo liegen Gemeinsamkeiten der Debattierer? Hier kann banal vorweg genommen werden: Sie diskutieren.

Die drei Hauptphasen der Debatte werden schliesslich von einem zeitgeschichtlich theoretischen Rahmen umgeben. Hier stütze ich mich auf aktuelle Debattentheorien. Ob die Theorie schliesslich haltbar ist möchte ich im Fazit überprüfen. Einleitend wird die Dimension und Gestalt der Wehrmacht thematisiert. Hierzu benutzte ich einschlägige Literatur.

2. Debattentheorie und Forschungsstand

2. 1 Warum eine Debatte?

Es stellt sich nun die Frage, warum es denn überhaupt zu einer derartigen Debatte kommen konnte? Und noch mehr drängt sich auf, warum jetzt? Diesen zwei Fragen möchte ich in diesem Abschnitt Rechnung tragen.

Grundsätzlich kam es zu einer Debatte, weil Meinungen über den Ausstellungsinhalt different waren, die Exposition von Gegnern als unnötig, gar hetzerisch empfunden wurde. Die Umstrittenheit der Ausstellung widerspiegelt ziemlich deutlich die existierende Unvereinbarkeit von individueller Erinnerungsbetontheit der Zeitzeugen und der Ereignisrekonstruktion der objektivitätsbeanspruchenden Historiker. Inmitten des Etablierungs- und Entwicklungsprozesses der Zeithistorie sehen Theoretiker eine besondere Anfälligkeit für Tendenzen, welche in die eine oder andere Richtung ausschlagen. Die Erinnerungen von ehemaligen Wehrmachtssoldaten gehören mithin zu einem kollektiven Gedächtnis[15], auch wenn ihre individuelle Verarbeitung von Erlebnissen nicht als allgemeingültig und unkritisch betrachtet werden darf. Deren psychische Verarbeitung von Erlebtem, sowie weitere äussere Einflüsse führen zu einem individuellen, gruppenspezifischen oder einem geschichtspolitisch geprägten Vergangenheitsbild, wie Jarausch drei Formen von Erinnerung unterscheidet.[16] Ähnlich unterscheidet Hans Günther Hockerts zwischen „Primärerlebnissen“, einer „Erinnerungskultur“ und „zeitgeschichtlicher Forschung“ drei unterschiedliche soziale und kognitive Prozesse in der Auseinandersetzung mit Geschichte. Im Unterschied zu Jarausch ist bei Hockerts Theorie eine bestimmtere Dichotomie zwischen Wissenschaftlichkeit und erinnerungskultureller Verarbeitung herauszulesen.[17] Zeitzeugen würden Forschern unter anderem Aufschluss geben, wo die schriftliche Überlieferung es nicht zulässt. Hier kommen „Primärerlebnisse“ zum Zug. Dabei ist allerdings grösste Vorsicht geboten. Es gibt durchwegs Zeitzeugen, welche durch eigene Beschäftigung mit historischer Forschung ein durch dieselbe geprägtes Bild bekommen und auch vermitteln. Auch die „Erinnerungskultur“ kann durchaus geschichtspolitischer Prägung unterliegen und somit ein beeinflussendes Moment bei der Artikulation von „Primärerlebnissen“ darstellen.[18] Ein hermeneutischer Zirkel ist da nicht mehr weit entfernt.

Die Zeitgeschichte böte gemäss Jarausch die Möglichkeit, ein kollektives Gedächtnis zu disziplinieren, diesem sozusagen ein wissenschaftliches Rückgrat zu verleihen.[19] Eine geschichtspolitische Dimension bekommt das Ganze, wenn die Wissenschaft sich über individuelle Erlebnisse aufschwingt und denen keine Berechtigung einräumt. Dies ist im Falle der „Wehrmachtsaustellung“ nicht unbedingt der Fall, man kann eher von Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Ausstellern und kritisierenden Zeitzeugen sprechen. Wie schon erwähnt, wandelte sich die Ausstellung schnell von einer Exposition über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht, in die „Wehrmachtsausstellung“ und wurde von zahlreichen Kritikern als Affront gegen die gesamte Wehrmacht bezeichnet. Eine solch pauschalisierende Aussage wäre geschichtspolitisch nicht tragbar, wird allerdings so auch nicht direkt behauptet von den Ausstellern.

Während die Geschichtswissenschaft für ein begrenztes Fachpublikum publiziert, können sich in Erinnerungswerken viele Zeitzeugen wiedererkennen, lassen sich wieder in eine neblige Memoirensammlung zurückbringen. Diese Rückblenden, wo Erlebtes zum Teil kontextarm oder subjektiv perspektivisch wiedergeben wird, geniessen grosse Beliebtheit.[20] Deren Publikumserfolg lässt sich an den aufgereihten Titeln eingangs der „Wehrmachtsausstellung“ gut erkennen.[21] Hockerts erkennt eine Tendenz zur Emotionalisierung von Geschichte. Diese würde aber vorwiegend im Bereich der „Erinnerungskultur“ stattfinden und würde wenige Fakten „zeitgeschichtlicher Forschung“ vermitteln.[22] Es profitiert denn auch der historisierende Publizist Jörg Friedrich von der Begeisterung für semi-wissenschaftlichen, historischen Enthüllungsjournalismus. In einem Aufsatz zur Wehrmachtsausstellung bezeichnet er diese als unprofessionell, ignorant und tendenziös[23], trägt aber mit seinen polemischen Büchern einen wesentlich grösseren Teil zur Entwicklung solcher Zeitgeschichte bei. Konkret sieht der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller in der „Wehrmachtsausstellung“ einen Rückschlag für die Wehrmachtsforschung, da die Emotionalisierung des Themas fachlicher Arbeit entgegenwirken würde, eine weit verbreitete neue „Erinnerungskultur“ der Wehrmacht sozusagen entstanden sei.[24] So könnte man von einem Erfolg des Hamburger Instituts sprechen, das bekannt gab, mit der Legende von der sauberen Wehrmacht brechen zu wollen[25] und somit eine Veränderung der „Erinnerungskultur“ zu erwirken.

Laut Jarausch scheuen Historiker derart publikumswirksame Veröffentlichungen, weil ihnen eine zünftige Prise Unseriosität nachgesagt werden. Seriöse „zeitgeschichtliche Forschung“ grenzt sich gemäss Hockerts vereinfacht gesagt durch die Methodik des Zweifelns an der Geltung von Aussagen gegenüber der „Erinnerungskultur“ ab. Die Wissenschaft bekommt durch systematischen, regelhaften und nachprüfbaren Wissenserwerb ihre Legitimität und wirkt so auf die Rezeption von Erinnerung.[26] In der Zeitgeschichte bestünde zudem das Problem der politischen Instrumentalisierung von Erkenntnissen, die noch eine bedeutende Wirkung auf die Gegenwart entfalten können. Die Disziplin selbst wurde sozusagen mit politischen Absichten gefördert.[27]

Die „Wehrmachtsausstellung“ streift die angetönten Problematiken nur allzu deutlich. Sie ist ein Zwitter aus wissenschaftlichem Anspruch[28] und populär wirkender Ausstellungsdidaktik. Mit ihrer reichen Bebilderung und der fachhistorischen Grundlage, die gemäss Ausstellern auf Textdokumenten basiert, stellt sie eine gefährdete Pflanze zwischen differenzierter Forschung und vereinfachender, emotionaler Anteilnahme dar. Gefährdet insofern, da sie zum einen von den Fachleuten der Ausstellung per se wegen als „unseriös“ betrachtet wird, von einigen Zeitzeugen hingegen als unvereinbar mit ihrem Vergangenheitsbild, schliesslich in einem deutungskonkurrenziellen Minenfeld liegt. Die Schaffung einer neuen Erinnerungskultur - ein geschichtspolitisches Unterfangen - geriet somit zwischen Kritik von Seiten der „zeitgeschichtlichen Forschung“ und Menschen deren „Primärerlebnisse“ nicht mit dem neuen Erinnerungsbild korrelierten. Wie Klaus Naumann richtig schreibt, kommt es im Zusammenhang mit der Schaffung einer neuen „Erinnerungskultur“ zu einer zweifachen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Zum einen zu derjenigen mit den Gräueltaten der Wehrmacht im Osten, zum anderen zu derjenigen des seit den fünfziger Jahren weit verbreitet gepflegten Mythos, einer von NS-Verbrechen sauberen Wehrmacht. Dies hätte schliesslich zu einer Verkomplizierung der Debatte geführt. Da hier „Primärerlebnisse“ von Zeitzeugen und eine keimende „Erinnerungskultur“ sich zu vermischen begannen.[29]

Was waren die Gründe, die eine vergangenheitsschürfende Ausstellung wie die „Wehrmachtsausstellung“ zum Erfolg brachten und eine Debatte auslösen konnte? Klaus Naumann schlägt dazu zwei Thesen vor: Zum einen sieht er eine Veränderung in der Konstellation von Rezipienten, die durch den Generationswechsel immer mehr Direktbeteiligte schwinden lässt. Diese Konstellationsveränderung hätte zu einem alterierten öffentlichen Geschichtsbild geführt. Erst durch eine solche Veränderung sei es möglich gewesen eine grosse Öffentlichkeit zu erreichen.[30] Schliesslich trug eine „Erinnerungsindustrie“, die durch das Verstummen von Zeitzeugen in Gang gesetzt worden war, bei, eine veränderte Konstellation zu schaffen.[31]

Seine zweite These geht dahin, dass in den neunziger Jahren ein „geschichtspolitisches Reizklima“ herrschte, in dem das Erbe des Krieges noch einmal mit aller Macht spürbar gewesen sei.[32] Auch weltpolitische Veränderungen waren förderlich für das Entstehen des Debattengegenstandes – der Ausstellung. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fand der kalte Krieg sein Ende, was auch eine geschichtspolitische Veränderung in Gang setzte.

2. 2 Die Wehrmacht

Die Erforschung der Wehrmacht genoss einen entscheidenden Vorteil im Vergleich zu anderen grossen militärischen Verbänden. Nach dem Einmarsch der Alliierten in Deutschland wurden Tonnen von Aktenmaterial der Wehrmacht sichergestellt. Dieses unterlag somit nicht deutscher politischer Rücksichtnahme, die Beute der Engländer und Amerikaner wurde für Historiker zur Verfügung gestellt. Sowjetquellen sind zum Teil noch immer unter Verschluss.[33]

Es macht Sinn, sich der Dimension der Wehrmacht klarer zu werden. Während des Krieges dienten ca. 17 Millionen Soldaten, im Mai 1944 umfasste das Offizierkorps des Heeres ca. 170 000 Mann, darunter 1250 Mitglieder der Generalität.[34] Hitlers aussenpolitische Erfolge faszinierte Militärs. Es entstand unter dem Führer innerhalb weniger Jahren die modernste Wehrmacht weltweit. Die Luftwaffe und neueste Panzerwaffen standen für die gesamte Effizienz und trugen zu neuen Kriegsführungsformen bei. Für junge Männer bot sie hervorragende Karrierechancen, innerhalb weniger Jahren konnte Generalität erreicht werden.[35] Der Versailler Friedensvertrag wurde von der militärischen Führung als existentielle Krise wahrgenommen, wogegen Hitlers Regime ankämpfte. Aus diesem Grund wurde der Führer denn auch von der Wehrmacht unterstützt, da sich deren Verantwortliche eine Wiederherstellung der traditionellen Wehr- und Führungsstrukturen, sowie eine Aufrüstung zu europäischem Grossmachtstatus erhofften. Insgesamt lockte die Steigerung des Prestiges der militärischen Institution in der Gesellschaft.[36]

Die Ablehnung der Vorstellung, dass eine nationalsozialistische Indoktrinierung in der Wehrmacht stattgefunden hätte, wird von neuerer Forschung widerlegt.[37] Die Wehrmacht wurde zur tragenden Säule aggressiv expansiver Politik. Dazu schreibt Peter Steinbach: „Sie [Die Wehrmacht] unterwarf sich willig der Forderung, Lebensraum im Osten zu erobern. Sie gab willig – insbesondere im Zusammenhang mit militärischen Krisen – ihre Stellung als Staat im Staate auf. Einige der höchsten Militärs übernahmen dann – nach 1939/40 – die weltanschaulichen Überzeugungen der Nationalsozialisten und setzten sie in Befehle an die Truppe um. Einige, aber nicht alle.“[38]

Schon bei der Planung des Russlandfeldzuges zeigte sich die Führung von Wehrmacht, Heer und Verbänden einverstanden, völkerrechtliche Beschränkungen nicht zu berücksichtigen. Im Juli 1941 kam es zu einer Vereinbarung zwischen der Wehrmachtführung und dem Reichssicherheitssamtes, die besagte, dass die kommunistischen Funktionäre, sowie alle Juden unter den Kriegsgefangenen zu ermorden seien.[39] Hitler kündigte schon im März 1941 in einer Rede vor über 200 Befehlshabern an, einen rasseideologischen Vernichtungskrieg führen zu wollen. Schliesslich sind hinter der deutschen Front bis zu einer halben Million Menschen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer gefallen.[40]

Christian Gerlach betont, dass die Mehrzahl der deutschen Wehrmachtspflichtigen Frontsoldaten waren und deren Beteiligung an Kriegsverbrechen kaum erforscht sei. Vermehrt die rückwärtigen Einheiten müssten für etwelche Gräuel verantwortlich gemacht werden, die eine brutale Besatzungspolitik durchzusetzen versuchten. Dennoch beteiligten sich auch Frontsoldaten durchaus an Kriegsverbrechen, besonders im Rahmen der Partisanenbekämpfung.[41]

Dass die Wehrmacht Kriegsverbrechen im Rahmen eines rassistischen Krieges beging ist Tatsache. Wichtig scheint allerdings, dass man sich der Grösse der Wehrmacht bewusst bleibt. Die hohe Zahl von kriegsverbrecherischen Opfern lässt keinen pauschalen Schuldspruch gegenüber der gesamten Organisation und deren Mitglieder zu. Es soll differenziert werden, trotzdem das Wirken von Wehrmachtstätern nicht beschönigt sein.

[...]


[1] Martin Zips, „Nestbeschmutzer“ und „Brandstifter“. Die Bombe, die Verbrechen tilgen sollte, Süddeutsche Zeitung, 18.03.1999.

[2] Gerhard Fuchshuber, Wem dient die Münchner Wehrmachtsausstellung?, NZZ, 21. 03. 1997.

[3] Spiegel, Nr. 10, 03.03.1997, s. 54 – 62.

[4] Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse, Hg. Hans-Günther Thiele, Bremen 1997, s. 7 – 169.

[5] Peter Gauweiler, Offener Brief, <http://www.konservativ.de/wma/wma_gauw.htm>, 28.01.2004.

[6] Spiegel, Nr. 12, 17.03.1997.

[7] Florian Sturmfall, Wie Deutsche diffamiert werden, Bayernkurier, 22. 02. 1997.

[8] Thiele, s. 170 – 219.

[9] -Bogdan Musial, Bilder einer Ausstellung. Kritische Anmerkungen zur Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 47, München 1999, s. 563 – 591.

-Krisztián Ungváry, Echte Bilder – problematische Aussagen. Eine quantitative und qualitative Fotoanalyse der Ausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Jg. 50/10, Velber 1999, s. 584 – 595.
-Dieter Schmidt-Neuhaus, Die Tarnopol-Stellwand der Wanderausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Eine Falluntersuchung zur Verwendung von Bildquellen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Jg. 50/10, Velber 1999, s. 596 – 603.

[10] Moratorium. Die „Wehrmachtsausstellung“ kommt auf den Prüfstand, NZZ, 05.11.1999.

[11] Spiegel, Nr. 18, 01.05.1995, s. 53 – 60.

[12] Spiegel, Nr. 49, 02.12.1997, s. 52 – 57.

[13] Spiegel, Nr. 23, 07.06.1999, s. 60 – 62.

[14] Es wurde am 24. April 1997 der Antrag der Fraktionen CDU/CSU und FDP mit 302 Ja zu 283 Nein angenommen. Darin ist enthalten, dass es nicht Sache des Bundestages sei, private Initiativen zur Geschichtsaufarbeitung inhaltlich zu beurteilen oder zu bewerten; Thiele, s. 219, s. 222.

[15] Aleida Assman, Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, in: Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit, Hg. Aleida Assman/Ute Frevert, Stuttgart 1999, s. 21 – 52.

[16] Konrad H. Jarausch, Zeitgeschichte und Erinnerung. Deutungskonkurrenz oder Interdependenz?, in: Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Hg. Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow, Frankfurt a. M. 2002, s. 14f.

[17] Hans Günther Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Hg. Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow, Frankfurt a. M. 2002, s. 41.

[18] Jarausch, s. 31f.

[19] Jarausch, s. 22

[20] Jarausch, s. 16.

[21] Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1944, Ausstellungskatalog, Hg. Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg 19961, s. 10 – 18.

[22] Hockerts, s. 67.

[23] Jörg Friedrich, Die 6. Armee im Kessel der Denunziation – Ende der Legende von der sauberen Wehrmachtsausstellung, <http://www.konservativ.de/wma/kritik99.htm> 14. 04. 2004.

[24] Spiegel, Nr. 23, 07.06.1999, s. 60 – 62.

[25] Vernichtungskrieg, Ausstellungskatalog, s. 7.

[26] Hockerts, s. 61.

[27] Jarausch, s. 22f.

[28] Vernichtungskrieg, Ausstellungskatalog, s. 7.

[29] Klaus Naumann, „Wieso erst jetzt?“ oder Die Macht der Nemesis, in: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, Hg. Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg 1999. s. 264.

[30] Naumann, s. 265.

[31] Jarausch, s. 17.

[32] Nauman, s. 265.

[33] Rolf-Dieter Müller, Die Wehrmacht – Historische Last und Verantwortung, in: Die Wehrmacht. Mythos und Realität, Hg. Rolf-Dieter Müller/Hans-Erich Volkmann, München 1999, s. 4.

[34] Wilhelm Deist, Einführende Bemerkungen, in: Die Wehrmacht. Mythos und Realität, s. 39.

[35] Peter Steinbach, Krieg, Verbrechen, Widerstand. Die deutsche Wehrmacht im NS-Staat zwischen Kooperation und Konfrontation, in: Wehrmacht und Vernichtungspolitik. Militär im nationalsozialistischen System, Hg. Karl Heinrich Pohl, Göttingen 1999, s. 27.

[36] Wilhelm Deist, s. 41f.

[37] Hans-Ulrich Thamer, Die Erosion einer Säule. Wehrmacht und NSDAP, in: Die Wehrmacht. Mythos und Realität. Hg. Rolf-Dieter Müller/Hans-Erich Volkmann, München 1999, s. 420 – 435.

[38] Peter Steinbach, in: Wehrmacht und Vernichtungspolitik, s. 27.

[39] Omer Bartov/Cornelia Brink/Gerhard Hirschfeld/Friedrich P. Kahlenberg/Manfred Messerschmidt/Reinhard Rürup/Christian Streit/Hans-Ulrich Thamer, Bericht der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, <http://www.his-online.de/veranst/ausstell/bericht_kommission.pdf >, 15. 02. 2004, s. 46.

[40] Hillgruber Andreas, Zweiter Weltkrieg, in: Der grosse Ploetz, Freiburg i. Br. 199832, s. 766ff.

[41] Christian Gerlach, Verbrechen deutscher Fronttruppen in Weissrussland 1941 – 1944, in: Wehrmacht und Vernichtungspolitik. Militär im nationalsozialistischen System, Hg. Karl Heinrich Pohl, Göttingen 1999, s. 89 – 114.

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Details

Titel
Veränderung einer Erinnerungskultur der Wehrmacht
Untertitel
Geschichtskontroverse um die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
1.2
Autor
Jahr
2004
Seiten
45
Katalognummer
V29247
ISBN (eBook)
9783638308069
ISBN (Buch)
9783656068891
Dateigröße
726 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Veränderung, Erinnerungskultur, Wehrmacht
Arbeit zitieren
lic. phil. I Markus Fuchs (Autor), 2004, Veränderung einer Erinnerungskultur der Wehrmacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29247

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