Die Forty-Eighters und die Sezession von 1861. Politisches Handeln und Moralempfinden Deutscher Exilanten in Amerika

Anhand zeitgenössischer Quellen


Hausarbeit, 2013
31 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1: Wer waren die Forty-Eighters und wie werden sie beschrieben?

Kapitel 2: Die 48er als entschlossene Gegner der Sklaverei?

Kapitel 3: Wie sah die Situation der 48er in Texas nach Ausbruch des Sezessionskrieges am 12. April 1861 aus?

Resümee

Bibliographie

Kartenmaterial

Grafiken:

Vorwort

„Ubi libertas, ibi patria!“1

Dieses lateinische Zitat soll der Leitsatz des badischen Revolutionärs Carl Schurz gewesen sein, als er 1852 nach Amerika auswanderte.2 Aufgrund der Niederschlagung der deutschen Märzrevolution von 1848 im darauffolgenden Spätsommer 1849, bot der europäische Raum vielen bürgerlich-demokratisch eingestellten Menschen und Mit-Revolutionären, aus allen sozialen Schichten, keine Heimat mehr, da sie Verfolgung und im schlimmsten Fall, Haftstrafen und Hinrichtungen durch die Obrigkeit zu befürchten hatten. Diejenigen, die die Mittel hierfür besaßen, begaben sich per Schiffsreise in die US-Staaten ins Exil. Das Fehlen gesetzlicher Einreisekonditionen und das Erlangen des amerikanischen Bürgerrechts, gewährten ihnen das nötige Asyl. Diese politisch-motivierten Exilanten werden, gemäß dem Revolutionsjahr 1848, von Historikern der neuesten Geschichte als die sogenannten 48er oder Forty-Eighters bezeichnet.3

Die 1850er Jahre in den USA4 waren eine durch politische, wirtschaftliche und soziale Unruhen geprägte Zeit, welche im Sezessionskrieg, der allgemein auch als Amerikanischer Bürgerkrieg bekannt ist, ihren Höhepunkt nahm. Durch ihre neugewonnene Freiheit, ihr politisch-demokratisches Engagement, jenes das sie in Deutschland nicht ausüben durften und ihre neue Identifikation als „Amerikaner“, beteiligten sich einige der 48er nachhaltig am amerikanischen Staatswesen.

Hauptziel dieser Hausarbeit soll es sein, einen kritischen Blick auf das Handeln der 48er im Zeitraum 1850-1865 in den USA zu werfen und wie dies von Zeitzeugen und Historikern dargestellt wird. Schwerpunkt soll an dieser Stelle der Bezug auf ihre politischen Ziele und ihr Moral-Empfinden im Hinblick auf die Sklaverei-Frage sein. Wie folgt beziehen sich die Fragestellungen dieser Untersuchung erstens, auf die 48er in den USA und wie ihr Wirken Anfang der 1850er Jahre bis zu Beginn des Sezessionskrieges 1861 aussah. Zweitens, Wie ihre Einstellung zur politisch-wichtigen Sklaverei-Frage war. Drittens, die hiermit verbundene Frage wie dieses politische Wirken und die Einstellung zur Sklaverei, das Leben der 48er, welche sich in den Staaten der Konföderation niederließen, maßgeblich beeinflusste. Um diese Frage durch ein spezielles Beispiel zu intensivieren, wird die Situation der 48er in Texas hinzugezogen.

Der aktuelle Forschungsstand in der modernen Geschichtswissenschaft beschreibt gerade diese Immigranten, als Lincoln-Befürworter, Angehörige der Republikanischen Partei, Sklavereigegner und überzeugte Freiwillige in den Unionstruppen während des Bürgerkrieges, welche sich mit großer Verbissenheit gegen die Ziele der Südstaaten wehrten. Berühmte Beispiele hierfür, welche auch ein Kommando im Amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Unionstruppen besaßen, waren die 48er Friedrich Hecker, Carl Schurz und Franz Siegel. Einzelne, grobe Ausnahmen stellten ehemalige Revolutionsanhänger dar, die sich im Süden Nordamerikas angesiedelt hatten und nun selbst Sklavenhalter waren, wie der aus der Schweiz emigrierte Heinrich Hartmann Wirz.5

Das zur Verfügung stehende, primäre Quellenmaterial dieser Hausarbeit umfasst Briefe und Tagebucheinträge, datiert aus den Jahren 1850-65, geschrieben von meist männlichen Deutschen Auswanderern und 48ern, welche über Politik, die Sezession und den darauffolgenden Krieg berichten. Diese Niederschriften wurden als kommentierte Quellenedition herausgegeben von Wolfgang Helbich und Walter D. Kamphoefner. Weitere Primärquellen sind Augenzeugenberichte von 1858-65, ebenfalls in einer Quellenedition erschienen und kommentiert herausgegeben von Victor Austin. Beide Herausgeber versichern in ihrem Vorwort jeweils, dass zur Authentizität der Quellen keine Garantie bestehe, aber nichts an den Schriften verändert worden sei. Desweiteren vermöge man niemals genau sagen zu können, ob die Angaben in den Schriften von Gewähr seien.6 Bei der Zitation genannter Quellen wird der Sprachton der Quelleneditionen in dieser Hausarbeit beibehalten.

Als Referenzmaterial werden die Untersuchungen der Historiker Alexander Emmerich, Michael Hochgeschwender und James M. McPherson zum Sezessionskrieg mit einbezogen. Spezialisierte Sekundärliteratur zur Geschichte der 48er in Amerika, stammt von den Historikern Daniel Nagel und Adolf E. Zucker. Beide beschreiben die 48er als politisch-motivierte Einwanderer, welche gezwungen wären vom europäischen Kontinent zu fliehen, aufgrund strafrechtlicher Konsequenzen in Folge der gescheiterten Märzrevolution 1848-49 und sich mit ihrer freiheitsliebenden-demokratischen Haltung in den noch jungen USA zu etablieren versucht hätten.7 Alle genannten Autoren sind sich einig, was das Leben der 48er in den US-Staaten bezüglich des Forschungsstandes anbelangt. Ausnahme sind unterschiedliche Zahlenangaben, bei Einwanderungszählungen bezüglich der 48er auf Ellis Island, New York. Zucker schreibt von viertausend politischen Exilanten und nennt diese Zahl selbst eine konservative Schätzung. Insgesamt ist sich die Wissenschaft jedoch sicher, dass man niemals von genauen Werten ausgehen könne.8

Genaue Angaben zu den Quelleneditionen und der Sekundärliteratur ist der Bibliographie entsprechend zu entnehmen.

Diese Hausarbeit ist ein Beitrag zum besseren Verständnis der Situation der 48er in den USA in den Jahren 1850-1865 und ihrem politischen Moralempfinden vor und während des Sezessionskrieges.

Kapitel 1: Wer waren die Forty-Eighters und wie werden sie beschrieben?

Bereits seit den Jahren 1845/46 ist eine rasant zunehmende Steigerung der Emigrationszahlen von Deutschen in die USA zu beobachten. Die endgültige und gewaltsame Niederschlagung der Märzrevolution von 1848,9 durch die Truppen der deutschen Monarchie und des Adels, im späten Sommer 1849, welche in den Ländern des deutschen Bundes, Ungarn, Oberitalien und Posen ihre Ausschreitungen nahm,10 ließ die Zahlen jedoch explosionsartig ansteigen. Ihre Zahl wird im Jahr 1854 auf insgesamt etwa Zweihunderttausend Personen geschätzt.11 In den USA werden allerdings nur die politischen Exilanten als „Forty-Eighters“ bezeichnet, welche auch aktiv an der Revolution beteiligt waren und in Folge dessen fliehen mussten. Wie viele Revolutionäre tatsächlich einwanderten ist nicht feststellbar. Der Historiker Daniel Nagel schreibt hierzu:

„(…)Die genaue Anzahl der nach Amerika ausgewanderten Revolutionäre zu bestimmen, ist indes fast unmöglich. Man schätzt sie allgemein auf wenige tausend Menschen. (…)“.12

Somit lässt sich erahnen, dass die Bevölkerungsmenge der 48er in Relation zum Rest der Deutsch-Emigrierten eher geringfügig anzusehen war.

Im Folgenden steht nicht die Immigrationsgeschichte dieser verhältnismäßig kleinen Menschengruppe im Brennpunkt des Interesses dieser Hausarbeit, sondern explizit ihre Umstände in den Jahren 1850-65. Politisch gesehen lassen sich die 48er dem demokratischen Republikanismus zuordnen. Die Ziele, welche sie mit erwähnter Revolution im durch die Monarchie regierten deutschen Bund durchzusetzen versuchten, nämlich die Forderungen nach Freiheit durch demokratische Reformen, Gleichheit aller Bürgerschichten, sowie einer vereinten deutschen Nation, mussten ernüchternd aufgegeben werden. Die Obrigkeit des deutschen Bundes reagierte auf jene Forderungen, welche äquivalent mit denen der Französischen Revolution vom Juli 1830 waren und die deutschen Gebiete beeinflusst hatten, mit Restriktionen, Verboten, strafrechtlicher Verfolgung, Inhaftierungen und Hinrichtungen. Es bot sich als einzige Alternative die Flucht bzw. das Exil in den USA. Die Vereinigten Staaten boten durch die Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der darin benannten Achtung der Menschenrechte, welche persönliche Freiheit („freedom“) und politische Freiheit („liberty“) versprachen, den 48ern attraktive Argumente für ein dortiges Leben, da sie genau diesen Anspruch an ihre Heimat stellten.13

Die 48er, welche in den USA ankamen, waren somit durch ihre Erlebnisse im deutschen Bund, ihrer Beteiligung an der Revolution und ihrem politischen Interesse gewissermaßen vorbelastet. Vor allem Intellektuelle und Akademiker als die führenden Köpfe der Revolution unter den Auswanderern, nahmen nach ihrer Ankunft in den USA regen Anteil am öffentlichen Leben. Sie arbeiteten als Journalisten, gründeten deutschsprachige Zeitungen oder hielten Vorträge.

Auf diese Weise entstand eine Vielfalt von deutschsprachigen Publikationen. In den Jahren 1848-1852 verdoppelte sich die Zahl der deutschsprachigen Zeitungen. Ein berühmtes Beispiel ist der „Deutsche Zuschauer“, der von Gustav Struve ab 1851 in New York herausgegeben wurde und neueste Nachrichten aus Europa, insbesondere dem Deutschen Bund enthielt. Weitere Blätter von österreichischen 48ern waren das „Wisconsin Banner“ von Moritz Schoeffler und der „Volksfreund“ von Fred Fratny, ab 1848 in Milwaukee, Wisconsin. Beide Zeitungen verstanden sich als freiheitliche, demokratische Organe und legten darüber hinaus einen starken Anti-Katholizismus an den Tag. Ziel der 48er Presse war es, die Deutsche Emigrantenschaft, welche nur bedingt Englisch verstand, über die Kultur und Lebensweise der Amerikaner sowie über die politischen Verhältnisse in den USA aufzuklären. Sie bemühte sich darum, die politisch unerfahrenen Deutschen zu freiheitsliebenden Demokraten zu erziehen. Viele Zeitungen versuchten zur Instrumentalisierung der deutschen Bevölkerung beizutragen, die sich allerdings nur zögerlich für politische Zwecke einspannen ließ.14

Weiter entstanden in vielen US-Städten auf Anregung deutscher Emigranten hin, Philharmonie-Orchester und deutschsprachige Bühnen, Gesang- und Turnvereine. Letztere waren Zentren politischer Betätigung, weil man nach dem Sport zu lebhaften Diskussionen, auch über die alte Heimat und die vergangene Revolution, zusammenblieb.15 Kamphoefner schreibt hierzu:

„(…)Gebildet und eloquent, gaben sie [gemeint sind die 48er] wichtige Impulse für das kulturelle Leben und die politische Partizipation der Einwanderer. In nur vier Jahren verdoppelten sie beinahe die Auflage der deutschsprachigen Presse, gründeten zahlreiche Turnvereine –Brutstätten des republikanischen Idealismus. (…)“.16

Die Einmischung der 48er im amerikanischen Staatswesen, markierte den Gipfelpunkt ihrer politischen Bestrebungen in den USA. Als am 28. Februar 1854 in Ripon, Wisconcin, die „Republican Party“ gegründet wurde,17 schlossen sich viele von diesen, allen voran Friedrich Hecker, Carl Schurz und Gustav Struve, eben jener an. Im Präsidentschaftswahlkampf von 1856 warben sie so für den Republikaner John Charles Frémont, welcher die Wahl aber nicht für sich entscheiden konnte. Im November 1860 schaffte es Abraham Lincoln als erster Angehöriger der Republikanischen Partei, ebenfalls unterstützt durch Hecker, Schurz und Struve, das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu bekleiden. Carl Schurz als überzeugender Wahlredner fand den Weg in seinen Beraterstab. Die Wahl Lincolns war letztlich der finale Anlass, der zur Sezession des Südens führte.18

Die 48er werden somit als Angehörige und zugleich Flüchtlinge aus den oberen Bildungsschichten des deutschsprachigen Europas angesehen, welche versuchten ihre in Europa verloren gegangenen Ziele des revolutionären Kampfes in den USA politisch fortzuführen, weil sie hier, in einem demokratisch aufgeklärtem Land mit bürgerlicher Verfassung, ihre Chance sahen, diese Ziele durchzusetzen. Durch den Versuch der politischen Beeinflussung, gerade ihrer ebenfalls ausgewanderten Landsleute mit in deutscher Sprache befindlichen Medien und der Anteilnahme an den Wahlkämpfen von 1856 und 1860, auf Seiten der Republikanischen Partei, wurden sie unter den deutschen Einwanderern und amerikanischen Mitbürgern bekannt.

In wieweit die Ideale der 48er von der Masse der deutschen Einwanderer geteilt wurden, ist sich jedoch kein Historiker gegenwärtig sicher.19 Lediglich Anhaltspunkte liefern uns Briefe und Tagebucheinträge von Deutsch-Amerikanern, die die Handlungen der 48er verschieden beschreiben und dabei rückblickend dieses Handeln mit der Sezession in Verbindung bringen.

Johann (John) Dieden verließ Deutschland mit 12-Jahren zusammen mit seinem Stiefvater Johann Herting. Als Ausreisedatum wird der späte Februar 1848 angegeben, also vor den revolutionären Ereignissen. Ziel war Chicago, wo ein Onkel Diedens als Kaufmann bereits im Wohlstand lebte. Er selbst trat der Republikanischen Partei bei. Das Datum des Eintritts bleibt unbekannt.20 Am 15. März 1860 in Chicago vermerkt er in einem Brief, an den in der Heimat verbliebenen Cousin Christian Dieden:

„(…)Die Deutschen in den vereinigten Staaten, wie ich schon früher berichtete, haben sich seit mehreren Jahren immer mehr Ehre u. Ruhm erworben(…) es hat sich auch wircklich seit der Revolution in Deutschland von 1848 die Position der Deutschen in den Vereinigten Staaten merklich gebessert, weil seit Jenem Jahre viele Intellegente u. Gebildete Leute das alte Vaterland verließen, u. sehr viele von wegen ihren Fürsten verlassen mußten; (…)“21

Den Wahlsieg der Republikanischen Partei von 1860, den damit verbundenen Antritt der Präsidentschaft von Lincoln und den Beginn der Sezession des Südens, schreibt er ebenfalls seinem Cousin Christian Dieden, am 29. November 1860 in Chicago:

„(…)Die Präsidentschaftswahl ist auch vorüber, trotzdem hängen noch immer trübe Wolken am polittischen Horizont. A. Lincoln, der Mann der Freiheit, der Bekämpfer der Sklaverei, der Mann des gleichen Rechts ist für die kommenden vier Jahre, als unser Präsident erwählt worden. Die Südstaaten – wo eigentlich die Sklaverei ist, ist so erbittert darüber, daß sich sogar- einige Tage nach seiner Erwählung, einer dieser Staaten resp. South carolina, von der Union loßsagte, - andre haben gedroht deßgleichen zu thun. (…)“22

Die 1845 ausgewanderten Eheleute Dünnebacke, welche eine Farm in Dallas, Clinton County, Michigan erwarben, äußern sich ebenfalls zu den 48ern.23 Josef Dünnebacke schreibt am 3. Mai 1862 an seinen Schwager Ernst, um ihm die Ursache des Bürgerkrieges und seine persönliche Meinung dazu zu schildern:

„(…)Wer ist da schuld daran? Leider die Abolonisten worunter viele Eirepäichse 48iger stecken, die haben viel den Krieg helfen anzetteln so im Senat in Washington wen die großen einem dem andern nicht ein wenig wollen nachgeben; (…)“24

1853 wandert auch der katholische Bergmann Nikolaus Pack mit Ehefrau und sieben Kindern in die USA aus. Verwandte in den Vereinigten Staaten haben sie keine. Arbeit und Unterkunft findet die Familie in Pittsburg.25 Am 12. Oktober 1863 berichtet er seiner Schwägerin und seinem Schwager über Bürgerkrieg und Lebensumstand:

„(…)Wir wollten euch doch die wahrheitsgetreue Sache schreiben, wie es doch wirklich mit dem Amerikanischen Krieg ausfallen würde. Das Ende aber konnten wir nicht abwarten. Den Anfang wissen wir, aber die Zukunft weiß Gott allein. Die Quelle dieses Krieges ist meistens ein schönes Geschenk Europas, welches die lieben 48 er, die Helden der Freiheit, welche mit Gott und ihren respektiven Monarchen geborchen haben, in dieses schöne Land gebracht haben.(…)“26

Diese polarisierenden Auffassungen der Anwesenheit der 48er in den USA, geschrieben durch die Hand ihrer eigenen Landsleute, lassen in erster Linie erkennen, dass nicht jeder Deutsche Emigrant eine Einmischung der Revolutions-Exilanten in der amerikanischen Politik befürwortete, sondern dieser ablehnend und kritisierend gegenüber stand.

Johann Dieden lobt die Ankunft und das Wirken der 48er ganz offensichtlich „(…)seit der Revolution in Deutschland von 1848 die Position der Deutschen in den Vereinigten Staaten merklich gebessert (…)“. Er selbst erfuhr von der Revolution erst in den USA, da er bereits vorher aus Deutschland abgereist war. In welchem Maße er mit den 48ern in den USA zu tun hatte ist unbekannt. Was als gesichert gilt, ist seine Mitgliedschaft in der „Republican Party“,27 was seine Sympathie für die aus der Heimat-stammenden und aktiven 48er plausibel erklingen lässt.28 Die Quelle gibt allerdings keinen Aufschluss hierzu. Der Verweis darauf, dass es sich um Akademiker und Intelektuelle Menschen handelt „(…)weil seit Jenem Jahre viele Intellegente u. Gebildete Leute das alte Vaterland verließen (…)“, deckt sich mit den übereinstimmenden Ergebnissen der modernen Geschichtsforschung.29

Das Wahlergebnis vom November 1860 hebt er zufrieden hervor, zu deuten ist dies anhand der positiven Attribute mit welchen er Präsident Lincolns Amtsantritt versieht. „(…)A. Lincoln, der Mann der Freiheit, der Bekämpfer der Sklaverei, der Mann des gleichen Rechts (…)“. Gleichzeitig begründet er die Sorge, dass die Sezession des Südens auf dieses Wahlergebnis zurückzuführen ist. „(…)Die Südstaaten – wo eigentlich die Sklaverei ist, ist so erbittert darüber, daß sich sogar- einige Tage nach seiner Erwählung, einer dieser Staaten resp. South carolina, von der Union loßsagte, - andre haben gedroht deßgleichen zu thun. (…)“ Die Wahl Lincolns ist hierbei nicht allein ausschlaggebend für die Sezession gewesen, aber wird in der Forschung als finaler Anlass gedeutet.30

Die Stellungnahme zu den 48ern in den Briefen der Eheleute Dünnebacke und Pack schlägt dagegen einen eindeutig negativen Ton an und übt Kritik am politischen Wirken der Ex-Revolutionäre, den Interessen und ihrem vermeintlichen Beitrag zum Bürgerkrieg „(…)worunter viele Eirepäichse 48iger stecken, (…)“.

Vorweg ist anzumerken, dass die Briefe 1862 und 1863, folglich während des andauernden Bürgerkrieges (1861-1865) geschrieben wurden. Eventuelle psychisch-belastenden Konditionen wie Angst und Angespanntheit der Verfasser bezüglich des Kriegsverlaufes, trüben klar die Objektivität der geschrieben Zeilen, sofern man von einer ausgehen kann „(…)Wir wollten euch doch die wahrheitsgetreue Sache schreiben, wie es doch wirklich mit dem Amerikanischen Krieg ausfallen würde. (…)“, da der Mensch, wie in jeder Krisensituation stets dazu neigt einen Sündenbock zu suchen.

Über die Umstände der Verfasser ist zu sagen, dass die Auswanderung der Packs auf das Jahr 1853 datiert ist, man kann also vermuten, dass sie die Revolution in Deutschland selbst mitbekommen und dementsprechend eigene Erfahrungen gesammelt haben. Die Brief-Quellen selbst geben dazu keine Hinweise.

Die Dünnebackes erreichten 1845 die USA, also vor der Revolution 1848 im deutschen Bund. Spekulativ ist, ob sie ihre Informationen zu den 48ern und deren gescheiterten Versuch, gewaltsam eine Demokratie im Deutschen Bund zu etablieren, nur durch Hören-Sagen, Briefen und den hiesigen Medien erhalten haben. Entsprechend ist es nicht illusorisch, dass ihre Meinung, welche sich in den Briefzeilen wiederspiegelt durch Vorurteile und politische Propaganda verzerrt wurde

Inhaltlich ist der ironische Ton, der Schreibweise der Eheleute Pack, „(…)ein schönes Geschenk Europas. (…)“ und „(…)die lieben 48 er, die Helden der Freiheit.(…)“, zu prononcieren. Die Perspektive des Desinteresses an Europa und dessen politischen Fehden ist hier ersichtlich.

Die Kriegsschuld-Zuweisung an die Revolutionäre von 1848, „(…)Wer ist da schuld daran? Leider die Abolonisten worunter viele Eirepäichse 48iger stecken, die haben viel den Krieg helfen anzetteln (…)“ gibt an dieser Stelle klar zu verstehen, in wie weit ehemalige Deutsche ihre neue Identität als Amerikaner wahrnahmen und in den USA ein neues Leben beginnen wollten, dem unsicheren Krisenherd Europa den Rücken zukehrend. Die Assimilierung an die Amerikanische Gesellschaft wurde auch von den eingereisten 48ern erwartet. Laut der Aussage in den Briefen Dünnebacke und Pack, würden erneut revolutionäre Absichten, seitens der 48er, welche diese aus Europa mitbrächten, (…)ein schönes Geschenk Europas. (…)in dieses schöne Land gebracht haben. (…)“, die politische Ruhe stören und nun kriegerische Zustände in den Vereinigten Staaten hervorrufen, worunter alle Bürger zu leiden hätten. Die Unterstützung der „Republican Party“, die Wahl Lincolns und die folgende Sezession werden hierbei auf die 48er zurückgeführt. Einen weiteren Interpretationsansatz bietet das Wort „(…)Leider (…)“, was die Schuldzuweisung an die Abolitionisten und 48er einleitet. Die Dünnebackes scheinen hier nicht die Ziele der Abolitionisten, also die Abschaffung der Sklaverei, ergo die der 48er zu verschmähen, sondern eher das es in Folge dessen zum Krieg gekommen ist.

Abschließend hinzuzufügen ist die moralische Einstellung des streng katholischen Josef Packs gegenüber dem erwiesenen Freidenkertum der 48er, welcher die Existenz Gottes anzweifelt und ihn dementsprechend negativ, „(…)welche mit Gott und ihren respektiven Monarchen gebrochen haben. (…)“ urteilen ließ.31 Man beachte hierbei, dass sich die 48er durch die bereits erwähnte Anti-Katholizistische Presse („Wisconcin Banner“/ „Volksfreund“), bei den Katholiken keiner sonderlichen Beliebtheit erfreuten.

[...]


1 (aus dem lt. ins dt.) „Wo die Freiheit ist, dort ist mein Vaterland!“

2 Emmerich, Alexander, Die Geschichte der Deutschen in Amerika. Von 1680 bis zur Gegenwart, Köln 2013, S.188

3 Nagel, Daniel, Von republikanischen Deutschen zu deutsch-amerikanischen Republikanern. Ein Beitrag zum Identitätswandel der deutschen Achtundvierziger in den Vereinigten Staaten 1850-1861, St. Ingbert 2012, S.9-10; Emmerich, S.92-93

4 Seit Juni 1776 offiziell durch Jefferson als „UNITED STATES OF AMERICA“ in der “Declaration of Independence” ausgeschrieben; s. Boyd, Julian P., Jefferson’s „original Rough draught“ of the Declaration of Independence, Princeton 1950, S. 243-247

5 Emmerich, S. 182-185; Helbich, Wolfgang/ Kamphoefner, Walter D. (hrsg.), Deutsche im Amerikanischen Bürgerkrieg. Briefe von Front und Farm 1861-1865, Paderborn 2002, S.56-57

6 Austin, Victor (hrsg.), Der Amerikanische Bürgerkrieg in Augenzeugenberichten, Stuttgart 2011, S.15; Helbich; Kamphoefner, S.19

7 Nagel, S.33

8 Zucker, Adolph E. (hrsg.), The Forty-Eighters. Political refugees of the German Revolution of 1848, New York 1950, S.269; vgl. Nagel, S.34, Fußnote 4

9 „(…)Im Frühjahr 1848 erschütterten revolutionäre Bewegungen die monarchische Ordnung in ganz Europa. Die Revolutionäre forderten die Gewährleistung der Menschenrechte, die Selbstbestimmung der Völker und die Schaffung konstitutioneller Nationalstaaten.(…)“, Nagel, S.9

10 Siehe Karte M1

11 Siehe Grafik G1

12 Nagel, S. 34

13 Emmerich, S.92, S.180-181; Nagel, S.34-36

14 Emmerich, S.68-69

15 Nagel, S.25-28

16 Helbich/ Kamphoefner, S.36

17 Helbich/ Kampfhoefner, S.30-31; McPherson, James M., Für die Freiheit sterben. Die Geschichte des Amerikanischen Bürgerkrieges, Köln 2008, S.80-81, 224; Nagel, S.403-408

18 Emmerich, S.182-185; Helbich/ Kampfhoefner, S33-35; 56-57; Nagel, S.406-407

19 Helbich/ Kamphoefner, S.36; Nagel, S.41-16, 61-63

20 Helbich/ Kamphoefner, S.350-351

21 Helbich/ Kamphoefner, S.352

22 Helbich/ Kampfhoefner, S.354

23 Helbich/ Kamphoefner, S.179

24 Helbich; Kamphoefner, S.180

25 Helbich; Kampfhoefner, S.280

26 „Von diesem Brief liegt nur eine Abschrift vor. Es besteht Grund zu der Annahme, dass Joseph Scheben, der in den 1930er Jahren Auswandererbriefe in der Eifel sammelte, beim Abschreiben des Originals , Orthographie und Interpunktion normalisierte.“ Helbich/ Kampfhoefner, S.280

27 Helbich/ Kamphoefner, S.350-351

28 „(…)und schlossen sich [gemeint sind die 48er] der eben erst gegründeten Republikanischen Partei an, (…)“ Helbich/ Kamphoefner, S.36

29 Helbich/ Kampfhoefner, S.36

30 Emmerich, S.182-185; Helbich/ Kampfhoefner, S33-35; 56-57

31 „(…)Für einen Achtundvierziger typisch waren religiöse und politische Ansichten. Viele neigten wohl zum Freidenkertum. (…)“ Helbich/ Kampfhoefner, S.307

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Forty-Eighters und die Sezession von 1861. Politisches Handeln und Moralempfinden Deutscher Exilanten in Amerika
Untertitel
Anhand zeitgenössischer Quellen
Hochschule
Universität Osnabrück  (Fachbereich 2: Kultur- und Geowissenschaften)
Veranstaltung
Mit Pulver- und Wasserdampf: "Frontier" und Eisenbahn im Süden und Westen der USA, 1814-1914
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
31
Katalognummer
V292781
ISBN (eBook)
9783656898566
ISBN (Buch)
9783656898573
Dateigröße
1085 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Forty-Eighters, deutsche Exilanten, Amerika, 1848, Sezession, 1861
Arbeit zitieren
Björn-Alexander Thieler (Autor), 2013, Die Forty-Eighters und die Sezession von 1861. Politisches Handeln und Moralempfinden Deutscher Exilanten in Amerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292781

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