Was ist Theaterwissenschaft? Ein Vergleich der Ansätze von Edgar Gross und Julius Petersen


Hausarbeit, 2012

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kapitel I: Beschreibung und Konzept des Textes von Edgar Gross

3. Kapitel II: Beschreibung und Konzept des Textes von Julius Petersen

4. Kapitel III: Gemeinsamkeiten und Differenzen von Edgar Gross und Julius Petersen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit untersuche ich den Aufsatz Wege und Ziele der Theatergeschichte von Edgar Gross, erstmals veröffentlicht im Jahr 1919.1 Außerdem beschäftige ich mich mit dem von Julius Petersen verfassten Artikel Die Stellung der Theaterwissenschaft. Dieser wurde sechzehn Jahre später im Jahr 1935 veröffentlicht.2 In beiden Aufsätzen beschreiben die Autoren ihre jeweilige Vorstellung vom damaligen Stand der Theaterwissenschaft.

Diese Arbeit stellt die Frage, worin die Autoren bei ihrer Vorstellung von Theaterwissenschaft übereinstimmen und wo sich Differenzen auftun.

Hierzu werden zunächst die beiden Texte zusammengefasst und dabei deren Kernaussagen herausgearbeitet. Dabei bekommt jeder der Aufsätze ein eigenes Kapitel. Danach werden beide Texte in einem dritten Kapitel gegenübergestellt und miteinander verglichen. Zuletzt folgt mit dem letzten Teil dieser Hausarbeit eine Zusammenfassung der Ergebnisse in einem Fazit.

2. Kapitel I: Beschreibung und Konzept des Textes von Edgar Gross

Vor nun fast hundert Jahren schreibt Edgar Gross im hier vorliegenden Aufsatz Wege und Ziele der Theatergeschichte, dass die Theaterwissenschaft bis dato noch keine fest umrissene Form hat, da es schwer ist eine methodische Festlegung für diese zu finden. Dennoch besteht für ihn kein Zweifel daran, dass die Theaterwissenschaft bereits einen festen Platz neben anderen Kunstwissenschaften einnehmen konnte.

Für Gross geht es bei der jungen Disziplin in erster Linie um eine theatergeschichtliche Wissenschaft. Aus diesem Grund verwendet er in seinem Aufsatz sehr häufig das Wort Theatergeschichte, das er mit dem Begriff der Theaterwissenschaft gleichsetzt. Für Gross ist Theater ein Ausdruck der jeweiligen Kultur, wodurch Theatergeschichte seiner Meinung nach als Kulturgeschichte angesehen werden kann. Diese Verknüpfung dient ihm als Berechtigung für diese Wissenschaft. Um den Begriff der Theaterwissenschaft schärfer einzugrenzen, beruft er sich auf Max Herrmann. Dieser gilt heute als der Begründer der Theater-wissenschaft, da er 1923 das weltweit erste theaterwissenschaftliche Institut in Berlin eröffnete.3 Gross stimmt mit Herrmanns Ansicht überein, dass erst das, was zur Umsetzung des Dramas in seine szenische „Escheinungsform“ gehört, die Aufgabe der Theatergeschichte ist. Es ist also sowohl für Hermann als auch für Gross nicht die Literatur entscheidend, sondern die Aufführung: „[...] die Aufführung ist das Wichtigste [...].“4

Einen der größten Misserfolge der Theaterwissenschaft sieht Gross darin, dass sie die dramatisch-historische und die theatralisch-historische Aufgabe auf eine unklare Weise vermischt. Seiner Meinung darf die Theatergeschichte nicht mit der des Dramas identifiziert werden, sondern erfährt erst dann Sinn und Berechtigung, wenn sie sich zu einer selbständigen Wissenschaft erhebt. Theaterwissenschaft soll für Gross eine Art Gesamtkunstgeschichte sein, in der Schauspieleranalyse, Kostümkunde und Geschichte der Architektur und Malerei berücksichtigt werden. Da jede Aufführung einmalig ist, sieht Gross die Aufgabe der Theatergeschichte darin, aus überlieferten Bestandteilen zu rekonstruieren, was in der Vergangenheit vollendet war. Als Ausgangsmaterial dient ihm dafür unter anderem die Bühnenkunde, die mit Kostümen, Dekorationen, Szenenbildern etc. sehr viel Stoff liefert. Fehlt solches Material, dann können einem die szenischen Bemerkungen solcher Stücke helfen. Denn oft lassen diese, sofern sie in direktem Hinblick auf die Bühne geschrieben wurden, wichtige Rückschlüsse auf deren Form zu. Diese Methode ist jedoch eher für die ältere Theatergeschichte nutzbar. Für die neuere Zeit stellt Gross fest, dass die Regisseure durch fotografische Aufnahmen und genaue Darstellungen, die sie selbst verfassen, ihre eigenen Aufführungen bereits theaterhistorisch auswerten. Dies reicht Gross jedoch nicht, denn für ihn müssen die Inszenierungsmöglichkeiten nach dem Stand der zeitgenössischen Technik geprüft werden. Außerdem soll die Theaterwissenschaft die Dekorationsmalerei und den Kostümstil im Zusammenhang mit den bildenden Künsten betrachten. Bei dieser Methode können selbst einzelne Requisiten zum Gegenstand der historischen Theaterbetrachtung werden.

Die Geschichte des Dramas kommt an dieser Stelle ebenfalls mit in die Betrachtung. Wichtig ist hierbei, wie sich Drama und Bühnenbild gegenseitig beeinflusst haben und wie der Inszenierungsstil des Regisseurs eine Epoche bestimmt hat. Auch schauspielerische Leistung lässt sich manchmal in beschränktem Maß in einzelnen, charakteristischen Situationen festhalten.

Dank der Fotografie und des Films kann man zunehmend mehr Material als Hilfe heranziehen. Gross erkennt dennoch, dass einem die organische Einheit der schauspielerischen Schöpfung für immer verschlossen bleiben wird. Nur die direkte Aufführung lässt einen vollständigen Einblick zu. Schauspielerbiographien können ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Auch die Psychologie einer Zeit und ihrer Gesellschaft wirken sich maßgeblich auf die Darstellungsform aus. Die zeitliche Auffassung älterer dramatischer Dichtungen kann sich ebenfalls auf den Darstellungsstil auswirken. Dennoch ist dies lediglich eine Indiziensuche und die künstlerische Absicht von inneren oder äußeren Notwendigkeiten zu unterscheiden, ist für die ältere Theatergeschichte unmöglich.

Doch laut Gross wird es für den Theaterforscher noch schwieriger, wenn er sich der schauspielerischen Regie zuwendet. Diese hat zum Beispiel in ihrem aktuellen Sinne zu Zeiten Goethes und Schillers noch gar nicht existiert. Regiebücher können nur bedingt helfen, da sie nur die äußere Struktur wiedergeben, eine persönliche Note, wie jemand Regie geführt hat, wird man höchst selten darin finden. Daher ist der Wunsch nach Sammelstellen bühnengeschichtlichen Materials immer stärker gewachsen. Laut Gross kann man bereits in Theaterarchiven und Bibliotheken etc. wertvolle Schätze der Bühnengeschichte finden. Was ihm jedoch fehlt, ist ein Theatermuseum, das nach kultur- und kunsthistorischen Stilprinzipien aufgebaut sein sollte. Rollenbilder, Regiebücher, Theaterkritiken, Bücher zur Kostümkunde, Skizzen, Entwürfe etc. müssten dort zu finden sein. Für ihn wäre ein solches Museum eine besondere Grundlage für die zukünftige Theaterwissenschaft. Die Aufgabe des Theaterforsches ist für Gross also: Schauen und Erschauen. Kunstempfinden sowie psychologische Schulung sollen dem Theaterforscher als Rüstzeug dienen, außerdem soll er in der Lage sein, kritisch zu urteilen. Theatergeschichte soll erlebte Kunstpsychologie werden, erst dann, ist Gross der Meinung, gebührt ihr neben der Literatur- und Kunstgeschichte ein selbständiger Platz.

Dem dann lehrenden Dozenten der Theatergeschichte sollen Literatur- und Bühnenkunde, Dramaturgie und Inszenierungslehre, literarische Kritik und Kunstgeschichte als Material dienen. Außerdem darf der Dozent nie die Bindung zu der umgebenden dramatischen Dichtung verlieren. Für Gross ist es noch ein weiter Weg bis zu dieser Idealvorstellung, die er sich von der zukünftigen Theaterwissenschaft erhofft.

3. Kapitel II: Beschreibung und Konzept des Textes von Julius Petersen

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden erste theaterwissenschaftliche Vorlesungen gehalten, unter anderem auch von Julius Petersen in Frankfurt. Einige Jahre später wurde Julius Petersen zusammen mit Max Hermann Mitbegründer des ersten theaterwissenschaftlichen Instituts im Jahr 1923.5

Zwölf Jahre später erschien der hier vorliegende Aufsatz Die Stellung der Theaterwissenschaft von ihm. Zunächst beschreibt er die Theaterwissenschaft darin als eine sehr junge Wissenschaft, deren Wert sowohl auf Seiten ähnlicher Wissenschaften, als auch auf Seiten der Kunst vielfach bestritten wird. Petersen ist der Meinung, dass die Theaterwissenschaft eine pendelnde Zwischenstellung zwischen Wissenschaft und Kunst hat, so wie es bereits ähnlichen Kunstwissenschaften ergeht. Da das Theater allerdings die älteste aller menschlichen Künste ist, sieht er keinen Grund darin, dass sie sich verstecken müsste.

Während Petersen in der bloßen Theatergeschichte nur einen Zweig der Kulturgeschichte sieht, ist er überzeugt, dass eine selbständige Wissenschaft vom Theater erst dann entsteht, wenn sie nicht zur Gegenwart hinführt, sondern in ihr den Ausgangspunkt findet. Denn für Petersen ist das Wesen des Theaters die Gegenwart, in der man die Erkenntnis des Wesens des Theaters finden kann. Hiermit meint Petersen vor allen Dingen die Aufführung, die immer etwas Einmaliges darstellt. Daher ist er auch der Ansicht, dass es bei der Theaterkunst nichts gibt, was Bestand hat, im Vergleich zu allen anderen Künsten. Seiner Meinung nach hat die Theaterwissenschaft lange Zeit den Fehler gemacht, das Theater als eine Art Reproduktionsmaschine dramatischer Dichtkunst zu verstehen, wodurch sie lediglich als ein Zweig der Literaturgeschichte angesehen werden konnte. Nur im Grunde genommen ist es laut Petersen genau umgekehrt, denn nicht das Theater folgt der Dichtung, sondern die Dichtung dem Theater.

Erst das Theater bietet für ihn den ideellen Raum, in dem sich die Fantasie des dramatischen Dichters bilden kann. Durch das jeweilige Zeitalter verändert sich das Kunstwerk jedes Mal aufs Neue. Die zeitgebundenen künstlerischen Kräfte, die den Theaterraum beleben, geben dem Kunstwerk in jeder Epoche eine andere Gestalt. Für Petersen ist es genau diese jeweilige Neuschöpfung, die auf die Zuschauer als Kunsterlebnis wirkt.

Aber nicht nur die Zeiten verändern sich, sondern auch die Menschen und somit der Geschmack des Publikums. Das Theater ist für Petersen daher nicht nur Gemeinschaftsarbeit, sondern ebenso Gemeinschaftsempfang. Es gibt nicht den einzelnen Künstler, der ein Werk erschafft, sondern erst das Erlebnis der Gesamtheit schafft ein vollendetes Kunstwerk.

[...]


1 Edgar Gross: Wege und Ziele der Theatergeschichte. In: Literarische Anstalt Rütten & Loening (Hrsg.): Deutsche Bühne. Jahrbuch der Frankfurter Städtischen Bühnen, 1. Band: Spielzeit 1917/1918. Frankfurt/M. 1919, S. 13-24.

2 Julius Petersen: Die Stellung der Theaterwissenschaft. In: Julius Beltz (Hrsg.): Festgabe der Gesellschaft für deutsche Literatur zum 70. Geburtstag ihres Vorsitzenden Max Herrmann. Berlin. Zum 14. Mai 1935. Langensalza 1935, S. 33-39.

3 Vgl. Ingrid Graubner: Theater an der Universität. Zum 80. Jahrestag der Eröffnung des Theaterwissenschaftlichen Instituts. In: HUMBOLDT, 13.11.2003, URL: http://www2.hu-berlin.de/presse/zeitung/archiv/03_04/num_2/geschichte.pdf. (10.09.2012), [S. 1].

4 Max Herrmann: Forschungen zur deutschen Theatergeschichte des Mittelalters und der Renaissance. Berlin 1914. Teil II, S. 118.

5 Vgl. Graubner: Theater an der Universität, [S. 1].

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Was ist Theaterwissenschaft? Ein Vergleich der Ansätze von Edgar Gross und Julius Petersen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Basismodul Theaterwissenschaft Theorie und Ästhetik (PS 17 510)
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V292798
ISBN (eBook)
9783656899594
ISBN (Buch)
9783656899600
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theaterwissenschaft, vergleich, ansätze, edgar, gross, julius, petersen
Arbeit zitieren
Holger Köhler-Kaeß (Autor), 2012, Was ist Theaterwissenschaft? Ein Vergleich der Ansätze von Edgar Gross und Julius Petersen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292798

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