Modelle einer orientalischen Stadt. Die Stadtentwicklung von Marrakesch


Hausarbeit, 2014

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Kartenverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Hintergrund

3 Modelle der islamisch-orientalischen Stadt
3.1 Idealschema einer islamisch-orientalischen Stadt
3.2 Das Modell einer orientalischen Stadt unter westlich-modernem Einfluss

4 Marrakesch
4.1 Medina
4.2 Die Ville Nouvelle – Europäisches Stadtviertel
4.3 Stadtentwicklung seit der Unabhängigkeit

5 Fazit

Quellenverzeichnis

Abbildungs- und Kartenverzeichnis

Abb. 1: Idealschema des Funktionalgefüges der islamisch-orientalischen Stadt (Altstadt)

Abb. 2: Die islamisch-orientalische Stadt unter westlich-modernem Einfluss: Modell der zweipoligen Stadt am Beispiel von Teheran/Iran um 1979 nach M. Seger

Abb. 3: Modell der Stadt des islamischen Orients nach Form, Funktion, Wachstumstendenzen und Verflechtungsbereichen

Abb. 4: Stadtmauer und Stadttor Bab Agnaou

Abb. 5: Kutubiya Moschee

Abb. 6: Ausschnitt der Medina von Marrakesch aus der Vogelperspektive

Abb. 7: Der zentrale Platz Jemaa el Fna

Abb. 8: Schema der Stadtentwicklung in Marokko

Kartenverzeichnis

Karte 1: Stadtplan von Marrakesch

1 Einleitung

Marrakesch ist die viertgrößte Stadt und zugleich Namensgeber für das Land Marokko. Die Stadt liegt ca. 300 km südlich von der Hauptstadt Rabat. Marrakesch befindet sich am Fuße des über 4000 Meter aufragenden Atlas Gebirges und weißt saharische bzw. subsaharische Klimaverhältnisse auf (Escher 2001: 25). Die Geschichte der Stadt ist von diversen islamischen Dynastien geprägt, welche wesentlichen Einfluss auf das heutige Stadtbild der Medina nahmen. Des Weiteren ist die Stadtlandschaft von Marrakech geprägt durch die - von der Proktetoratsmacht angelegte - Neustadt Hueliz, die suburbanisierten Dörfer und zahlreiche neue Siedlungserweiterungen (Escher 2001: 25).

Vor diesem Hintergrund befasst sich diese Arbeit zunächst mit einem kurzen Historischen Hintergrund. Im Anschluss werden ausgewählte Stadtmodelle der islamisch-orientalischen Stadt erläutert. Dabei wird auf mehrere Modelle Bezug genommen, um die Charakteristika der islamisch-orientalischen Stadt zu verdeutlichen. Weiterhin wird das Modell der islamisch-orientalischen Stadt unter westlich-modernem Einfluss erläutert. Der Hauptteil dieser Arbeit befasst sich mit der Medina, der Ville Nouvelle, sowie mit Stadtentwicklungsprozessen seit der Unabhängigkeit. Schließlich erfolgt eine autonome und kritische Würdigung der Thematik.

2 Historischer Hintergrund

Das Gebiet der heutigen Stadt Marrakesch war früher lediglich ein Karawanenlagerplatz. Erst die Almoraviden unter Abu Bakr errichteten im 11. Jahrhundert ein Militärlager nördlich des hohen Atlas Gebirges. Abu Bakrs Cousin, Youssouf Ben Tachfin, errichtete zu jener Zeit die erste Moschee, einen Marktplatz und unterirdische Wasserkanäle und gilt daher als Gründer der Stadt (Därr 2012: 50, Marrakech 2013). Das Reich der Almoraviden erstreckte sich von Marokko bis nach Andalusien und die Siedlung Marrakesch wurde zur Hauptstadt des Almoraviden Reiches ernannt. Unter der Ära Sultan Ali Ibn Yussuf (1107-1143) wurde die Siedlung weiter ausgebaut und mit einer neun Kilometer langen Stadtmauer umfasst, welche bis heute erhalten ist. Zu jener Zeit blühte die Stadt als spirituelles und ökonomisches Zentrum auf (Därr 2012: 50, Marrakesch 2013).

Mit steigendem Machteinfluss der Almohaden unter Führung von Abd el Moumen (1130-1163) verloren die Almoraviden die Kontrolle über Marrakesch. Seinerzeit war es üblich, dass die neuen Sultane die Bauwerke ihrer Vorgänger zerstörten. Daher ist die Stadtmauer das einzig erhaltene Relikt der Almoraviden. Die Almohaden errichteten daraufhin eigene Bauwerke wie Paläste, Moscheen und Stadttore. Die bis heute bestehende Kutubiya Moschee ist als das prägendste Bauwerk zu nennen. Die nachfolgenden Herrscher erweiterten die Stadt durch weitere Einrichtungen. So stellte der Sultan, Abu Yussuf Yakoub al Mansour (1184-1194), die Kutubiya Moschee fertig und ließ um die Moschee herum Souks anlegen (Därr 2012: 51, Marrakesch 2013).

Die folgende Dynastie der Meriniden (1269-1554) verweilte nur kurz in der Stadt, da sie die Stadt Fes zur Hauptstadt ihres Reiches ernannten. Dadurch verlor Marrakesch nicht nur an Bedeutung, sondern war des Weiteren nicht mehr das Zentrum des Reiches. Erst mit der Saadier Dynastie (1554-1667) erlebte Marrakesch wieder eine Blütezeit. Sultan Muhammad ech-Cheikh eroberte Fes und wählte Marrakesch als neue Hauptstadt des Reiches aus. Dadurch gewann die Stadt erneut an politischer, ökonomischer und religiöser Bedeutung. Der Sultan ließ neue Gebäude errichten aber auch alte wieder restaurieren. Die wieder erlangte Bedeutung der Stadt führte zu einer Migration von Handwerkern, Künstlern sowie Gelehrten aus dem ganzen Land. Auch europäische Geschäftsleute und Diplomaten kamen seither nach Marrakesch. Die europäischen Christen errichteten indes zwei christliche Friedhöfe und zwei christliche Gefängnisse sowie diverse Handelshäuser. Zur Zeit der Saadier Dynastie fand auch die in islamisch-orientalischen Städten typische Trennung von Ethnien und Religionen statt. So wurde die Mellah (Judenviertel), ein komplett ummauerter Bereich errichtet (Därr 2012: 51, Marrakesch 2013).

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ergriffen die Alouiten die Macht und verlegten die Hauptstadt nach Meknés. König Moulay Ismail (1672-1727) ließ nicht nur die Saadier Gräber zumauern, sondern zerstörte auch den Dar el Badi Palast und verwendete die Materialien, v.a. Marmor, für seinen neuen Palast in Meknés (Därr 2012: 52, Marrakesch 2013).

Zum Ende des 19. Jahrhunderts verloren die Alouiten zunehmend ihre Macht und örtliche Paschas und Berberfürsten gewannen an Einfluss. Moulay Hassan (1873-1894) residierte abwechselnd in Fes und Marrakesch, wodurch die Stadt erneut an Bedeutung gewinnen konnte. Moulay Hassan errichtete z.B. den bis heute erhaltenen Wesirspalast Bahia (Därr 2012: 52, Marrakesch 2013).

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts steigerte sich die Einflussnahme der europäischen Länder, v.a. Frankreich und Spanien. Am 30. März 1912 unterzeichnete Moulay Hafidh die Konvention von Fes, durch die Marokko unter französisches Protektorat gestellt wurde. Lediglich der nördliche Teil Marokkos wurde von Spanien verwaltet. Die Franzosen ernannten Rabat zur neuen Hauptstadt (Därr 2012: 53, Marrakesch 2013).

3 Modelle der islamisch-orientalischen Stadt

Die Stadtgeschichte des Orients reicht bis ins dritte Jahrtausend v. Chr. zurück und weist somit die älteste Stadtkultur der Erde auf. Diese Stadtkultur wurde seit dem 7. Jahrhundert durch den islamischen Kulturkreis und ab dem 19. Jahrhundert durch Prozesse der Verwestlichung geprägt. Das Verbreitungsgebiet der islamisch-orientalischen Stadt korrespondiert in etwa mit der Ausdehnung des islamisch-orientalischen Kulturkreises und erstreckt sich somit im Osten von Pakistan bis im Westen nach Marokko. Der Islam nimmt dabei eine herausragende Rolle ein, denn die Religion hat die Gesellschaft und Kultur maßgeblich geprägt (Heineberg 2006: 288). Dennoch müssen die Begrifflichkeiten differenziert betrachtet werden, denn die orientalische Stadt entwickelte sich bereits vor dem Islam. Viele Merkmale der orientalischen Stadt sind nämlich auch in anderen Kulturräumen vorzufinden, z.B. in Griechenland und sind damit vorislamisch. Daher ist die orientalische Stadt nicht auf Anhieb mit dem Islam gleichzusetzen. Für den weiteren Verlauf der Arbeit, wird dennoch der Begriff der islamisch-orientalischen Stadt verwendet, da sich bislang keine endgültige Differenzierung durchsetzen konnte (Heineberg 2006: 288).

Um einen detailreichen Überblick über islamisch-orientalische Städte zu erlangen, werden im Folgenden drei Modelle der islamische-orientalischen Stadt hinzugezogen. Anhand der Modelle wird dabei versucht, die typischen Elemente der islamisch-orientalischen Stadt herauszustellen. Selbstredend existieren weitere Modelle zur islamisch-orientalischen Stadt, die gewählten Modelle sollen hierbei einzig als Auswahl dienen.

3.1 Idealschema einer islamisch-orientalischen Stadt

Das Idealschema der islamisch-orientalischen Stadt wurde 1969 von K. Dettmann entworfen. Das kreisförmige Modell kennzeichnet dabei grundlegende traditionelle Elemente des Aufbaus, der funktionalen sowie sozialräumlichen Gliederung der Medinen in den Städten Nordafrikas und Vorderasiens (Heineberg 2006: 288). Grundlegende Elemente dieses Modell sind: die Große Moschee bzw. Freitagsmoschee in der Mitte der Medina (Altstadt) als geistlicher intellektueller und öffentlicher Kern. Der Souk stellt traditionell den wirtschaftlichen Mittelpunkt der Medina dar. Einzelhandel, Groß- und Zwischenhandel vereinigen sich hier auf engstem Raum. Darüber hinaus ist der Souk in Ladenstraßen aufgeteilt, welche räumlich nach Branchen und Handelswaren gegliedert sind. Des Weiteren ist die Medina geprägt von zahlreichen Wohnquartieren, welche nach Religion, Nationalität und Sprachgemeinschaften voneinander separiert sind. Die Wohnquartiere weisen jeweils ein kleines Subzentrum mit lokalem Souk, Moschee und Bad auf. Die Stadtmauer bildet die äußere Grenze der Altstadt, schließt dabei noch die randlich gelegene Zitadelle mit ein. Die Friedhöfe befinden sich außerhalb der Stadtmauer und sind ähnlich wie die Wohnquartiere nach Religionszugehörigkeit separiert (vgl. Abb. 1, Heineberg 2006: 288f.).

Abb. 1: Idealschema des Funktionalgefüges der islamisch-orientalischen Stadt (Altstadt) nach K. Dettmann 1969 (links) und Modell der Stadt im islamischen Orient nach E. Ehlers 1991 (rechts)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heineberg, H. 2006. Stadtgeographie, S. 289

In dem Modell von Dettmann ist ein wesentliches Charakteristikum der islamisch-orientalischen Stadt nicht dargestellt: Die Sackgassengrundrisse der Wohnquartiere in der Altstadt. Die verwinkelten Sackgassen, sind zum Teil private Verkehrswege und dienen dem Streben nach Schutz und Privatsphäre. Dies verdeutlichen auch die Wohnhäuser, die zur Straßenseite hin fensterlos sind. Zudem sind die Wohnhäuser um einen von außen nicht einzusehenden Innenhof gruppiert (Heineberg 2006: 290).

3.2 Das Modell einer orientalischen Stadt unter westlich-modernem Einfluss

Die Städte des islamischen Orients unterlagen bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts westlichen Einflüssen. Geprägt durch die britischen und französischen Kolonialmächte einerseits und durch die moderne Weltwirtschaft andererseits, änderte sich das Bild der typischen islamisch-orientalischen Stadt grundlegend (Heineberg 2006: 290).

Auf die räumliche und funktionale Veränderung der islamisch-orientalischen Stadt geht Seger in seinem Modell auf die Verwestlichung ein. Das Modell von Seger am Beispiel Teherans verdeutlicht die Bipolarität der Zentren sowie eine Wohnsegregation. In seinem Modell weist die Stadt zwei Zentren auf. Zum einen die traditionelle Mitte mit dem Souk/Bazar und zum anderen der Central Business District (CBD). Beide Zentren sind dabei durch ältere Geschäftsstraßen miteinander verbunden. Der Central Business District entstand im Bereich des früheren gehobenen Wohngebietes (Seger 1975: 37). Das moderne Zentrum im Kern des CBD, stellt demnach den Gegenpol zum traditionellen Stadtkern dar. Neue und moderne Einrichtung befinden sich im peripheren CBD-Rand. Wohingegen der zentrumsseitige und ältere CBD-Rand Regierungs- und Verwaltungsfunktionen mit Botschaften und älteren Einrichtungen westlicher „Provenienz“ besetzt (Seger 1975: 37).

Ähnlich wie die Zentren, sind ebenso die Wohngebiete zweigeteilt. Die Mittel- und Oberschicht bewohnen dabei die ökologisch bevorzugten Gebiete, wohingegen die Unterschicht die Altstadt und die ihr benachbarten, dicht bewohnten Viertel bewohnt. Am Rande der Altstadt schließt sich eine unterschiedlich stark ausgeprägte Slumzone an. Die Industrie ist an großen Flächen am Stadtrand vorzufinden und orientiert sich meist an Ausfallstraßen (Seger 1975: 37). Laut Seger ist dieses Modell mit entsprechender Variation auf andere „orientalische“ Städte übertragbar (Seger 1975: 37).

Abb. 2: Die islamisch-orientalische Stadt unter westlich-modernem Einfluss: Modell der zweipoligen Stadt am Beispiel von Teheran/Iran um 1979 nach M. Seger

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heineberg, H. 2006. Stadtgeographie, S. 291

Als zweites Modell für eine islamisch-orientalische Stadt unter westlich-modernen Einfluss, ist das Modell der Stadt des islamischen Orients von Ehlers zu nennen (vgl. Abb. 3). Das Modell baut dabei auf dem vorher aufgeführten Modell von Seger auf. Das komplexe Modell berücksichtigt (A) sozioökonomische, (B) baulich-formale sowie auch (C) funktionale Kriterien und verdeutlicht dabei den doppelten Dualismus sowie den Altstadt/Neustadt-Gegensatz (Ehlers 1993: 36).

Im Teilabschnitt (A) wird die Stadt schematisch und flächenhaft dargestellt. Im Zentrum dieses Teilabschnittes steht die Medina. Der Fokus im Teilabschnitt (A) liegt auf der Veranschaulichung der relativen Lage bestimmter Stadtstrukturen zueinander. Mit Hilfe von Pfeilen stellt Ehlers räumliche Entwicklungsrichtungen der Stadt in das Umland dar. Der zweite Teilabschnitt (B) stellt die baulich-formale Struktur dar. Hier wird der Dualismus der Altstadt und der CBD besonders anhand verschiedener wirtschaftlicher Nutzung und mittels Landpreisen veranschaulicht. Der letzte Teilabschnitt (C) stellt anhand von Pfeilen vereinfacht Waren-, Verkehrs- und Kommunikationsströme dar. Die Pfeile „weisen auf das de facto-Nebeneinander nicht nur der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, sondern auch von deren wirtschaftlichen Aktivitäten, ihren raumrelevanten Verhaltensmustern und den ihnen entsprechenden urbanen Formen und Funktionen hin“ (Ehlers 1993: 36).

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Modelle einer orientalischen Stadt. Die Stadtentwicklung von Marrakesch
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V292830
ISBN (eBook)
9783656899914
ISBN (Buch)
9783656899921
Dateigröße
2868 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
modelle, stadt, stadtentwicklung, marrakesch
Arbeit zitieren
Ahmed Yasin (Autor), 2014, Modelle einer orientalischen Stadt. Die Stadtentwicklung von Marrakesch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292830

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