Das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ aus dem Jahr 1878 stellte für das Deutsche Kaiserreich eine innenpolitische Zäsur dar, die, obwohl sie auf die Schwächung der deutschen Sozialdemokratie gerichtet war, den Erfolg der Partei nicht aufhalten konnte und maßgeblich zur weiteren Verschärfung innergesellschaftlicher Unzufriedenheit beigetragen hat, die letztendlich auch zum großen Teil in der Wirtschaftskrise der 70er und 80er Jahre begründet lag.
Ähnlich wie zuvor beim Kulturkampf gegen die katholische Zentrumspartei führte Bismarck auch hier einen Vernichtungskrieg gegen die Sozialdemokratie, die wie das Zentrum als Reichsfeinde denunziert, möglichst schnell als aufstrebende politische Größe zerstört werden sollte. Dabei schreckte er nicht davor zurück eine ganze Klasse unter die Regelungen eines Ausnahmegesetzes zu stellen.
Interessant in diesem Zusammenhang sind die Motive Bismarcks, die ihn dazu getrieben haben die Sozialdemokratie so vehement und konsequent durch seine Doppelstrategie, bestehend aus Repressionen und Verboten einerseits und Sozialgesetzgebung zur Verbesserung der Situation der Arbeiter andererseits, zu bekämpfen.
Repressionen und Verbote sollten eine legale Arbeit der Partei wesentlich behindern und sie politisch zerschlagen und unschädlich machen, wohingegen die Sozialgesetzgebung das Ziel verfolgte, die Arbeiter an den Obrigkeitsstaat zu binden und diesen durch eine verbesserte existenzielle Lage ihr Interesse an der Sozialdemokratie zu entziehen und somit die Möglichkeit der Entstehung einer neuen revolutionären Partei zu verhindern.
Bismarck hat die Sozialdemokraten nie als eine politische Partei anerkannt, der es auch um die tatsächliche Verbesserung der Situation der Arbeiter ging. Für ihn verfolgten die Sozialdemokraten, obwohl er sich mit den sozialistischen Ideen nur wenig auskannte, ausnahmslos negativ-destruktive und gesellschaftsvernichtende Ziele.
Die Ideen, denen er zustrebte, ließen sich seiner Auffassung nach mit den Zielen der Sozialdemokraten nicht vereinen und somit musste er versuchen, diese konsequenteste Opposition mit aller Härte der ihm zur Verfügung stehenden Mittel zu zerschlagen.
Die Haltung Bismarcks zur Sozialdemokratie, in die hier bereits kurz eingeleitet wurde, wird in Kapitel 2 noch ausführlicher und gründlicher behandelt [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bismarcks Haltung zur Sozialdemokratie
3. Der Weg zum Sozialistengesetz
3.1. Hödels Attentat und der erste Gesetzesentwurf
3.2. Nobilings Attentat
3.3. Der Eindruck auf Presse und öffentliche Meinung
3.4. Auflösung des Reichstags und Neuwahlen
3.5. Die Annahme des zweiten Gesetzesentwurfs
4. Folgen für die Sozialdemokratie
5. Ergebnis und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung und die politischen Hintergründe, die zur Verabschiedung des „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ im Jahr 1878 führten. Sie untersucht dabei insbesondere Bismarcks Doppelstrategie aus Repression und Sozialgesetzgebung, die Rolle der Attentate auf den Kaiser sowie die Auswirkungen des Ausnahmegesetzes auf die Arbeiterbewegung im deutschen Kaiserreich.
- Bismarcks politische Motivation und seine Haltung zur Sozialdemokratie.
- Der Einfluss von Attentaten auf die öffentliche Meinung und das parlamentarische Vorgehen.
- Strategien zur parlamentarischen Mehrheitsbeschaffung durch Reichstagsauflösungen.
- Die Auswirkungen der repressiven Gesetzgebung auf die Organisationsstruktur der Sozialdemokratie.
- Das Scheitern der Bismarckscher Politik, die Sozialdemokratie dauerhaft zu zerschlagen.
Auszug aus dem Buch
3.3. Der Eindruck auf Presse und öffentliche Meinung
Der Eindruck, den die Attentate auf die öffentliche Meinung gemacht haben, ist nicht zu unterschätzen und bei der Entstehung des Sozialistengesetzes ein wichtiger Faktor. Denn erst der Meinungsumschwung in der Gesellschaft ermöglichte Bismarck sein taktisches Mittel den Reichstag aufzulösen, sinnvoll einzusetzen. Bereits nach dem ersten Attentat gibt ein Bericht eines Sozialisten über die Situation in Halle Aufschluss über die erhitzten Gemüter: „In der Stadt strömten ungeheure Menschenmassen auf den Straßen auf und ab, und der Marktplatz glich einem wildsummenden, brodelnden Kessel voll erregter Menschen. […] Von allen Kirchen läuteten die Glocken und in förmlicher Verzückung liefen viele mit entblößtem Kopfe herum und schlugen in blinder Wut anderen die Kopfbedeckung herunter. Mit solchen Fanatikern hatten auch einige unserer Genossen einen schweren Exzeß auf der alten Promenade. […] Die Genossen wehrten sich zwar mit allen Kräften, mußten aber der von wahnsinniger Wut erfaßten Menge weichen. Diese Tobsuchtsstimmung hielt mehrere Tage an.“
Der Bericht verdeutlicht wie angespannt die Lage innerhalb der Bevölkerung war. Aufheizend und unterstützend wirkten in dieser frühen Phase nach dem Attentat vor allem die Hetzschriften der Presse. Zwar unterstellte man zunächst der Sozialdemokratie nicht unbedingt eine Verschwörung, machte sie aber für die Tat verantwortlich. So schrieb die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ am 13 Mai 1878: Hödel wäre „mit Leib und Seele“ Sozialdemokrat gewesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert das Sozialistengesetz von 1878 als innenpolitische Zäsur und stellt Bismarcks Doppelstrategie aus Unterdrückung und sozialer Fürsorge dar.
2. Bismarcks Haltung zur Sozialdemokratie: Dieses Kapitel beleuchtet das monarchistische Weltbild Bismarcks und seine tiefsitzende Ablehnung gegenüber den Zielen der sozialistischen Arbeiterbewegung.
3. Der Weg zum Sozialistengesetz: Hier wird der Prozess beschrieben, wie Bismarck die Attentate auf den Kaiser nutzte, um das politische Klima gegen die Sozialdemokratie zu wenden und schließlich parlamentarische Mehrheiten für das Ausnahmegesetz zu gewinnen.
3.1. Hödels Attentat und der erste Gesetzesentwurf: Analyse der unmittelbaren Reaktion Bismarcks auf das erste Attentat durch Hödel und das Scheitern des ersten Gesetzesentwurfs im Reichstag.
3.2. Nobilings Attentat: Darstellung des zweiten Attentats und wie dieses Bismarck eine neue Gelegenheit bot, den Reichstag aufzulösen und neue Mehrheitsverhältnisse anzustreben.
3.3. Der Eindruck auf Presse und öffentliche Meinung: Untersuchung der Stimmung in der Bevölkerung und der Rolle der Presse bei der Diffamierung der Sozialdemokraten nach den Anschlägen.
3.4. Auflösung des Reichstags und Neuwahlen: Das Kapitel erläutert Bismarcks taktisches Manöver der Reichstagsauflösung und die Auswirkungen auf die Stärkeverhältnisse der politischen Parteien.
3.5. Die Annahme des zweiten Gesetzesentwurfs: Schilderung der parlamentarischen Debatte und der schließlich erfolgreichen Verabschiedung des Sozialistengesetzes am 19. Oktober 1878.
4. Folgen für die Sozialdemokratie: Diskussion über die Auswirkungen der Illegalität auf die organisatorische Struktur der Sozialdemokratie und deren Widerstandsfähigkeit.
5. Ergebnis und Ausblick: Zusammenfassung der Schlussfolgerung, dass die repressive Politik trotz anfänglicher Erfolge langfristig nicht dazu führte, die Sozialdemokratie politisch zu zerschlagen.
Schlüsselwörter
Sozialistengesetz, Bismarck, Kaiserreich, Sozialdemokratie, Attentat, Repression, Reichstag, Innenpolitik, Arbeiterbewegung, Sozialgesetzgebung, Konservatismus, Nationalliberale, Illegalität, Klassenkampf, Historische Zäsur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ von 1878 und untersucht, wie Otto von Bismarck dieses Instrument einsetzte, um die aufstrebende Sozialdemokratie zu bekämpfen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Bismarcks politische Strategien, der Umgang des Staates mit der Arbeiterbewegung, der Einfluss von Attentaten auf die politische Gesetzgebung sowie das Spannungsfeld zwischen Repression und Integration.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Motive Bismarcks für den Kampf gegen die Sozialisten und den Verlauf der Ereignisse bis zur Verabschiedung des Sozialistengesetzes detailliert darzustellen sowie die Auswirkungen dieses Gesetzes zu evaluieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende historische Analyse von Quellen, darunter Reichstagsreden, Zeitungsberichte der damaligen Zeit sowie wissenschaftliche Monographien zur Ära Bismarck.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Abfolge von den Attentaten über die Reichstagsauflösungen und Neuwahlen bis hin zur erfolgreichen Annahme des zweiten Gesetzesentwurfs durch ein neu geformtes Parlament.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Sozialistengesetz, Bismarck, Kaiserreich, Repression, Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung.
Welche Rolle spielten die Attentate auf den Kaiser konkret?
Die Attentate durch Hödel und Nobiling dienten Bismarck als willkommene Vorwände, um die öffentliche Meinung zu manipulieren, den Reichstag aufzulösen und ein politisches Klima zu schaffen, in dem liberale Parteien unter Druck gerieten, dem Ausnahmegesetz zuzustimmen.
Warum war Bismarck nach der Verabschiedung des Gesetzes dennoch nicht zufrieden?
Trotz der Verabschiedung des Sozialistengesetzes und der offiziellen Auflösung der Parteiorganisationen stellte Bismarck fest, dass der politische Einfluss der Sozialdemokraten in der Gesellschaft nicht abnahm, sondern die Bewegung sogar zur Massenpartei heranwuchs.
- Citation du texte
- M. A. Alexander Gajewski (Auteur), 2009, Bismarck und sein Sozialistengesetz aus dem Jahr 1878, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292921