„Der Mensch als Maß aller Dinge“. Eine Diskussion Ernst Kapps anthropozentrischer Technikphilosophie


Hausarbeit, 2013
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Ursprung von Ernst Kapps Ansatz

3 Zur Bedeutung des anthropologischen Maßstabes bei Kapp

4 Die menschliche Apparatur als Vorbild für technische Entwicklungen: Die Organprojektion
4.1 Von den ersten Werkzeugen bis zu komplexen Maschinen
4.2 Der Mensch im Staat - der Staat im Menschen

5 Kapps Theorie im Vergleich zu anderen Technikphilosophien

6 Der Mensch immer noch als Maß aller Dinge? Zur Bedeutung Kapps Theorie in der Gegenwart

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Von den ersten rohen Werkzeugen, geeignet die Kraft und Ge­schicklichkeit der Hand im Verbinden und Trennen materieller Stoffe zu steigern, bis zu dem mannigfaltigst ausgebildeten „System der Be­dürfnisse", wie es eine Weltausstellung gedrängt vorführt, sieht und erkennt der Mensch in all diesen Aussendingen (sic), im Unterschiede von den unveränderten Naturobjecten (sic), Gebild der Menschen­hand, Thaten (sic) des Menschengeistes, den sowohl unbewusst fin­denden, wie bewusst erfindenden Menschen - sich Selbst (Kapp 1978: 25).

Ernst Kapps technikphilosophischer Ansatz, der in seinem Werk „Grundlinien einer Philosophie der Technik" von 1877 zur Geltung gebracht wird, beschäftigt sich mit dem Prinzip der Organprojektion. Diese Theorie erläutert den Zusammenhang zwischen technischen Artefakten bzw. kulturellen Errungenschaften und dem menschlichen Or­ganismus.

Kapp nähert sich in seinem Ansatz folglich zwei Bereichen — der Technik und der Kultur —, die eigentlich unterschiedlichen Regeln folgen und für die differente Analyseinstru­mente angewendet werden. Um die Grenzen der unterschiedlichen Gegenstände zu überschreiten, muss er sich einer Methode bedienen, die mehr leistet als bloß die phy­sikalischen bzw. kulturellen Phänomene unabhängig voneinander zu untersuchen und bemüht sich daher, ein anthropologisches und kulturphilosophisches Verständnis der Technik zu entwickeln. Sein Ziel ist es, den Horizont von Techniktheorien über die reine Bedeutung physikalischer Zusammenhänge hinaus, bis in die Bereiche des Menschen und der Kultur hin zu erweitern. Dafür betrachtet Kapp im Zuge seiner Ausführungen die Organprojektionen nicht alleinig aus einer engen techniktheoretischen Perspektive, sondern berücksichtigt auch weitreichende erkenntnistheoretische Aspekte.

Der Ausgangspunkt für den Erkenntnisgewinn stellt bei Kapps Theorie der Mensch dar. Für Kapp hat es daher oberste Priorität aufzuzeigen, dass der Prozess der Organprojek­tion jedoch nicht nur ein Wirkmechanismus ist, der vom Menschen ausgeht, sondern diesen auch rückwirkend heimsucht, um ihn evolutionär voranzutreiben. Als Ergebnis mündet die Organprojektion nicht alleinig in der Produktion kultureller Erzeugnisse, sondern vielmehr in der Selbsterkenntnis des eigenen menschlichen Bewusstseins. Diese von ihm als anthropozentrischer Standpunkt bezeichnete Ausgangsüberlegung, soll im Mittelpunkt der folgenden Betrachtung stehen. Daher wird es zu Beginn der vorliegenden Arbeit zunächst darum gehen, die anthropologische Sichtweise Kapps darzustellen, die als Grundlage seiner Theorieentwicklung dient. Damit einhergehend muss geklärt werden, was Kapp unter Organprojektion versteht und in welchem Maße diese auf den menschlichen Organismus Einfluss nimmt.

Als Begründer der Technikphilosophie (vgl. Rohbeck 2000: 143) steht Ernst Kapp mit seinem Theorem der Organprojektion in keiner Theorietradition, die den Menschen als unvollständiges Mängelwesen betrachtet. Zur Positionsbestimmung der Theorie Kapps im wissenschaftlichen Feld und mit dem Ziel weitere Erkenntnisse über seine spezifi­sche Theorieausrichtung zu gewinnen, wird im Anschluss eine Abgrenzung zu anderen technikphilosophischen Ansätzen vorgenommen.

Vor dem Hintergrund des gewonnenen Wissens, wird zum Abschluss Kapps Philoso­phie der Technik auf neue technologische Entwicklungen bezogen. Unter Einbezug der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen und kulturellen Schöpfungen soll da­bei diskutiert werden, ob die Organprojektion unter Berücksichtigung des anthropo­zentrischen Standpunktes auch heutzutage noch eine Berechtigungsgrundlage besitzt.

2 Zum Ursprung von Ernst Kapps Ansatz

Als studierter Altphilologe mit einer Promotion in Geschichte arbeitete Ernst Kapp als Gymnasiallehrer für die Fächer Geschichte und Erdkunde. Sein Fachwissen ließ er in verschiedene fachdidaktische Werke einfließen, ehe er 1845 mit der Schrift Verglei­chende allgemeine Erdkunde in wissenschaftlicher Darstellung ein umfangreiches Werk über die wissenschaftlichen Geographie und ihrer Wechselbeziehung zur Geschichte vorlegte. In diesem Werk kommt sein Hintergrund als Schüler Carl Ritters zum Aus­druck, der neben Alexander von Humboldt als Begründer der wissenschaftlichen Geo­graphie gilt. In der Geschichtslehre wirkt Georg Wilhelm Friedrich Hegel mit seinen kulturanthropologischen und universalhistorischen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte als sein geistiger Vater (vgl. Rohbeck 2002: 143). In diesem, seinem ersten Hauptwerk, offenbart er die Möglichkeiten und die Bedeutung einer Philoso­phie, deren Objekt die Erde ist und argumentiert für ihre Notwendigkeit.

Während er im ersten Teil der dreiteiligen Arbeit zunächst Aspekte der physischen Ge­ographie erörtert, widmet er sich im zweiten ausgiebig der politischen Geographie sowie im dritten Teil der Kulturgeographie. Seine in den beiden letzten Teilen vertre­tenen Thesen und Annahmen sind für den Fortgang dieser vorliegenden Arbeit von besonderer Bedeutung, da sie als Grundstein bzw. als Ursprung des anthropozentri­schen Ansatzes Ernst Kapps erachtet werden können (vgl. Korte 1992: 140).

Im Unterschied zu Hegel, für den sich der Geist zunehmend aus der Natur herausarbei­tet, stellt Kapp nicht die geschichtliche Zeit in den Vordergrund, sondern betont viel­mehr die kultivierende Gestaltung der natürlichen Lebensräume der Menschen (vgl. Sass 1973: 163ff.) So sei es die Aufgabe der wissenschaftlichen Beschreibung dieser Lebensräume, nachzuweisen, wie die Geographie in der natürlich vorhandenen unverrückbaren Architektonik der Erdräume auch der Geschichte einen festen Halt gibt, indem sie den Menschen als das Innere der Natur verstehen lehrt, indem sie in der Verklärung des Erdbodens durch den Geist des Geistes Selbstbefreiung feiert (Kapp 1868: 5).

Die Natur gestaltet sich für Kapp als ein Bereich,

welcher als menschlicher Lebensraum etwas Vermitteltes und Vermittelndes zugleich ist, somit in dem dialektischen Prozeß (sic) von Aufhebung und Fort­schritt Basis und Steigerungsmoment zugleich ist (Korte 1992: 113).

Dabei vertritt er die Meinung, dass die Natur kein „materielles Für-Sich-Sein" (ebd.: 104) ist. Den Menschen hebt er als das Innere der Natur zu ihrem ordnenden Prinzip hervor: „Die Spitze, in welche als in den einfachen Brennpunkten die Vielheit der Natur zusammengeht, ist der Mensch, in welchem die Natur Geist wird" (Kapp 1978: 27). Nach ihm gelangt die Natur erst durch den Menschen zur Anschauung ihrer selbst. Der Geist hebt nach ihm die Natur in ihrer Äußerlichkeit auf und gibt ihr in dem menschlichen Bewuß- sein [sic] jene Innerlichkeit, die den Menschen gleichzeitig befähigt, die Herr­schaft über die Natur auszuüben (Korte 1992: 106).

Als Hegelianer ist er der erkenntnistheoretischen Maxime des Geistes verpflichtet, weshalb er auch den „Schauplatz des Geistes (Kapp 1868: 261) ins Zentrum seiner poli­tischen Geografie setzt. Aufgrund der Kultivierung des Räumlichen und des Politischen durch den Menschen, wird der Geist 'verschönert' und 'verklärt', er wird allgemein, universell und damit aus den Schranken von Raum und Zeit befreit. Raumnahme bedeutet bei Kapp ein Sich-Einrichten des Menschen in der Natur. Aus der Baustelle Erde muss zunächst ein 'Wohnhaus der Menschheit' (Staat) geformt werden, das später durch pflegli­che Hegung (Kultur) in ein 'Erziehungshaus' verwandelt wird (Marsche 2002).

3 Zur Bedeutung des anthropologischen Maßstabes bei Kapp

Wie dargestellt, finden sich bereits in Kapps erstem Hauptwerk Vergleichende allge­meine Erdkunde in wissenschaftlicher Darstellung (1868) signifikante Hinweise dafür, dass der Mensch von ihm als „Maß aller Dinge" (Kapp 1868: 3) betrachtet wird. Fort­führung findet dieser ideologische Standpunkt - von dem sich gleichsam sein anthro­pologischer Maßstab ableitet - in seinem zweiten Hauptwerk Grundlinien einer Philo­sophie des Technik (1877). Darin fokussiert er die Fragestellung auf den Beitrag des Werkzeugs bzw. die Technik der modernen Welt zur Erhellung dessen, was der Mensch ist und „inwieweit das Werkzeug und die aus diesem entwickelte Maschine das dar­stellt, was das menschliche Sein ausmacht" (Korte 1992: 140).

Das Zentrum von Kapps Technikphilosophie bildet der Mensch, so denn er ihn als Mit­telpunkt der Welt anerkennt (vgl. Kapp 1877: 13). Diese radikale Zentrierung des Men­schen führt dazu, dass Kapps anthropologischer Maßstab anthropozentrisch ausfällt. Nach ihm hat der Mensch die ganze Evolution in sich und muss daher das ordnende Prinzip der Evolution sein. Alleinig der Mensch selbst sei es, von dem jegliche Erkennt­nis und Wissensgenerierung ausgeht:

Der im Denken von sich selbst ausgehende Mensch ist die Voraussetzung des zu sich selbst zurückblickenden Menschen. So ist das Denken gleich dem Atemho­len ein Prozess ununterbrochenen Einnehmens und Ausgebens (ebd.:12).

So sieht Kapp auch jegliche Vorstellungs- und Denkprozesse als anthropozentrisches Verhalten an. Daraus ist zu folgern, dass alles was außerhalb der Vorstellungskraft des Menschen liegt, für ihn auch gar nicht existent und damit nicht von Bedeutung ist (vgl. ebd.: 14). Im Sinne dieses anthropozentrischen Standpunktes ist der Mensch - und hier drückt er sich in seiner Formulierungsweise ähnlich wie in seinem ersten Haupt­werk aus - als „Spitze der gesamten Entwicklungsreihe der organischen Bildungen" (ebd.: 16) zu erachten. Eine Spitze über die Kapp der Auffassung ist, dass ein „Hinaus­gehen für nicht möglich erachtet wird" (ebd.: 17). Kapp steigert seine Charakterisie­rung des menschlichen Individuums sogar noch, indem er den Menschen zudem als „Krone der Schöpfung" (ebd.: 16) bezeichnet. Der Mensch an der Spitze des evolutio­nären Prozesses sei sich darüber bewusst, dass auch er ein Tier ist und dieses Wissen lasse ihn zugleich nicht mehr Tier sein (vgl. ebd.: 20). Das Bewusstsein über das Selbst unterscheide somit den Menschen als „Idealtier" (ebd.: 17) von den Tieren.

Durch die Fähigkeit zur Reflexion über sein eigenes Dasein werde es dem Menschen überhaupt erst möglich, Wissen über die Welt zu generieren. Die Welt des Menschen muss nach Kapp allerdings unterschieden werden. Nicht nur beschreibt der Terminus ,Welt' eine Außenwelt, sondern umfasst ebenfalls sein eigenes Dasein, also einer Welt in ihm. Die Erkenntnis über das Selbst im Einklang mit der Außenwelt ist daher der ent­scheidende Faktor zur Ableitung von Wissen und Erkenntnis. Dadurch, dass der Mensch, im Gegensatz zum Tier, in der Lage ist, sein Bewusstsein in eine Beziehung mit der Außenwelt zu setzen entwickelt er sein Selbstbewusstsein:

Das Selbstbewusstsein erweist sich demnach als Resultat eines Processes (sic), in welchem das Wissen von einem Aeusseren (sic) zu einem Wissen von einem Innern umschlägt (Kapp 1877: 23).

Doch damit vollzieht sich keineswegs ein Ende der Wissensgenerierung, denn vielmehr wird dieses Wissen fortführend dazu verwendet, sich erneut in das Äußere einzubrin­gen, um infolgedessen postwendend neue Rückschlüsse auf das Innere zuzulassen. Für Kapp leitet dieser sich wechselseitig bedingende und rückwirkende Prozess über die Welt und der Selbstorientierung, das allumfassende Wissen, die Wissenschaft, ein (vgl. ebd.).

Um diese Prozessbeschreibung allerdings vollends verstehen zu können, muss geklärt werden, was Kapp unter der Außenwelt eigentlich begreift. Für ihn stellt die Außen­welt kein einfaches Synonym des Begriffes ,Natur' dar, sondern umfasst weitaus mehr. So betrachtet er die Natur in erster Linie als Material-Lieferant für die Außenwelt, um von diesem Standpunkt ausgehend, einen Unterschied zwischen den von der Natur hervorgebrachten Naturobjekten und einen von Menschenhand geschaffenen Kunst­produkten anzustellen: „Was außerhalb des Menschen ist, besteht demnach aus Na­tur- und Menschenwerk" (ebd.: 24).

Auch Kapps anthropologische Sichtweise und seine Definition des Selbst nehmen Ab­stand zu älteren Definitionsversuchen. Nicht länger ist das Selbst lediglich „Inbegriff eines nur geistigen Verhaltens" (ebd.: 2), sondern umfasst ebenfalls die genaue Kennt­nis über den leiblichen Organismus, dem ihm angehafteten Extremitäten und deren Funktionen.

Die körperliche Bewusstmachung bzw. das Wissen über die eigene Physiologie, ist da­her auch für Kapp die entscheidende Quelle für die Ausgestaltung des Selbst und der Generierung menschlichen Wissens und Könnens. Denn „erst mit der Gewissheit der leiblichen Existenz tritt das Selbst wahrhaft ins Bewusstsein. Es ist, weil es denkt, und es denkt, weil es ist" (ebd.: 2). Durch die mechanische Unterstützung seiner Organe werde die dem Menschen gegebene Sinneswahrnehmung noch gesteigert.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
„Der Mensch als Maß aller Dinge“. Eine Diskussion Ernst Kapps anthropozentrischer Technikphilosophie
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V292933
ISBN (eBook)
9783656901488
ISBN (Buch)
9783656901495
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernst Kapp, Anthropozentrischer Standpunkt, Technikphilosophie, Organprojektion
Arbeit zitieren
Julian Gilbert (Autor), 2013, „Der Mensch als Maß aller Dinge“. Eine Diskussion Ernst Kapps anthropozentrischer Technikphilosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292933

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