Besiedlung und Stadtentwicklung im mittelalterlichen Schlesien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

23 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der schwierige Begriff der Nation

3. Räumlich-geographische Darstellung

4. Vorgeschichte

5. Die Gründungs- und Besiedlungsphase
5.1. Entwicklung Schlesiens als Siedlungsraum in der ersten Hälfte des 13. Jh.
5.2. Die Entwicklung des schles. Siedlungsgebietes nach 1241
5.3. Die schlesische Weichbildverfassung

6. Städtische Siedlung in Schlesien
6.1. Stadtstruktur
6.2 Funktion und Entwicklung der schlesischen Städte allgemein
6.3 Geschichte und Entwicklung schlesischer Städte speziell
6.3.1. Breslau
6.3.2. Liegnitz
6.3.3. Oppeln
6.3.4. Kreuzburg

7. Fazit

8. Literatur und Endnoten

1. Einleitung

Schlesien. Das ist ein Name, der in der heutigen Zeit in den Medien oder den Alltagsgesprächen der Menschen kaum noch Erwähnung findet. Auch ich selbst habe mich bisher kaum mit dem Thema Schlesien auseinandergesetzt.

Die Gründe für das offensichtliche allgemeine Desinteresse, sieht man einmal von

den Heimat- und Vertriebenenverbänden ab, liegen offen vor uns.

Ein deutsches Schlesien ist nicht mehr existent. Der größte Teil Schlesiens befindet sich heute auf dem Staatsgebiet der Republik Polen und liegt somit außerhalb des unmittelbaren Wahrnehmungshorizontes der meisten Bundesbürger, die in der heutigen Zeit eher auf sich selbst bzw. auf die westliche Staatengemeinde hin orientiert sind.

Dabei hat Schlesien eine bedeutende deutsche Geschichte, die in Vergessenheit zu fallen drohte. Erfreulicherweise erinnern sich aber immer mehr Menschen, so etwa eine neue, junge Generation polnischer Historiker, wieder an diese Vergangenheit:

„Es sind bereits über 50 Jahre seit dem Kriegsende vergangen und mehr als eine hier geborene Generation herangewachsen. Die jungen Polen in Schlesien halten diesen Boden für den ihren und wollen seine Vergangenheit besser erforschen. Sie haben zumeist keine aus den tragischen Kriegserlebgnissen stammenden Vorurteile, sie möchten sowohl die polnische als auch die deutsche Vergangenheit Schlesiens kennenlernen.

Das ist mit der normalen Neugier kaum Bekanntem gegenüber, mit den polnisch-deutschen Kontakten, mit der Ablehnung der früheren kommunistischen Propaganda und auch mit dem Interesse für die deutsche Kultur und Zivilisation zu erklären. Selbst die Historiker der älteren Generation müssen diese Tatsache berücksichtigen, denn das Schreiben in der alten Weise gibt sie zunehmend der Lächerlichkeit preis."[1]

Meine Hoffnung wäre, daß auch in Deutschland das wissenschaftliche Interesse an der Geschichte Schlesiens, vor allem bei der jungen Generation von Historikern wieder erwacht.

Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit soll im Bereich der Stadtgeschichte Schlesiens stehen. Vor allem möchte ich dabei folgender Frage nachgehen: Ist eine besondere Charakteristik in der stadtgeschichtlichen Entwicklung der schlesischen Städte erkennbar? Desweiteren möchte ich im Hinblick auf die bis heute oft bemühte These von der sog. „Rückständigkeit“ Osteuropas überprüfen, ob es am Beispiel der schlesischen Stadtgeschichte bereits im Mittelalter zu grundlegend anderer, vielleicht schwächerer oder langsamerer Entwicklung kam, als etwa in den westlichen Siedlungsgebieten.

2. Der schwierige Begriff der Nation

Bevor ich mit der eigentlichen Untersuchung beginne, möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf den schwierigen Begriff der Nation einzugehen. Denn in einer historischen Arbeit, gerade zur Geschichte Schlesiens, lassen sich bestimmte Benennungen nicht vermeiden, die im Laufe der Geschichte mit unterschiedlichem Verständnis belegt sind.

Wenn ich von einer deutschen Geschichte Schlesiens spreche, so darf man dies nicht mißverstehen. Im Kern werde ich mich in meiner Arbeit mit der Zeit des 13. bis 15. Jahrhunderts befassen. Von Begriffen, wie etwa „die polnische Nation“, „die deutsche Nation“, „Polen“ oder „Deutsche“ im heutigen Sinne kann in dieser Zeit natürlich nicht die Rede sein.

M. E. ist der sich erst in späteren Jahrhunderten entwickelnde Nationalbegriff etwas, das leider auch mit dem Eindruck einer Gegensätzlichkeit, eines grundlegenden Andersseins behaftet ist, was ja insbesondere im 20. Jh. stark instrumentalisiert und mißbraucht wurde.

Wenn ich also im folgenden die Begriffe „polnisch“, „deutsch“ o.ä. benutze, so sollte man dem nicht den modernen Nationalgedanken zugrunde legen, sondern sich vergegenwärtigen, daß ich mich dabei in erster Linie auf die geographische Herkunft der Menschen beziehe.

3. Räumlich-geograph. Darstellung

Bevor ich im nächsten Kapitel zu meiner Untersuchung der Geschichte Schlesiens komme, möchte ich noch klären, von was für einem Gebiet ich spreche, wenn von Schlesien die Rede ist. Schlesien ist dabei ein geographischer, kein politischer Begriff. Es ist das Land im Stromgebiet der oberen und mittleren Oder mit ihren Nebenflüssen. Im Süden wird dieser Raum von den Gebirgszügen der Beskiden und Sudeten begrenzt. Eine ähnlich natürliche Grenze fehlt im Norden, so daß es dort im Laufe der Geschichte immer wieder zu Grenzveränderungen kommt. Man kann sagen, daß die Oder in etwa die Mittelachse Schlesiens bildet.

4. Vorgeschichte

Der Name Schlesien geht vermutlich auf das in der Mitte der Oderebene lebende slawische Volk der Slensanen zurück. Die Herkunft dieses Namens wiederum ist nicht ganz geklärt. So werden slawische wie germanische Wurzeln vermutet[2]. Doch dies soll hier nicht weiter diskutiert werden.

Vielmehr möchte ich kurz auf die polit.-ökonom. Situation der Region in den Jahrzehnten vor der starken Besiedlung im 13. und 14. Jahrhundert eingehen.

Im 12. Jh. lag die politische Macht auf dem Gebiet Schlesiens in den Händen der Herzöge vom Geschlecht der Piasten, die aus Großpolen stammten, sowie der Přemysliden, deren Herkunft in Böhmen und Mähren liegt.

Diese beiden slawischen Herzogsfamilien waren miteinander verfeindet, so daß es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam, in deren Folge sich die Piasten im Gebiet beiderseits der Oder durchsetzen konnten, nicht zuletzt durch kaiserliche Vermittlung (Kaiser Lothar 1136(37).

Peter Moraw schreibt, daß die „Hauptfeinde der Polen und Böhmen die jeweils andere Slawenherrschaft, bei weitem nicht die Deutschen gewesen sind“[3].

Doch vorerst war auch die innenpolitische Lage in Schlesien nicht sehr stabil. Der erste Piastenherzog von Schlesien, Wladislaus II. (1138-1159), mußte bereits nach wenigen Regierungsjahren ins deutsche Exil fliehen, wo er auch starb. Er gilt als der Stammvater der schlesischen Piasten, von denen im Verlauf der Arbeit noch oft die Rede sein wird.

Auf Druck Kaiser Friedrich Barbarossas kehrten die Söhne Wladislaus II. 1163 aus dem heute thüringischen Altenburg nach Schlesien zurück[4]. Dabei kann man davon ausgehen, daß diese eine Reihe wertvoller Erfahrungen bezüglich der Besiedlung Mitteldeutschlands mit nach Schlesien brachten. Die beiden Söhne, die nach Schlesien zurückkehrten waren Boleslaus I. der Lange (1163-1201) und Miesto der Lahme (1163-1211). Sie teilten sich das Gebiet, wobei Boleslaus den größten und wirtschaftlich wichtigsten Teil zugesprochen bekam.

5. Die Gründungs- und Besiedlungsphase

5.1. Entwicklung Schlesiens als Siedlungsraum in der ersten Hälfte des 13. Jh.

Am Ende des 12. Jh. war Schlesien weitgehend dünn besiedelt. Insbesondere die vielen dichten Waldgebiete waren beinahe menschenleer. Organisiert war Schlesien in einem System von Kastellaneibezirken. Diese Bezirke orientierten sich an Landesburgen als Zentralpunkten. Im Schutz dieser Burgen entstanden einige kleinere, v.a. lokale Märkte, sog. Grodstädte (slaw.: grod, gorod = Burg).

Bereits Boleslaus, verstärkt aber dessen Sohn Heinrich I., versuchten die wirtschaftliche Situation zu ändern, indem gezielt Siedler aus dem Westen angeworben werden sollten. Boleslaus hatte ja bereits im mitteldeutschen Exil Bekanntschaft mit der dynamischen und voranstrebenden Entwicklung durch Besiedlung gemacht.

Jetzt hoffte man offenbar, sich diese Dynamik auch in Schlesien zunutze machen zu können. Wirtschaftliche Stärke, mit der auch politische Stärke einhergeht, läßt sich im Mittelalter nur mit einer Vielzahl von Menschen erreichen, die das Land roden, es bewirtschaften, Städte gründen sowie Handel und Handwerk betreiben.

Von einer „deutschen Ostkolonisation“ kann in keinem Fall die Rede sein. Die Piasten selbst sind es in erster Linie, die die Siedler ins Land holen, um es erblühen zu lassen. Keine der deutschrechtlichen Städte des 13. Jh. wurde aus sich heraus gegründet, sondern alle vom Landesherrn und anderen Herrschaftsträgern.

Daß sich dann im Land eine Kultur der Neuankömmlinge und deren Nachfahren etabliert, die eine andere als die slawische ist, läßt sich allein aus der Menge der Siedler und deren Nachfahren ableiten. So soll sich um 1300 die Einwohnerzahl gegenüber 1100 um das Zehnfache vergrößert haben[5]. Andere Autoren sprechen von mindestens dem Fünffachen[6]. Diese Entwicklung wird allerdings nicht mit einer starken Auswanderungsbewegung aus dem Wesetn erklärt, denn für einen starken Abwanderungsdruck fehlen einfach die historischen Belege. Vielmehr kann man eher von einer Sogwirkung des Ostens ausgehen, der eine gewisse, wenn auch nicht übermächtig große Anzahl von Menschen gefolgt sind. Das Bevölkerungswachstum wird in erster Linie auf die natürliche Vermehrungsrate dieser Siedler zurückgeführt[7].

[...]


[1] „Wachsendes polnisches Interesse an der Geschichte der Städte Schlesiens", Beitrag von Professor

Marek Czaplinski, Universität Breslau, im „Jahrbuch der Breslauer FriedrichWilhelms-Universität zu Breslau", Doppelband des Jahrganges 1999/2000

[2] Moraw, P.: Das Mittelalter (bis 1469). In: Conrads, N. (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Schlesien. Berlin 1994. S. 56f.

sowie Schlesisches Städtebuch, S. XXXIII

[3] Moraw S. 61

[4] ebd.

[5] Moraw S. 94

[6] Menzel, J-J.: Stadt und Land in der schlesischen Weichbildverfassung. In: Stoob, H. (Hrsg.): Die mittelalterliche Städtebildung in Südosteuropa. S. 22

[7] Moraw S. 95f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Besiedlung und Stadtentwicklung im mittelalterlichen Schlesien
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die Stadt in Ostmitteleuropa
Note
2.3
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V29296
ISBN (eBook)
9783638308502
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Besiedlung, Stadtentwicklung, Schlesien, Stadt, Ostmitteleuropa
Arbeit zitieren
Sven Ebel (Autor), 2002, Besiedlung und Stadtentwicklung im mittelalterlichen Schlesien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29296

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