Der Expressionismus existiert „,als Sammelbezeichnung für eine spezifische Strömung“, da es keine präzisen Merkmale und keine all-werk-umfassende Definition gibt. 1910 bis 1920 prägen über 300 Autoren diese Bewegung und sorgen für eine Variabilität an Werken und Merkmalen, die eine einheitliches Programm nicht zu lassen. Es lässt sich lediglich durch die Unterscheidung von den Vor- und Nachprägern eine Richtlinie erahnen.
Um die Jahrhundertwende von 1900 kreisen neben dem Expressionismus mehrere Strömungen: Impressionismus, Symbolismus, Jugendstil, Neuromantik, Neuklassik, Naturalismus, Realismus und décadence. Diese Tendenzen wirken gleichzeitig oder folgen zumindest unmittelbar aufeinander.
Das Deutschland des späten 19. Jahrhunderts vollzieht einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung und erlebt die Wende von einer manuell geprägten Agrargesellschaft zu einer modernen Industrienation. Die aufkommende Wichtigkeit der Großstädte und der Industrie bedeutet die Entindividualisierung und das Gefühl von Nutzlosigkeit für die Menschen. Der radikale Zerfall von gewohnten Lebensrhythmen durch die Mechanisierung bedeutet eine Entwurzelung für den Menschen. Des Weiteren wird die Religion durch die Industrie von ihrer gesellschaftlichen Machtposition entthront, was einen weiteren Bruch in der menschlichen Ordnung bedeutet. Mit der Infragestellung Gottes als Zentrum und Bindeglied für die Menschheit wird auch die Entität allen Seins in Frage gestellt. Diese Stimmung von Ich-Zerfall und Unruhe durch Ordnungsbruch wird durch historische Begebenheiten gestützt und verstärkt. Die Ereignisse des Ersten Weltkriegs erschüttern 1914 - 1918 die europäischen Länder und die anfängliche Kriegseuphorie erstickt in der Erkenntnis der Grausamkeit über die Kriegsführung und die unzähligen Opfer. Diese erlebte Erbarmungslosigkeit weckt bei den Menschen den Glauben an eine Apokalypse, welcher durch die Erinnerung an die Naturkatastrophe des Halley’schen Kometen 1910 gestärkt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Expressionisms
Alfred Lichtenstein
Kuno-Kohn-Zyklus
2. Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn
3. Gedichtanalyse
Formale Analyse
Inhaltliche Analyse
4. Konklusion
Gottesfrage
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Hausarbeit untersucht die Theodizeefrage im Kontext des literarischen Expressionismus anhand des Zyklus „Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn“ von Alfred Lichtenstein. Dabei wird analysiert, wie das lyrische Ich die Abwesenheit Gottes und die Entfremdung des Individuums in einer industriell geprägten Gesellschaft durch die Suche nach der als heilig wahrgenommenen Maria verarbeitet.
- Expressionismus als Epoche und literarische Strömung
- Biografischer Hintergrund und Bedeutung von Alfred Lichtenstein
- Strukturelle und inhaltliche Analyse der Marienlieder
- Die Figur des Kuno Kohn als Ausdruck innerer Zerrissenheit
- Die Theodizeefrage: Gottesferne und Verlust von Sinnstiftung
Auszug aus dem Buch
Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn
Erstes Lied:
So viele Jahre sucht ich dich, Maria – In Gärten, Stuben, Städten und Gebirgen, In Buden, Dirnen, in Theaterschulen, In Krankenbetten und in Irrenzimmern, In Küchenmädchen, Schreien, Frühlingsfeiern,
In allen Wettern und in allen Tagen, In Kaffeehäusern, Müttern, Tänzerinnen – Ich fand dich nicht in Kneipen, Kinobildern, Musiklokalen, Sommerdampferfahrten ... Wer sagt die Qual, wenn ich in Nacht und Straßen Nach dir zum toten Himmel schrie –
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet den Expressionismus historisch sowie literarisch und stellt den Autor Alfred Lichtenstein sowie die Entstehung der Kuno-Kohn-Figur vor.
2. Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn: Hier wird der primäre Quelltext der Untersuchung, bestehend aus den fünf Gedichtteilen, im Originalwortlaut präsentiert.
3. Gedichtanalyse: Dieser Abschnitt unterteilt sich in eine formale metrische Untersuchung sowie eine inhaltliche Interpretation der rhetorischen Stilmittel und religiösen Motive.
4. Konklusion: Das Schlusskapitel synthetisiert die Ergebnisse und beantwortet die Gottesfrage im Kontext der existentiellen Not der literarischen Figur.
5. Literaturverzeichnis: Hier werden sämtliche verwendeten Primär- und Sekundärquellen sowie Internetquellen gelistet.
Schlüsselwörter
Expressionismus, Alfred Lichtenstein, Kuno Kohn, Marienlieder, Theodizeefrage, Lyrik, Gott, Industrialisierung, Entfremdung, Existentialismus, Gottesferne, Moderne, Judentum, Ich-Zerfall, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Darstellung von Gottverlassenheit und menschlicher Not im Expressionismus, exemplarisch aufgezeigt an den Marienliedern des Autors Alfred Lichtenstein.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die religiöse Identitätskrise zur Jahrhundertwende, die gesellschaftliche Rolle des Individuums in der Moderne und die literarische Verarbeitung von Ausgrenzung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die „Gottesfrage“ und das Fehlen einer ordnungsstiftenden Instanz im Kuno-Kohn-Zyklus durch eine detaillierte Textanalyse zu ergründen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine werkimmanente Interpretation, kombiniert mit einer formalen Gedichtanalyse (Metrik, Rhetorik) sowie einem biografischen und historischen Kontextbezug.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die formale Untersuchung der Versstruktur sowie die inhaltliche Exegese der einzelnen Marienlieder unter Berücksichtigung von Symbolik und Wortwahl.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Expressionismus, Theodizee, Kuno Kohn, Identitätsverlust und religiöse Symbolik definiert.
Inwieweit spiegelt Kuno Kohn den Autor Alfred Lichtenstein wider?
Die Analyse legt dar, dass Kuno Kohn als eine groteske Projektion des Dichters selbst gesehen werden kann, insbesondere in Bezug auf die jüdische Identität und die Erfahrung von Ausgrenzung.
Warum spielt die industrielle Moderne eine so große Rolle in der Analyse?
Die Industrialisierung wird als gesellschaftlicher Katalysator beschrieben, der traditionelle religiöse Bindungen entthront und somit das Gefühl der Entwurzelung und des „Ich-Zerfalls“ beim lyrischen Ich verstärkt.
- Quote paper
- Vicky Boever (Author), 2015, Die Theodizeefrage im Expressionismus erläutert anhand von Alfred Liechtensteins "Die fünf Marienlieder des Kuno Kohn", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292970