David kommt an Sauls Hof. Biblische Exegese Altes Testament (1. Sam 16, 14-23)


Hausarbeit, 2014
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Textkritik zu 1. Sam 16, 14-23
1.1 Textkritik zu 1. Sam 16, 19-20

2. Literarkritik
2.1 Kontextanalyse
2.1.1 Abgrenzung
2.1.2 Kontext
2.2 Aufbauanalyse
2.2.1 Gliederung / Textebene
2.2.2 Wortebene/Terminologie
2.2.3 Satzanalyse/Syntax
2.3 Integritätsanalyse
2.3.1 Doppel- oder Mehrfachüberlieferung
2.4 Ergebnisse

3. Redaktionsgeschichte

4. Überlieferungsgeschichte

5. Formgeschichte

6. Historischer Ort

7. Traditionsgeschichte

8. Interpretation
8.1 Einzelinterpretation
8.2 Gesamtinterpretation

9. Literaturverzeichnis

1. Textkritik zu 1. Sam 16, 14-23

Die Textkritik entsteht ohne Hebräischkenntnisse. Da dies eigentlich nicht möglich ist, verwende ich die Bibelübersetzung der Elberfelder Bibel[1] und wissenschaftliche Kommentare von Fritz[2], Hentschel[3] und Bar-Efrat[4].

1.1 Textkritik zu 1. Sam 16, 19-20

Elberfelder: „19 Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende deinen Sohn David zu mir, der bei den Schafen ist! 20 Da nahm Isai einen Esel und belud ihn mit Brot(93so nach LXX und der alten lat. Üs; Mas. T: einen Esel Brotes; d.h. mit so viel Brot beladen, wie ein Esel tragen kann) und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböckchen und sandte es Saul durch seinen Sohn David.“

Wissenschaftliche Kommentare fassen die Diskussion wie folgt zusammen: Hentschel[5] übersetzt folgendermaßen: „19Da schickte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Schick mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist. 20 Isai nahm einen Esel, dazu Brot, einen Schlauch Wein und ein Ziegenböckchen und schickte seinen Sohn David damit zu Saul.“

Die Übersetzung nach Fritz lautet[6]: „19 Da sandte Saul Boten zu Isai und sagte: <<Schick David, deinen Sohn, zu mir [, welcher beim Kleinvieh ist].>> 20 Und Isai nahm einen Esel, Brot, einen Schlauch Wein und ein Ziegenböckchen und sandte dies durch seinen Sohn David an Saul.“

Als Grundlage für die Textkritik dient die Übersetzung der Elberfelder Bibel[7]. Die Anmerkung in V.20 in der ELB bedeutet, dass hier die griechische Übersetzung der Septuaginta bzw. die altlateinische Übersetzung verwendet wurde: „Da nahm Isai einen Esel und belud ihn mit Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböckchen und sandte es Saul durch seinen Sohn David. Im Masoretischen Text steht an dieser Stelle: „Da nahm Isai einen Esel Brotes.“ Inhaltlich steht in beiden Übersetzungen das gleiche. Isai belädt den Esel mit Brot und weiterem Proviant und schickt David damit zu Saul.

Die äußerere Textkritik: Der masoretische Text ist die zuverlässigere und gewichtigere Übersetzung und ist dem Urtext am nächsten. Deshalb ist dieser Textzeuge der Septuaginta und der altlateinischen Übersetzung vorzuziehen.

Bei der inneren Textkritik haben sich zwei Regeln ausgebildet: Lectio difficilior lectio probailior: Die schwierigere Lesart von zweien ist die wahrscheinlichere. Die zweite Regel lautet: Lectio brevior lectio potior: Die kürzere Lesart ist vorzuziehen. Die Lesart des MT ist kürzer und schwieriger zu lesen. Somit kann zusammenfassend gesagt werden, dass, auch, wenn die Übersetzungen sich an der Lesart der LXX und der altlateinischen Übersetzung orientieren, die Lesart des MT die ursprüngliche Lesart ist.

2. Literarkritik

2.1 Kontextanalyse

2.1.1 Abgrenzung

Der vorherige Abschnitt endet mit dem Bericht über die Salbung Davids durch Samuel. Der Vers 1. Sam13 b lautet: „Und der Geist des HERRN geriet über David von diesem Tag an und darüber hinaus. Samuel aber machte sich auf und ging nach Rama.“[8] Der Ortswechsel beschreibt hier eine deutliche Schlussformel. Auch das Ende des Abschnitts ist eindeutig. David kann Saul durch sein Spiel auf der Zither Erleichterung bringen, so dass der böse Geist von ihm weicht. Der Erzähler stellt einen harmonischen Ausgangspunkt des Geschehens her.[9] Kapitel 17 beginnt dann mit einem Personen- und Ortswechsel in V.1. Die Textstelle 1. Sam 1614-23 ist somit nach vorne und nach hinten eindeutig abgegrenzt.

2.1.2 Kontext

Der Leser weiß bereits, dass Sauls Untergang und Davids Aufstieg, und damit die Entzweiung der beiden, feststeht.[10] Dieser Abschnitt erzählt also von der ersten Begegnung zwischen dem amtierenden und dem zukünftigen König Israels. Saul selbst lädt seinen Nachfolger und den Konkurrenten seines Sohnes in sein Haus ein. Darüber hinaus ist David hier noch passiv am Geschehen beteiligt.[11] Die Themen der meisten Erzählungen bis zum Ende des 1. Samuelbuches werden die Entwicklung der Beziehung zwischen David und Saul sein.[12] Die Sicht ist einseitig: Saul wird als der alte, gefährliche und scheiternde König dargestellt. Demgegenüber steht David, der als der junge, strahlende Held, der mit Jahwes Hilfe Erfolg über Erfolg verzeichnet, emporkommt.[13] Den Zusammenhang der Sagenstoffe nennt die Forschung „Geschichte von Davids Aufstieg“.[14] Zudem werden Eigenschaften Davids aufgeführt, die ihn später als König legitimieren sollen.[15] Der Anfangspunkt der Aufstiegsgeschichte ist mit der Ankunft Davids an Sauls Hof markiert. Der ursprüngliche Schluss folgt, als David keinen Erfolg mehr bei der Vertreibung des Geistes hat und vor dem gereizten Saul fliehen muss (Vgl. 1. Sam 18, 10f. und 1. Sam 19, 9f.).[16] So beantwortet die Sage die Frage, weshalb David aus der Umgebung Sauls verschwinden musste.[17]

2.2 Aufbauanalyse

2.2.1 Gliederung / Textebene

In der Perikope „David bei Saul“ befinden wir uns nun in Sauls Palast und in einem neuen Handlungszusammenhang. In V. 14 wird die Krankheit Sauls beschrieben, in V. 15 stellen die Knechte eine Diagnose. Die Knechte bitten Saul, ihm helfen zu dürfen, was Saul in V. 17 erlaubt. Es beginnt die Suche nach einem Zitherspieler. Ab V. 18 steigt der Spannungsbogen stärker. David wird vorgestellt und seine Charaktereigenschaften beschrieben. In V. 19 und 20 geht es inhaltlich um die Entsendung Davids zum Hof. Die Spannung ist in V. 20 am höchsten und löst sich, als Saul David lieb gewinnt (V.21). David bekommt eine Festanstellung am Hof und in V.23 schließt die Perikope mit einem harmonischen Ende. Saul findet Erleichterung durch Davids Zitherspiel.

Spannungskurve 1. Sam 1614-23

2.2.2 Wortebene/Terminologie

Die Perikope „David bei Saul“ ist ein nüchtern geschriebener Text ohne viele Ausschmückungen. Hauptsächlich bestimmen Nomen und Verben das Textbild. Der Anfang ist eher negativ konnotiert. Der Erzähler spricht drei Mal von einem bösen Geist von Gott, der Saul ängstigt. Adjektive findet man nur in der Beschreibung Davids. Ab V. 18 wird er als tapferer, tüchtiger, redegewandter, schöner und gottesfürchtiger Mann dargestellt. Das Positive im Text hat immer einen klaren Bezug zur Person David. Zuerst die königliche Beschreibung durch den Knecht ab V.18. Saul gewinnt dann in V. 21 David „lieb“ und findet nur durch Davids Zitherspiel eine Besserung gegen den bösen Geist. Ein zusätzliches Wortfeld um Sauls Palast, mit Wörtern wie Knecht, Waffenträger, befehlen und dienen, bestimmen das restliche Textbild weitestgehend.

2.2.3 Satzanalyse/Syntax

Der Text wird im Präteritum erzählt. Die wörtliche Rede in V.16: „Und es wird geschehen, wenn [...]“ steht in Futur, die wörtliche Rede in V.18: „Siehe, ich habe einen Sohn des Bethelehemiters Isai gesehen, [...]“ ist im Perfekt geschrieben. Anzumerken ist, dass es in beiden Stellen inhaltlich um David geht.

In den Versen, in denen wörtliche Rede zu finden ist, steigt auch die Spannungskurve an (V.17-V.20).

Da in der Perikope hauptsächlich Haupt- und Nebensätze zu finden sind, stechen in V.16 die Relativ- und Temporalsätze heraus. Hier werden die Anforderungen an die Person geschildert, der es möglich ist, Sauls Leiden zu mildern, sobald wieder der böse Geist Gottes auf ihn kommt.

2.3 Integritätsanalyse

2.3.1 Doppel- oder Mehrfachüberlieferung

Die heutige Forschung geht davon aus, dass die Samuelbücher aus einzeln überlieferten Sagen und Anekdoten bestehen. Der Verfasser hat das Erzählgut gesammelt und in einen Zusammenhang gebracht.[18]

Bar-Efrat und Stolz sind sich einig, dass der Verfasser älteres Material nutzte und das Buch in ein „eigenes umfangreiches historiographisches Werk (Deuteronomium bis Könige) eingereiht hat[19].[20] Dabei geht die Forschung davon aus, dass es zunächst mit einer Geschichte von Davids Aufstieg begann.[21]

Über das Eintreffen Davids am Hof Sauls wird zweimal berichtet. In der Perikope 1. Sam 1614-23 und am Anfang in 1.Sam 17. Beim zweiten Mal kennt Saul David nicht. So gibt es im Samuelbuch viele Dubletten und Widersprüche, die die Fülle des schriftlichen und mündlichen Materials belegen[22].

2.4 Ergebnisse

1. Sam 1614-23 kann als Einfache Einheit klassifiziert werden. Innerhalb der Erzählung gibt es keine Spannungen, Dubletten oder Widersprüche. Erst im Kontext des Buches sind diese zu erkennen. Inhaltlich ist der Text ebenso stimmig. Die Perikope wurde wahrscheinlich als einzelne Geschichte überliefert und dann in den Gesamtzusammenhang eingebettet.

3. Redaktionsgeschichte

Die Forschung ist sich einig, dass einige Redaktions- und Bearbeitungsschritte im Buch erkennbar sind. Die auffälligste Bearbeitung ist die deuteronomistische.[23] Die Samuelbücher gehören, neben den Büchern Josua, Richter, Ruth und 1. Und 2. Könige, zum DtrG[24]. Es besteht aus vielen Einzelerzählungen, die in mehreren redaktionellen Schritten zusammengefügt wurden. Die Bücher Sam – Kön werden auch als kleines deuteronomistisches Geschichtswerk bezeichnet. Neben den deuteronomistischen Bearbeitungen sind einige Erzählungen hinzugewachsen. Darunter sind sowohl die Salbung Davids durch Samuel (1. Sam 161-13), als auch die David-Goliat-Geschichte (1. Sam 17), welche die Perikope David bei Saul einschließen.[25]

Bar-Efrat formuliert drei Hauptthesen für die Überlieferung des Stoffes und die Entstehung der Samuelbücher:[26]

(1) Ähnlich wie in den Büchern der Tora können auch im Samuelbuch zwei oder drei parallele Erzählfäden unterschieden werden, die sich durch das ganze Buch hindurch ziehen. Diese Annahme galt vor allem unter den Forschern im 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jh.

(2) Das Buch ist aus einzelnen, kürzeren oder längeren, Erzählungen zusammengesetzt.

(3) Das Buch ist eine Abfolge von Sammlungen, deren Erzählungen untereinander nicht parallel sind, sondern eine nach der anderen spielen. Jede dieser Sammlungen ist einem anderen Thema gewidmet. Diese Hypothese, die von Rost aufgestellt wurde, wird heute von vielen Forschern angenommen. Zu den wichtigsten Sammlungen, die unterschieden werden, gehören die Ladeerzählungen (1Sam 4-6; 2 Sam 6), der Zyklus der Saulgeschichten (1Sam 9,1-10,16; 11; 13-15), die Aufstiegsgeschichte Davids (1Sam 16- 2Sam 5) und die Thronfolgegeschichte (2Sam 9-20; 1Kön 1-2).

Die Geschichte vom Aufstieg Davids stellt eine Reihe von Erzählungen dar, wie David an den Hof Sauls kommt, dann von ihm verfolgt wird und schließlich König über Juda und Israel wird.[27]

Zuerst steht in 1. Sam 1614-23, dass David wegen seiner musikalischen Fähigkeiten an den Hof gelangt. Andererseits wird Saul erst nach Davids Sieg über Goliat in 1. Sam 171-58 auf ihn aufmerksam. Hentschel fügt noch ein weiteres Beispiel an: David wurde zunächst die ältere Tochter Merab zur Frau geboten (1. Sam 1817-19) und erhielt später doch die jüngere Michal zur Frau (1. Sam 1819-27).[28] Er schließt daraus, dass der Redaktion mehrere Traditionen zur Verfügung standen. Doch habe es der Verfasser verstanden, „[...] daraus einen geschlossenen Erzählungskomplex zu schaffen. Er nutzte geschickt die Chance, zwischen zwei parallelen Erzählungen andere einzufügen[...]“.

Das positive David-Bild ermöglicht die Verknüpfung von Aufstiegs- und Thronfolgegeschichte. Hentschel begründet dies folgendermaßen: Je mehr die (erweiterte) Thronfolgegeschichte Davids Image positiv darstellt, desto näher rückt sie an Davids Aufstiegsgeschichte, der zufolge David den Beistand des Herrn hat (1. Sam 1618, 1726, 1812.24, 2. Sam 510).[29]

„Dem Aufstieg Davids und der Thronfolge Salomos wurden später Sammlungen vorangestellt [...]: Die Erzählungen über Sauls Königtum, die Jugendgeschichte Samuels und die alte Ladetradition.“[30]

Die Aufstiegsgeschichte Davids setzt voraus, dass Saul amtierender König ist. Deshalb sind die Erzählungen über Sauls Herrschaft vorangestellt.[31]

[...]


[1] ELB4, 1995.

[2] Stolz: Samuel.

[3] Hentschel: Kommentar.

[4] Bar-Efrat: Samuel.

[5] Vgl. Hentschel: Kommentar, 107.

[6] Vgl. Stolz: Samuel, 108f.

[7] ELB4, 1995.

[8] ELB

[9] Vgl. Stolz: Samuel, 111.

[10] Vgl. Stolz: Samuel: 110.

[11] Vgl. Bar-Efrat: Samuel, 231.

[12] Ebd.

[13] Vgl. Stolz: Samuel, 109.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Shimon: Samuel, 231.

[16] Vgl. Stolz: Samuel, 109.

[17] Vgl. Stolz: Samuel, 109.

[18] Vgl. Stolz: Samuel, 17.

[19] Bar-Efrat: Samuel, 26.

[20] Vgl. Stolz: Samuel, 17.

[21] Vgl. Stolz: Samuel, 17.

[22] Vgl. Bar-Efrat: Samuel, 26f.

[23] Vgl. Bar-Efrat: Samuel, 26.

[24] Abk. Deuteronomisches Geschichtswerk

[25] Wibilex: David.

[26] Bar-Efrat: Samuel, 25f.

[27] Vgl. Hentschel: Kommentar, 36.

[28] Vgl. Ebd.

[29] Vgl. Hentschel: Kommentar, 38.

[30] Hentschel: Kommentar, 40.

[31] Vgl. Hentschel: Kommentar, 40.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
David kommt an Sauls Hof. Biblische Exegese Altes Testament (1. Sam 16, 14-23)
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Ev. Theol.)
Veranstaltung
Einführung in den methodischen Umgang mit biblischen Texten - Proseminar Altes Testament
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V292995
ISBN (eBook)
9783656901907
ISBN (Buch)
9783656901914
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
David, Exegese, Samuel, Altes Testament, Hausarbeit, Religion, Bibel
Arbeit zitieren
Mathis Rasmußen (Autor), 2014, David kommt an Sauls Hof. Biblische Exegese Altes Testament (1. Sam 16, 14-23), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/292995

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