Die Gruppenentscheidungen und der Einfluss von Frames


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

17 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Begriffsabgrenzung: Handeln vs. soziales Handeln
2.1 Idealtypen des sozialen Handelns

3. Theoretische Rahmen: Prospekttheorie vs. Rational-Choice-Theorie
3.1 Anomalie
3.2 Die Erklärung der Anomalie von Kahneman & Tversky

4. Einfluss von Frames auf Gruppenentscheidungen
4.1 Neutralisierungs- und Polarisierungseffekte

5. Hypothesentest
5.1 Empirische Studien zum Entscheidungsverfahren bei den Gruppen
5.2 Auswertung der Ergebnisse

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

In der sozialen Welt, die sich durch Komplexität und dynamische Änderungen charakterisiert, sehen sich die Menschen jeweils mit einer wachsenden Anzahl an Entscheidungsalternativen konfrontiert. Die Frage, wie sie eine Entscheidungsalternative erhalten, ist für Soziologen, Psychologen oder Wirtschaftswissenschaftler höchst relevant. Die Antworten fallen dementsprechend unterschiedlich aus. Aufgrund ihrer ontologischen Annahme über die Rationalität der menschlichen Natur entwickelt die Rational-Choice-Theorie (RCT) eine handlungstheoretische Perspektive, nach der die handelnden Personen bzw. die Entscheidungsträger bei den Entscheidungen ihren Erwartungswert maximieren. Anders formuliert, setzen die Personen ihre Handlungen so ein, dass ihr Nutzen am größten ist, d. h., sie handeln ausschließlich zweckrational. Die Rationalität ist laut der Rational-Choice-Theorie unabhängig von der gegebenen Situation oder einer zu lösenden Aufgabe. Im Fokus der modernen Forschungsprojekte steht indes die Überlegung, inwieweit oder ob die Menschen bei den Entscheidungen in der Tat ausschließlich rational vorgehen. Die neue Erwartungstheorie von Daniel Kahneman und Amos Tversky (vgl. Kahneman/Tversky 1979) modifiziert dieses strikt rationale Modell durch eine psychologische Erklärung, in der die Rationalität durch die mentalen Verzerrungen beschränkt wird, abgesehen von der Frage, ob die Entscheider über die notwendigen Information verfügen oder nicht. Nach diesem Modell beziehen sich die Menschen bei den Entscheidungen normalerweise auf die Beschreibungen der Realität und ganz selten auf die Realität selbst. Solche Beschreibungen bzw. Formulierungen (frames) der Sachverhalte beeinflussen die Entscheidungspräferenzen der Individuen (framing effekt) (vgl. Kahneman 1990: 448). Je nachdem, wie der Sachverhalt veranschaulicht wird, entscheiden die Menschen in unterschiedlicher Art und Weise. Im Falle positiver frames (Gewinnoption) sind die Menschen dazu geneigt, risikoaverse Entscheidungen zu treffen, während sie bei negativen frames risikofreudig sind.

Das Frame-Modell, wie es auch hier dargestellt wurde, basiert auf der individuellen Ebene und verkörpert somit die psychologischen Erklärungen menschlicher Entscheidungen. Gleichwohl ist schwer vorstellbar, wie die sozialen Phänomene auf der Makroebene durch die Faktoren erklärt werden können, die sich auf der individuellen Ebene identifizieren lassen. Das Theaterkarten-Beispiel (vgl. Kahneman 1990: 456) lässt sich gut durch das Frame-Modell erklären, wenn man annimmt, dass die Frau die Eintrittskarten verloren hat und wegen des ,,[…] Fehlschlusses aus versunkenen Kosten‘‘ (Kahneman 1990: 457) für die neuen Karten nicht mehr zahlen möchte, weshalb sie lieber wieder nach Hause geht (suboptimale Entscheidung) und in der gegebenen Situation alleine ist. Diese Sachlage kann man sich allerdings auch etwas komplexer und realistischer vorstellen. In der Realität verhält es sich meist so, dass man eigentlich nur selten alleine ins Theater geht. Nun sei unterstellt, dass ein Mann, der seine Lebenspartnerin ins Theater eingeladen hat, beim Eintritt erfindet, dass er die Theaterkarten nicht dabeihat. In solch einer Situation wird man sich wohl nicht darauf einigen, dass der Mann aufgrund der versunkenen Kostenaversion entscheiden würde, auf den Kauf der neuen Karten zu verzichten und nach Hause zu gehen. Ebenso könnte man das bekannte ,,Problem der asiatischen Krankheit‘‘ umformulieren. Was wäre, wenn den Teilnehmern des Experiments, die im Einzelnen im Endeffekt inkohärente Entscheidungen getroffen haben – beim ersten Mal die sichere Option und dann die Glücksspieloption (vgl. Kahneman 1990: 453 f.) –, die Möglichkeit gegeben worden wäre, die Optionen in den Gruppen zu diskutieren? Wie würde die Gruppenentscheidung dann aussehen? In Hinblick auf soziale Beziehungen ist es relevanter, nachzuprüfen, wie das Frame-Modell die Entscheidungen nicht auf der individuellen Ebene, sondern auf der kollektiven Ebene und im breiteren sozialen Kontext erklären kann. In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, diese Frage am Beispiel der Gruppenentscheidungen zu beantworten.

2. Begriffsabgrenzung: Handeln vs. soziales Handeln

Um festzumachen zu können, wie die Frames und die dadurch verursachten individuellen Präferenzen mit den Gruppenpräferenzen korrelieren, ist es von Bedeutung, einige Grundbegriffe abzugrenzen und zu spezifizieren. In der Soziologie wird das soziale Handeln vom Handeln abgegrenzt. Nach Max Weber wird das menschliche Verhalten, dem ein subjektiver Sinn zugrunde liegt, als Handeln definiert; mit sozialem Handeln allerdings soll ein solches Handeln verstanden werden, ,,[…] welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn auf das Verhalten anderer [bezieht] und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ [Weber 2005 (1921): 3]. Wenn sich das Handeln mehrerer Akteure gegenseitig aufeinander bezieht (Reziprozität) und damit an der Handlung des anderen orientiert, spricht man von einer sozialen Beziehung. Die in dieser Abhandlung aufgeworfene Fragestellung ist eben in diesem Sinne zu verstehen, d. h., es werden hier die Framing-Effekte nicht im subjektiven Sinne des menschlichen Handelns, sondern im intersubjektiven bzw. sozialen Kontext betrachtet, wobei bei der Entscheidung auch die Handlungspräferenzen der anderen in Betracht gezogen werden.

2.1 Idealtypen des sozialen Handelns

Weber unterscheidet traditionales, affektives, wertrationales und zweckrationales Handeln, wobei diese Handlungen nur die Chance zu einer sozialen Beziehung innehaben, wenn eine Reziprozität sowie eine Orientierung am Gemeinsamen vorhanden sind. Die sozialen Beziehungen ermöglichen und strukturieren soziales Handeln, wobei es hierbei Handlungs- bzw. Entscheidungsalternativen gibt. Dieses vergesellschaftete Handeln wird durch Ordnungsstrukturen (bspw. Herrschaft) gestaltet und durch Ordnungsvorstellungen (bspw. Religion) legitimiert [vgl. Weber 2005 (1921): 16 ff.].

3. Theoretische Rahmen: Prospekttheorie vs. Rational-Choice-Theorie

Aufgrund der empirischen Angaben, welche die bestimmte Anomalie für die Rational-Choice-Theorie explizieren,[1] entstand die alternative, stark modifizierte und um psychologische Bestandteile erweiterte Version der Wert-Erwartungstheorie – die Prospect-Theorie (PT) (Kahneman/Tversky 1979).

Laut der Rational-Choice-Theorie haben die Akteure stets die Möglichkeit von Entscheidungsalternativen, wählen aber nur diejenigen, die unter den Bedingungen der knappen Ressourcen eine Nutzenmaximierung ermöglichen (maximaler Gewinn und minimale Kosten), d. h., sie verhalten sich in diesem Sinne rational. Bei solchen Entscheidungen haben die Akteure eine klare Vorstellung über ihre Ressourcen, Präferenzen und die möglichen Konsequenzen der Nutzenmaximierung. Ein solches Handlungsmodell wird als Homo Oeconomicus bezeichnet. Im Rahmen dieses Modells entwickelt sich die utilitaristische und opportunistische Handlungsperspektive. Dabei ist anzuführen, dass die utilitaristisch handelnden Akteure Sentimentalitäten, Moral und gemeinschaftlich orientierte Handlungen als unwichtig erachten.

Laut der Prospekttheorie hängt die rationale Wahl zwischen den verschiedenen Prospekts von der Entscheidungssituation und Informationsdarstellung ab. Die Handelspräferenzen sind immer mit den ,,[…] subjektiv wahrgenommenen Gewinnen und Verlusten […]‘‘ (Mayerl 2009: 211) verbunden. Ob eine Entscheidung als Gewinn oder Verlust angesehen wird, hängt sowohl von den objektiven Ergebnissen des Frames als auch vom Entscheidungskontext ab. Welche Frames in welcher Situation herangezogen werden, ist vom Anspruchsniveau und den Normen der Entscheidungsträger sowie von der Infodarstellung abhängig.

3.1 Anomalie

Durch das Experiment ,,Asiatische Krankheit‘‘ haben Kahneman & Tversky die Anomalie klar demonstriert, die durch die Rational-Choice-Theorie kaum erklärbar erscheint. Im Rahmen dieses Experiments wurde den zwei Gruppen der Testpersonen (Ärzten und Studenten, N = 152) erklärt, dass eine bisher unbekannte asiatische Krankheit ihr Land heimsuchen und voraussichtlich 600 Menschen töten werde. Von Wissenschaftlern seien verschiedene Präventionsprogramme vorgeschlagen worden. Dabei wurden zwei Programme als sicher (Sicherheit) und die anderen zwei Alternativen in Form von Wahrscheinlichkeiten (Risiko) veranschaulicht. Es wurden praktisch für zwei wahrscheinlichkeitstheoretisch gleichartige Situationen unterschiedliche Referenzpunkte gebildet („framing“): Menschen werden gerettet, und Menschen werden sterben (s. Abbildung 1). Die Testpersonen sollten im Anschluss ihre Entscheidung treffen.

Die Ergebnisse des Experiments zeigten, dass sich bei möglichen Gewinnen (positives Frame) im 1. Design 72 Prozent der Testpersonen anhand dieser Beschreibung für Programm A entschieden haben, bei dem 200 von 600 Menschen sicher überleben. Programm B, das sich als Lotteriespiel mit Menschenleben darstellen lässt, wurde mehrheitlich abgelehnt. Laut dieser Beschreibung der Programme haben die Teilnehmer des Experiments demnach wenig Risikobereitschaft demonstriert. Bei drohenden Verlusten (negatives Frame) im 2. Design haben 78 Prozent der Probanden Programm D bevorzugt, obwohl das Zahlenverhältnis von 200 Überlebenden zu 400 Todesopfern bei Programm A und C sowie B und D identisch war. Anhand dieser Beschreibung der Programme haben die Teilnehmer die größere Risikobereitschaft gezeigt.

[...]


[1] Es geht hier um Experimente, die demonstriert haben, dass sich die Entscheidungsträger nicht entsprechend der Erwartungsnutzentheorie verhalten, d. h. dass ,,[…] ihre Präferenzen framegebunden und nicht realitätsgebunden sind‘‘ (Kahneman 1990: 452). Für mehr Details siehe auch Kahneman/Tversky 1979; 1981.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Gruppenentscheidungen und der Einfluss von Frames
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Sozialwissenschaften)
Note
1.7
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V293027
ISBN (eBook)
9783656902867
ISBN (Buch)
9783656902874
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Framing, Daniel Kahneman, Rational-Choice-Theorie, soziales Handeln
Arbeit zitieren
Nino Iaseshvili (Autor), 2014, Die Gruppenentscheidungen und der Einfluss von Frames, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293027

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