Interaktion und Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken


Hausarbeit, 2014

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Erving Goffman
1.1 Biographie
1.2 Der dramaturgische Ansatz nach Goffman

2. Soziale Situation und Interaktion nach Goffman
2.1 Die soziale Situation als virtuelle Umgebung
2.2 Facebook als Soziales Netzwerk
2.3 Facebook als Soziale Interaktion - Die Erweiterung der Goffman-Theorie
2.4 Interaktionsmöglichkeiten auf Facebook

3 Theatermetapher - Wir alle spielen (Facebook) -Theater
3.1 Der Theaterrahmen und seine Darsteller

4 Facebook als Bühne
4.1 Selbstdarstellung durch das Facebook-Profil
4.2 Postings und Statusmeldungen

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

0 Einleitung

„Ein Facebook- Profilistman nicht, man hat es. [...] Facebook lässt „Otto Normalsurfer“ mitmischen beim Identitätsspiel; denn dortist mannichtman selbstsondernmanrichtet sich ein. (Benkel, 2012)

„Wie heißt du auf Facebook?“ - Eine heutzutage nicht selten gestellte Frage, wenn es um die Vernetzung neugeknüpfter Kontakte oder Bekanntschaften geht. Mit der rasanten Ent- wicklung des Internets in den letzten Jahren, spielt sich ein Großteil unserer täglichen Ak- tivitäten online, also medial vermittelt, statt. Eine große Rolle im alltäglichen kommunika- tiven Austausch mit anderen Personen findet über sogenannte soziale Online Plattformen statt. Mit der zunehmenden Verlagerung sozialer Aktivitäten von der ′offline′ -Realität in die Welt des World Wide Webs verändern sich Interaktionen offenkundig.

Nicht selten haben die auf Facebook agierenden Interaktanten mehr Freunde, als reale Freundschaften; die neuesten Urlaubsbilder werden sofort aus dem Hotel geteilt; Einladun- gen zum Geburtstag mit einem Klick verschickt, Geburtstagsgrüße auf einer Profilseite verkündet. Je öffentlicher die Interaktionen werden, umso wichtiger ist die Selbstinszenie- rung und Darstellung nach Außen. Facebook wird zur Bühne auf dem das virtuelle Selbst frei agieren kann. Die eingangs erwähnte Frage legt bereits zwei wichtige Aspekte offen, welche die zentrale Thematik der vorliegenden Arbeit wiederspiegeln. Facebook ist nicht nur ein technisches Tool, über das interagiert werden kann. Vielmehr hat sich die das Onli- ne-Netzwerk zu einem virtuellen Interaktionsraum entwickelt, in dem jeder Teilnehmer ein eigenes Selbstbild entwerfen und präsentieren kann.

Der Grundgedanke Menschen seien (Theater-) Schauspieler auf einer Bühne, auf der sie versuchen ein gewisses, selbst inszeniertes Bild von sich abzugeben ist nicht neu. Ebenso hat Erving Goffman, viele Jahre vor dem ersten Internetanschluss und dem ′Boomen′ sozialer Netzwerke, die Theaterbühne als Grundmodell für soziale Interaktionen deklariert. In der vorliegenden Arbeit soll auf der Grundlage der mikrosoziologischen Theorien Goffmans untersucht werden, ob sich tägliche Interaktionen heute tatsächlich nur noch auf die eingleisige Bühne des Lebens reduzieren lassen, oder die damals postulierte Theatermetapher moduliert werden muss, um gegenwärtig Anwendung zu finden.

Nach einer kurzen biografischen Vorstellung von Erving Goffman, folgt eine kurze Erläu- terung seines dramaturgischen Ansatzes und dessen Soziologische Relevanz. Im zweiten Kapitel wird der Begriff der Interaktion nach Goffman näher erläutert und im Anschluss geprüft, ob und inwiefern der Interaktionsbegriff an die Möglichkeiten und Gegebenheiten auf der Online-Plattform Facebook modifiziert werden muss. Darauffolgend steht das Modell der Theatermetapher im Zentrum der Ausführungen. In Kapitel drei werden die theoretischen Grundgedanken im Hinblick auf die soziale Welt als Bühne im Goffmanschen Sinne erläutert, und damit im Zusammenhang stehende, wichtige Begriffe näher definiert. Im Anschluss daran folgt der zentrale Teil dieser Arbeit: die Übertragung der Theatermetapher auf das Online-Netzwerk Facebook.

Dabei sollen folgende Fragestellungen im Zentrum der Ausführungen stehen: Sind die Selbstdarstellungsmuster im Sinne der Goffmanschen Theorie heute noch so vorzufinden oder unterliegt die Theatermetapher, welche Goffman als Grundmodell der gesellschaftli- chen Interaktion postuliert hat, Veränderungen? Welche Rahmenbedingungen üben einen maßgeblichen Einfluss auf die Selbstdarstellung auf Facebook aus? Wie unterscheidet sich die Situation der Interaktion und Selbstdarstellung, wie sie Goffman beschreibt, von den aktuellen Gegebenheiten auf Facebook hinsichtlich technischer und struktureller Merkma- le?

Bestätigt das einleitende Zitat von Thorsten Benkel1, was auf Facebook vor geht? Verste- cken sich alle Facebook-Akteure nur hinter ihren selbstinszenierten Profilen, auf denen sie sich bestmöglich darstellen und nur ein Identitätsspiel auf der großen Facebook-Bühne spielen?

1 Erving Goffman

Erving Goffman gilt als einer der meistgelesenen und -zitierten Soziologen des 20. Jahr- hunderts. Die Theorien und Anwendungen des bereits 1982 Verstorbenen werden heute nicht nur in zahlreichen Fachgebieten der Sozial-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften zitiert, sie lassen sich gleichermaßen im täglichen Alltagshandeln aufzeigen und anwen- den. Nach einem kurzen biografischen Abriss zur Person Erving Goffman sollen seine wichtigsten Werke eine kurze Erwähnung finden bevor der weitere Fokus der Arbeit auf den Begriff der Interaktion in sozialen Situationen und anschließend auf das Konzept der Selbstdarstellung im Alltag gelegt wird.

1.1 Biographie

Erving Goffman wurde am 11. Juni 1922 als Sohn jüdischer Eltern in der Kleinstadt Man- ville (Kanada) geboren. Er wächst in Dauphin bei Winnipeg auf und beginnt nach seinem Hochschulabschluss St. Johns Technical High School zunächst ein Chemie-Studium. Die parallele Arbeit am National Film Board of Canada erwecken Goffmans erstes Interesse an der Soziologie. 1944 beginnt er ein Soziologiestudium an der University von Toronto und siedelt im Anschluss daran in die Vereinigten Staaten von Amerika über, um dort sein Masterstudium in Soziologie anzuschließen. Zum Zeitpunkt seines Studienabschlusses war die Universität von Chicago das Zentrum und der Ausgangspunkt der international bekann- ten „Chicagoer Schule“ (vgl. Schmals, 2006). Obwohl Goffman akademisch von dort kommt, stellt er keinen typischen Vetreter dieser Schule dar, da Goffman weder einen in- terpretativen, noch einen deskriptiven Zweig verfolgt. Während eines Studienaufenthaltes in Edinburgh, Schottland, führt Goffman seine erste Feldstudie durch. Die Ergebnisse die- ser ‚Shetland Study‘, in denen er „Vorgänge in Interaktionsprozessen“ anhand von „drei sozialen Settings“ untersucht und beschreibt, bilden den Gegenstand seiner Promotion mit dem Titel „Communication Conduct in an Island Community“2und ist gleichzeitig weg- weisend für alle weiteren inhaltlichen Werke von Goffman (vgl. ebd.). Zwischen 1953 und 1959 folgen weitere Studien, die Goffman vor allem in Form einer Verhaltensbeobachtung von Patienten durchführt. Aus diesen Beobachtungen folgt seine erste Publikation WIR

ALLE SPIELEN THEATER - DIE SELBSTDARSTELLUNG IM ALLTAG (1969)3mit welcher Goff- man schnell an Bekanntheit gewinnt. Neben der Verhaltensbeobachtung anderer Menschen interessiert sich Goffman insbesondere für die Alltagswelt von Patienten, Rollendistanzen und Interaktionsrituale im zwischenmenschlichen Miteinander. Aus diesen Beobachtungen entstehen weitere Werke wie ASYLE - ÜBER DIE SOZIALE SITUATION PSYCHISCH GESCHÄ- DIGTER MENSCHEN (1972)4, STIGMA - ÜBER TECHNIKEN DER BEWÄLTIGUNG BESCHÄDIG- TER IDENTITÄT (1967)5und INTERAKTIONSRITUALE - ÜBER VERHALTEN IN DIREKTER KOMMUNIKATION (1971)6. Mit diesen Publikationen wird er an der Universität in Berkeley (Kalifornien), wo er seit 1962 als Professor lehrt, zur ‚Kultfigur‘ (vgl. Schmals, 2006). Um dem wachsenden Interesse an seiner Arbeit und Person zu entgehen, nimmt er 1969 den Benjamin Franklin Lehrstuhl an der Universität von Philadelphia an und entscheidet sich für ein zurückgezogenes Leben außerhalb von öffentlichen Auftritten und Interviews. Der Wechsel nach Philadelphia bedeutet jedoch nicht nur den Rückzug ins Privatleben, son- dern auch die Zuwendung zu neuen inhaltlichen und methodischen Aspekten seiner Arbeit bis zu seinem Tod 1982. Neben dem Interesse an Geschlechterverhältnissen, weckt er star- kes Interesse an der Analyse von Gesprächen. Aus diesen Forschungsinteressen entstehen zum einen die Publikationen WERBUNG UND GESCHLECHT (1981)7sowie auch das Werk der RAHMENANALYSE - EIN VERSUCH ÜBER DIE ORGANISATION VON ALLTAGSERFAHRUNGEN (1974)8.

1.2 Der dramaturgische Ansatz nach Goffman

Das Hauptinteresse Ervings lag insbesondere in der Erforschung von jenem „menschlichen Handlungsbereich, der durch Interaktionen von Angesicht zu Angesicht erzeugt wird und durch kommunikative Normen organisiert ist“ (Goffman, 1977, S. 9). Goffman gilt daher als

„Begründer der empirischen Interaktionsforschung, der die konkreten zwischen- menschlichen Kontakte, die alltäglich-öffentlichen Routinebegegnungen und die ver- schiedenen Praktiken sozialer Ordnung mitsamt ihren evidenten Schwierigkeiten, Ri- siken und Hindernissen ausführlich untersucht und auf ihre Grundregeln hin befragt hat.“ (Krallmann/Ziemann, 2001, S. 229)

Goffman distanziert sich von den anderen Strömungen ‚harter‘ Soziologie, wie sie in den 1960er und 1970er Jahren vorherrschten. Damit richtet sich Goffman gegen den dominie- renden Strukturfunktionalismus, wie ihn beispielsweise Parsons9 vertrat. Vielmehr betrach- tet er die Interaktionsordnung aus einer allgemeinen soziologischen Perspektive, jenseits der Differenzierung zwischen Mikro- und Makrotheorie. Interaktionen sind nach Goffman „als eigenständige, soziale Gebilde und Handlungswelten zu begreifen, die weder nur aus gesellschaftlichen Makrostrukturen und Kulturformen noch durch die Handlungen und Absichten Einzelner allein hinreichend zu begreifen sind“ (ebd.). Im Fokus stehen für ihn die gegenseitige Wahrnehmung von Menschen und die Koordination der eigenen Hand- lung. Neben der Erklärung wie Menschen soziale Situationen strukturieren und diese Strukturen auch reproduzieren, diskutiert Goffman die Strukturen des Selbst. Damit ein- hergehend zielt sein Erkenntnisinteresse auf die Eigeninszenierung von Menschen in sozia- len Situationen ab. „Wie konstruieren und präsentieren sie sich selbst, wie kontrollieren sie ihren Ausdruck, welchen Gefahren ist ihr Image ausgesetzt?“ (ebd., S. 230). Um die Struk- turen zwischen Gesellschaft, sozialer Interaktion und individueller Persönlichkeit sichtbar zu machen setzt Goffman seinen Schwerpunkt auf die Feldforschung. Durch teilnehmende Beobachtung, Interviews und schriftliche Befragung versucht er die Beziehung zwischen den Interaktanten in komplexen Organisationen (gesellschaftlichen Makrostrukturen) auf der einen Seite, und den Interaktionen der beteiligten Menschen mit ihren individuellen Absichten, Selbstdarstellungen, Imagekorrekturen, kognitiven Ressourcen und physischen Bedingungen auf der anderen Seite zu erfassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1:Triadisches Bezugssystem (Quelle: eigene Darstellung; in Anlehnung an Krallmann/Ziemann, 2001, S.232)

Goffmans Theorien greifen damit auf ein zentrales und durchgängig triadisches Bezugs- system zurück, welches Gesellschaft, Interaktion und Persönlichkeit gleichermaßen berücksichtigt (siehe Abbildung 1).

Aus Goffmans methodischem Arsenal entsteht „ein dramaturgischer Ansatz, bei dem eine Analogie zwischen der Welt des Theaters und jener sozialen Alltagswirklichkeit mit Begriffen wie Bühne, Rol- le, Fassade, Ensemble etc. hergestellt wird, so dann dasRahmenkonzept, das zur Beschreibung von Interpretationsschemata und Organisationsgraden menschlicher Erfahrung dient.“ (Krallmann/Ziemann, 2001, S.232).

Im Fokus dieser Arbeit steht einerseits der Begriff der Interaktion in sozialen Situationen andererseits die Goffmansche Auffassung von der ‚Welt als Bühne‘. Goffman überträgt also das Theater und seine Darsteller auf das reale Miteinander von Aktanten und erhebt somit die Welt an sich zur Bühne. Die von ihm beobachteten Personen befinden sich dabei auch in der Verortung auf einer Bühne. Die gleichzeitige physische Anwesenheit wird so- mit zur Bedingung der Beobachtung. Zu Goffmans Lebzeiten dienten die Kanäle der Kommunikation, wie das Telefon oder der Brief, zumeist der privaten Interaktion und dem Informationsaustausch, weniger der Selbstdarstellung. Heutzutage bietet das World Wide Web andere Möglichkeiten und ermöglicht dem Nutzer eine Bandbreite der Inszenierung in aller (Internet-) Öffentlichkeit.

Um Goffmans Ansätze auf das Heute übertragen zu können, müssen vor allem seine Be- griffsdefinitionen erweitert und auf die Interaktion und Kommunikation im World Wide Web verlagert werden. Als zentrales Anwendungsbeispiel dient dabei das soziale Netz- werk Facebook.

2. Soziale Situation und Interaktion nach Goffman

Um Goffmans Theorie auf die Relevanz im gegenwärtigen Alltag hinsichtlich der Aktivitäten auf Facebook zu prüfen, soll zunächst die soziale Situation und der Interaktionsbegriff nach Goffman näher betrachtet werden.

Wie im vorherigen Kapitel bereits erläutert besitzen die Analysen von Goffman zwei „gleichursprüngliche und gleichbedeutsame Ansatzpunkte: die sozialen Situationen und das Selbst“ (Raab, 2008, S.61).

[...]


1Gegenwärtiger Soziologe an der Universität Passau und Frankfurt am Main.

2Die Dissertation wurde nicht veröffentlicht, zentrale Thesen wurden jedoch in mehreren Vorträgen der

2Die Dissertation wurde nicht veröffentlicht, zentrale Thesen wurden jedoch in mehreren Vorträgen der Öffentlichkeit vorgestellt. (vgl. Schmals, 2006, S. 2)

3Originalausgabe: The presentation of self in everyday life. 1959.

4Originalausgabe: Asylums. Essays on the Social Situation and Social Psychiatry. 1961.

5Originalausgabe: Stigma. Notes on the Management of Spoiled Identity. 1963.

6Originalausgabe: Interaction ritual. Essays on face-to-face behavior. 1967.

7Originalausgabe: Gender advertisements. 1979.

8Originalausgabe: Frame analysis. An essay on the organization of experiences. 1974.

9Talcott Parsons (1902 - 1979) war ein sehr einflussreicher US-amerikanischer Soziolge. Er gehört zu den klassischen soziologischen Sozialisierungstheoretikern und prägte mit seiner Systemtheorie den Begriff des Strukturfunktionalismus.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Interaktion und Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken
Hochschule
Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
29
Katalognummer
V293046
ISBN (eBook)
9783668310650
ISBN (Buch)
9783668310667
Dateigröße
1032 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Netzwerke, Interaktion, Goffman, Selbstdarstellung
Arbeit zitieren
Juliane Kranz (Autor), 2014, Interaktion und Selbstdarstellung in Sozialen Netzwerken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293046

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