Die Methode des Sokrates in Platons Dialog "Gorgias"


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die elenktischen Abschnitte

3. Kulmination der elenktischen Abschnitte: Das Kallikles-Gespräch

4. Die monologischen Abschnitte

5. Kulmination der monologischen Abschnitte: Der Jenseitsmythos

6. Der Gorgias und die Antiope des Euripides

7. Sokrates‘ Methode im Gorgias als werkbiographisches Indiz

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Gorgias darf als einer der für die Untersuchung der sokratischen Methode maßgeblichsten Dialoge Platons angesehen werden. Dies ist zum ersten bedingt durch seine Stellung als Gelenkstück zwischen frühem und mittlerem Werk Platons, zum zweiten durch seine innere methodische Vielfalt und zum dritten durch Abschnitte, die, wiewohl kontrovers, als direkte Thematisierung der sokratischen Methode interpretiert werden können. Zur Übersicht über den Dialog diene zunächst die nachfolgende Tabelle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hieraus wird zunächst deutlich, daß der Gorgias, als immerhin viertlängster Dialog Platons,[1] von einem relativ regelmäßigen Wechsel dialogischer und monologischer Partien geprägt ist. Es lassen sich drei in sich abgeschlossene, von mehr oder weniger kurzen monologischen Intermezzi unterbrochene elenktische Abschnitte identifizieren: die Gespräche des Sokrates mit Gorgias (449a-461b), mit Polos (461b-481b) und Kallikles (cum grano salis 488b-517b). Im Folgenden sollen die elenktischen und die monologischen Abschnitte gesondert untersucht werden; was in der oben stehenden Tabelle als „Metakommunikation“ bezeichnet ist, wird nur insoweit in Betracht kommen, als es zur Erhellung der sokratischen Methode(n) relevant ist.

2. Die elenktischen Abschnitte

Die Gespräche des Sokrates mit Gorgias, Polos und Kallikles stellen „normale“ sokratische ἔλεγχοι dar, wenn man, wofür dessen Prägnanz spricht, den Bensonschen Kriterienkatalog zugrunde legen will. Demnach gilt für das Zustandekommen eines ἔλεγχος die sowohl notwendige als hinreichende Bedingung, daß die Prämissen (wie auch das Refutandum) von den Gesprächspartnern des Sokrates für wahr gehalten werden.[2] Darüber hinaus weist der ἔλεγχος nach Benson folgende Merkmale auf:

- Er ist stets ad hominem, d.h. auf ein Individuum zugeschnitten[3], das auch man selbst sein kann;
- er besteht aus verhältnismäßig kurzen Abfolgen von Fragen und Antworten;
- sein unmittelbares Ziel ist die Überprüfung behaupteten Wissens, wobei der Nachweis von Widersprüchen zwischen Überzeugungen, die der Gesprächspartner vertritt, als Nachweis von Nichtwissen gewertet wird.[4]

Seit Gregory Vlastos‘ epochemachendem Aufsatz[5] ist die Debatte um die definitorische Erfassung dessen, was Platon als elenktische Methode seinem Lehrer Sokrates attribuiert habe, nicht abgerissen. Es hat sich sogar eine radikale Minorität unter den Forschern herausgebildet, die mit Verweis auf das heterogene Bild, das die platonischen Frühdialoge von der sokratischen Gesprächsführung zeichnen und auf die einander radikal ausschließenden Behauptungen der auf Vlastos aufbauenden Exegeten über das Wesen des ἔλεγχος die schlichte Existenz einer einheitlichen, charakteristischen sokratischen Gesprächsmethode in Abrede stellen.[6] Derart radikale Standpunkte seien hiermit allerdings nur im Vorübergehen erwähnt; für den Rest der vorliegenden Arbeit gilt die Annahme, daß der ἔλεγχος als abgrenzbare Methode historische Realität besitzt.[7]

Von unübersehbarem Umfang ist inzwischen die Literatur, die die drei großen ἔλεγχοι des Gorgias zum Thema hat. Weitgehende Einigkeit unter den Interpreten scheint dahingehend zu bestehen, daß es Sokrates tatsächlich gelingt, Gorgias, Polos und Kallikles zu widerlegen bzw. ihnen inkonsistente Überzeugungen nachzuweisen. Im Falle des Gorgias bestünde das Refutandum in der Auffassung, der Rhetor sei für den Gebrauch, den seine Schüler von der Rhetorik machen, nicht verantwortlich (457a); mit Polos argumentiert Sokrates ex negativo für die radikale ethische These, Unrechtleiden sei besser als Unrechttun (469c), und Kallikles gibt sich zunächst als Bekenner eines zügellosen Hedonismus, den Sokrates durch peinliche Beispiele ad absurdum führt, woraufhin Kallikles den Vorrang der σοφροσύνη vor der Lust eingestehen muß (504d-505b).

Für das Polos-Gespräch sind Sokrates/Platon von Vlastos schwerwiegende Logikfehler angekreidet worden. Im Abschnitt 474b-475e erschleiche Sokrates durch unzulässige Substitution die Konklusion, daß Unrechttun für den Übeltäter schlimmer (κάκιον) sei als Unrechtleiden für das Opfer, während formallogisch nur der triviale Schluß zulässig sei, daß Unrechtleiden für das Opfer schmerzhafter sei (λύπῃ ὑπερβάλλει, 475c) als für den Täter.[8] Diese Auffassung ist von McKim unter Verweis auf den dramatischen Charakter des Dialogs mit guten Argumenten kritisiert worden. Sokrates‘ Argumentationsmethode im Gorgias solle nicht als formallogische, sondern vielmehr als psychologische verstanden werden. Sokrates gehe (mit Erfolg) von der Annahme aus, daß seine Gesprächspartner Überzeugungen verträten, die ihnen selbst verdeckt seien bzw. die sie vor sich selbst verhehlten. Seine Gesprächsführung sei ganz und gar darauf ausgerichtet, die Gesprächspartner zum Eingeständnis dieser Überzeugungen zu nötigen.[9] Die von Sokrates zu diesem Zweck geführte „Waffe“ sei die Scham (αἰσχύνη).[10] Sokrates sehe im ἔλεγχος ein kooperatives Gespräch, das infolge seiner Orientierung an der Wahrheit als Letztmaßstab[11] von den Beteiligten ein Höchstmaß an Ehrlichkeit verlange.[12] Diese Ehrlichkeit seien Gorgias, Polos und dann insbesondere Kallikles nicht bereit aufzubringen, doch Sokrates gelinge es durch geschicktes Spiel auf der Klaviatur der Scham, die Gesprächspartner endlich zur Selbstoffenbarung zu nötigen: McKim spricht vom „one-on-one shaming pressure of the elenchus“[13] als dem Kernstück der – sich somit als psychotherapeutisch erweisenden – Methode.[14]

Die eher formallogischen Analysen des ἔλεγχος, die Vlastos, Benson et al. vorgelegt haben, und die McKimsche Deutung, die durch die neuere Arbeit Tarnopolskys[15] noch bedeutend erweitert und besser fundiert wird, schließen m.E. einander nicht aus. Letztere ist als Korrektiv, das die Zugehörigkeit der Dialoge zur Gattung des Dramas in Rechnung stellt und auf indirekte Regieanweisungen achtgibt, dringend erforderlich, um die Einseitigkeit des analytischen Zugriffs auf die platonischen Texte, die McKim scharf kritisiert,[16] auszubalancieren. Gleichwohl ist die formallogische Aufschlüsselung der Argumentationsgänge nicht unstatthaft. Womöglich darf man sogar davon ausgehen, daß auch die (mit heutigen Mitteln relativ leicht zu entdeckenden) Logikfehler der bewußten literarischen Produktion Platons zuzuschreiben sind und nicht zuletzt als Anknüpfungspunkte für Diskussionen in der Akademie dienen sollten.[17]

3. Kulmination der elenktischen Abschnitte: Das Kallikles-Gespräch

Das Stichwort Scham soll als Überleitung zu einer kurzen Interpretation des Kallikles-Gesprächs dienen. Auch hier nimmt zwar die Mehrzahl der Forscher das Glücken der sokratischen Widerlegung an, doch gibt es eine beachtliche Minderheit, die auf die außergewöhnlichen Widerstände hinweist, denen Sokrates als Person und die sokratische Moralphilosophie als theoretischer Gehalt in der Gestalt des Kallikles begegnet.[18] M.E. macht man es sich zu leicht, wenn man Kallikles ohne weiteres in eine Reihe mit Gorgias und Polos stellt. Daß er sich widerlegt fühlt, scheint mehr als fraglich.

Um dies zu illustrieren, sei kurz auf das sokratische Anti-Hedonismus-Argument eingegangen (vgl. 492dff.). Der quasi-nietzscheanische Mächtige, so Kallikles, habe keinen anderen Daseinszweck als die schrankenlose Befriedigung seiner Gelüste einzig nach Maßgabe seines Willens. Sokrates reagiert darauf, indem er in klimatischer Reihenfolge drei peinliche, entwürdige Beispiele für einen hedonistischen Lebenswandel anführt: den Vogel Karadrios (494b), der gleichzeitig frißt und ausscheidet, den ewig sich Kratzenden (494c), der glücklich genannt werden müsse, und den Kinaiden (494e). Nun ist es mehr als deutlich, daß Kallikles auf diese Beispiele mit echter Abscheu reagiert. So antwortet er 494d Sokrates entrüstet: „Ὡς ἄτοπος εἶ, ὦ Σώκρατες, καὶ ἀτεχνῶς δημηγόρος.“ Und 494e fällt auch das entscheidende Stichwort: „Οὐκ αἰσχύνει εἰς τοιαῦτα ἄγων, ὦ Σώκρατες, τοὺς λόγους;“ Es scheint mir mehr als zweifelhaft, daß Kallikles‘ Entrüstung an diesen Stellen der Scham über den eigenen Standpunkt entspringt.[19] Vielmehr ärgert sich Kallikles über Sokrates und schämt sich, weil seine Manneswürde durch das Gespräch mit einem so schamlosen Schmutzfinken[20] verletzt zu werden droht. Es ist richtig und dürfte dramaturgisch unproblematisch sein, daß er andere Maßstäbe des Guten als den der bloßen Lust gelten lassen will.[21] In dieser Hinsicht bedarf er gar keiner Widerlegung.

Bereits Dodds dürfte seinerzeit mit Blick auf das Kallikles-Gespräch das Richtige gesehen haben, indem er eine auf eine mögliche autobiographisch-psychologische Motivation der Kallikles-Figur hinwies.[22] Demnach ist Kallikles eine Art unverwirklichter Platon, ein Platon, wie er hätte sein können, wäre der tatsächliche Platon niemals Sokrates begegnet und unter dessen Einfluß geraten.[23] Die impliziten Regieanweisungen und dramaturgischen Hinweise legen nahe, daß Kallikles Sokrates mit ausgesprochener Kälte, Verächtlichkeit, ja Feindseligkeit gegenübertritt. In scheinbar paradoxem Widerspruch hierzu erhält er ganz erheblichen Raum, um seinen Machiavellismus, seine quasi-nietzscheanische Anthropologie und seinen Philosophiekritik zu exponieren, dies sogar im Rahmen des zweitlängsten Monologes des Gorgias (482c-486d). Es steht außer Frage, daß Platon an der Kallikles-Figur und ihren Standpunkten in höchstem Maße interessiert war und daß diese Figur – wie bereits angedeutet – die am sorgfältigsten modellierte und literarisch interessanteste des Dialoges ist.[24]

[...]


[1] Nach Politeia, Nomoi und Timaios, vgl. Tarnopolsky, Prudes, Perverts, and Tyrants, 36.

[2] Benson bezeichnet dieses Kriterium als „doxastic constraint“, vgl. Benson, Problems with Socratic Method, 105; von Vlastos war es als „‘say what you believe‘ requirement“ bezeichnet worden (Vlastos, The Socratic elenchus, 7). Vlastos hatte in seinem klassischen Aufsatz allerdings dafür argumentiert, daß auch Sokrates die Prämissen für wahr halte, was inzwischen widerlegt scheint.

[3] Aus Kahns Sicht illustriert der Gorgias dieses Merkmal besonders gut: “The three successive refutations of Gorgias, Polus, and Callicles represent Plato’s most brilliant literary portrayal of the elenchus in action, where the character of the interlocutor plays an essential part in his dialectic defeat.” (Kahn, Plato and the Socratic Dialogue, 133) In allen drei Gesprächen gehe es darum, einen Widerspruch zwischen den Überzeugungen und dem Lebenswandel des Gesprächspartners aufzuzeigen, vgl. a.a.O., 137.

[4] Vgl. Benson, Problems with Socratic Method, 107n.

[5] Vlastos, The Socratic elenchus, zuerst erschienen in den Oxford Studies in Ancient Philosophy (1983), 27-58.

[6] Brickhouse/Smith bemerken zur Forschungslage lakonisch: “we find some very good evidence against each author’s view in the others’ arguments” (The Socratic Elenchos, 146) und resümieren, der sokratische ἔλεγχος und die damit verbundenen Probleme seien „an artifact of modern scholarship“ (a.a.O., 147).

[7] Es dürfte für sich sprechen, daß, worauf Robinson hinweist, die Wurzel ἐλεγχ- im Textbestand des Dialoges über fünfzigmal vorkommt. (Robinson, Elenchus, 88) Ferner ist zu beachten, daß Sokrates in der Apologie seine Verfolgung nicht etwa auf seine konkreten ethischen Standpunkte zurückführt, sondern eben auf seine Methode, worauf Benson, Socratic Method, 180, hinweist.

[8] Eine äußerst detaillierte formallogischen Analyse des Arguments, auf die ich aus Platzgründen an dieser Stelle nur verweisen kann, gibt Vlastos, Does Socrates Cheat?, 139-145.

[9] “His method is therefore psychological, not logical – not to argue them into believing it but to maneuver them into acknowledging that, deep down, they have believed it all along.” (McKim, Shame and Truth, 36)

[10] McKim, Shame and Truth, 37. Ganz in diesem Sinne auch Kahn: “What concerns us here is not the validity of the argument but the emphasis placed on the role of shame.” (Kahn, Plato and the Socratic Dialogue, 135)

[11] Nehamas hat diese Orientierung an der Wahrheit, die er für historisch-sokratisch hält, als ein Problem identifiziert, das sich als fatal für Sokrates erweisen könnte. Denn welches Kriterium gilt denn für diese Wahrheit? Doch nur jenes, daß sie sich eben im ἔλεγχος durchsetzt! (Vgl. Nehamas, Eristic, Antilogic, Sophistic, Dialectic, 112) Damit wäre der Unterschied zwischen sophistischem und sokratischem ἔλεγχος, auf dessen Begründung schon so viele Forscher ihre Mühen gerichtet haben, bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Konsequent folgert Nehamas, daß die einzig belastbare Differenz zwischen Sokrates und den Sophisten eine solche der Absichten, nicht der Methode sei. (Vgl. Nehamas, Eristic, Antilogic, Sophistic, Dialectic, 116) Aus Platzgründen kann ich auch dieser Frage nicht weiter nachgehen.

[12] Vgl. McKim, Shame and Truth, 41.

[13] McKim, Shame and Truth, 44.

[14] Unter Verweis auf die Semantik von τὸ ἔλεγχος bei Pindar und Homer (‘Schmach’, ‘Schande’) arbeitet auch Edmonds den demütigenden Charakter der Methode gut heraus: “The Socratic elenchos humiliates its victim by showing him to be a fool who does not know what he is talking about or how he should live, but the pain of this experience can serve a positive function if he abandons his former idea and way of living.” (Edmonds, Whip Scars on the Naked Soul, 184)

[15] Tarnopolsky, Prudes, Perverts, and Tyrants.

[16] “The dominance of analytical philosophy has blinded the bulk of Anglo-American scholarship in this century to the interpretive challenge posed by Plato’s choice of the dramatic form of the dialogue as the vehicle for his thought.” (McKim, Shame and Truth, 34.)

[17] Für den Umgang mit Logikfehlern in den platonischen Frühdialogen schlägt McKim die „Faustregel“ vor: “if a fallacy seems obvious to us, that is because the dramatist has made it obvious for some dramatic purpose. And if he has his characters pass over it in silence, this is because he wants us to think about why they do.” (McKim, Shame and Truth, 46) Ganz im Gegensatz zu dieser für Platon äußerst günstigen Lesart hatte zuvor Robinson versucht, die Logikfehler der Frühdialoge als Zeugnisse des damaligen Standes der Geistesgeschichte zu verstehen. Das formallogische Rüstzeug, das erforderlich ist, um Argumentationen wie die oben skizzierte analytisch zu durchdringen, sei erst vom späten Platon und dann insbesondere von Aristoteles überhaupt entwickelt worden, vgl. Robinson, Elenchus: Direct and Indirect, 105.

[18] Eine der Wortführerinnen dieser Interpreten ist Wilson Nightingale, die sehr zu recht über Kallikles sagt: „Callicles is totally out of sympathy with Socrates‘ positions, as his scornful and abusive demeanor reveals.“ (Wilson Nightingale, Plato‘s Gorgias and Euripides‘ Antiope, 131) Am Ende des Gesprächs stehe Kallikles ungebrochen auf der Bühne: „Callicles has been neither humbled nor made to acknowledge the errors in his reasoning.“ (Ebd.)

[19] So sieht, es, mit der Mehrheit der Interpreten, Stauffer: “Callicles’ sense of shame at even discussing such topics – a sense of shame apparently not shared by Socrates – reveals a reservation at abandoning all standards other than pleasure.” (Stauffer, Socrates and Callicles, 642) – Ich bezweifle freilich, daß Kallikles den so verstandenen Hedonismus jemals außerhalb des Rahmens jenes herablassenden Entgegenkommens vertreten hat, das ihn zum Gespräch mit Sokrates bewog.

[20] Wilson Nightingale betont die soziale Kluft zwischen Sokrates und Kallikles. Schon daß Sokrates sich der Umgangssprache, ja der Volkssprache bediene, irritiere seinen Gesprächspartner zutiefst. Unter Verweis auf Stellen wie 494b-e resümiert sie: “In the Gorgias, Socrates seems almost to revel in his lack of refinement.” (Wilson Nightingale, Plato’s Gorgias and Euripides’ Antiope, 141) Auch Stauffer konstatiert Sokrates‘ offensichtliche Schamlosigkeit, vgl. die vorige Fußnote.

[21] Nach der einsichtsvollen und originellen Deutung Stauffers erweist sich Kallikles als ein im Kern höchst tugendhafter Mann, der die Maske des Zynikers aus Verzweiflung angelegt hat. Eigentlich aber vertrete er eine sehr konventionelle aristokratische Polis-Ethik: “Nobility appears, in the second half of his speech, to consist in the Periclean ability and willingness to devote oneself to public life and to gain a great reputation through service to the city” (Stauffer, Socrates and Callicles, 635). Das zeige sich auch, als Kallikles die von Sokrates kritisierten attischen Staatsmänner in Schutz nimmt, vgl. a.a.O., 647.

[22] Vgl. Dodds, Plato. Gorgias, 14.

[23] Sehr schön paßt hierzu Stauffers Beobachtung, daß Sokrates Kallikles von Anfang an wie einen alten Bekannten behandelt, vgl. Stauffer, Socrates and Callicles, 631.

[24] Dennoch finden sich in der Literatur Einschätzungen von fragwürdiger Einseitigkeit wie beispielsweise jene Edmonds‘, daß Kallikles den Typus der „unphilosophic who are powerful enough to evade any kind of outside restraint“ (Edmonds, Whip Scars on the Naked Soul, 179) verkörpere. Weder wird Kallikles, gleich, ob es sich nun um eine fiktive Figur oder um das Pseudonym eines realen Atheners jener Zeit handelt, als in besonderer Machtstellung befindlich dargestellt, noch ist er ein unphilosophischer Charakter: er ist es ja gerade, der die philosophisch höchst relevante Phsysis-Nomos-Antithese ins Gespräch bringt! Hinter seiner Kritik der Philosophie scheint sich mir in erster Linie eine Kritik der Person des Sokrates zu verbergen.

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Details

Titel
Die Methode des Sokrates in Platons Dialog "Gorgias"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Klassische Philologie)
Veranstaltung
Seminar (Prosa) Platon - Gorgias
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V293072
ISBN (eBook)
9783656902072
ISBN (Buch)
9783656902089
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
methode, sokrates, platons, dialog, gorgias
Arbeit zitieren
M.A. Karsten Kleber (Autor), 2014, Die Methode des Sokrates in Platons Dialog "Gorgias", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293072

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