Der Dialog "Gorgias" zeichnet sich durch eine ausgeprägte Methodenvielfalt aus.
Monologische und elenktische Abschnitte wechseln sich ab; ein großer Teil der Forschungsliteratur zur Natur des platonischen elenchos, die in der vorliegenden Arbeit ausführlich herangezogen wird, bezieht sich explizit auf Beispiele aus dem "Gorgias".
Die unterschiedlichen Methoden des Dialoges werden überblicksweise vorgestellt und im literarischen Gesamtzusammenhang des Werkes interpretiert.
Es ergeben sich mehrere mögliche Deutungsansätze; so könnte dem "Gorgias" eine gezielte Transformation der "Antiope" des Euripides zugrunde liegen. Gesichert ist am Ende die enorme Relevanz des "Gorgias" für die Werkbiographie Platons und die schwierige Abgrenzung seines Denkens von dem seines Lehrers Sokrates.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die elenktischen Abschnitte
3. Kulmination der elenktischen Abschnitte: Das Kallikles-Gespräch
4. Die monologischen Abschnitte
5. Kulmination der monologischen Abschnitte: Der Jenseitsmythos
6. Der Gorgias und die Antiope des Euripides
7. Sokrates‘ Methode im Gorgias als werkbiographisches Indiz
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die sokratische Methode (Elenchos) im platonischen Dialog "Gorgias", wobei sie insbesondere das Spannungsfeld zwischen formalen logischen Analysen und der dramaturgischen sowie psychologischen Komponente des Dialogs beleuchtet, um die philosophische Entwicklung Platons gegenüber seinem Lehrer Sokrates aufzuzeigen.
- Strukturelle Analyse der elenktischen und monologischen Dialogpartien.
- Untersuchung der Rolle von Scham und psychologischem Druck im sokratischen Dialog.
- Dramaturgische Interpretation des Kallikles-Gesprächs und des Jenseitsmythos.
- Intertextuelle Bezüge zu Euripides' "Antiope".
- Bestimmung des Gorgias als werkbiographisches Indiz für Platons Ablösung von Sokrates.
Auszug aus dem Buch
3. Kulmination der elenktischen Abschnitte: Das Kallikles-Gespräch
Das Stichwort Scham soll als Überleitung zu einer kurzen Interpretation des Kallikles-Gesprächs dienen. Auch hier nimmt zwar die Mehrzahl der Forscher das Glücken der sokratischen Widerlegung an, doch gibt es eine beachtliche Minderheit, die auf die außergewöhnlichen Widerstände hinweist, denen Sokrates als Person und die sokratische Moralphilosophie als theoretischer Gehalt in der Gestalt des Kallikles begegnet. M.E. macht man es sich zu leicht, wenn man Kallikles ohne weiteres in eine Reihe mit Gorgias und Polos stellt. Daß er sich widerlegt fühlt, scheint mehr als fraglich.
Um dies zu illustrieren, sei kurz auf das sokratische Anti-Hedonismus-Argument eingegangen (vgl. 492dff.). Der quasi-nietzscheanische Mächtige, so Kallikles, habe keinen anderen Daseinszweck als die schrankenlose Befriedigung seiner Gelüste einzig nach Maßgabe seines Willens. Sokrates reagiert darauf, indem er in klimatischer Reihenfolge drei peinliche, entwürdige Beispiele für einen hedonistischen Lebenswandel anführt: den Vogel Karadrios (494b), der gleichzeitig frißt und ausscheidet, den ewig sich Kratzenden (494c), der glücklich genannt werden müsse, und den Kinaiden (494e). Nun ist es mehr als deutlich, daß Kallikles auf diese Beispiele mit echter Abscheu reagiert. So antwortet er 494d Sokrates entrüstet: „Ὡς ἄτοπος εἶ, ὦ Σώκρατες, καὶ ἀτεχνῶς δημηγόρος.“ Und 494e fällt auch das entscheidende Stichwort: „Οὐκ αἰσχύνει εἰς τοιαῦτα ἄγων, ὦ Σώκραtes, τοὺς λόγους;“ Es scheint mir mehr als zweifelhaft, daß Kallikles‘ Entrüstung an diesen Stellen der Scham über den eigenen Standpunkt entspringt. Vielmehr ärgert sich Kallikles über Sokrates und schämt sich, weil seine Manneswürde durch das Gespräch mit einem so schamlosen Schmutzfinken verletzt zu werden droht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung positioniert den Gorgias als zentralen Dialog für die Untersuchung der sokratischen Methode und bietet eine Übersicht über die dialogischen und monologischen Abschnitte.
2. Die elenktischen Abschnitte: Dieses Kapitel erörtert die "normalen" elenktischen Gespräche des Sokrates mit Gorgias, Polos und Kallikles anhand der methodischen Kriterien nach Benson.
3. Kulmination der elenktischen Abschnitte: Das Kallikles-Gespräch: Der Abschnitt interpretiert das Kallikles-Gespräch, wobei die Bedeutung von Scham und der Widerstand des Kallikles gegenüber sokratischen Argumenten im Fokus stehen.
4. Die monologischen Abschnitte: Hier wird die dramaturgische Funktion der Monologe hervorgehoben, insbesondere im Hinblick auf Kallikles' Physis-Nomos-Antithese.
5. Kulmination der monologischen Abschnitte: Der Jenseitsmythos: Es wird der Jenseitsmythos als philosophischer Mythos untersucht, der einerseits ethische Lehren illustriert und andererseits auf Platons wachsende Eigenständigkeit hindeutet.
6. Der Gorgias und die Antiope des Euripides: Die Analyse der intertextuellen Beziehungen zur verlorenen Tragödie "Antiope" zeigt Platons Bestreben, das Drama in eine philosophisch gehaltvolle Form zu transformieren.
7. Sokrates‘ Methode im Gorgias als werkbiographisches Indiz: Das Abschlusskapitel deutet den Dialog als Beleg für die einsetzende philosophische Ablösung Platons von seinem Lehrer Sokrates.
Schlüsselwörter
Sokrates, Platon, Gorgias, Elenchos, Methode, Kallikles, Rhetorik, Ethik, Jenseitsmythos, Dialogform, Drama, Philosophiegeschichte, Erkenntnistheorie, Scham, Autorenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert die sokratische Methode der Gesprächsführung (Elenchos) anhand des platonischen Dialogs "Gorgias".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die logische und psychologische Struktur des Elenchos, die dramaturgische Gestaltung der Dialogpartner und die Frage nach Platons philosophischer Loslösung von Sokrates.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Komplexität der Methode im Gorgias aufzuzeigen, die sowohl als logisches Instrument als auch als psychologisch-dramatische Inszenierung verstanden werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textnahe (mikrotextuelle) Untersuchung, setzt sich mit der Forschungsliteratur auseinander und bezieht dramaturgische sowie intertextuelle Analyseperspektiven ein.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen der elenktischen und monologischen Abschnitte, das Kallikles-Gespräch, den Jenseitsmythos und intertextuelle Bezüge zur "Antiope".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Elenchos, Rhetorik, Scham, Autorenschaft, dramatische Form und die Entwicklung der platonischen Philosophie.
Warum wird dem Begriff "Scham" im Kallikles-Gespräch eine besondere Bedeutung beigemessen?
Der Autor argumentiert, dass Scham bei Kallikles nicht als Ausdruck einer logischen Widerlegung fungiert, sondern als affektive Reaktion auf die Verletzung seiner Manneswürde durch Sokrates.
Inwiefern stützt der Gorgias die These einer philosophischen Ablösung Platons von Sokrates?
Der Autor deutet den Übergang zu wohldefinierten, unwiderlegbaren ethischen Thesen und den Methodenwechsel im Dialog als Indiz für Platons beginnende eigenständige philosophische Entwicklung.
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- M.A. Karsten Kleber (Autor), 2014, Die Methode des Sokrates in Platons Dialog "Gorgias", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293072