Die unsichtbare Hand. Ethische Implikationen der Ökonomie


Essay, 2014

10 Seiten, Note: 1,9


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung: Große Veränderungen

II. Arbeitsteilung

III. Der Homo Oeconomicus und die unsichtbare Hand

IV. Fazit und Kritik

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Große Veränderungen

Die bedeutenden gesellschaftlichen Dynamiken des 18. Jahrhunderts führen zu großen Veränderungen in Ökonomie und der damit zusammen gedachten Ethik der Menschen. Diese zwei Felder scheinen auf den ersten Blick nicht notwendiger Weise verknüpft zu sein. Die wechselseitigen Effekte liegen jedoch deutlich vor Augen, wenn man sich bewusst macht, wie stark der Alltag der Bevölkerung durch ihre Arbeit geprägt gewesen ist. Es liegt auf der Hand, dass das daraus folgende und notwendig daran gekoppelte wirtschaftliche Verhalten und eine entsprechende Handlungsweise Eingang in ihre Ethiken findet.1 Mit der Abschaffung der Leibeigenschaft bekommt jeder Bürger – zumindest auf dem Papier – die gleiche Chance. Wirtschaftlich gesehen steht niemand über niemandem und keiner gehört keinem. Geld hat keine Präferenzen und spricht eine völlig neutrale Sprache. Der Bürger ist keinem Leibeigner mehr verpflichtet, sondern nur noch sich selbst. Er definiert sich – wie jeder andere auch – auf dem Arbeitsmarkt durch das, was er leisten kann und nicht durch seine Position als Leibeigner, jemand in Leibeigenschaft oder die Stellung desjenigen, dem er untergeben ist. Das ist der Gleichstellungsmechanimus des neuen Marktes. Er ist als Entmachtungsinstrument gedacht.

In der Praxis jedoch gewinnen die, mit dem meisten Kapital. Da Menschen, die z.B. aus der Leibeigenschaft entlassen werden, nicht viel mehr besitzen als ihre eigene Arbeitskraft, sind sie denjenigen, die Kapital innehaben in neuer Weise ausgeliefert. Sie müssen sich – in der Konkurrenz mit anderen – anbieten. Es entsteht die berühmte Balance von Angebot und Nachfrage. Die ehemaligen Leibeigenen gewinnen zwar ihre persönliche Freiheit, verlieren jedoch das Protektorat ihres Schirmherren. Sie sind in dieser Hinsicht „doppelt frei“2 und haben nichts mehr als sich selbst in einer neuen Art der Abhängigkeit. Es kommt in der gegebenen Konkurrenz unter den mittellosen Arbeitern zu etwas, was man heute wohl „price-dumping“ nennen könnte. Dieses ungesunde Verhältnis von Angebot und Nachfrage macht Arbeitskraft leicht ersetz- und austauschbar. Der neue Tauschmarkt (Kapital gegen Leistung) ist in der Praxis alles andere als gerecht und es kommt immer mehr zur Vermachtung des Marktes.

Überdies werden in der Folge die Arbeitstechniken der kapitalistischen Fabriken, welche jetzt viele günstige Arbeitskräfte beschäftigen können immer effizienter, da ihnen natürlich daran gelegen ist, möglichst viel Leistung für das Geld, dass sie zahlen müssen, zu bekommen. Es entwickelt sich das Phänomen der Arbeitsteilung.

II. Arbeitsteilung

1776 veröffentlicht Adam Smith sein berühmtes Werkt Wealth of Nations (Wohlstand der Nationen). Es ist einer der hauptsächlichen Gründe, warum Smith heute als Begründer der modernen Ökonomie gilt und gibt uns einen guten Eindruck davon, warum das Menschenbild des Homo Oeconomicus auch heute noch relevant ist.3

Den angesprochen Prozess der Arbeitsteilung finden wir hier in einem klassischen Beispiel beschrieben:

"To take an example, therefore, from a very trifling manufacture; but one in which the division of labour has been very often taken notice of, the trade of the pinmaker; a workman not educated to this business (…), nor acquainted with the use of the machinery employed in it (…), could scarce, perhaps, with his utmost industry, make one pin in a day, and certainly could not make twenty. But in the way in which this business is now carried on, not only the whole work is a peculiar trade, but it is divided into a number of branches, of which the greater part are likewise peculiar trades. [...]

One man draws out the wire, another straights it, a third cuts it, a fourth points it, a fifth grinds it at the top for receiving, the head; to make the head requires two or three distinct operations; to put it on is a peculiar business, to whiten the pins is another; it is even a trade by itself to put them into the paper; and the important business of making a pin is, in this manner, divided into about eighteen distinct operations, which, in some manufactories, are all performed by distinct hands, though in others the same man will sometimes perform two or three of them. I have seen a small manufactory of this kind where ten men only were employed, and where some of them consequently performed two or three distinct operations. But though they were very poor, and therefore but indifferently accommodated with the necessary machinery, they could, when they exerted themselves, make among them about twelve pounds of pins in a day. […]

There are in a pound upwards of four thousand pins of a middling size. Those ten persons, therefore, could make among them upwards of forty-eight thousand pins in a day. Each person, therefore, making a tenth part of forty-eight thousand pins, might be considered as making four thousand eight hundred pins in a day. But if they had all wrought separately and independently, and without any of them having been educated to this peculiar business, they certainly could not each of them have made twenty, perhaps not one pin in a day; that is, certainly, not the two hundred and fortieth, perhaps not the four thousand eight hundredth part of what they are at present capable of performing, in consequence of a proper division and combination of their different operations."4

Dieses Beispiel zeigt sehr gut, wie die Produktivität des Herstellungsprozesses durch Arbeitsteilung um ein Vielfaches Erhöht wird. Die Kapitalisten, hier gemeint als die, welche Kapital besitzen, denn um ein ökonomisches Paradigma zu sein, ist der Kapitalismus an dieser Stelle noch zu jung, haben erreicht, was sie wollen und produzieren Überschüsse, die jeden Konsum übersteigen. Es wird deutlich, dass das Ziel nicht (mehr) ist, so viel herzustellen, wie man braucht, sondern möglichst viel Profit zu erwirtschaften und Kapital zu erlangen. Der Kaufmann wird zur anthropologischen Grundfigur. Kapital – das wird schnell erkannt – bedeutet Macht im neuen Markt der doppelten Freiheit. Smith nennt den Prozess der Arbeitsteilung deswegen „the greatest improvement in the productive powers of labour“5.

Er ist sich dabei beeindruckender Weise sehr bewusst, dass diese Dynamiken nicht nur Effekte für die Ökonomie als gesellschaftlich-politische Instanz haben, sondern auch und vor allem für den Menschen, der arbeitet:

"In the progress of the division of labour, the

employment of the far greater part of those who

live by labour, that is, of the great body of the

people, comes to be confined to a few very

simple operations, frequently to one or two. But

the understandings of the greater part of men are

necessarily formed by their ordinary

employments. The man whose whole life is spent

in performing a few simple operations […] naturally loses, therefore, the habit of such

exertion, and generally becomes as stupid and

ignorant as it is possible for a human creature to

become. The torpor of his mind renders him not

only incapable of relishing or bearing a part in

any rational conversation, but of conceiving any

generous, noble, or tender sentiment, and

consequently of forming any just judgment

concerning many even of the ordinary duties of

private life."6

Taylor ergänzt:

"Einen intelligenten Gorilla könnte man so abrichten, dass er ein mindestens ebenso tüchtiger und praktischer Verlader würde als irgendein Mensch"7

Es liegt deutlich vor Augen, dass die beschriebenen Veränderungen mehr bewirken als nur den Arbeitsalltag zu verändern. Sie verändern, wie ein Mensch handelt und denkt, ja geradezu was er ist. Nicht nur verliert ein Mensch seine Berufsidentität als pin maker, sondern wird in der Folge auch noch auf das Arbeitsniveau eine Gorillas reduziert. Die Arbeit hat zu dieser Zeit einen derart dominanten Platz im Leben eingenommen, dass sie essenziell für das individuelle Selbstverständnis gewesen ist.. Ökonomie hat anthropologisch-ethische Konsequenzen.

[...]


1 Vgl. Manzeschke, Arne (Hg.): Sei ökonomisch! Prägende Menschenbilder zwischen Modellbildung und Wirkmächtigkeit. Berlin 2010, S. 37

2 Marx, Karl: Das Kapital. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3616f. .

3 Diese Aussage ist in einigen Kreisen umstritten. Aber die Tatsache, dass ebendiese Diskussionen lebhaft geführt werden zeigt die Schwere der Thematik.

4 Smith, Adam: An Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations. Hertfordshire 2012, S. 9 ff.

5 Smith 2012, S. 9.

6 Smith 2012, S. 771.

7 Taylor, Frederick Winslow: The principles of sxientific management. New York, London 1913, S. 43.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die unsichtbare Hand. Ethische Implikationen der Ökonomie
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Theorien und Analysen der Sozialstruktur
Note
1,9
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V293244
ISBN (eBook)
9783656904748
ISBN (Buch)
9783656904755
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökonomie, Adam Smith, Ethik
Arbeit zitieren
Daniel Tunn (Autor), 2014, Die unsichtbare Hand. Ethische Implikationen der Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293244

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