Individuation und Selbstverwirklichung durch Bildung. Zwei Ansätze zur Anwendung in Bezug auf die aktuelle Bildungspolitik


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Bildungsbegriff in der Pädagogik

III. Der Bildungsansatz von Wilhelm von Humboldt -Individualisierung und Selbstentfaltung durch Bildung

IV. Ein religionspädagogischer Bildungsansatz -Wie interkulturelles und interreligiöses Lernen mit der islamischen Religionspädagogik für einen Dialog sorgen können

V. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Der Mensch ist, was er als Mensch sein soll, erst durch Bildung. “[1]

Bildung, einer abstraktesten der Begriffe der deutschen Pädagogik; es gibt vielfältige Bedeutungen und Dimensionen dieses Begriffs. Hinzu kommt, dass dieser Begriff in keine andere Sprache übersetzt werden kann. Für viele Bildungstheoretiker gehört die Bildung zum Mensch-Sein dazu. Der Mensch unterscheidet sich in diesem Aspekt von Tieren, da er sich selbst bewusst ist. Er kann sein Handeln und Denken reflektieren und bestimmen. Er kann sein Mensch-Sein verstehen und auch gestalten, doch um mehr zu verstehen muss er sich stetig Wissen aneignen - sich bilden. Jeder Mensch hat ein individuelles Bedürfnis an Bildung und dafür auch eine individuelle Kapazität. Es gibt eine Vielfalt an menschlichen Möglichkeiten; demnach sind das Mensch-Sein und somit auch die Bildung des Menschen nicht definierbar. Die Aufgabe des deut­schen Bildungssystems ist daher Bildung für jeden - dem individuellen Bedürfnis und Anspruch entsprechend - zugänglich zu machen. Zwei mögliche Ansätze genau dieser Aufgabe sollen in dieser Hausarbeit erörtert werden.

Zunächst werde ich als Einstieg näher auf den Begriff der Bildung als pädagogische Aufgabe eingehen. Dabei orientiere ich mich an einem Aufsatz von Ursula Frost aus dem Handbuch der Erziehungswissenschaft (Mertens et al) und zeige die aktuelle Si­tuation der Bildung in Deutschland auf. Des Weiteren werde ich auf die Grundzüge der berühmten Bildungsphilosophie von Wilhelm von Humboldt eingehen. Zusammenhän­gend mit der Idee der Selbstentfaltung und der Individualisierung aus dem humboldt- schen Bildungsideal soll ein weiterer Bildungsansatz ausarbeitet werden. Hierbei wird es sich um die Bildung durch die islamische Religionspädagogik handeln, da sie pas­send zur aktuellen Integrationsdebatte und in vielerlei Hinsicht mit der humboldtschen Bildungstheorie verknüpfbar ist. Bei der Ausarbeitung des Konzepts der islamischen Religionspädagogik, werde ich auch auf die Problematik zwischen Muslimen und Nicht­Muslimen in Deutschland eingehen. Dabei wird versucht mögliche Ursachen für den Mangel an Dialog und Austausch aufzuzeigen. Als letzten Schritt, werde ich die Ansät­ze reflektieren und einen groben Vergleich machen. Insgesamt liegt der Fokus der Ar­beit auf der Idee der Selbstverwirklichung des Menschen durch Bildung und Selbstbil­dung. Die dargestellten Ansätze selbst können mögliche Lösungsmaßnahmen für die aktuellen Probleme in der Bildungspolitik und der Integrationspolitik sein; sie sollten aber zumindest einen Impuls für Lösungen geben.

II Der Bildungsbegriff in der Pädagogik

Neben der Erziehung von Kindern und Jugendlichen gehört die Bildung von Menschen zu den primären Aufgaben der Pädagogik. Die Pädagogik muss im Bereich der Bildung den jungen Menschen dazu befähigen sich ordnungsgemäß in die herrschende Struk­tur der Gesellschaft einzuordnen und sich mit einer der vielfältigen Rollen zu identifizie­ren. Sie muss angemessene Weisen des Denkens, Handelns und Redens vermitteln und den Bestand an Wissen stetig auffüllen, d.h. den Menschen immer weiterbilden. Der junge Mensch muss darauf vorbereitet werden, im Leben autonom und selbststän­dig zu handeln. Er soll sich nicht nur einem System fügen und gewisse Regeln oder Strukturen annehmen, sondern sein Handeln reflektieren und hinterfragen, indem er sich nach der wahren Wirklichkeit orientiert.[2] Was für den Menschen wahr ist, muss er selbst entscheiden und herausfinden - für dies gibt es keinen Maßstab. Durch Bildung und Wissen kann er stets seine Umgebung und sein Handeln überprüfen, dabei sollten dem Menschen nicht lediglich Informationen und Wissen über das, was ist gegeben werden. Das Individuum sollte auch über das, was noch sein kann nachdenken kön­nen. „Sie [die Pädagogik (Anm. d. Verf.)] muss Räume von Möglichkeiten eröffnen, die noch nicht besetzt sind" (Frost 2011,305) und den sich entwickelnden Menschen nicht auf herrschende Regeln reduzieren.

Wie auch Kant schon forderte, dürfen Menschen sich nicht bloß Denkweisen vor­schreiben lassen. Sie sollen mündig sein und sich ihres eigenen Verstands bedienen - dies ist heutzutage jedoch kaum noch der Fall. Die Menschen werden gerade unmün­dig und lassen andere, eventuell gebildetere Mitmenschen, für sie denken, da es be­quemer ist oder man zu feige ist anders zu denken. Genau in diesem Punkt verhilft die ordentliche Menschenbildung, frei und bestimmt zu entscheiden und zu denken. Diese Freiheit des Denkens bedarf jedoch der moralischen Erziehung und Bildung. Dem Menschen sollen Normen und Werte der Gesellschaft erklärt werden, damit er lernen kann diese zu hinterfragen. Somit ergibt sich auch, dass er sich selbst reflektieren soll, d.h. sein Mensch-Sein verstehen und nachvollziehen kann. Demnach muss und soll die Bildung den einzelnen Menschen stärken und seine Individualität fördern. Er muss sich bewusst werden, dass er als Individuum einzigartig ist und anderen Mitmenschen nicht gleichgestellt werden kann. Als Individuum hat er seine Stärken und Schwächen, die nicht mit denen der anderen gleichgesetzt werden können.[3] Doch vor allem heute ist das Risiko hoch, dass der Mensch zu einer funktionierenden Maschine wird. Die Modernisierung hat die Individualisierung des Menschen weitge­hend verdrängt und sie nahezu unmöglich gemacht. Durch die fortschreitende Wissen­schaft in allen möglichen Lebensbereichen wird die Instrumentalisierung immer mehr unterstützt. Folglich ergibt sich eine Entfremdung des Selbst - des Ichs. „Menschen werden in der modernen Gesellschaft als Massenware produziert, damit sie steuerbar und praktikabel einsetzbar sind. Genau dazu wird auch Bildung instrumentalisiert. All­gemeine Bildung verkommt zur Massenbildung.“ (Frost 2011, 309)

Mit der Argumentation Frosts zeigt sich genau die Art von Dystopie, die man immer verhindern wollte. Denn Individualität hat keinen Platz mehr: entweder verhindert sie Masse, oder Masse verhindert sie. Es lässt sich hier auch ableiten, dass Bildung Infla­tion erfahren hat. Der Wert der Bildung ist gesunken, da, wie Frost bereits erwähnt, man sie für die Bildung der Massen instrumentalisiert. Nietzsche gibt genau da eine mögliche Ursache für diesen Prozess der Inflation an: „[...] Nach der hier geltenden Sittlichkeit wird freilich etwas Umgekehrtes verlangt, nämlich eine rasche Bildung, um schnell ein geldverdienendes Wesen werden zu können und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können. Dem Men­schen wird nur so viel Kultur gestattet als im Interesse des Erwerbs ist, aber so viel wird auch von ihm gefordert.“ (Frost 2011, zit. n. Nietzsche 1980, Bd. 1, 668)

Offenbar geht es nun mehr um die finanzielle Absicherung im Leben. Es wird ein Bild der Gesellschaft vermittelt, welches zeigt, dass nur derjenige überleben kann, der Geld besitzt. Er ist durch Geld mächtiger und höher gestellt als andere in seiner Umgebung. Durch die richtige Bildung kann der Mensch demnach zu dieser finanziellen Absiche­rung kommen. Er erfährt zwar eine Bildung, die auch zeitgemäß ist, die aber gleichzei­tig auch völlig im Gegensatz zur Verwirklichung seiner Menschlichkeit steht. Man kann also sagen, dass er eine Unbildung erfährt - kein Gegensatz zur Bildung, sondern eher das „Nicht-erfolgen“ von der eigentlichen Bildung.[4] Durch diese Unbildung kann der Mensch dem Mensch-Sein kaum mehr gerecht werden. Er ist gefangen zwischen dem Wunsch der Selbstverwirklichung und dem Zwang der Einordnung in die Gesellschaft. Letztendlich scheint die Idee der Selbstständigkeit aus Zeiten des Neuhumanismus untergegangen zu sein - der Mensch ist offenbar mehr und mehr zur Marionette seiner Umgebung geworden.

III. Der Bildungsansatz von Wilhelm von Humboldt - Individualisierung und Selbstentfaltung durch Bildung

Dass der Mensch zum Instrument der Gesellschaft geworden ist, scheint nichts Neues zu sein. Bereits um 1800 setzten sich Anhänger des Neuhumanismus für die Aufklä­rung des Menschen ein. Sie waren gegen die Unterordnung des Menschen für gesell­schaftliche Zwecke und gegen die Instrumentalisierung. Ihre Ideen handelten von Bil­dung, die für jeden zugänglich ist. Jedem Menschen sollte das Mensch-Sein gestattet werden, unabhängig vom sozialen Status oder der Herkunft. Nach den Ansichten der Neuhumanisten war der Mensch schließlich erst Mensch, wenn er selbstbestimmt und selbsttätig ist und sich selbst entfalten kann - hierfür muss zunächst eine Bildung zur Ausbildung dieser Fähigkeit stattfinden. Der bekannteste unter den Neuhumanisten war Wilhelm von Humboldt (1767-1835), ein preußischer Direktor der Sektion für Kultur und Unterricht.[5] Humboldt war verantwortlich für Reformen im Bildungswesen und hat während seiner kurzen Dienstzeit (1809-1810) für eine Umstellung des Bildungswe­sens - welches sich nach der Bildungskonzeption der Antike richtete- gesorgt. Die Schule sollte von nun an viel mehr für eine Erziehbarkeit des Menschen zur Humanität sorgen und den Schüler durch die Vermittlung von fertigem Wissen auf das Leben als freies und selbstständiges Gesellschaftsmitglied vorbereiten. Dabei ist ein gemeinsa­mer und vor allem herrschaftsfreier Austausch zwischen Lehrer und Schüler von Be­deutung.

Die Wissenschaft ist nach Humboldt für alle da - sie soll als Selbstzweck gelten. In sei­ner Bildungsphilosophie gibt es drei spezifische Bereiche, welche sehr wichtig sind: der Mensch, die Welt und die Bildung. Der Mensch steht hier im Mittelpunkt, da er das Be­wusstsein über sich und über seine Umgebung, also der Welt, hat. Die Welt ist laut Humboldt eine vom Menschen geschaffene Umgebung. Dadurch, dass der Mensch seinen Fähigkeiten und seiner Kraft bewusst ist, kann er gezielt auf diese Welt einwir­ken, sie bestimmen und lenken.

[...]


[1] zit. nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)

[2] vgl. Frost, U. (2011): Bildung als pädagogischer Grundbegriff. In: Mertens, G., Frost, U., Böhm, W., La- denthin, V.(Hrsg.):Allgemeine Erziehungswissenschaft. Handbuch der Erziehungswissenschaft. Band 1. Paderborn: Schöningh, 304f

[3] vgl. a.a.O. 309

[4] vgl. Frost, U.(2011): Bildung als pädagogischer Grundbegriff. 313

[5] vgl. Schmidt, N. (2010): Ohne Bildung ist alles nichts. Eine Bildungsdebatte im Informationszeitalter. Marburg: Tectum, 53-67

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Individuation und Selbstverwirklichung durch Bildung. Zwei Ansätze zur Anwendung in Bezug auf die aktuelle Bildungspolitik
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V293365
ISBN (eBook)
9783656908296
ISBN (Buch)
9783656908302
Dateigröße
817 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
12,99 EUR
Schlagworte
Bildung, islamische Religionspädagogik, humboldtsche Bildungstheorie, Dialog, Bildungspolitik, Integration
Arbeit zitieren
Seda Ulucay (Autor), 2012, Individuation und Selbstverwirklichung durch Bildung. Zwei Ansätze zur Anwendung in Bezug auf die aktuelle Bildungspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293365

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