Die Charakterisierung der Mary Hackabout im Kupferstich "A Harlot's Progress" von William Hogarth (1732)


Hausarbeit, 2015
18 Seiten, Note: 2,3
Anonym (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Kunst und Gesellschaft Hogarths seiner Zeit
2.2 Beschreibung und Erläuterung von A Harlots Progress
2.3 Die Figur der Mary Hackabout unter genauerer Betrachtung

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

5. Abbildungsteil

1. Einleitung

„The most remarkable Subject of painting that captivated the Minds of most persons of all ranks and conditions from the greatest Quality to the meanest was the Story painted and designed by Mr. Hogarth of the Harlots Progress and the prints engravd by him and published“ (George Vertue, 1732)[1]

Vertue hat es bereits im Jahre 1732, kurz nach der Veröffentlichung des Hogarth’schen Werkes a Harlots Progress festgestellt und im Laufe der Jahrhunderte hat es sich belegt. Noch heute gilt dieses Werk als eines der Bekanntesten des Englischen Künstlers William Hogarth, der von 1697-1764 lebte. Im Rahmen des Proseminars „Kunst und Gesellschaft in England vor 1800“ an der Johann- Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main im Sommersemester 2014 beschäftige ich mich in der vorliegenden Arbeit mit dem Werk A Harlot’s Progress von William Hogarth. Besonderes Augenmerk lege ich dabei auf die Hauptperson der Mary oder Moll Hackabout. Wie und mit welcher Intension hat Hogarth Sie in seinem Zyklus dargestellt und was hat Sie für eine Wirkung für den Betrachter? Ich werde versuchen einzelne Charaktermerkmale des Mädchens aufzuzeigen, um sie in den Gesamtzusammenhang setzen, um die lehrende Funktion des Werkes zu verdeutlichen. Neben a Harlots’s Progress hat Hogarth noch weitere Werke mit ähnlichen Bildthemen erstellt wie a Rakes Progress, wo ich jedoch in der folgenden Ausarbeitung nicht näher drauf eingehen werde. Zunächst gebe ich eine kurze Einführung in die Kunst und Gesellschaft in England zu Hogarths Zeit. Darauf folgt eine ausführliche Beschreibung und Erklärung des Werkes. Anschließend gehe ich auf die Darstellung der Hauptperson ein und fasse diese am Ende nochmals zusammen.

In der Wissenschaft und in der Literatur ist Hogarth seit vielen Jahren präsent und bietet dabei mit regelmäßigen neuen Veröffentlichungen viele Ansätze. Daher ist auch die vorhandene Literatur sehr breit gefächert. Die Werke von Hogarth wurden im Laufe der Jahre oftmals beschrieben und analysiert. Vor allem Georg Friedrich Lichtenberg „war unstreitig der subtilste Hogarth-Deuter seiner Zeit“[2]. Diese Beschreibungen wurden in den letzten Jahren immer wieder von der internationalen Wissenschaft aufgefasst und analysiert, wie im Band von Johann Joachim Eschenbach der alle Rezensionen von Lichtenberg zum Thema Hogarth zusammenfassend kommentiert hat. Neben diesem werde ich mich für meine Arbeit an weiterer Literatur bedienen. Besonders habe ich mich mit dem Werk von Hans- Peter Wagener aus dem Jahre 2013 beschäftigt, der einen umfangreichen Einblick in das Graphische Werk Hogarth gib, aus einer zeitgenössischen Betrachtung. Des Weiteren bediene ich mich mit dem Standartwerk von Frederick Antal über Hogarth und seine Stellung in der europäischen Kunst, der Dissertation von Peter de Voogd über Henry Fielding und William Hogarth, sowie einem kritischen Aufsatz von Guido Boulboullè aus dem Jahre 1979.

2. Hauptteil

2.1. Kunst und Gesellschaft Hogarths seiner Zeit

In England des 18. Jahrhundert war die einzige Klasse mit einer künstlerischen Tradition die Aristokratie, von denen die Mehrheit ein sehr bequemes und luxuriöses Leben führte, was wenig mit dem Leben der „Unterschicht“ gemein hatte. Dementsprechend waren auch die meisten Kunstwerke, geprägt vom „Geschmack des Hofes zum Barock-Rokoko französischer und italienischer Art.“[3] Natürlich fertigte auch Hogarth Werke nach den Vorstellungen der Aristokratie an, und war zweifellos einer der erfolgreichsten Britischen Barockmaler seiner Zeit[4], jedoch erstellte er auch immer wieder Werke mit für die damalige Zeit ungewöhnlichen und satirischen Bildthemen.[5] Hogarth hat sich zu seinen Lebzeiten, im Gegensatz zu anderen Künstlern seiner Zeit, sehr mit der Literatur von Locke und Hume beschäftigt, welche seine Schaffensweise beeinflusst haben. Jedoch war er kein Gelehrter wie beispielsweise Dürer, welche sich in Traktaten mit einer Weiten Anzahl an Themen auch schriftlich auseinandergesetzt haben.[6] Hogarth hat große Einflüsse aus seiner Zeit in London, die er auch in diesem Werk verarbeitet hat. Fünf von Hogarths Zyklen behandeln Lebensläufe von denen die meisten gescheitere sind. Ihnen wurden, neben den moralischen Belehrungen, hohe Ansprüche zugewiesen und stellen nach Boulboullè ein neues Genre dar, das sogar die Historienmalerei übertrifft weil es „die herkömmlichen biblischen und mythologischen Themen durch gleichwertige Darstellungen aus dem Alltagsleben ersetzt“[7]. Antal sagt dazu, „daß Hogarth klare Vorstellungen von der Übereinstimmung des Stils mit gesellschaftlichen Normen gehabt haben muß und folgerichtig die Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten in verschiedener Weise porträtierte“.[8] Der hier behandelte Kupferstich zählt neben The Rakes Progress zu den Werken Hogarths, die sich mit dem niedrigeren Volk beschäftigt. The Harlot’s Progress hat ihm als zentrales Werk zu seinem Ruhm verholfen, und erhielt großen Beifall,[9] es war gleichzeitig auch sein erster Großer Erfolg 1732.[10]

2.2 Beschreibung und Erläuterung von A Harlots Progress

Das Werk „a Harlot’s Progress“ oder „Lebenslauf einer Hure“ von William[11] Hogarth aus dem Jahre 1732 ist ein Zyklus bestehend aus sechs Platten. Es ist sozusagen ein „gemalter Roman“[12]. Da der Kupferstich 1745 an William Beckford verkauft und bei einem Feuer 1755 zerstört wurde, sind jegliche Diskussionen über The Hartlot‘s Progress auf Grundlage der Drucke.[13] In den sechs Platten wird die Lebensgeschichte einer jungen Näherin, ein einfaches Mädchen vom Lande erzählt. Es ist laut der aktuellen Literatur nicht sicher, ob ihre Initialen M H, welche auf einer Truhe zu lesen sind am ersten Bild (Abb.1), für Mary oder Moll Hackabout stehen[14]. Meiner Ansicht nach wird sie von der Mehrheit der bisherigen Rezipierenden Mary genannt, deshalb werde ich im weiteren Verlauf mit dem Namen Mary Hackabout arbeiten.[15]

Das erste Bild (Abb.1) des Zyklus zeigt die Ankunft der Mary Hackabout in einem Planwagen in einer Gasse in London. Sie ist ein unschuldiges, naives und beschütztes Mädchen vom Land und Tochter eines armen Dorfpriesters. Sie gelangt in die Hände der Mother Needham, einer stadtbekannten Kupplerin. Es war nichts ungewöhnliches, das Mädchen auf einem Planwagen in die Stadt gebracht wurden, da ihnen oftmals das Geld für eine Kutsche fehlte. Man könnte überspitzt behaupten, dass es den Anschein eines Sklavenmarktes macht. Die Mädchen wurden an zentralen Plätzen abgeliefert, wie am Bild (Abb.1) zu sehen, sodass Interessenten, die ein Dienstmädchen benötigten, vorbeikommen konnten um eines der Mädchen im eigenen Haushalt einzustellen. Neben den Interessenten für Dienstmädchen waren jedoch immer noch andere Personen anwesend, wie in diesem Fall die Mother Needham und Colonnel Charteris, die die Mädchen für gewöhnlich auf den falschen Weg brachten.[16] Charteris war zu der Zeit ein Glücksspieler und Betrüger, der „gehasst und gefürchtet war als Verführer junger Mädchen“.[17] Mother Needham war eine Stadtbekannte Kupplerin, die im Auftrag von Charteris arbeitete[18]. Auf dem zweiten Bild (Abb. 2) ist das Mädchen in der Pose einer Verführerin, und scheinbar auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn. Doch in Wahrheit ist sie schon am Abgrund, denn sie wird von einem reichen Juden als Mätresse gehalten und damit ist sie auch nicht die einzige von Ihm. Es scheint sie aber dem freudigen Gesichtsausdruck zu urteilen, nicht zu stören. Sie befindet sich in einem wohlhabenden Haushalt, was man unter anderem an dem dunkelhäutigen, verkleidetem Diener und dem Affen erkennen kann. Sie sitzen an einer Teetafel, doch Mary streitet sich mit dem Liebhaber und tritt aus Verachtung den Teetisch um. Dies dient der Ablenkung, denn im Hintergrund versuchen sich zwei Personen heimlich zurückzuziehen. Der Blick von Mary ist ziemlich obszön und sie streckt ihren rechten Arm in die Richtung des Kaufmanns. Sie trägt bereits sogenannte Schönheitspflaster auf der Stirn, was ein Anzeichen für eine mögliche Syphilis sein könnte.[19] Im Hintergrund hängen zwei Bilder an der Wand die bekannte Episoden aus dem Alten Testament zeigen: links der mit Gott hadernde Jona und rechts die Einholung der Bundeslade nach Jerusalem, mit dem tanzenden David an der Spitze.[20] Sie steigt immer weiter ins Elend herab und wird zu einer gewöhnlichen Prostituierten, was auf der dritten Tafel (Abb.3) zu erkennen ist. Dort sitzt sie auf einem Bett in einem elenden Zimmer, in dem sie auch Ihr Gewerbe treibt. Sie hält eine Uhr in der Hand die sie womöglich von einem Stadtbekannten Straßenräumer, Jacob Dalton, erhalten hat[21]. Im Gegensatz zu der Behausung des reichen Juden ist hier alles sehr elend, was man daran erkennt, dass weder ein Affe noch ein Diener mit Teekessel vorhanden ist. Stattdessen gießt eine ältere und ungepflegte Dienerin Milch aus einem Milchmaas aus einfachem Blech, und die Butter liegt auf einem einfachen gedruckten Papier am Nachttisch. Es kommt eine Magistratsperson aus Westminster, bei dem es sich wahrscheinlich um den Londoner Sir John Gonson handelt[22], zur Tür hinein um sie aufgrund der Prostitution zu verhaften und in ein Zuchthaus zu verbannen. Dort befindet sie sich im Folgenden Bild des Zyklus (Abb. 4). Es ist ein schäbiges, elendes und volles Zuchthaus. Sie trägt noch den geborgten Schmuck des vorigen Abends und ist bereits unter der Zuchtrute des Verwalters. Hinter Mary steht vermutlich die Frau des Aufsehers und spottet über Ihre Bänder und Aussehen. In dem Raum befinden sich viele weitere Sünderinnen, die sich am im Vergleich mit Mary mehr mit ihrer aussichtslosen Situation abzufinden scheinen. An den Wänden hängen alte Kleidungsstücke sowie die Lumpen der schwarzen und weißen Frauen. An der rechten Seite sitzt die Dienerin und lacht über das Schicksal der Mary. Die Schuhe und Strümpfe sind die letzten Habseligkeiten der vorigen „Herrlichkeit“. Das fünfte Bild (Abb. 5) zeigt Mary Hackabout im Sterben. Sie ist an aufgrund Ihrer Tätigkeiten und mangelnder Hygiene an einer tödlichen Geschlechtskrankheit, wahrscheinlich Syphilis, erkrankt. Im dem schäbigen und schmutzigen Raum streiten sich vor Ihr zwei Ärzte über Ihre Behandlung doch es ist schon alles zu spät. Laut De Voogd handelt es sich bei den Ärzten um „the quacks Misaubin and Rock“[23]. Das Bild ist ein Abbild des menschlichen Übels. Die beiden Ärzte sind beide nicht sehr qualifiziert, was ihre aussichtslose Diskussion bestätigt, in der sie mehr mit sich selbst als mit der Patientin beschäftigt sind. Einer hält eine Pillen Dose in der Hand und der andere eine Mixtur mit dem Stock. Der Raum ist in einem sehr chaotischen Zustand. Stühle und Tische liegen auf dem Boden, und rechts spielt ein Junge am Kamin, welcher wohl ihr Sohn ist. Einzig und allein die Dienerin scheint sich „noch“ um sie zu kümmern. Das letzte und sechste Bild (Abb. 6) des Zyklus zeigt die Beerdigung des Mädchens. Auf dem ersten Blick ist es eine Versammlung trauender Menschen um Ihren Sarg, doch in Wirklichkeit dient diese Feierlichkeit nur als Mittel zum Zweck. In dem Raum haben sich verschiedene Leute versammelt denen aber der Tod ziemlich gleichgültig zu sein scheint. Sie trinken Branntwein und benutzen den Sarg als Schenk- und Abstelltisch. Im Hintergrund betrachtet sich jemand gelangweilt im Spiegel, vorne schaut sich jemand in Ruhe den Sarg an, als sei es eine Babywiege. Ein paar sind auch am Weinen, darunter ihre ehemalige Dienerin und scheinbar einzige treue Wegbegleiterin. Der Totengräber (rechts) macht sich an eines der Mädchen ran, die ihm zwar schöne Augen macht, ihm aber gleichzeitig das Schnupftuch aus der Tasche stiehlt. Links sitzt der Priester, bei dem es sich aber um einen Bösewicht handelt, mit einem Wein in der linken Hand und die rechte Hand ist unter seinem Gewand (wahrscheinlich in der Hose). Unter dem Sarg befindet sich ein spielendes Kind mit einem schwarzen Umhang, was vermutlich ihr eigenes ist. Alles in allem Verhalten sich alle sehr ungesittet auf.

Die Serie gab es bereits einige Zeit zuvor in Form einer Fassung als Gemälde, welches für die Oberschicht gedacht war, und dort aufgrund der obszönen Darstellungen für Aufsehen gesorgt hat[24]. Wie bereits erwähnt war die Abbildung sehr berühmt und man ist ihr in damaliger Zeit in Hotelzimmern, auf Kaffeetassen und Sonnenfächern begegnet.[25] Hogarth wollte mit diesem Werk bewusst auf die Gesellschaftlichen Missstände aufmerksam machen und eine breite Masse ansprechen. Sein Ziel war es die ungetrübte Wirklichkeit darzustellen und eine abschreckende und somit lehrende Wirkung zu erzielen.[26] Die Szene erscheint alltäglich und war für diese Zeit nichts Besonderes.[27] Von daher ist die Geschichte des Werks ist auf den ersten Blick sehr leicht und hat einen simplen Inhalt. In Harlot’s Progress befinden sich erkennbare Charaktere aus dem „echten Leben“ damals, welche mit der Umgebung in London in Verbindung gebracht werden können. Die Umgebungen sind familiär, sodass jeder regionale Betrachter der Zeit sie kennen sollte und eigene Assoziationen dazu hat, welchen den Realitätsbezug der Abbildungen unterstreicht[28]. Der Zyklus ist wie eine Novelle aufgebaut, und behandelt verschiedene in sich geschlossene Kapitel mit einem klaren Schluss, außerdem hat es laut der Argumentation von Robin Simon ein eigenes Raum- und Zeitgefüge.[29] Mit dem Bilderzyklus wurde von Hogarth ein neues Genre erschaffen, die „modern moral subjects“, mit denen er sogar Historienmalerei übertrumpfen wollte.[30]

2.3 Die Figur der Mary Hackabout unter genauerer Betrachtung

Hogarth wird von der gesamten Wissenschaft verschieden Interpretiert, was von Wagner treffend formuliert wurde: „Was die Bedeutung des Hogarth‘schen Werkes betrifft, so muss zunächst gesagt werden, dass „Hogarth“ eine Konstruktion ist. Vom 18. Jahrhundert bis heute schuf sich jede Epoche ihren „Hogarth“. Daher ist das Verständnis seines Werkes zu sehen zu dieser (Re-)Konstruktion des Künstlers“[31]. Dies gilt auch für die Interpretation der Mary oder Moll Hackabout. Im Laufe der Jahre haben sich zahlreiche Wissenschaftler mit ihr beschäftigt. Wie bereits dargestellt (S.3) ist unklar wie ihr Vorname lautet, es lässt sich auch nicht weiter untersuchen, da in dem Werk nicht mehr Informationen gegeben sind als ihre Initialen (Abb.1). Da sie „nur“ ein Mädchen vom Land war, gibt es auch keine historischen Verweise auf sie, weil dies zu der Zeit, in der die Aristokratie sehr großen Einfluss hatte, unüblich war. Es wird angenommen, dass Hogarth die Inspiration der Figur Mary Hackabout von The Beggar’s Opera von John Gay gefunden hat, sowie am Roman Moll Flanders (1722) von Daniel Defoes.[32] In der Oper geht es um die sogenannte Polly, welche ein schönes, schüchternes, unbedarftes und romantisches Mädchen ist. Hogarth hat der Oper auch ein Gemälde gewidmet welches eine Szene zeigt. Das Buch heißt „die fiktionale und moralisierte Autobiographie einer ehemaligen Dirne und Taschendiebin.[33] Die Hauptfigur Mary findet sich bereits im Titel wieder, denn in the Harlots Progress steckt das Wort „Harlot“ drin, was ein „archaisch-biblisches Wort für „whore“ (Hure) ist, und den Betrachter auf „Vorbilder“ für die Antiheldin der Serie im Alten und Neuen Testament verweist.[34] Mary ist in diesem Fall die „Harlot“ und ihre Situation scheint von Beginn an aussichtslos zu sein. Einzig und allein das zweite Bild des Zyklus (Abb. 2) zeigt eine scheinbar gute Situation, doch dieser Schein trügt, was aber Mary wohl nicht bewusst ist. Die Szene, dass Mary ihr Verhalten nicht zum Eigennutz haben kann. Mary handelt nämlich nicht aus einem inneren Interesse, sondern immer noch einem der gesellschaftlichen Illusion, dass sie die reale Lage nicht erkennen lässt. Durch die Darstellung dieser Armhaltung in dem Zyklus wird die höfische Verhaltenskultur attackiert, die in solchen Posen zu Ihrer Selbstdarstellung gelangt. Mit diesen Verhaltensweisen kann man der Gesellschaft vortäuschen, was man nicht ist und der repräsentative Anspruch ist deshalb lächerlich. Boulboullè sagt, dass somit zwischen einer Göttin und einer Hure keine Differenz besteht. Mary wirkt durch die Darstellung solcher Etikette lächerlich und fällt in die Opferrolle.[35] Angenommen das Bild des Zyklus wäre ein eigenständiges Werk, würden die Rezensionen sicherlich anders aussehen. Durch die Funktion der sogenannten „Antiheldin“[36] bekommt Mary eine lehrende Funktion für den Betrachter. Meiner Meinung nach stellt dieses Bild des Zyklus die endgültige Wende da und hat den größten Lehrenden Wert des Zyklus. Das Mädchen ist geblendet vom Reichtum Ihres Gönners und fühlt sich einem höheren Stand zugehörig und akzeptiert. Diese Vermutung bestätigt das selbstbewusste und scheinbar sichere Auftreten, denn sie hat keine Scheu davor den reichen Mann durch das umtreten des Tisches in Rage zu bringen und dementsprechende Konsequenzen dafür zu erleiden. Mit der Ankunft in London hatte sie den Traum einer besseren Zukunft, so wie es viele junge Frauen in dieser Zeit hatten und schnell geblendet wurden von vermeintlichen Hoffnungs-trägern.[37] Es lässt sich feststellen, dass von Hogarth sicherlich die schnelle Änderung der Situation in der Konzeption seines Werkes beabsichtigt wurde, denn bereits im dritten Bild (Abb. 3) wird sie wegen Prostitution und den Beziehungen zu Gaunern festgenommen. Zu dem Zeitpunkt befindet sie sich zusätzlich bereits in ärmlichen, schmutzigen und kränklichen Verhältnissen, worauf sie später mit ihren Leben büßen wird (Abb. 5+6). Es wird nun ersichtlich, wieso Mary in der Literatur als gut-gläubiges und naives Mädchen bezeichnet wird, der es scheinbar nicht bewusst war, dass in einer großen Stadt nicht alle gutmütig zu ihr sein werden. Ansätze aus der Wissenschaft argumentieren folgendermaßen. Dazu gibt es etliche Diskussionen um den Moralischen Wert und des Zweck des kompletten Zyklus und auch über die Figur der Mary Hackabout selbst. Laut Boulboullè lassen die neuen gesellschaftlichen Moralvorstellungen des englischen Bürgertums Zweifel aufkommen sich gesellschaftlich zu behaupten[38], was Mary in der Zeit bei dem reichen Mann versucht hat zu tun (Abb. 2). Frederick Antal hingegen schreibt die Moral des Werkes ist, dass lediglich auf die tödlichen Gefahren aufmerksam gemacht wird, die einer Frau bei unmoralischen Lebenswandel drohen[39]. Laut Paulson verfolgt das Werk keinen solchen einfachen moralischen Zweck, vielmehr zeigt Hogarth ein „neues Schema von Handlung und Konsequenz“[40], bei dem jede Handlung Folgen hat, eine schlechte sogar tödliche wie am Beispiel der Hure. Laut ihm ist Mary Hackabout „sowohl ein Opfer der Gesellschaft mit der sie sich einlässt, als auch ein Opfer ihrer Närrischen Leichtgläubigkeit“[41].

[...]


[1] De Voogd, Peter Jan: Henry Fielding and William Hogarth 1981, S. 59

[2] Eschenburg, Johann Joachim: Über William Hogarth und seine Erklärer 2013, S. 71

[3] Antal, Frederick: Hogarth und seine Stellung in der europäischen Kunst 1966, S. 66

[4] Ebd., S. 68

[5] Wagner, Hans-Peter: William Hogarth Das graphische Werk 2013, S. 1

[6] Vgl: Bindman, David et al.: Hogarth 2001, S. Preface

[7] Boulboullé, Guido: Über die Schwierigkeit, ein Bürger zu werden. 1979, S. 49

[8] Antal, Frederick: Hogarth und seine Stellung in der europäischen Kunst 1966, S. 87

[9] Vgl. Eschenburg, Johann Joachim: Über William Hogarth und seine Erklärer 2013, S. 25

[10] Vgl:Wagner, Hans-Peter: William Hogarth Das graphische Werk 2013, S. 3

[11] Vgl: De Voogd, Peter Jan: Henry Fielding and William Hogarth 1981, S. 59

[12] Juranek, Christian: Laster, Betrug und Irrsinn 2006, S. 5

[13] Vgl: De Voogd, Peter Jan: Henry Fielding and William Hogarth 1981, S. 59

[14] Vgl: Wagner, Hans-Peter: William Hogarth Das graphische Werk 2013, S. 61

[15] Siehe dazu beispielsweise Boulboullé, Guido: Über die Schwierigkeit, ein Bürger zu werden. 1979, oder Paulson, Ronald: Hogarth 1991, welche sie als Mary bezeichnen, De Voogd, Peter Jan: Henry Fielding and William Hogarth 1981 und Wagner, Hans-Peter: William Hogarth Das graphische Werk 2013 bezeichnen sie als Moll. Daher kommt die Wissenschaft wohl zu keinem eindeutigen Ergebnis.

[16] Vgl: Boulboullé, Guido: Über die Schwierigkeit, ein Bürger zu werden. 1979, S. 55

[17] Vgl: Wagner, Hans-Peter: William Hogarth Das graphische Werk 2013, S. 61

[18] Vgl: Ebd., S. 61

[19] Vgl: Ebd., S. 61

[20] Vgl: Ebd., S. 63

[21] Anm.: sein Name steht auf der Perückenschachtel über ihrem Bett.

[22] Vgl: De Voogd, Peter Jan: Henry Fielding and William Hogarth 1981, S. 61

[23] Ebd., S. 61

[24] Vgl:Wagner, Hans-Peter: William Hogarth Das graphische Werk 2013, S. 3

[25] Vgl: Juranek, Christian: Laster, Betrug und Irrsinn 2006, S. 5

[26] Vgl: Ebd., S. 5

[27] Vgl:Boulboullé, Guido: Über die Schwierigkeit, ein Bürger zu werden. 1979, S. 55

[28] Vgl: Simon, Robin: Hogarth, France and Brithish Art 2007, S. 226

[29] Vgl: Simon, Robin: Hogarth, France and Brithish Art 2007, S. 226

[30] Vgl:Wagner, Hans-Peter: William Hogarth Das graphische Werk 2013, S. 58

[31] Ebd., S. 5

[32] Vgl: Paulson, Ronald: Hogarth 1991, S. 239–240

[33] Vgl: Wagner, Hans-Peter: William Hogarth Das graphische Werk 2013, S. 58

[34] Ebd., S. 58

[35] Vgl: Boulboullé, Guido: Über die Schwierigkeit, ein Bürger zu werden. 1979, S. 52

[36] Vgl: Ebd., S. 51

[37] Vgl: Paulson, Ronald: Hogarth 1991

[38] Vgl: Boulboullé, Guido: Über die Schwierigkeit, ein Bürger zu werden. 1979

[39] Vgl: Antal, Frederick: Hogarth und seine Stellung in der europäischen Kunst 1966

[40] Vgl: Boulboullé, Guido: Über die Schwierigkeit, ein Bürger zu werden. 1979, S. 50 und Paulson, Ronald: Hogarth 1991

[41] Boulboullé, Guido: Über die Schwierigkeit, ein Bürger zu werden. 1979, S. 50

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Details

Titel
Die Charakterisierung der Mary Hackabout im Kupferstich "A Harlot's Progress" von William Hogarth (1732)
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V293425
ISBN (eBook)
9783656908753
ISBN (Buch)
9783656908760
Dateigröße
1147 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
England, Kunst, Frühe Neuzeit, Hogarth, Geschichte, Geselschaft, A Harlots Progress
Arbeit zitieren
Anonym (Autor), 2015, Die Charakterisierung der Mary Hackabout im Kupferstich "A Harlot's Progress" von William Hogarth (1732), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293425

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