In den abendländlich geprägten Gesellschaften wird Wissen »zu allen Zeiten eine hohe Bedeutung beigemessen« , da es Einblicke in die Lebensweise und Kultur eines Volkes ermöglicht und durch Überlieferungen das Fortbestehen einer Gesellschaft sichert. Seit dem Altertum drängt es Gesellschaften deswegen dazu, vorhandenes Wissen zusammen zu tragen und (an einem Ort) zu sammeln. Die Verbreitung der Literalität und die Erfindung des Buchdrucks haben dazu beigetragen, dass ehemals mündliche Überlieferungen in eine langzeitige Speicherung erfasst und aufbewahrt werden können. Als Ort dieser Wissensspeicherung hat sich, neben Universitäten, Museen und Archiven, die Bibliothek etabliert, wobei jede Bibliothek über ihr eigenes System der Aufbewahrung verfügt.
Im Folgenden wird die These vertreten, dass durch die Einführung von Deweys Idee, ein grundlegendes weltweites Ordnungssystem für Bibliotheken zu etablieren, die Merkantili-sierung von Wissen, wie sie bei Lyotard angesprochen wird, stattfindet.
Hierfür wird zuerst der Fokus auf die Ökonomisierung des Wissens gelegt und die Theorie in ihren Facetten beleuchtet. Anschließend wird die Dewey Dezimalklassifikation in ihrer Bedeutung als Klassifikation aufgezeigt und auf die vorangestellte Theorie angewandt. Wie weit sich diese in ihrer Funktion der Ökonomisierung ausbreitet, soll in einem weiteren Verlauf an dem Gegenstand der Bibliothek aufgezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Bedeutung von Wissen in der Gesellschaft
2. Die Merkantilisierung von Wissen
3. Die Dewey-Dezimalklassifikation: Ein Geniestreich?
4. Die Bibliothek als Ort des Wissens
5. Schlussfolgerung
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Einführung der Dewey-Dezimalklassifikation und der von Jean-François Lyotard beschriebenen Merkantilisierung von Wissen. Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch die Rationalisierung und ökonomische Strukturierung des Wissens in Bibliotheken dieses zunehmend als Ware betrachtet und verwaltet wird.
- Die theoretischen Grundlagen der Ökonomisierung von Wissen nach Lyotard.
- Die historische Entwicklung und Funktionsweise der Dewey-Dezimalklassifikation.
- Die Analyse der Bibliothek als Institution des öffentlichen Informationswesens unter ökonomischen Gesichtspunkten.
- Der Wandel der Bibliothek von einer reinen Büchersammlung zur Dienstleistungseinrichtung.
- Das Spannungsfeld zwischen Wissensbewahrung und wirtschaftlichem Handeln.
Auszug aus dem Buch
Die Merkantilisierung von Wissen
1982 erscheint Jean-François Lyotards Werk DAS POSTMODERNE WISSEN erstmals in deutscher Sprache. Wie schon zuvor in Frankreich, Amerika und Italien avanciert der Aufsatz zu einem Schlüsseltext der allmählich aufkommenden Diskussion um die Postmoderne.
Lyotard selbst beschreibt den Text als eine Gelegenheitsarbeit »über das Wissen in den höchstentwickelten Gesellschaften«.10
Ausgehend von Wittgensteins Theorie der Sprachspiele entwickelt Lyotard Ansätze zu einem neuen Umgang mit der Postmoderne und prägt damit das philosophische Verständnis des Begriffs der Postmoderne grundlegend. Er versucht in seinem Aufsatz, den zu Ende des 20. Jahrhunderts einsetzenden, fundamentalen Umbruch der Gesellschaftstechnologien zu erfassen. Das prognostizierte Ende der »großen Erzählungen« von Freiheit und Aufklärung erschüttert den eingefahrenen Glauben an Konsens und Wissenschaft als interessefreien Raum und führt konsequent die Aporien des »Projekts Aufklärung« vor.
Im ersten Punkt seiner Ausführung zur Analyse des postmodernen Wissens wendet sich Lyotard dem Wissen im Zusammenhang mit Wirtschaftlichkeit und Ökonomie zu. Er stellt die Behauptung auf, dass das »alte Prinzip, wonach der Wissenserwerb unauflösbar mit der Bildung des Geistes und selbst der Person verbunden« ist an Gültigkeit verliert. Die neue Charakteristik des Wissens zeichnet sich laut Lyotard durch seine »Wertform« aus: »Das Wissen ist und wird für seinen Verkauf geschaffen werden, und es wird für seine Verwertung in einer neuen Produktion konsumiert und konsumiert werden: in beiden Fällen, um getauscht zu werden«.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Bedeutung von Wissen in der Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert die historische Bedeutung der Wissensspeicherung und führt in die Fragestellung ein, wie Klassifizierungssysteme die Verwaltung von Wissen beeinflussen.
2. Die Merkantilisierung von Wissen: Hier wird Lyotards Theorie der Ökonomisierung von Wissen dargelegt und untersucht, wie Wissen in der Postmoderne zunehmend einen Warencharakter annimmt.
3. Die Dewey-Dezimalklassifikation: Ein Geniestreich?: Das Kapitel beschreibt die Entstehung der Dewey-Dezimalklassifikation und analysiert deren Beitrag zur effizienten, rationalisierten Ordnung von Wissen.
4. Die Bibliothek als Ort des Wissens: Hier wird der Funktionswandel der Bibliothek beleuchtet, die sich zunehmend als wirtschaftliche Dienstleistungseinrichtung begreifen muss.
5. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, dass Deweys Klassifikationsansatz die Ökonomisierung von Wissen durch Effizienzsteigerung und Standardisierung maßgeblich unterstützt hat.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der in der Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Dewey-Dezimalklassifikation, Merkantilisierung, Wissen, Ökonomisierung, Bibliothek, Wissensspeicherung, Jean-François Lyotard, Warencharakter, Klassifizierungssystem, Bibliothekswesen, Dienstleistung, Rationalisierung, Wissensmanagement, Postmoderne, Informationsgesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie moderne Klassifizierungssysteme, insbesondere die Dewey-Dezimalklassifikation, dazu beitragen, Wissen ökonomisch zu strukturieren und als handelbare Ressource aufzubereiten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit verbindet medienwissenschaftliche Theorien über die Ökonomisierung von Wissen mit der praktischen bibliothekarischen Arbeit und deren geschichtlicher Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Bestrebungen nach einer weltweit gültigen, effizienten Klassifizierung von Wissen die "Merkantilisierung" dieses Wissens im Sinne von Lyotard vorantreiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie philosophische Ansätze (Lyotard) auf konkrete bibliothekarische Klassifikationssysteme (DDC) und institutionelle Entwicklungen anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst Lyotards Theorie der Merkantilisierung erläutert, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Dewey-Dezimalklassifikation und der abschließenden Betrachtung der Bibliothek als öffentlicher Dienstleister.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Merkantilisierung, Dewey-Dezimalklassifikation, Wissensökonomie, Bibliotheksverwaltung und Warencharakter des Wissens.
Inwiefern hat die Dewey-Dezimalklassifikation die Wissensverwaltung verändert?
Dewey ermöglichte durch einheitliche, ortsunabhängige Dezimalzahlen eine effizientere und kostengünstigere Archivierung, was maßgeblich zur Standardisierung und damit zur ökonomischen Vergleichbarkeit von Wissen beitrug.
Warum wird die Bibliothek heute vermehrt als "Dienstleister" bezeichnet?
Aufgrund des Drucks zur Effizienzsteigerung und einer veränderten Zielgruppenorientierung agieren moderne Bibliotheken vermehrt mit Instrumenten des Marketings und Kundenmanagements, ähnlich wie wirtschaftliche Unternehmen.
- Arbeit zitieren
- Noemi Haderlein (Autor:in), 2014, Dewey, die Funktion der Bibliothek und die Merkantilisierung des Wissens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293462