In unserer heutigen Gesellschaft werden die kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Systeme oft für Phänomene wie z. B. Globalisierung, Klimawandel, Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit, Managergier, Korruption usw. verantwortlich gemacht (vgl. exemplarisch Hedtke 2008a, S. 457). Bereits seit den 1960er-Jahren üben links-liberale Autoren derartige Gesellschaftskritik aus. In vergangener Zeit hat z. B. die Occupy-Bewegung oder der konservative Buchautor und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Frank Schirrmacher medienwirksam die Macht der Ökonomie in Frage gestellt.
In allen Argumentationen wird der dem Eigennutzen folgende Mensch, der sein Leben als eine einzige Gewinn- und Verlustrechnung in einer von sozialen Beziehungen geprägten Welt darstellt, als Ursache ausgemacht. Der sogenannte homo oeconomicus sei in allen Lebensbereichen menschlichen Handelns wiederzufinden (vgl. Engartner / Krisanthan 2013, S. 243 f.). Dabei ist zu beachten, dass gesellschaftliche Wertvorstellungen das Ergebnis komplexer Bildung-, Erziehungs- und Sozialisationsprozessen ist. Gerade in einem für diese Prozesse wichtigen Bildungssystem hat Ökonomie auch bereits Einzug gehalten, was z. B. alleine schon an Schlagworten wie Humankapital, Wettbewerb autonomer Schulen und Hochschulen, Output-Orientierung, Leistungsmessung und Evaluation oder Bildungsstandards deutlich wird (vgl. Krautz 2007, Pos. 53). Auch ökonomische Bildung ist von diesem Trend ergriffen: Obwohl diese von verschiedenen Denkschulen geprägt ist, ist von den Kritikern oft von einer eindimensionalen ökonomischen Sichtweise die Rede.
Die vorliegende Arbeit skizziert eingangs anhand des Buchs Des Menschen Wolf von Jürgen Freimann die Phänomene, Ursachen und Auswege der Ökonomisierung unserer Gesellschaft. Im Anschluss werden die Ansätze der modernen ökonomischen und sozio-ökonomischen Bildung pointiert vorgestellt, um diese dann auf der Grundlage des Buches von Freimann zu erörtern. In einem nächsten Schritt werden auf Grundlage dieser Erörterung Thesen bzw. Hypothesen für die berufliche Bildung aufgestellt und argumentativ begründet. Im abschließenden Fazit erfolgen eine Rekapitulation der zentralen Ergebnisse sowie eine kritische Reflexion dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
1 Ökonomisierung der Gesellschaft nach Freimann: Phänomene, Ursachen, Auswege
2 Ansätze ökonomischer Bildung
2.1 Ansatz der modernen ökonomischen Bildung
2.2 Ansatz der sozio-ökonomischen Bildung
3 Erörterung des Ansatzes von Freimann im Spannungsfeld der modernen ökonomischen und sozio-ökonomischen Bildung
4 Übertragung auf die berufliche Bildung
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht kritisch die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft und deren Auswirkungen auf das Bildungssystem. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie berufliche Bildung gestaltet sein muss, um einer eindimensionalen ökonomischen Sichtweise entgegenzuwirken und zur Entwicklung autonomer, mündiger Persönlichkeiten beizutragen.
- Analyse der Ökonomisierung nach Jürgen Freimann
- Gegenüberstellung moderner und sozio-ökonomischer Bildungsansätze
- Kritische Beleuchtung des Lernfeldkonzepts in der Berufsbildung
- Entwicklung von Hypothesen für eine nachhaltige berufliche Bildung
- Förderung von Urteilsfähigkeit und kritisch-reflexiver Bildung
Auszug aus dem Buch
Ökonomisierung der Gesellschaft nach Freimann: Phänomene, Ursachen, Auswege
Wir leben in einer Gesellschaft, dessen Zustand vorwiegend in Geldgrößen gemessen wird: Sozialprodukt, Exportüberschuss, Tarifabschlüsse, Konsumausgaben, Triple-A-Rating. Ob die Menschen sich wohlfühlen, gesund und glücklich sind, mit ihrer Arbeits- und Wohnsituation zufrieden sind oder der Umgang mit Mitmenschen und der Natur, spielt offenbar keine wichtige Rolle. Dabei soll doch gerade die Wirtschaft den Menschen ein gutes Leben ermöglichen. So stellt Freimann fest: „Geld regiert die Welt“ (2013, S. 10). Die Herrschaft des Geldes führt zu sozialen Ungleichheiten, übermäßigem Ressourcenverbrauch, Klimawandel oder ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Politiker folgen den geldökonomischen Gesichtspunkten in der Hoffnung auf wirtschaftliches Wachstum zur Lösung der Probleme, missachten aber die begrenzten Ressourcen und Belastbarkeit der Umwelt. Es wird versucht das Verhalten der Menschen in dieser Gesellschaft mit dem Handlungsmuster des homo oeconomicus zu erklären. Diese fiktive Modellfigur hat sich längst zu einer realen Handlungsmaxime entwickelt, denen sich die Menschen unterwerfen und somit dem Geld den Status eines Herrschers über sich und die Welt verschafft haben (vgl. ebd., S. 5 ff.).
Bei der Ursachenforschung der Phänomene analysiert Freimann alle Akteure, die im Wirtschaftsleben eine wechselseitige Rolle spielen: die Konsumenten, die Produzenten – Unternehmer und Arbeitnehmer – und die Politiker. Die Preissensibilität der Konsumenten und die fortschreitende Globalisierung erfordern von den Produzenten Kostensenkungen, um im nationalen und internationalen Markt konkurrenzfähig zu sein. Gleichzeitig entwickeln die Produzenten immer neue Marketingstrategien für Produkte und Leistungen und stellen damit nicht die Bedürfnisbefriedigung der Konsumenten, sondern die Schaffung von zahlungskräftiger Nachfrage in den Vordergrund. Die oft rigorosen Kosteneinsparungen und gezielte Manipulation der Konsumenten zu Gunsten des Absatzes werden von ihnen durch die Maximierung des Shareholder Value legitimiert.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Erläutert die Entscheidung zur Verwendung der maskulinen Sprachform aus Gründen der Lesbarkeit und Ästhetik bei gleichzeitigem Anspruch auf Geschlechtsneutralität.
Einleitung: Führt in die Kritik an kapitalistischen Systemen ein, stellt den homo oeconomicus als dominantes Modell dar und benennt das Buch von Freimann als Grundlage der Arbeit.
1 Ökonomisierung der Gesellschaft nach Freimann: Phänomene, Ursachen, Auswege: Analysiert die negativen Folgen der Ökonomisierung und die Rolle der verschiedenen gesellschaftlichen Akteure bei diesem Prozess.
2 Ansätze ökonomischer Bildung: Differenziert zwischen der modernen ökonomischen Bildung und dem sozio-ökonomischen Bildungsansatz hinsichtlich ihrer Ziele und Methoden.
3 Erörterung des Ansatzes von Freimann im Spannungsfeld der modernen ökonomischen und sozio-ökonomischen Bildung: Vergleicht die Kritik von Freimann mit den Bildungsansätzen und begründet die Vorzüge der sozio-ökonomischen Bildung.
4 Übertragung auf die berufliche Bildung: Untersucht das Lernfeldkonzept und die KMK-Handreichungen kritisch auf eine Instrumentalisierung der Bildung und leitet Handlungsprinzipien ab.
5 Fazit: Fasst die Ergebnisse zusammen, plädiert für eine Abkehr von der eindimensionalen Ökonomisierung und fordert eine Ausrichtung am sozio-ökonomischen Prinzip zur Stärkung des Humanismus.
Schlüsselwörter
Ökonomisierung, Bildung, homo oeconomicus, sozio-ökonomische Bildung, moderne ökonomische Bildung, berufliche Bildung, Lernfeldkonzept, Instrumentalisierung, Nachhaltigkeit, Urteilsfähigkeit, Gesellschaftskritik, Humankapital, Bildungsauftrag, Marktwirtschaft, Handlungsfähigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Einfluss der Ökonomisierung auf unsere Gesellschaft und das Bildungssystem, basierend auf Jürgen Freimanns Analysen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind ökonomische Bildung, die Kritik am homo oeconomicus, das duale Ausbildungssystem und die berufliche Didaktik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie berufliche Bildung umgestaltet werden kann, um Lernende zu mündigen Bürgern zu befähigen, anstatt sie lediglich als Produktionsfaktoren zu behandeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung und Literaturanalyse, die verschiedene Ansätze ökonomischer Bildung gegenüberstellt und auf die berufliche Bildung anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen der Ökonomisierung nach Freimann, kontrastiert Bildungsansätze und diskutiert das Lernfeldkonzept in Berufsschulen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Ökonomisierung, sozio-ökonomische Bildung, Lernfeldkonzept, Urteilsfähigkeit und die Kritik am ökonomischen Imperialismus.
Warum wird das Lernfeldkonzept in der Arbeit kritisiert?
Das Konzept wird einerseits als Chance zur Öffnung des Unterrichts gesehen, andererseits besteht die Gefahr einer weiteren Instrumentalisierung der Berufsbildung zu rein marktwirtschaftlichen Zwecken.
Welche Rolle spielt der sozio-ökonomische Ansatz?
Er dient als notwendiges Gegenmodell zur modernen ökonomischen Bildung, da er durch Multiperspektivität die Urteils- und Reflexionsfähigkeit der Schüler fördert.
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- Diplom Kaufmann (FH) Jens Böckenfeld (Author), 2014, Ökonomische Bildung im Spannungsfeld des modernen ökonomischen und sozio-ökonomischen Ansatzes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293514