Die Voraussetzungen für die Industrialisierung Deutschlands (Unterrichtsentwurf Geschichte Gymn. Oberstufe)


Unterrichtsentwurf, 2012
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Bemerkungen zur Lerngruppe

Legitimation des Gegenstandes

Sachanalyse

Didaktische Reduktion

Begründung der didaktisch-methodischen Entscheidungen

Anhang:

Thema der Unterrichtsreihe:

Die industrielle Revolution – Fortschritt zum Glück?

Thema der Unterrichtsstunde:

(6. Std. in der Reihe)

Nachzügler Deutschland – Darstellung von Maßnahmen Preußens zur Schaffung günstiger Voraussetzungen für den industriellen Fortschritt in Deutschland mittels Placemat-Methode als Beispiel für staatliche Modernisierungspolitik.

Thema der vorhergehenden Stunde:

Warum England? – Analyse und Bewertung begünstigender Faktoren für die Industrialisierung am Beispiel Englands in einem Gruppenpuzzle.

Thema der nächsten Stunde:

Die Eisenbahn – Lokomotive der Industrialisierung in Deutschland – Vergleich der Führungssektoren der Industrialisierung mittels eines Einstiegs in die Methodik von Statistiken.

Zentrales Stundenziel:

Die Schülerinnen und Schüler stellen Maßnahmen Preußens zur Schaffung günstiger Voraussetzungen für den industriellen Fortschritt in Deutschland als Beispiel für staatliche Modernisierungspolitik dar, indem sie mittels der Placemat-Methode Gesetzestexte analysieren und deren Auswirkungen diskutieren.

Teillernziele:

- Die Schülerinnen und Schüler erweitern ihre Analysekompetenz, indem sie anhand von Gesetzestexten der Preußischen Reformen und der Gründung des Zollvereins die Modernisierungsmaßnahmen Preußens darstellen. TZ-1
- Die Schülerinnen und Schüler erweitern ihre Sachkompetenz, indem sie zwei der Preußischen Reformen und die Einführung des Zollvereins als wichtige Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Wachstum herausarbeiten und ihre Bedeutung gegenüberstellen. TZ-2
- Die Schülerinnen und Schüler verbessern ihre Methodenkompetenz, indem sie aus Statistiken die wichtigsten Aussagen zur Entwicklung der deutschen Wirtschaft im Vergleich zu England herausarbeiten. TZ-3
- Die Schülerinnen und Schüler erweitern ihre Urteilskompetenz, indem sie die Modernisierungsmaßnahmen Preußens für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands diskutieren. TZ-4

Bemerkungen zur Lerngruppe

Der LK Geschichte (Q1) besteht aus 17 Schülerinnen und Schülern. Ich hospitiere seit dem zweiten Halbjahr in der Lerngruppe und unterrichte seit dem 5.3.2012 eigenständig die Unterrichtsreihe.

In der Lerngruppe ist ein Schüler (W) mit diagnostiziertem ADHS, weshalb er im Unterricht von Herrn Schwagers sehr häufig abgelenkt und störend für den Unterricht war. Bisher hielt er sich in meinen unterrichteten Stunden sehr zurück und belebte das Unterrichtsgespräch, dennoch sollte ich dies im Auge behalten.

Einige Schülerinnen und Schüler (X, Y, Z.) sind sehr still und werden deshalb von mir auch ohne Meldung aufgerufen, um sie in den Unterricht einzubeziehen. Hierauf reagierten sie bisher sehr positiv. Die Lerngruppe arbeitet sehr engagiert und ist in offenen Gesprächsphasen sehr diskussionsfreudig.

Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich seit fünf Stunden mit dem Thema „Die industrielle Revolution – Fortschritt zum Glück?“ Demzufolge besitzen sie Kenntnisse über Begrifflichkeiten zum behandelten Themenkomplex (ind. Revolution vs. Industrialisierung), Chancen und Probleme dieser Entwicklungen und kennen England als Vorreiter der Industriellen Revolution und Faktoren, die dies begünstigten.

An dieser Stelle des Lernprozesses hole ich die Lernenden ab und möchte in einem nächsten Schritt Deutschland näher in den Fokus rücken.

Legitimation des Gegenstandes

Das zu behandelnde Thema Die industrielle Revolution – Fortschritt zum Glück? wird durch die „Richtlinien und Lehrpläne für die Sekundarstufe II – Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen“ für das Fach Geschichte legitimiert. Unter dem Zeitfeld 2 „Das lange 19. Jahrhundert“1 bildet die Erklärung des Prozesses der Vergesellschaftung und des sozialen Wandels von der späten Feudalgesellschaft hin zur modernen und postmodernen Industriegesellschaft einen Schwerpunkt.

Auch das schulinterne Curriculum Sek. II im Fach Geschichte2 sieht die Behandlung der Industriellen Revolution (technischer Fortschritt und sozioökonomische Veränderungen) und die Herausforderung des Staates als Schwerpunkt vor.

Des Weiteren sollen sie in die Lage versetzt werden, Statistiken zur Darstellung von Zusammenhängen zu erschließen.

Im Bezug darauf bietet das Stundenthema eine gute Möglichkeit, sich exemplarisch mit der Modernisierungspolitik Preußens auseinanderzusetzen, welches unter den gegebenen Bedingungen moderne Voraussetzungen entwickelte. Anhand dieses Themas können die Schülerinnen und Schüler Eingriffsmöglichkeiten des Staates erkennen und diese geschaffenen Rahmenbedingungen für den weiteren Verlauf der Industrialisierung bewerten.

Durch die Nebeneinandererstellung der einzelnen Aspekte wird den Schülerinnen und Schülern deutlich, dass diese nur in der Summe zu einem „modernen“ Wirtschaftsstaat führen konnten. Zudem entwickeln sie in Ansätzen relevante Kategorien zum Verständnis späterer historischer Epochen (z.B. Europa nach 1945) und analoger Wirtschaftsformen (z.B. EU).

Am Beispiel Preußens lassen sich somit prinzipielle Einsichten über nach wie vor vorstellbare Formen staatlicher Modernisierungspolitik vermitteln.

Nicht zuletzt können die Schülerinnen und Schüler Formen der wirtschaftlichen Modernisierung in ihrem Alltagsleben, wie z.B. in der EU entdecken.

Sachanalyse

Im Vergleich zu England beeinflussten die absolutistischen deutschen Fürsten mit ihren merkantilistischen Konzepten die wirtschaftliche Entwicklung durch massive Eingriffe und Beschränkungen; staatsfreie Märkte für Kapital, Boden und Waren konnten sich daher nur schwer entwickeln.

Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden diese Hindernisse für eine dynamische Industriewirtschaft allmählich beseitigt. Dabei nahm der Staat eine herausragende Rolle ein. Durch die Liberalisierung der Agrar- und Gewerbeverfassung, den Abbau von Zollschranken oder die Vereinheitlichung des Rechts- und Finanzwesens schuf er entscheidende Voraussetzungen für die Überwindung vormoderner Wirtschaftsverhältnisse bzw. die Entfesselung einer modernen Wirtschaftsgesellschaft.

In den deutschen Staaten war zu Beginn des 19. Jahrhunderts vielen Staatsmännern bewusst, dass sie über kurz oder lang auf das englische Modell zurückgreifen mussten, um wettbewerbsfähig zu werden. Dies galt im Besonderen für Preußen. Hier war der Problemdruck am größten, die Notwendigkeit radikaler Problemlösungen am verständlichsten. Nicht nur das starke Bevölkerungswachstum weckte Befürchtungen eines drohenden sozialen Kollapses; auch der politisch-militärische Zusammenbruch im Gefolge napoleonischer Eroberungspolitik hatte gezeigt, dass grundlegende Reformen der Wirtschafts- und Sozialverfassung nicht verschoben werden durften.3

Den Reformbeamten, die sich seit 1807 an die Modernisierung des preußischen Staates machten, war das englische Modell industriekapitalistischer Entwicklung theoretisch geläufig. Die „Bibel des Kapitalismus“4, Adam Smiths Buch „Wohlstand der Nationen“, hatte auch in Deutschland großen Anklang gefunden. Die Leitbegriffe dieses Werks (Leistungsprinzip, freie Märkte, Konkurrenz etc.) weckten auch auf dem Kontinent Hoffnungen. Wegweisend für Reformen zur Entfesselung einer modernen Wirtschaftsgesellschaft wurde das preußische Oktoberedikt von 1807, das eine Mischung aus politischem Manifest und nationalökonomischem Programm darstellte. An die Stelle einer gebundenen Ständegesellschaft, die jedem Menschen eine feste, durch Geburt erworbene soziale Position zuwies, konnte nun nach und nach eine mobile Marktgesellschaft treten. Dazu passten auch die Ablösung sozialer Abhängigkeitsverhältnisse auf dem Land und der Erlass der Gewerbefreiheit aus dem Jahr 1810.5

Die Reformbürokratie wollte vor allem durch die Einführung der allgemeinen Gewerbefreiheit die Wirtschaftskraft des Landes stärken und damit zugleich die Steuereinnahmen des Staates erhöhen. Indem die Macht der Zünfte gebrochen und die traditionellen Begrenzungen gewerblicher Produktion aufgehoben wurden, näherte man sich rein rechtlich gesehen dem Ideal einer von freien Wirtschaftssubjekten bevölkerten Gesellschaft. Ebendiese Freiheit sollte die Entfesselung aller wirtschaftlich kreativen Kräfte einleiten und eine dynamische Konkurrenzwirtschaft aus der Taufe heben, die den Wohlstand der Einwohner und die Macht des Staates garantierte.

Der Staat räumte aber nicht nur die rechtlichen Hindernisse beiseite, die der freien Entfaltung wirtschaftlicher Energien entgegenstanden. Er sorgte nicht nur dafür, dass freie Arbeits-, Kapital- und Bodenmärkte entstehen konnten; er schuf auch die infrastrukturellen Voraussetzungen dafür, dass sich die einzelnen Wirtschaftsfaktoren miteinander verbinden konnten. Dazu gehörte es zum Beispiel, mit staatlichen Investitionen das Verkehrsnetz zu erweitern und leistungsfähiger zu gestalten. Ebenso zählte der Ausbau des Binnenmarktes durch die Abschaffung von Zollschranken dazu – ein Prozess, der mit dem 1834 gegründeten Zollverein seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte.6 Das vorindustrielle Deutschland bildete weder geografisch noch politisch und wirtschaftlich eine Einheit. Der Deutsche Bund selbst war in 39 „souveräne“ Wirtschaftsgebiete zersplittert, die keine gemeinsame Wirtschaftspolitik kannten. Diese handels- und zollpolitische Zersplitterung des Deutschen Bundes verhinderte die Entwicklung eines überregionalen Wirtschaftslebens und von Märkten, die für den Absatz von Waren aus der Fabrikproduktion groß genug waren. Das änderte sich mit der Entstehung und dem Ausbau des Zollvereins, wobei nach und nach die volle Zollunion erreicht wurde.7 Keine Zollschranken behinderten seitdem mehr den Wirtschaftsverkehr zwischen den Mitgliedern. Ebenfalls zu vermerken ist die Errichtung staatlicher Gewerbeschulen und -akademien, die helfen sollten, den technologischen Vorsprung der englischen Industriekonkurrenz aufzuholen.

Didaktische Reduktion

Die Preußischen Reformen waren eine Reihe von Staats- und Verwaltungsreformen des frühen 19. Jahrhunderts, die von gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen begleitet wurden. Sie waren eine Reaktion auf die Niederlage Preußens gegen Napoléon im Jahr 1806. Der Bezug zu diesen Geschehnissen ist für die heutige Stunde nicht beabsichtigt, da er bereits in einem anderen Themenkomplex thematisiert wurde. Ich reduziere die staatlichen Maßnahmen auf die Entwicklungen in Preußen, da diese Vorbildcharakter für die Entwicklungen in Deutschland hatten.

Für den wirtschaftspolitischen Fokus, den die Reihe zur Industriellen Revolution fordert, reduziere ich die Preußischen Reformen auf die beiden gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Reformen, da beispielsweise die Heeresreform nichts Entscheidendes zum Stundenthema beitragen kann.

Zwar stand nicht direkt die Förderung einer noch kaum vorhandenen Industrie im Vordergrund, sondern vielmehr die teils krisenhafte Lage der Landwirtschaft und auch die Gewerbefreiheit zielte vor allem auf die Beseitigung von Schranken für die ländliche Gewerbetätigkeit, dennoch schufen diese Reformen wichtige Voraussetzungen für die Liberalisierung der Wirtschaft.

[...]


1 Richtlinien und Lehrpläne für die Sekundarstufe II – Gymnasium/Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen: Geschichte, Frechen 1999, S. 26.

2 Alexander-von-Humboldt Gymnasium Bornheim: Schulinterner Lehrplan Geschichte Sekundarstufe II.

Umsetzung des Kernlehrplans Gymnasium Geschichte 2007, Entwurfsfassung 01.08.2010.

3 Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Erster Band: Vom Feudalismus des alten Reiches bis zur defensiven Modernisierung der Reformära. 1700–1815, München 1987, S. 401.

4 Acham, Karl: Gesellschaftliche Prozesse: Beiträge zur historischen Soziologie und Gesellschaftsanalyse, Virginia 1986, S. 54.

5 Fehrenbach, Elisabeth: Vom Ancien Regime zum Wiener Kongress, München 2001, S. 109f.

6 Fischer, Wolfram: Der deutsche Zollverein. Fallstudie einer Zollunion. In: Ders.: Wirtschaft und Gesellschaft im Zeitalter der Industrialisierung. Göttingen, 1972, S. 119.

7 Grohmann, Martin: Industrielle Revolution und Moderne um 1900, Berlin 2001, S. 86f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Voraussetzungen für die Industrialisierung Deutschlands (Unterrichtsentwurf Geschichte Gymn. Oberstufe)
Hochschule
Seminar für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V293658
ISBN (eBook)
9783656912668
ISBN (Buch)
9783656912675
Dateigröße
1391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
voraussetzungen, industrialisierung, deutschlands, unterrichtsentwurf, geschichte, gymn, oberstufe
Arbeit zitieren
Andreas Bonß (Autor), 2012, Die Voraussetzungen für die Industrialisierung Deutschlands (Unterrichtsentwurf Geschichte Gymn. Oberstufe), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293658

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