Gründe für die Christenverfolgung zwischen 64 und 249 n. Chr.


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kriminalisierung aufgrund der Verurteilung Jesus‘
2.1. Die Äußerungen Tacitus‘ und Tertullians
2.2. Briefwechsel zwischen Plinius und Trajan

3. Motive auf Seiten der römischen Administration

4. Motive auf Seiten der paganen Bevölkerung
4.1. Ursachen für Konflikte
4.2. Die Rolle der römischen Statthalter

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die ersten drei Jahrhunderte unserer Zeitrechnung gestalteten sich für das neu entstehende Christentum als äußerst schwierig. Während dieser Zeitspanne waren Christen im Römischen Reich immer wieder Anfeindungen, Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt, welche erst mit dem Toleranzedikt des Galerius zu Beginn des vierten Jahrhunderts ein Ende fanden1. Mit diesem Tag, welchen Laktanz auf den 30. April 311 datiert2, endet die Verfolgung der Christen im Römischen Reicht. Hierbei ist allerdings zu erwähnen, dass eine systematische und organisierte Christenverfolgung erst durch Decius angestoßen und unter Valerian und Diocletian fortgesetzt wurde. Erst diese Kaiser lösten umfassende Verfolgungen aus, welche durch die administrativen Organe des Römischen Reiches vollzogen wurden3. Es stellt sich jedoch die Frage, aus welchen Gründen viele Christen auch in den Jahren vor den administrativ organisierten Verfolgungen einen gewaltsamen Tod fanden. Schließlich waren es nicht nur aufgebrachte Volksmassen, die die Christen zu lynchen versuchten, sondern vor allem Statthalter und somit Vertreter des Römischen Reiches, welche die Christen zum Tode verurteilten und hinrichten ließen. Zeugnis dafür legen unter anderem die Berichte über die Martyrien des Polykarp4, der Perpetua5 und der scilitanischen Christen6 ab. Diese sind zwar Berichte aus rein christlicher Perspektive und müssen daher genau auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden. Allerdings ist auch bei genauerer Betrachtung die Tatsache nicht von der Hand zu weisen, dass es vor 249 schon zu Handlungen gegen die Christen kam. Auch der Briefwechsel zwischen Trajan und Plinius dem Jüngeren7 weist darauf hin, dass Christen schon vor der administrativ organisierten Verfolgung wie selbstverständlich von römischen Amtsträgern in deren Provinzen zum Tode verurteilt wurden. Wie kam es dazu, dass bekennende Christen hingerichtet wurden, ohne dass dies von oberster Stelle angeordnet wurde? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden. Die Quellenlage für diese Fragestellung ist relativ dicht. So vermitteln die Verteidigungsschriften frühchristlicher Autoren, wie das Apologeticum Tertullians, die Bittschrift für die Christen Athenagoras von Athens oder Minucius Felix‘ Octavius, einen guten Einblick in das Vorgehen gegen die frühen Christen. Der Vorteil dieser Quellen liegt darin, dass sie von Zeitzeugen verfasst wurden. Obwohl sie aus rein christlicher Perspektive geschrieben wurden, sind sie doch für dieses Vorhaben gut nutzbar, da gerade christliche Autoren sich mit den gegen ihren Glauben vorgebrachten Anschuldigen auseinandersetzen und diese widerlegen mussten. Eine weitere äußerst nützliche Quelle ist der schon erwähnte Briefwechsel zwischen Trajan und Plinius. Auch hierbei handelt es sich um eine Quelle aus dem zu untersuchenden Zeitraum, welche eine wichtige rechtliche Festschreibung des frühen Vorgehens gegen Christen festhält. Interessant ist hier, im Vergleich zu den christlichen Autoren, vor allem die Perspektive von Seiten der Administration.

Im Folgenden soll die Frage nach den Gründen für das frühe Vorgehen gegen Christen aus drei verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Zunächst soll erörtert werden, ob die Verurteilung Jesus‘ als Präzedenzfall für das frühe Vorgehen gegen die Christen gedient haben könnte und die Christen somit als Anhänger eines vermeintlichen Verbrechers hingerichtet wurden. Im Anschluss daran soll untersucht werden, ob es mögliche Motive für die Bekämpfung der frühen Christen bei der Aministration oder der paganen Bevölkerung gab.

2. Kriminalisierung aufgrund der Verurteilung Jesus‘

Die Theorie, dass die frühen Christen aufgrund der Hinrichtung Jesus‘ als kriminell eingestuft und deswegen hingerichtet wurden, vertritt unter anderem Vittinghoff. Er geht in seiner Untersuchung zur Ursache für die Verurteilungen der Christen vor Decius auf die Tatsache ein, dass in den bisher aufgearbeiteten Quellen nie die Rede von einem gesetzlichen Verbot des christlichen Glaubens ist8. Daraus schlussfolgert er, dass Christen seit der Regentschaft Neros bedrängt wurden, weil sie als Anhänger Äeines hingerichteten politischen Aufrührers […] von Anfang an generell kriminalisiert waren“9. Eine explizite gesetzliche Festlegung sei daher von Vornherein überflüssig gewesen, da schon der Ursprung der christlichen Bewegung politisch verdächtig und rechtswidrig war. Zur Begründung gibt er diverse Quellen an, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen.

2.1. Die Äußerungen Tacitus‘ und Tertullians

Mit Tacitus führt Vittinghoff eine der wohl wichtigsten Quellen für die Erforschung des frühen Christentums an. Dieser weiß über Jesus zu berichten, dass jener als Verbrecher unter Pilatus hingerichtet worden war und dass das nach ihm benannte Christentum dadurch geschwächt wurde10. Vittinghoff zufolge diente die Verurteilung Jesus‘ somit als Präzedenzfall für die Verfolgung der Christen unter Nero, da Ädie Christiani im Grund die gleiche Strafe verdienten, wie ihr Christus“11. Allerdings muss Vittinghoffs Aussage, dass Tacitus diesen Zusammenhang in seinen Annales offen ausspräche, kritisch betrachtet werden. Meines Erachtens bezieht sich die Konjunktion igitur zu Beginn des vierten Satzes nämlich nicht auf die Beschreibung der Verurteilung Jesus‘, sondern auf den vorhergehenden Satz, in welchem Tacitus die Sündenbockstrategie Neros beschreibt12. Satz drei stellt somit eher einen eingeschobenen Exkurs über die Person Jesus und die Verbreitung des Christentums als eine Erklärung für deren Verfolgung dar. Hält man sich an Tacitus, so ist Neros Umgang mit den Christen also nicht eindeutig auf eine generelle Kriminalisierung aufgrund der Verurteilung Jesu zurückzuführen, sondern darauf, dass sie im Volk bereits verhasst waren und somit ideale Sündenböcke abgaben13.

Auch in den von Vittinghoff zitierten Stellen aus Tertullians Apologetikum finden sich nur wenige Hinweise darauf, dass Christen auf Basis der Verurteilung ihres Namensgebers für schuldig befunden wurden. Tertullian argumentiert zwar, dass die Verfahren gegen Christen nur aufgrund ihres Namens und nicht aufgrund der vorgeworfenen Verbrechen geführt werden, da bei der Urteilsverlesung eben nicht auf Verbrechen wie Mord oder Blutschande, sondern allein auf die Zugehörigkeit zum Christentum Bezug genommen wird14. Insofern deckt sich Tertullians Anklage mit Vittinghoffs Theorie. Jedoch kann Tertullians Ansicht nach ein Name in erster Linie nur dann gehasst werden, wenn sein Klang und somit seine Bedeutung anstößig seien. Dies sei beim Christentum nicht der Fall, da das Wort ÄChristianus“ von ÄSalben“ abgeleitet werde und auch die fälschlicherweise gebrauchte Bezeichnung ÄChrestianus“ durch die Bedeutung ÄFreundlichkeit“ oder ÄGüte“ keine negative Konnotation besäße15. Eine weitere Möglichkeit den schieren Namen zu missachten sieht Tertullian dann, wenn der Namensgeber - in diesem Fall Jesus Christus - verachtenswert wäre. Allerdings könne dies nicht der Grund für die Verfolgung sein, da das hassende Volk zu wenig über den Ursprung des Christentums und somit seines Stifters wisse16. In der Tat scheint es unwahrscheinlich, dass das einfache Volk, welches Tertullian zufolge am heftigsten die Verurteilung der Christen forderte17, so genaue Kenntnisse über den Ursprung des Christentums hatte. Auch die von Vittinghoff zitierten Stellen aus apol. 21 lassen nicht eindeutig die Verbindung zwischen Jesus‘ Hinrichtung und der daraus resultierenden Kriminalisierung der Christen zu18. Tertullian geht in Satz 3 lediglich auf die Anschuldigung ein, dass Christen die Verehrer eines Menschen seien, der als solcher von den Juden verurteilt wurde19. Er verteidigt das Christentum also nur gegen den Vorwurf, einen Menschen anstatt eines Gottes zu verehren. Den Vorwurf, dass die Christen einen Verbrecher anbeteten, nennt Tertullian hier nicht. Auch Georges kann in seiner ausführlichen Analyse des Textes keinen Hinweis darauf finden20. Die Verbindung zwischen Jesus‘ Hinrichtung als Verbrecher und der daraus resultierenden Kriminalisierung der Christen ziehen Tacitus und Tertullian also meiner Ansicht nach nicht.

2.2. Briefwechsel zwischen Plinius und Trajan

Mit dem Briefwechsel zwischen Plinius und Trajan führt Vittinghoff eine weitere Quelle an, um seine Theorie zu untermauern. Der Statthalter der Provinz Pontus-Bithynien, Plinius der Jüngere, richtete sich im Jahr 111 oder 112 an seinen Kaiser Trajan21, um zu erfahren, wie er sich verhalten solle, wenn in seiner Provinz Menschen als Christen angezeigt werden. Da Plinius selbst noch an keinem Christenprozess teilgenommen habe22, sei er vor allem an der Frage interessiert, wie er mit Angeklagten umzugehen habe, die zwar zugaben Christen gewesen zu sein, diesem Glauben mittlerweile jedoch abgeschworen und dies mit Götter- und Kaiseranbetung auch bewiesen haben23. Daher wünsche er von Trajan zu erfahren, ob allein der Name oder nur die mit dem Namen in Verbindung stehenden Verbrechen bestraft werden sollen. Durch die Folter zweier christlicher Sklavinnen habe er nämlich erfahren, dass beides nicht im unmittelbaren Zusammenhang stehe24. Vittinghoff entnimmt diesem Schreiben, dass Plinius dafür plädierte, allein den Namen als Straftatbestand zu definieren. Dies begründet er damit, dass Plinius den Kaiser darum bat, bei Reue der Angeklagten Gnade walten zu lassen. Hätte Plinius allein die Verbrechen und nicht den Namen bestrafen wollen, so Vittinghoff, wäre die Reue vergebens gewesen. In diesem Fall hätte nämlich überprüft werden müssen, ob der Angeklagte in seiner Zeit als Christ Verbrechen begangen hat, die im Nachhinein zu bestrafen wären25. Die Tatsache, dass Trajan in seiner kurzen Antwort das Vorgehen seines Statthalters guthieß26, bestätigt Vittinghoff in seiner Annahme. Da die Verbrechen nicht als Grundlage für Verurteilungen dienten, muss seiner Ansicht nach also allein der Name strafbar gewesen sein27 und zwar aus dem Grund, dass das Christentum durch die Verurteilung Jesus‘ kriminalisiert wurde28. Allerdings verhält es sich in diesem Fall ähnlich wie bei Tacitus und Tertullian. Der Zusammenhang zwischen Jesus‘ Schuldspruch und der Kriminalisierung seiner Anhänger wird auch von Plinius und Trajan nicht explizit herausgestellt. Aus diesem Grund ist es angebracht, nach anderen Motiven für das Vorgehen des Statthalters zu suchen.

Einen solchen Erklärungsansatz bietet Reichert, wonach Plinius zwar in der Tat die Festlegung auf das nomen ipsum als Straftatbestand forderte29, dies jedoch aus einer anderen Intention heraus geschehen sei. Reichert zufolge sei Plinius vor allem an der Eindämmung des Christentums durch die Reintegration der Apostaten in die römische Glaubensgemeinschaft interessiert gewesen30. Mit seinem Schreiben habe er daher den Zweck verfolgt, Trajan von einem Verzeihungsangebot für die ehemaligen Christen zu überzeugen31. Dies habe er durch sein rhetorisches Geschick zu erreichen versucht, indem er die Apostaten von den bekennenden Christen distanzierte. Eine solche Distanz habe er dadurch schaffen wollen, dass er die Apostaten unter den anonym Angezeigten erwähnte, ihren Abfall vom Christentum in zeitlich weite Ferne rückte und die gegen die Christen vorgebrachten Vorwürfe entkräftete32. Die bekennenden Christen jedoch ließ er, im Gegensatz zu den Apostaten, sofort hinrichten. Allerdings schien er sich bezüglich der Verurteilung des bloßen Namens wegen nicht sicher zu sein, da er seine Todesurteile mit einem Verweis auf die Sturheit der Bekenner rechtfertigt33. Wäre das Christentum, wie Vittinghoff argumentiert, von vornherein durch die Verurteilung Jesu kriminalisiert worden, so hätte Plinius dies höchstwahrscheinlich zur Begründung seines Vorgehens erwähnt, da es sich hierbei doch um ein stärkeres Argument als das der bloßen Sturheit handelte. Daher bleibt die Frage offen, warum Plinius, trotz seiner offensichtlichen Unsicherheit, für die Festlegung auf den Tatbestand des nomen ipsum plädierte. Dies hänge, Reichert zufolge, mit seinem Wunsch nach Gnade für die Apostaten zusammen34.

[...]


1 Piétri und Gottlieb 2003, 187.

2 Lact. mort. pers. 35, 1.

3 Bleckmann 2006, 57.

4 Mart. Polyk. 9-12.

5 Pass. sanct. Perpetua et Felicitatis 6.

6 Pass. sanct. scilit. 14.

7 Plin. epist. 10, 96.

8 Ausführlich: Barnes 1968, 32 ff.

9 Vittinghoff 1984, 336.

10 Tac. ann. 15, 44, 3.

11 Vittinghoff 1984, 343.

12 Tac. ann. 15, 44, 2.

13 Schwarte 1983, 22; Barnes 1968, 34.

14 Tert. Apol. 2, 20.

15 Tert. Apol. 3, 5 (übers. v. Carl Becker).

16 Tert. Apol. 3, 7-8.

17 Tert. Apol. 35, 8.

18 Vittinghoff 1984, 344.

19 Tert. Apol. 21, 3.

20 Georges 2011, 317 f.

21 Schwarte 1983, 22.

22 Plin. epist. 10, 96, 1.

23 Plin. epist. 10, 96, 6.

24 Plin. epist. 10, 96, 8.

25 Vittinghoff 1984, 348.

26 Plin. epist. 10, 97, 1.

27 Vittinghoff 1984, 349.

28 Vittinghoff 1984, 355.

29 Reichert 2002, 237.

30 Plin. Epist. 10, 96, 10; Reichert 2002, 239.

31 Reichert 2002, 235.

32 Plin. Epist. 10, 96, 6-8; Reichert 2002, 231 ff.

33 Plin. Epist. 10, 96, 3 ; Reichert 2002, 235.

34 Reichert 2002, 238 f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gründe für die Christenverfolgung zwischen 64 und 249 n. Chr.
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Seminar im Basismodul „Alte Geschichte“, Thema: „Das frühe Christentum“
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V293795
ISBN (eBook)
9783656914334
ISBN (Buch)
9783656914341
Dateigröße
920 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Christenverfolgung, Antike, Rom, Christentum, Christen, Gründe, für, die, Verfolgung, des, Christentums, persecution, of, Christians
Arbeit zitieren
Sebastian Flock (Autor), 2014, Gründe für die Christenverfolgung zwischen 64 und 249 n. Chr., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293795

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