Unterstützte Kommunikation bei Schülern mit Angelman-Syndrom


Akademische Arbeit, 2001

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlegung Kommunikation

3. Kommunikation bei Kindern und Jugendlichen mit AS
3.1 Kognitive Faktoren:
3.2 Oralmotorische Faktoren:
3.3 Soziale Faktoren:

4. Grundlegung Unterstützte Kommunikation

5. Förderung durch Unterstützte Kommunikation

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Unter Berücksichtigung der Bedeutung von Kommunikation für jeden Menschen, kommt der Kommunikation als pädagogische Aufgabe eine wesentliche Stellung zu. Der Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten kann weitreichende Folgen haben und zur Einschränkung der persönlichen Freiheit, zu Einsamkeit, sozialer Isolation und Fremdbestimmung führen. Insbesondere bei Menschen mit Behinderungen ist Kommunikation die Voraussetzung für assistierendes Helfen.[1] Im Hinblick auf Schule sind weder Erziehung noch Unterricht ohne Kommunikation denkbar. Einerseits hat Erziehung die Aufgabe, kommunikative Fähigkeiten zu vermitteln, andererseits stellt Erziehung dabei selbst einen kommunikativen Prozess dar. „Die erzieherische Arbeit wird demnach dann erfolgreich sein, wenn sie sich an den Gesetz-mäßigkeiten kommunikativer Prozesse orientiert, und wenn sie zu einer höchstmöglichen Verständigung führt.“[2]

Bei Personen mit Angelman-Syndrom bedingen gerade die Beeinträchtigungen im Bereich der Kommunikation einen Großteil der Behinderung. Dabei wird in der Literatur betont, dass diese Beeinträchtigungen vor allem die verbal-expressiven Fähigkeiten und nicht so sehr die perzeptiven betreffen. Damit sind entscheidende Anhaltspunkte für eine Förderung im Bereich der Kommunikation bei Kindern und Jugendlichen mit AS gegeben.

Angesichts der Bedeutsamkeit von Kommunikation im pädagogischen Kontext allgemein und bei der Förderung von Schülern mit AS im Besonderen, werde ich mich in der folgenden Arbeit dem Thema Kommunikation bei Schülern mit Angelman-Syndrom widmen. Dazu nehme ich erstens eine Bestimmung des Begriffes Kommunikation vor und erörtere zweitens die Kommunikation von Kindern und Jugendlichen mit AS. In einem dritten und vierten Teil lege ich Fördermöglichkeiten, vornehmlich im nicht-lautsprachlichen Bereich dar. In diesem Zusammenhang gehe ich näher auf die Methoden der Unterstützten Kommunikation ein.

2. Grundlegung Kommunikation

Der Begriff Kommunikation leitet sich von dem lateinischen Verb communicare <lat., „teilen/ mitteilen“> ab.[3] Es existieren zahlreiche, sehr unterschiedliche Definitionen zum Begriff Kommunikation. Schon 1977 konnten 160 Begriffsbestimmungen verschiedener Autoren zusammengetragen werden.[4] Fast alle diese Autoren betonen die existentielle Bedeutung von Kommunikation für den Menschen sowie die „Unabdingbarkeit von Kommunikations-prozessen für alle sozialen Prozesse“[5] Die Definitionen des Begriffes Kommunikation werden jedoch unterschiedlich weit gefasst. Eine weitere Definition kommt beispielsweise im 1. Axiom Watzlawicks „Man kann nicht, nicht kommunizieren.“[6] zum Ausdruck. In einem engeren Verständnis „kann man von Kommunikation dann sprechen, wenn ein Handeln bewusst und ausdrücklich die Übermittlung von Information als seinen Hauptzweck anstrebt.“[7]

Die menschliche Kommunikation ist ein komplexer Vorgang, der aus vielen Teilbereichen besteht und auf zahlreichen körperlichen und psychischen Grundlagen aufbaut. Der Grundvorgang der Kommunikation lässt sich nach Schulz von Thun folgendermaßen beschreiben: Ein Sender übermittelt einem Empfänger über ein bestimmtes Medium eine Nachricht und erhält über die Wirkung seiner Nachricht eine Rückmeldung. An der Nachricht werden die vier psychologisch bedeutsamen Ebenen der Sachinformation, des Appells, der Selbstoffenbarung und der Beziehung unterschieden.[8] Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation ist, dass beide Partner über einen gemeinsamen Zeichenvorrat auf der Basis eines äquivalenten Erfahrungszusammenhangs verfügen. Die Zeichen in diesem Sinne sind wahrnehmbare Gegebenheiten, die akustisch, optisch oder taktil übermittelt werden. Sie stehen nach de Saussure als Bezeichnendes (signifié) für etwas Bezeichnetes, ohne dieses Bezeichnete (signifiant) selbst zu sein.[9] Man kann also drei wichtige Aspekte an dem Prozess der Kommunikation erkennen: die Zielrichtung, das heißt den Inhalt der Botschaft, das Mittel, das heißt die Verhaltensweisen, mit denen dieser mitgeteilt wird und den Zusammenhang, in dem die Interaktion erfolgt. Der Inhalt einer Botschaft kann auf die o. g. vier Ebenen verweisen. Er dient dazu, Informationen zu übermitteln, auf andere einzuwirken, Gemeinsamkeiten in der Erfahrung der Wirklichkeit zu schaffen und das eigene Bewusstsein zu verändern.

Hinsichtlich der Mittel lässt sich Kommunikation in lautsprachliche und nicht-lautsprachliche einteilen. Die lautsprachliche Kommunikation bezieht sich auf das verbale Sprachsystem und seine nichtverbalen Begleitphänomene. Nicht-lautsprachliche Kommunikation lässt sich einerseits durch Zeichen, die auf Lautsprache basieren, vermitteln. Dazu zählen zum Beispiel die Schriftsysteme vieler Sprachen, das Braille-System oder das Handzeichenalphabet. Andererseits kann nicht-lautsprachliche Kommunikation durch Zeichen, wie zum Beispiel Gebärden, realisiert werden, denen nicht die Lautsprache zugrunde liegt. Sowohl die lautsprachliche als auch die nicht-lautsprachliche Kommunikation werden durch Elemente wie Mimik, Gestik und Proxemik sowie physiologische Symptome, zum Beispiel Muskelspannung, Pulsschlag, Atemfrequenz und Körpertemperatur begleitet. Da ein bedeutender Teil der menschlichen Kommunikation durch die gesprochene Sprache vermittelt wird, wird diese oft als einziges relevantes Mittel kommunikativer Prozesse gesehen. Die gesprochene Sprache stellt jedoch, wie gezeigt, nur eine von vielen Möglichkeiten dar, miteinander zu kommunizieren. Deshalb verwende ich den Terminus Sprache nachstehend sowohl für lautsprachliche als auch für nicht-lautsprachliche Kommunikationsformen.

Die Kommunikationssituation wird durch das zeitliche und räumliche Umfeld sowie persönliche und soziale Bedingungen bestimmt. Da die Kommunikation nie unabhängig vom sozialen Kontext steht, kann sie als Form der sozialen Interaktion gesehen werden. Bezüglich weitgefasster Definitionen des Kommunikationsbegriffs ist sogar eine Gleichsetzung beider Prozesse möglich.

Nach dem 1. Axiom Watzlawicks kann niemandem die Kommunikationsfähigkeit abgesprochen werden. Für eine pädagogische Bestimmung des Begriffs reicht diese Definition jedoch nicht aus. Unter der Prämisse Normalisierung und Integration kann es nicht genügen, dass ein Mensch immer von der Sensibilität und dem Einfühlungsvermögen seiner Gesprächspartner und der richtigen Interpretation seines Verhaltens abhängig ist. Daher muss die Förderung der Kommunikation eine zentrale Rolle in der pädagogischen Arbeit einnehmen. Kommunikation wird dabei im Folgenden als das intentionale Einsetzen eines Zeichens zum Zweck der Äußerung verstanden, wobei der gewählte Sprachmodus keine Rolle spielt.[10]

Innerhalb der Kommunikationsförderung, die [...] mehr ist als Lautsprachförderung, gilt es, die verschiedenen Möglichkeiten der Kommunikation eines Menschen, der sich nicht unbedingt primär durch Lautsprache mitteilt, zu erkennen, anzunehmen und in die Förderung aufzunehmen. Es handelt sich also um eine ressourcen- und nicht um eine defizitorientierte Sichtweise.[11]

3. Kommunikation bei Kindern und Jugendlichen mit AS

Das Thema Kommunikation nimmt eine wesentliche Stellung in der Auseinandersetzung mit dem Angelman-Syndrom ein. Hierbei sind zwei Aspekte von Bedeutung. Zum einen scheint es bisher keine augenscheinliche Erklärung dafür zu geben, warum die Kommunikation auf die beschriebene Art und Weise, das heißt vor allem im expressiven Bereich der Lautsprache, beeinträchtigt ist. Hier wäre ausgehend vom klinischen Bild eine Diskussion möglicher Ursachen relevant. Zum anderen spielt Kommunikation, gerade für Eltern von Kindern mit AS, bezüglich des täglichen Umgangs eine entscheidende Rolle. Aus ihrer Sicht macht der Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten einen Großteil der Behinderung der Kinder aus. Die Sprachentwicklung scheint im Vergleich zu anderen Entwicklungsbereichen deutlich verlangsamt.[12] Möglicherweise stehen die Kommunikationsbeeinträchtigungen in engem Zusammenhang mit der bei Personen mit AS beschriebenen Hyperaktivität. Damit wird die Kommunikationsförderung von Kindern und Jugendlichen mit AS, sowohl hinsichtlich der Diagnostik als auch hinsichtlich des Ziels und der Durchführung von Unterricht und Erziehung, zu einer zentralen pädagogischen Aufgabe. Anhand einer Überprüfung der Literatur werde ich nachstehend aufzeigen, welche genauen Angaben zur Kommunikation von Personen mit AS dort beschrieben sind.[13] Dabei beziehe ich alle sprachrelevanten Aspekte, wie kognitive und organische-funktionelle Voraussetzungen sowie soziale Zusammenhänge, ein. Des Weiteren werde ich versuchen, daraus eventuelle Ursachen für die Kommunikationsbeeinträchtigung bei Personen mit AS abzuleiten. Am Schluss gebe ich eine kurze Zusammenfassung und skizziere daraus erwachsende Förderschwerpunkte.

Als ein Kriterium für die klinische Diagnose des Angelman-Syndroms wird angegeben, dass die Betroffenen gesprochene Sprache entweder gar nicht oder nur sehr minimal, das heißt auf einige Wörter beschränkt, verwenden. Des Weiteren werden bestimmte weitere Auffälligkeiten und Schwierigkeiten als Symptome aufgeführt, die durchaus mit den eingeschränkten sprachlichen Fähigkeiten in Verbindung stehen könnten und daher an dieser Stelle noch einmal benannt werden: Saug- und Schluckstörungen, Fütterungsprobleme, häufiges Herausstrecken der Zunge, übermäßiger Speichelfluss, übermäßige Kaubewegungen, Prognathie, breite untere Gesichtshälfte mit breitem Mund, weit auseinander stehende Zähne. Die genannten Auffälligkeiten werden meist in bestimmten Entwicklungsstufen augenscheinlich und es lässt sich ein relativ typischer Verlauf der Sprachentwicklung feststellen. Daher soll die Entwicklung hinsichtlich der genannten Aspekte an dieser Stelle noch einmal kurz skizziert werden: Schwierigkeiten beim Saugen und Schlucken und daraus erwachsende Fütterungsprobleme sowie das häufige Herausstrecken der Zunge in Verbindung mit starkem Sabbern treten bereits im Säuglingsalter auf. Zudem schreien, weinen und gurren die Säuglinge in der Schreiphase weniger als im Zuge der normalen Sprachentwicklung zu erwarten wäre. Die Lallphase setzt im dritten Monat etwas verspätet ein und dauert etwa bis zum sechsten Monat an. Sie wird von den Eltern durch das übermäßige Gurgeln, Glucksen und Kichern der Kinder meist sehr intensiv erlebt. Etwa ab dem sechsten Monat werden die Lautäußerungen immer verhaltener. Oftmals werden die Kinder als ausgesprochen ruhig beschrieben, da sie kaum plappern. Zunehmend wird ersichtlich, dass eine Verzögerung der Sprachentwicklung vorliegt. Im Alter von zehn bis achtzehn Monaten beginnen einige Kinder, einzelne Silben zu produzieren, die jedoch nach Clayton-Smith[14] nicht symbolisch verwendet werden. Im Kleinkindalter ist das ausgeprägte orale Verhalten sehr auffällig. Viele der Kinder haben ständig ihre Hände oder ihr Spielzeug im Mund. Zunehmend werden die fazialen Auffälligkeiten sichtbar. Die Kinder werden als sehr aktiv und hypermotorisch beschrieben. Im Alter von zwei bis drei Jahren beginnt ein Großteil der Kinder, seine Wünsche und Bedürfnisse, durch Vokalisationen, quietschen, schreien, Mimik und Gestik auszudrücken. Zunehmend wird ersichtlich, dass die Sprache vor allem den produktiven Bereich gesprochener Sprache und nicht so sehr den perzeptiven betrifft. Die vorhandenen diesbezüglichen Untersuchungen zeigen, dass nur wenige Personen mit AS verbale Sprache entwickeln, aber in der Lage sind, andere Formen expressiver Kommunikation, wie zum Beispiel Gesten und Zeichen, zu verwenden.[15] Die Verbalisationen beschränken sich auf einige wenige Wörter. Buntinx et al. berichten nach einer Befragung mit 47 Probanden, dass 39 Prozent bis zu vier Wörter sprachen, wobei allerdings nicht beachtet wurde, ob diese bedeutungsvoll gebraucht wurden.[16] Clayton-Smith führte eine Studie mit 82 Probanden durch, die zu folgenden Ergebnissen führte: 30 Prozent der Probanden verwendeten keine verbale Rede und kein Proband sprach mehr als 6 erkennbare Wörter. Jedoch waren 20 Prozent in der Lage, nicht-lautsprachliche Mittel, sowohl realer als auch symbolischer Art, zur Kommunikation zu verwenden. Als Kommunikationsmittel dokumentiert Clayton-Smith Gesten, einschließlich Zeigen, Ziehen oder Drücken, und Bilder.[17]

[...]


[1] Vgl. Hahn: Thesen zur anthropologischen Grundlegung einer nicht sondernden Pädagogik,..., S. 114.

[2] Speck: Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Erziehung, S. 123.

[3] Vgl. Duden: Fremdwörterbuch

[4] Vgl. Merten: Kommunikation.

[5] Ebd. S. 12.

[6] Watzlawick et al.: Menschliche Kommunikation.

[7] Merten: Kommunikation, S. 173.

[8] Vgl. Fittkau et al.: Kommunizieren lernen und umlernen, S. 20.

[9] Vgl. Linke et al.: Studienbuch Linguistik, S. 30.

[10] Vgl. Adam: Bedeutung und Möglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung, S. 125.

[11] Siegel: Jeder hat das Recht auf Kommunikation, S. 4.

[12] Vgl. Elternberichte.

[13] Vgl. A.S.F. (Hrsg.): Facts about Angelman Syndrome; Vgl. auch Alvares: A Survey of Expressive Communication Skills in Children with Angelman Syndrome; Vgl. auch Jolleff: Communication development in Angelman’s syndrome; Vgl. auch Penner: Communication, cognition, and social interaction in the Angelman syndrome; Vgl. auch : Elternberichte.

[14] Vgl. auch A.S.F. (Hrsg.): Facts about Angelman Syndrome; S. 6.

[15] Vgl. Alvares: A Survey of Expressive Communication Skills in Children with Angelman Syndrome; S. 2.

[16] Vgl. A.S.F. (Hrsg.): Facts about Angelman Syndrome; S. 6.

[17] Vgl. Alvares: A Survey of Expressive Communication Skills in Children with Angelman Syndrome; S. 6.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Unterstützte Kommunikation bei Schülern mit Angelman-Syndrom
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Rehabilitationswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V293819
ISBN (eBook)
9783656913856
ISBN (Buch)
9783656913863
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
unterstützte, kommunikation, schülern, angelman-syndrom
Arbeit zitieren
Franziska Waldschmidt (Autor), 2001, Unterstützte Kommunikation bei Schülern mit Angelman-Syndrom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293819

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