Decretum de ecclesiae habitudine ad religiones non-christianas. Die Haltung der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen ,,Nostra aetate“

Eine mögliche Interpretation


Essay, 2012

14 Seiten, Note: 2,0

Jana Zimmermann (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
a) NA 1
b) NA 2
c) NA 3
d)NA 4
e) NA 5

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Nostra Aetate- In unserer Zeit“

Kein anderes Dokument des zweiten Vatikanischen Konzils betont bereits im Titel dessen hohe Aktualität. In diesem Titel steckt außerdem die Aufforderung, die Zeichen der Zeit zu lesen, über aktuelle Entwicklungen zu reflektieren, was im ersten Artikel näher erläutert wird. Auch wird in diesem Titel zum ersten Mal von nichtchristlichen Religionen gesprochen, nicht etwa von Ungläubigen oder Heiden1. Die Nennung von ,,Religionen“ beinhaltet die volle Anerkennung als geschichtlich wie kulturell gleichwertige Größen im Vergleich zur Kirche. 2 Man kann hier also zunächst festhalten, dass die Kirche anscheinend einen religiösen Pluralismus anerkennt. „Während sich in den vergangenen Jahrhunderten die Kirche […] von den anderen Religionen abzugrenzen und absolut zu setzen versuchte (vgl. DH 1351), werden nun die Religionen in Beziehung zur Kirche gesetzt und in positiver Weise gewürdigt“ 3.

Die Entstehung dieses so bedeutungsschweren Dokumentes ist sicher nicht unabhängig von den persönlichen Intentionen Papst Johannes´ XXIII., war er doch Zeitzeuge der Judenverfolgung. Es war ihm sowohl persönlich als auch theologisch ein Anliegen sich klar zu positionieren4. So war ursprünglich nur eine Judenerklärung, also eine Erklärung zur Haltung der Kirche gegenüber dem Judentum geplant5, die der Zentralkommission 1962 erstmals vorgelegt wurde6. Darauf wurden jedoch Stimmen von Kirchenvätern aus arabischen Staaten laut, sodass es wichtig erschien in dem Dokument alle nichtchristlichen Religionen zu würdigen7. Nach dem Tod von Johannes´ XXIII. wurde das Konzil ab 1963 von dem neuen Papst Paul VI. weitergeführt. Am 28. Oktober 1965 erfolgte die Schlussabstimmung mit 2221 Ja- und 88 Nein- Stimmen sowie die Verkündung der Erklärung8. Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über die theologische sowie universelle Bedeutung des Dokuments „Nostra aetate“ geben.

2. Hauptteil

Das Dokument ,,Nostra aetate“ ist in insgesamt fünf Abschnitte eingeteilt, die sich jeweils noch untergliedern lassen.

In NA9 1 werden drei Themenbereiche angesprochen: Die kontextuelle Begründung für die Äußerung der Kirche (NA 1,1), der theologische Hintergrund auf Grundlage des christlichen Glaubens, allerdings mit universellem Bezug auf die Menschheit (NA 1,2) und welche Fragen den Religionen und den Menschen gemeinsam sind (NA 1,3).

a) NA 1

NA 1,110:

,, In unserer Zeit, in der sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger eint und sich die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern mehren, erwägt die Kirche noch aufmerksamer, wie ihre Haltung zu den nichtchristlichen Religionen ist. Bei ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen, ja sogar unter den Völkern zu fördern, erwägt sie hier vor allem das, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur gegenseitigen Gemeinschaft führt.“

Im ersten Abschnitt wird zunächst verdeutlicht, an wen sich dieses Dokument wendet, warum es verfasst wurde und wo die Kirche hier ihre Rolle sieht. Die Kirche wendet sich hier keinesfalls an einzelne andersgläubige sondern an die Gesamtheit der nichtchristlichen Religionen, worin auch die hohe Aktualität begründet liegt. Das Wort Globalisierung wird nicht verwendet, ist aber doch unmissverständlich aus dem Kontext abzuleiten. Die Kirche sieht ihre Aufgabe darin, angesichts der Probleme die im interkulturellen und interreligiösen Dialog im Zuge des Zusammenwachsens der verschiedenen Völker auftauchen Frieden und Liebe sowie gegenseitiges Verständnis unter den Menschen zu stiften. Dies setzt allerdings voraus, dass die Menschen sich gegenseitig mit einem gewissen Maß an Offenheit und Toleranz begegnen, was zum zweiten Punkt überleitet:

NA 1,211:

,,Alle Völker sind nämlich eine Gemeinschaft, haben einen Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Antlitz der Erde hat wohnen lassen, haben auch ein letztes Ziel, Gott, dessen Vorsehung, Zeugnis der Güte und Heilsratschlüsse sich auf alle erstrecken, bis die Erwählten in der Heiligen Stadt, welche die Herrlichkeit Gottes erleuchten wird, vereint werden, wo die Völker in ihrem Licht wandeln werden.“

Hier werden die Gemeinsamkeiten aller Völker und Religionen betont, nicht etwa die Unterschiede zwischen christlicher Religion und nichtchristlichen Religionen. Denn die Kirche sieht als eine ihrer Aufgaben die Schaffung einer friedlichen Gemeinschaft und nur unter Anerkennung des Gemeinsamen kann es zu einer Gemeinschaft kommen, was ja hier durchaus theologisch begründet wird. Das Dokument ist also nicht missionierend zu verstehen, es wird vielmehr zum Dialog aufgefordert. Die Gemeinschaft der Völker wird hier deshalb theologisch begründet, weil sie alle ihren Ursprung und ihr Ziel in Gott haben, dessen Vorsehung (Heilswille) sich auf alle erstreckt. Die Menschheit hat also ihre Wurzeln (Anfang und Ende) in Gott, weshalb die Gemeinsamkeiten der Menschen grundlegender sind als ihre Verschiedenheit. Die Anerkennung der anderen Religionen ist allerdings keinesfalls als Abwertung der christlichen Religion zu verstehen, sondern vielmehr auf deren Grundlage, was auch hier deutlich wird: Güte und Heilsratschlüsse, die sich auf alle erstrecken! Diese Begriffe sind offenbarungs- und gnadentheologisch zu verstehen12. Es ist also von einem allmächtigen, barmherzigen Gott die Rede, der alle Menschen liebt. Die Betonung liegt hier auf ´´alle´´ was also wirklich ausnahmslos jeden Menschen meint, ob Angehörigen der christlichen, einer anderen oder vielleicht gar keiner Religion. Gott wird also an dieser Stelle greifbar, indem sich seine Liebe und Barmherzigkeit auf jeden, ganz gleich welcher Abstammung oder Kultur er angehört, erstreckt.

NA 1,313:

„Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen eine Antwort auf die verborgenen Rätsel der menschlichen Bedingung, die so wie einst auch heute die Herzen der Menschen im Innersten bewegen: was der Mensche sei, was der Sinn und das Ziel unseres Lebens, was gut und was Sünde, welchen Ursprung die Leiden haben und welchen Zweck, welches der Weg sei, um das wahre Glück zu erlangen, was der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tod, was schließlich jenes letzte und unaussprechliche Mysterium, das unsere Existenz umfasst, aus dem wir unseren Ursprung nehmen und auf das wir zustreben.“

Die Kirche kann hier selbstverständlich nur Fragen stellen, weil betont werden soll, welche Themenkomplexe alle Religionen umfassen. Würden hier Antworten gegeben hätten sie nur für die christliche Religion, nicht aber für die anderen Religionen Gültigkeit, da deren Antworten sicher andere wären. Die Betonung des Gemeinsamen kann also nur so funktionieren und den Dialog offen halten. An dieser Stelle wie auch an anderen Stellen des Dokuments „Nostra aetate“ werden Fragen offen gelassen, denn das Konzil sieht es als seine Aufgabe zum Dialog anzuleiten, nicht vorgefertigte Antworten zu präsentieren14. Die Kirche kann in diesem Zusammenhang auch nicht von einem Dialog sprechen, weil zum Dialog auch ein Dialogpartner –in diesem Fall Sprecher der nichtchristlichen Religionen- gehört. Über das Verhältnis zu den anderen Religionen kann die Kirche also nicht sprechen, weil sie so dem Dialog etwas vorweg nehmen würde. Die Gemeinsamkeiten untereinander zu betonen und die anderen so als Mitsubjekte anzuerkennen ist also das Höchste was die Kirche an dieser Stelle tun kann. 15

b) NA 2

Erklärung zu Hinduismus und Buddhismus (NA 2,1), Stellung der kath. Kirche (NA 2,2) und die daraus zu folgernden Aufgaben der Christen im interreligiösen Dialog (NA 2,3):

NA 2,116:

„Schon von alters her bis zur heutigen Zeit findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Erfassung jener verborgenen Kraft, die dem Lauf der Dinge und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, bisweilen sogar die Anerkennung einer höchsten Gottheit oder auch eines Vaters. Diese Erfassung und Anerkennung durchdringen ihr Leben mit einem tiefen religiösen Sinn. Die Religionen aber, die mit dem Fortschritt der Kultur verknüpft sind, bemühen sich, mit genaueren Begriffen und in einer mehr ausgebildeten Sprache auf ebendiese Fragen zu antworten. So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Mysterium und drücken es in einer unerschöpflichen Fruchtbarkeit an Mythen und durch scharfsinnige Versuche der Philosophie aus, und sie suchen Befreiung aus der Beschränktheit unserer Bedingung durch aszetische Lebensformen, durch tiefe Meditation oder durch die Zuflucht zu Gott mit Liebe und Vertrauen. Im Buddhismus in seinen vielfältigen Formen wird das radikale Ungenügen dieser veränderlichen Welt anerkannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit andächtigem und vertrauendem Herzen einen Zustand vollkommener Befreiung zu erreichen oder – sowohl durch eigene Versuche als auch gestützt auf höhere Hilfe - zu höchster Erleuchtung zu gelangen vermögen. So bemühen sich auch die übrigen Religionen, die man auf der ganzen Welt findet, der Unruhe des Herzens der Menschen auf vielfältige Weisen zu begegnen, indem sie Wege vorlegen, nämlich Lehren und Lebensregeln sowie heilige Riten.“

Kultur, Geschichte und Religion stehen also eindeutig in Zusammenhang miteinander, auch darin wird also eine Ähnlichkeit der Völker untereinander begründet. Das bedeutet aber auch, dass Religion/ Religionen nicht als abgeschlossene, in sich stimmige Größen betrachtet werden, sondern sich vielmehr im Wachstum befinden, sich im Laufe der Zeit erst entwickeln und reifen, was auf den Dialog bezogen natürlich bedeutet, dass wir als Angehörige einer Religion etwas zu dieser Entwicklung beitragen, eine (nicht zu unterschätzende) Verantwortung haben. Der Text wird an dieser Stelle konkreter, was durch Begriffe wie „verborgene Kraft, Anerkennung einer höchsten Gottheit, Vater“ deutlich wird. Mit der Anmerkung dass dies ihr Leben mit einem religiösen Sinn durchdringt wird eine Konnotation gegeben, die eine negative Einschätzung von nichtchristlichen Religionen nicht mehr zulässt17. Die Aufgabe aller Religionen ist es, Antworten in angemessener Sprache und Begrifflichkeiten auf Fragen im religiösen Kontext zu entwickeln. An dieser Stelle werden zwei Religionen aus dem asiatischen Kulturraum hervorgehoben: der Hinduismus und der Buddhismus. Die Abschnitte hierzu sind relativ kurz gehalten, Ziel des Dokuments ist es aber auch nicht Vollständigkeit zu gewährleisten da dies für die Aussageabsicht auch nicht notwendig ist18.

Bezogen auf den Hinduismus wird erwähnt, dass Bezüge zu Gott in Mythen und Philosophie ausgedrückt werden und heilige Schriften existieren in denen dies verzeichnet ist. Es wird versucht aus der Beschränktheit des irdischen Lebens auszubrechen, wobei die Möglichkeiten der Askese, Meditation und schlussendlich die Rettung zu Gott als befreiende Heilswege erwähnt werden. Gott wird hier zwar nur als eine Möglichkeit angeführt, es handelt sich also nicht etwa um eine monotheistische Religion, dennoch wird er als liebend und vertrauenswürdig beschrieben. Auch steht er als letztes Argument, was möglicherweise eine Andeutung darauf sein soll, dass alles sein Ziel in Gott hat, wie vorab in NA 1,1 bereits erwähnt wurde.

Den Buddhismus betreffend wird ebenfalls die Daseinsform des irdischen Lebens kritisiert indem sie als ´´radikales Ungenügen´´ und ´´veränderlich´´ betitelt wird. Was allerdings erwähnt wird ist ein Weg, der gelehrt wird um vollkommene Befreiung oder höchste Erleuchtung zu erreichen, durch eigene Versuche oder mit ´´höherer Hilfe´´. Dies sind wohl Hinweise auf die Lehre von der ersten edlen Wahrheit vom Leiden sowie dem edlen achtfachen Pfad als Weg und der Bestimmung des Ziels (= vollkommene Befreiung / höchste Erleuchtung)19. Auffällig ist, dass die festen Größen des buddhistischen Glaubens ungenannt bleiben: Buddha und das Nirvana. Es bleibt die Frage offen weshalb an dieser Stelle sowie auch an allen anderen Stellen des Dokuments eine direkte, offene Nennung von Einheiten in anderen Religionen ausbleibt, diese höchstens umschrieben werden (Bsp.: auch im Hinduismus werden die Yoga-Wege nicht genannt, später im Kapitel über den Islam bleibt such die Nennung von Muhammad aus). Abschließend wird auf alle anderen Religionen hingewiesen; dass es auch dort Wege und Lehren gibt dem unruhigen Herzen der Menschen zu begegnen. Außerdem werden heilige Riten erwähnt, was natürlich sehr allgemein gehalten ist, aber darauf hinweist, dass die Kirche neben von Menschenhand gemachten Lehren und Lebensregeln auch durchaus göttliche Elemente in den nichtchristlichen Religionen anerkennt und auf diese hinweist und dies im Folgenden noch weiter betont und ausführt:

[...]


1 Vgl. Herders theologischer Kommentar zum Zweiten vatikanischen Konzil, S. 646

2 Vgl. Herders theologischer Kommentar zum Zweiten vatikanischen Konzil, S. 647

3 Vgl. Vierzig Jahre II. Vatikanum, S. 208

4 Vgl. Kleine Geschichte des zweiten vatikanischen Konzils, S. 133

5 Vgl. Vierzig Jahre II. Vatikanum, S. 209

6 Vgl. Kleines Konzilskompendium, S. 349

7 Vgl. Vierzig Jahre II. Vatikanum, S. 209

8 Vgl. Kleines Konzilskompendium, S. 349

9 Kürzel für Nostra aetate

10 Vgl. Herders theologischer Kommentar zum Zweiten vatikanischen Konzil, S. 355

11 Vgl. ebd., S. 355,f.

12 Vgl. Herders theologischer Kommentar zum Zweiten vatikanischen Konzil, S. 651

13 Vgl. ebd., S. 356

14 Vgl. ebd., S. 646, f.

15 Vgl. Herders theologischer Kommentar zum Zweiten vatikanischen Konzil, S. 646, f.

16 Vgl. ebd., S. 356, f.

17 Vgl. ebd., S. 653

18 Vgl. Herders theologischer Kommentar zum Zweiten vatikanischen Konzil, S. 655

19 Vgl. ebd., S. 655

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Decretum de ecclesiae habitudine ad religiones non-christianas. Die Haltung der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen ,,Nostra aetate“
Untertitel
Eine mögliche Interpretation
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
14
Katalognummer
V293892
ISBN (eBook)
9783656914624
ISBN (Buch)
9783656914631
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
decretum, erklärung, haltung, kirche, religionen, nostra, eine, interpretation
Arbeit zitieren
Jana Zimmermann (Autor), 2012, Decretum de ecclesiae habitudine ad religiones non-christianas. Die Haltung der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen ,,Nostra aetate“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/293892

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