Heirat und Bestattung im Judentum. Religionsanthropologische Untersuchung nach Arnold van Gennep und Victor Turner


Seminararbeit, 2013
19 Seiten, Note: 5 (Schweizer Notengebung)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Übergangsriten nach Arnold van Gennep
1.1. Heirat und Verlobung
1.2. Bestattung

2. Schwellenzustand nach Victor Turner
2.1. Communitas
2.2. Eigenschaften der Schwellenwesen
2.3. Gefahr und Macht der Schwachen
2.4. Millenarische Bewegungen

3. Jüdisches Brauchtum
3.1. Die jüdische Hochzeit
3.2. Die Bestattung

4. Auswertung

5. Bibliographie

Einleitung

Rituale begleiten die Menschen durch ihr gesamtes Leben. Ihn ihnen spiegeln sich die Wertevorstellungen einer Gesellschaft wieder.[1] Riten haben abhängig von ihrer Verwendungsweise verschiedene Funktionen. Ritualwissenschaftler, wie zum Beispiel Stanley Tambiah, haben differenzierte Komponenten und Funktionen als Merkmale für Rituale definiert: Das symbolische Handeln, Wiederholung, Tradition, Selbstpräsentation, Ausseralltäglichkeit, Sichtbarkeit von Wertevorstellungen, Motivation und Wirkung. Luckmann vertritt die These, dass Rituale die Handlungsform von Symbolen sind. Sie verweisen somit auf etwas, das nicht anwesend ist und sie verbindet. Rituale stellen bewährte Handlungsmuster zur Verfügung und signalisieren somit Normalität. Weiter bewahrt die Teilnahme an Ritualen vor sozialen Sanktionen und Isolation. Zum Beispiel bei einer verweigerten Initiation oder einer abgelehnten Hochzeitseinladung. Des Weiteren helfen Rituale über Unsicherheiten hinweg und bieten Schutz. Es ist nicht bekannt, was den Menschen nach dem Tod erwartet. Viele Totenriten sollen den Toten helfen ihren Weg ins Jenseits zu finden und stellen sicher, dass die Hinterbliebenen vor allfälligen Rachehandlungen des Verstorbenen geschützt sind. Rituale sind auch eng mit der Tradition verbunden und bestätigen sie somit als bestehende Richtlinie.[2] Emile Durkheim betonte die integrative Funktion von Ritualen. Viele richten sich an eine oder mehrere Gottheiten und diese sind ein Ausdruck der Gesellschaft. Somit integrieren die Riten einzelne Individuen in die Gesellschaft und stärken die Gruppenidentität. Die Menschen verehren somit ihre eigenen Werte, Normen und Ordnung.[3] Einige Riten begleiten uns von einem Lebensabschnitt in den anderen. Diese Rituale bezeichnet Arnold van Gennep als Übergangsrituale. Mit ihnen treten wir von einem Status in den Nächsten. Nach van Gennep lösen wir uns zuerst mit Trennungsriten von alten Status ab, dann folgen die Übergangriten und am Schluss die Angliederungsriten, die uns helfen an den neuen Status anzuknüpfen. Victor Turner entwickelt die Theorie von van Gennep weiter und legt seinen Schwerpunkt auf die Übergangsphase.[4] Im Folgenden wird die jüdische Hochzeit und Beerdigung analysiert hinsichtlich der Theorien von Arnold van Gennep und Victor Turner.

1. Übergangsriten nach Arnold van Gennep

Übergangsriten sind nach Arnold van Gennep Riten, die den Übergang von einem sozialen Zustand in einen anderen begleiten. Als Beispiel nennt er die Heirat oder die Taufe. Innerhalb dieser Ritengruppe lassen sich drei Unterkategorien feststellen: Trennungsriten, Schwellen- bzw. Umwandlungsriten und Angliederungsriten. Alle Übergangsriten durchlaufen also nach van Gennep diese drei Phasen. Die Trennungsriten stehen für die Ablösung von dem alten Status. Die Schwellen- bzw. Umwandlungsphase ist ein Zwischenstadium, wobei die Schwellenriten sich auf einen Raumwechsel beziehen und die Umwandlungsriten auf einen Zustandswechsel. Die Angliederungsriten führen zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft beziehungsweise zum Erlangen des neuen Status. Diese Phasen sind nicht in jeder Gesellschaft gleich ausgebildet und nicht in jeder Zeremonie gleich gewichtet. Für Van Gennep ist jedoch klar, dass zum Beispiel in einer Hochzeit nicht ausschliesslich Übergangsriten vorhanden sind. In einer Hochzeitszeremonie sind oft Fruchtbarkeitsriten enthalten und in Geburtszeremonien Schutz- und Divinationsriten. Alle diese Riten treten in Verbindung mit Übergangsriten auf und sind häufig so eng mit ihnen verflochten, dass die Unterscheidung zwischen Trennungs- und Schutzritus schwierig sein kann.[5]

1.1. Heirat und Verlobung

Die Heirat stellt den wichtigsten Übergang von einem sozialen Status in einen anderen dar, weil hiermit ein Familien-, Klan- und vielleicht sogar ein Dorfwechsel verbunden ist. Wenn ein Ortwechsel notwendig ist, wird dies in der Hochzeitszeremonie durch Trennungsriten zum Ausdruck gebracht, die auf den räumlichen Übergang Bezug nehmen. Da bei einer Hochzeit viele Gruppen betroffen sind, ist verständlich, dass vorher eine Übergangszeit besteht, die Verlobung. Bei vielen Völkern ist die Verlobung ein selbständiger und wichtiger Teil der Hochzeitszeremonie und umfasst ein komplexes Gebilde aus verschiedenen Trennungs-, Umwandlungs- und Angliederungsriten. Die danach folgende Hochzeit besteht dann im Wesentlichen nur noch aus Angliederungsriten. Von einer Heirat sind immer relativ grosse Gruppen betroffen. 1. Die beiden Geschlechter- beziehungsweise Gendergruppen. 2. Die patrilineare oder matrilineare Abstammungsgruppe. 3. Die Familien der beiden Ehepartner. 4. Gruppierungen wie der Totemklan, eine Bruderschaft oder eine Altersgruppe, denen der junge Mann oder die junge Frau angehören. 5. Das Dorf. Mit der Eheschliessung sind immer auch ökonomische Interessen, wie zum Beispiel die Festlegung des Brautpreises, verknüpft. Die oben genannten Gruppen sind mehr oder weniger an den finanziellen Verhandlungen interessiert. Wenn zum Beispiel der Clan ein produktives Mitglied verliert, so erwartet er eine Entschädigung. Es gibt zahlreiche Riten, in denen etwas „freigekauft“ wird, wie zum Beispiel der Zugang zum neuen Wohnort. Diese „Freikäufe“ laufen immer zusammen mit Trennungsriten ab. Bei den Turk-Mongolen wird die Hochzeitszeremonie erst vollzogen wenn der Brautpreis bezahlt ist. Dies kann zum Teil Jahre dauern. Bei den Baschkiren können die Eltern Ehen beschliessen, wenn die künftigen Ehepartner noch sehr jung sind, Vermittler führen die Verhandlungen und es werden unter anderem der künftige Brautpreis und der Zeitpunkt der Zahlung festgelegt. Wenn man sich einig geworden ist, trifft man sich zum gemeinsamen Abendessen und es werden Geschenke ausgetauscht. Nach diesem Austausch ist es dem jungen Mann nur gestattet seine Braut zu besuchen, wenn ihn seine Schwiegermutter nicht erwischt und er das Gesicht seiner Braut nicht ansieht. Sollte während dieser Übergangsphase ein Kind entstehen, wird es von der Mutter aufgezogen. Die Jungen leben also in einer eheähnlichen Beziehung, bis der Brautpreis abbezahlt und der vereinbarte Zeitpunkt der Hochzeit gekommen ist. Diese Übergansphase ist oft sehr nahe mit der Initiation verbunden, so dass der Zeitraum der Initiation bis zur sozial anerkannten Eheschliessung als eine einzige Phase zu betrachten ist. Die Hochzeit verläuft typisch durch verschiedene Trennungs-, Umwandlungs- und Angliederungsriten. Die meisten Hochzeitszeremonien werden von Schutz- und Fruchtbarkeitsriten begleitet. Die Ehe kann nur durch den Tod aufgehoben werden. In diesem Fall wird das Levirat beziehungsweise das Sororat praktiziert. Dies hat nicht nur einen ökonomischen Hintergrund, sondern auch einen familiären. Es wurde durch die Heirat ein neues Mitglied offiziell in die Familie aufgenommen und hat so nicht nur zwei Personen sondern vor allem zwei Familien aneinander gebunden. Die Trennungsriten stehen ganz am Anfang der sehr komplexen Hochzeitzeremonie. Ein Ritus, der sich durch viele Gesellschaften zieht, ist der Raub der Braut. Die Heirat führt dazu, dass einer Gruppe ein produktives Mitglied fehlt und schwächt sie somit. Die Raub- und Entführungsriten können somit als Ausdruck von Widerstand gesehen werden und Kompensationsleistungen werden eingefordert. Bei den Arabern des Sinai verläuft dies so, dass der künftige Ehemann und zwei Helfer das Mädchen überfallen und in das Zelt des Vaters schleppen. Dabei wehrt sich die Braut und erntet Beifall von ihren Gefährtinnen. Im Zelt wird ihr das Zeremonialgewand angezogen und draussen setzt man sie auf ein Kamel und führt sie drei Mal um das Zelt des Vaters herum. Dabei kämpft und schreit die Frau während ihre Gefährtinnen wehklagen und weinen. Wenn sie zu den Brautgemächern ihres Mannes geführt wird, ist es ihre Aufgabe zu weinen. Hier erkennt man, dass es sich bei den Raubriten um Trennungsriten handelt. Das Mädchen verlässt die Gruppe ihrer Altersgefährtinnen und erlangt einen neuen Status, den der Ehefrau. Oft ist es so, dass der Braut nicht nur die Altersgefährtinnen beistehen, sondern alle Frauen in der Verwandtschaft. Es gibt noch weitere Trennungsriten bei der Heirat, wie zum Beispiel das Wechseln der Kleider, das zeremonielle Leeren eines Milchkruges, das Abschneiden der Haare, das Brechen des Kettchens der Jungfräulichkeit, etc. Die dritte Phase der Hochzeit ist die Angliederungsphase. Es gibt einerseits individuelle Riten, welche die beiden Verlobten vereinigen. So zum Beispiel das Austauschen von Gürteln, Bändern und Ringen oder das gemeinsame Essen oder Trinken von Speisen oder Blut, das gegenseitige Waschen, usw. Es gibt aber auch Angliederungsriten die von kollektiver Natur sind. Diese integrieren die Braut oder den Bräutigam in die neue Gruppe. Beispiele für solche Riten wäre das Austauschen von Geschenken oder Schwestern, die Teilnahme an kollektiven Zeremonien wie rituellen Tänzen oder das Verlobungs- und Hochzeitsessen. Van Gennep betont, dass die Phasen der Eheschliessung, vor allem die Verlobung, grosse ökonomische Bedeutung haben. Ausserdem ermöglichen diese Phasen, die friedliche Koexistenz der neu zusammengeführten Gruppen und schützen das Gleichgewicht.[6]

[...]


[1] Vergl. Weinfurter 2005, 1

[2] Vergl. Dücker 2007, 33 -37

[3] Vergl. Mitchell 2012, 617

[4] Vergl. Barnard 2012, 616

[5] Vgl. Van Gennep 2005, 21-22

[6] Vergl. Van Gennep 2005, 114 - 140

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Heirat und Bestattung im Judentum. Religionsanthropologische Untersuchung nach Arnold van Gennep und Victor Turner
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
5 (Schweizer Notengebung)
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V294019
ISBN (eBook)
9783656918097
ISBN (Buch)
9783656918103
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwellenritual, Schwellenriten, Arnold van Gennep, Victor Turner, Judentum, Heirat, Bestattung
Arbeit zitieren
Susanne Ilg (Autor), 2013, Heirat und Bestattung im Judentum. Religionsanthropologische Untersuchung nach Arnold van Gennep und Victor Turner, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294019

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