Der Haustopos in Federico De Robertos Novellensammlung "La sorte" und Giovanni Vergas Roman "I Malavoglia"


Hausarbeit, 2013
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Die Dynamisierung des Haustopos im 19. Jahrhundert

3. Der Haustopos in Federico De Robertos Novellensammlung La sorte
3.1. La disdetta
3.2. Il matrimonio di Figaro
3.3. La Rivolta

4. Intertextuelle Bezüge des Topos Villa Falconara in der Novelle Il ragazzinaccio

5. I Malavoglia von Giovanni Verga
5.1. Der Haustopos als Grund für das unnatürliche Verhalten des Padron N’Toni
5.2. Die Darstellung unterschiedlicher Lebensmodelle mittels des Haustopos
5.3. Der Haustopos als taktisches Druckmittel

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

Abstract:

Ziel dieser Arbeit ist es, nach einer einleitenden Darstellung des veristischen Schreibens und der Dynamisierung des Haustopos im 19. Jahrhundert dessen Funktion und Inszenierung in Federico De Robertos Novellensammlung La sorte und Giovanni Vergas Roman I malavoglia zu erläutern. Beispielhafte Textpassagen sollen verdeutlichen, wie das Haus den Auf – und Abstiegsprozess seiner Bewohner versinnbildlicht. Die Anführung intertextueller Bezüge auf den bestimmten Haustopos Villa Falconara soll die Präsenz dieses Topos über eine gesamte Novelle De Robertos hinweg belegen. Bezüglich Giovanni Vergas Roman I Malavoglia möchte ich besonders den Einfluss des Hauses auf das natürliche Verhalten des Menschen, seine Versinnbildung unterschiedlicher Lebensmodelle und seine taktische Einbindung in die Figurenrede analysieren. Abschließend werde ich die Inszenierung des Topos in beiden Werken einander gegenüber stellen.

1. Einleitung

Die späten Modernisierungsversuche des wirtschaftlich schwachen Süditaliens im 19. Jahrhundert werden von den Autoren des italienischen Verismus skeptisch in Augenschein genommen, da sie die traditionelle Oberschicht stärkten, sich für die Unterschicht jedoch als nachteilig erwiesen. Dieses Ungleichgewicht brachte die Veristen, als deren Hauptvertreter Giovanni Verga, Luigi Capuana und Federico De Roberto zu nennen sind dazu, sich den Verlierern der Modernisierung zu widmen und deren Probleme in ihren Werken zu thematisieren. Durch die Darstellung von Figuren wie einfachen Arbeitern in finanziellen Nöten bemühen sie sich um eine detailgetreue und genaue Beschreibung. Diese enthält nicht wie der dem italienischen Verismus nahe französische Naturalismus eine möglichst objektive Darstellung, sondern einen eigenen persönlichen Standpunkt. Sowohl Giovanni Verga als auch Federico De Roberto ist die ungleiche Situation und der verzweifelte Seelenzustand der Unterschicht Süditaliens im 19. Jahrhundert bewusst, stammen beide Autoren gebürtig aus Catania und Neapel.

An Federico De Robertos Novellensammlung La sorte und Giovanni Vergas Roman I malavoglia möchte ich im Folgenden erläutern, wie die Autoren den Haustopos inszenieren, um die Instabilität sozialer Schichten zu veranschaulichen. Am Verlust oder Besitz des Hauses soll gezeigt werden, wie schnell spekulatives Handeln sogar wohlhabende Familien in den Ruin treiben kann.

Nach einer knappen Erläuterung über die allgemeine Dynamisierung des Haustopos im 19. Jahrhundert möchte ich anhand von beispielhaften Textpassagen aus drei der acht Novellen De Robertos Sammlung La sorte die Funktionen und die Bedeutung des Hauses sowie örtlicher Wechsel hervorheben und analysieren.

2. Die Dynamisierung des Haustopos im 19. Jahrhundert

Im italienischen Verismus erfuhr der Haustopos durch eine Abwendung der Frau von der häuslichen traditionellen Ökonomie eine Dynamisierung. Durch die Entstehung neuer Berufe wie beispielsweise den der Lehrerin, der im Rahmen des Aufbaus eines nationalen Bildung – und Erziehungswesens unabdingbar war, brach die Frau mit ihrer gewohnten privaten Umgebung und war neuer Bestandteil des öffentlichen Raumes.[1] Jene Veränderung brachte für diejenigen, die die Frau als sogenannten angelo del focolare betrachteten, der seine Erfüllung in häuslichen Pflichten sah, Schockierung hervor. Durch das Eintreten der Frau in den öffentlichen sozialen Raum war also eine soziale Umstrukturierung im Gange. Bei Giovanni Verga wird der private Raum jedoch zu einem Ort der Öffentlichkeit. Eine Nebenfigur erwähnt am Ende des Romans I Malavoglia beispielsweise Einbrecher und feindliche gesinnte Personen, die sich im Dorf Aci Trezza bewegen und in ungesicherte Häuser eintreten.[2] Dies ist ein in veristischen Romanen häufig zu findender Prozess, in dem Dorfbewohner ihr Heim vor Fremden nicht zu schützen vermögen und Eindringlinge durch das Übertreten der Türschwelle dem Haus seinen schützenden und privaten Charakter entziehen. Trotz der Dynamisierung des Haustopos durch neue gesellschaftliche Verhaltensweisen und die Modernisierung der Beziehung zwischen der Frau und ihrem häuslichen Umfeld, hielten einige veristische Autoren wie Giovanni Verga im Gesamten betrachtet an der konventionellen Rollenverteilung fest, wohingegen andere Autoren wie Federico De Roberto der weiblichen Figur häufig kein männliches Pendant verliehen und die soziale Umstrukturierung der Frau und somit die Angleichung des Haustopos annahmen. Durch meine Erläuterung über diese soziale Umstrukturierung und die Dynamisierung des Raumes im 19. Jahrhundert möchte ich darauf hinweisen, wie präsent der Aspekt des Haustopos im Allgemeinen für veristische Autoren war. Die Inszenierung des Hauses war für veristische Autoren eine Möglichkeit, eigene Anschauungen zum Ausdruck zu bringen sowie Handlungsstränge in ihren Werken zu untermauern.

3. Der Haustopos in Federico De Robertos Novellensammlung La sorte

3.1. La disdetta

Beginnen möchte ich mit der Untersuchung des Haustopos bei Federico De Robertos erster Novelle La disdetta aus der Novellensammlung La sorte. Die an Spielsucht erkrankte Protagonistin principessa di Roccasciano lebt mit ihrem Dienstpersonal in einer prunkvollen Villa. Der äußere Anschein von Reichtum trügt, da sich die Prinzessin durch ihre Spielsucht in großen finanziellen Schwierigkeiten befindet. Spät realisiert sie, dass sie ihre Krankheit bekämpfen muss und reist für einige Tage in eine ruhige Villa auf dem Land. Ihre Hoffnung auf Besserung wird nicht erfüllt, die Prinzessin kehrt zurück in ihr Eigenheim und verfällt erneut dem Glücksspiel. Psychisches Leiden richtet sie letzten Endes so zu Grunde, dass sie während eines Kartenspiels in ihrem Haus verstirbt.

Die örtlichen Wechsel der Prinzessin spielen bezüglich ihres Befindens und dem weiteren Verlauf der Novelle eine bedeutsame Rolle. Ich möchte mich nun insbesondere der Passage des Ortswechsels zwischen dem Zuhause der Prinzessin und der ländlichen Villa Oriente widmen und dessen Bedeutung in der Novelle darstellen.

Zum einen vermitteln beide Topoi dem Leser eine besondere Grundstimmung. Die Villa der Prinzessin wirkt negativ und ruhelos, da sie Schauplatz aller zahlreichen Spielpartien ist, die ihre Bewohnerin letztendlich in den Ruin treiben. Durch häufige Besuche bleibt die Eingangstür des Hauses nicht einmal für zehn Minuten geschlossen[3], mittellose Verwandte suchen bei ihr Unterschlupf[4] und das Haus der Prinzessin wird ohne ihr explizites Einverständnis zum Ort öffentlicher Veranstaltungen.[5] Die Villa ist Sinnbild für oberflächliches Vergnügen und den verheerenden Vertreib von Glücksspiel, der letztendlich verantwortlich für den kranken Seelenzustand der Prinzessin ist.[6] Tag und Nacht am Glücksspiel beteiligt ist die Prinzessin kaum dazu in der Lage, die Spielkarten wenigstens gegen einige Stunden Schlaf einzutauschen.

All diese Umstände werfen den Kontrast zwischen dem Bild eines schützenden Eigenheims auf und dem realen Zuhause der Prinzessin, das einen Ort des Unglücks und schlechter Gewohnheiten darstellt. Überzeugt von dem schlechten Einfluss ihrer Mitspieler und sich ihres Suchtproblems bewusst zieht sich die Prinzessin in der Hoffnung, vom Glücksspiel geheilt zu werden, in die ländliche Villa Oriente zurück. Das Bild, das der Autor von der Villa zeichnet wirkt ruhevoll, rettend und hat einen erlösenden Charakter. Der Name des Landsitzes mag außerdem von De Roberto bewusst gewählt sein. Er könnte das Eintreten in eine andere Welt verdeutlichen, die der Prinzessin mit ihrer bisherigen Lebensweise genauso fern und fremd war, wie Italien der orientalischen Welt. Der Topos Landsitz bildet das positive Gegenteil zu dem Zuhause der Prinzessin. Mit seiner Einführung bekommt der Leser den Eindruck, dass eine Wendung zum Guten für die Prinzessin bevorsteht.

Dieser Eindruck wird jedoch schnell revidiert, da die Villa Oriente Schauplatz unerwarteter Ereignisse wird, die die Erzählung ins Negative lenken. Um sie zum Glücksspiel zu überreden erscheinen nach nur einem Tag Absenz der Prinzessin ihre Mitspieler in der abgelegenen Villa. Innerhalb kürzester Zeit treten die alten Lebensumstände und Gewohnheiten wieder ein und machen den Landsitz zu einer Kopie des städtischen Zuhauses. Der ursprüngliche Zufluchtsort der Prinzessin verfehlt nicht nur seine Funktion als Hoffnungsträger, sondern verschlimmert letztendlich sogar ihre Lebensumstände. Nach dem Abbruch ihres Aufenthalts auf dem Land kehrt diese in ihr Zuhause zurück und stellt fest, wie sehr ihr die kostspielige Kurzreise finanziell geschadet hat. In ihrem alten Umfeld ergibt sie sich dem Laster des Glückspiels und verstrickt sich weiter in Schulden.

Der folgende psychische Verfall der Prinzessin wird dem Leser nicht nur durch die Figureninszenierung vermittelt, sondern auch durch das Haus, das wie seine Bewohnerin langsam verkommt. Auf Grund vernachlässigter häuslicher Pflichten ist die Villa in einem schlechten Zustand. Dringend sind Reinigungsarbeiten nötig, für deren Erledigung sich die Prinzessin endlich einen Tag vom Glücksspiel befreit. Ironischerweise verwendet De Roberto in dieser Passage das Wort deliberarsi. Vom Glücksspiel wie von einer harten Arbeit beurlaubt widmet sich die Prinzessin endlich den alltäglichen Pflichten – dass sie dies allein tut, könnte ein Hinweis auf ein aus finanziellen Gründen entlassenes Dienstpersonal sein. Der letztendliche Zwangsverkauf der Villa kurz vor dem Tod der Prinzessin wirkt wie eine Einleitung ihres Ablebens. Bereits umgehend nach dem Verkauf verliert die Prinzessin die Funktion der Hausherrin und muss ihren ehemaligen Besitztum Besuchern und Bekannten überlassen, die wie gehabt in ihrem Hause ein und ausgehen [7]. Der Verkauf des Hauses symbolisiert den verlorenen Kampf der Prinzessin, ihr kurz darauf folgender Tod eine Absage an das irdische Leben, in dem sie mittellos ist.

[...]


[1] Vgl. Neuhofer, Monika, Von Häusern und Menschen. Literarische und filmische Diskurse über das Haus im 19. und 20. Jahrhundert, Seite 17 bis 18, 1. Absatz.

[2] Vgl. Neuhofer, Monika, Von Häusern und Menschen. Literarische und filmische Diskurse über das Haus im 19. und 20. Jahrhundert, Seite 23.

[3] Vgl. De Roberto, Federico, La sorte, S.12, Zeile 26.

[4] Vgl. De Roberto, Federico, La sorte, S.12, Zeile neun.

[5] Vgl. De Roberto, Federico, La sorte, S.18, Zeile vier bis sechs.

[6] Vgl. De Roberto, Federico, La sorte, S.12, Zeile neun.

[7] Vgl. De Roberto, Federico, La sorte, Seite 25.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Haustopos in Federico De Robertos Novellensammlung "La sorte" und Giovanni Vergas Roman "I Malavoglia"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Italienische Philologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V294070
ISBN (eBook)
9783656917939
ISBN (Buch)
9783656917946
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tops, italienische Literatur, veristi minori, giovanni verga, literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Verena Lenz (Autor), 2013, Der Haustopos in Federico De Robertos Novellensammlung "La sorte" und Giovanni Vergas Roman "I Malavoglia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/294070

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